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Die Matrix der Freiheit
erschienen in Ausgabe 153  PDF-Version (232.38 KB)
Gandalf Lipinski reflektiert Freiheit und Gemeinschaft vor dem Hintergrund von 6000 Jahren Patriarchat.Teil 1: Die verdrängte Ur-Katastrophe.

Unsere Gesellschaft ist etwas „Gewordenes“ und daher der menschlichen Gestaltungsmacht zugänglich. Gandalf Lipinski sieht auch in Szenen von eher spirituellem bzw. integ-ralem Selbstverständnis eine wachsende Bereitschaft, dies anzuerkennen und sich aktiv in den Gestaltungsprozess einzubringen. Die Artikelreihe „Matrix der Freiheit“ wird aus sechs Teilen bestehen und soll zur Vorbereitung des Kongresses für integrale Politik im Oktober 2008 beitragen. Der einleitende erste Teil befasst sich mit der Vorstellung von Bernd Hercksens Buchmanuskript „Vom Matriarchat zur Moderne“. Gandalf Lipinski sieht in Hercksens Arbeit die Chance für ein neues und tieferes Verständnis der grundlegenden Fundamente unserer Gesellschaft.


Was ist Verdrängung? Wie und warum funktioniert sie? Ist sie gut oder schlecht? Bezogen auf das Individuum können wir vereinfacht ungefähr Folgendes antworten: Wenn uns etwas gar zu Schreckliches widerfährt, wenn Schmerz, Schrecken oder Angst zu groß werden und uns am Weiterleben hindern würden, dann wendet unser Bewusstsein einen Trick zum Überleben an: Es „vergisst“ das traumatisierende Ereignis komplett. Das ist zunächst eine positive Fähigkeit, mit der uns die Natur ausgestattet hat, um auch existenziell bedrohliche Situationen überleben zu können. Allerdings wird unserem Bewusstsein damit auch eine Erinnerung entzogen, die essenziell zu unserer Wirklichkeit gehört. Und wenn dieses „Vergessen“ zentraler Ereignisse unseres Lebens zum Dauerzustand wird, wenn es sozusagen wie ein blinder Fleck auch unser Verhalten in anderen, dem ursprünglich traumatisierenden Erlebnis irgendwie ähnlichen Situationen dauerhaft beeinflusst, dann haben wir eine Störung, vielleicht sogar den Verlust von Lebensqualität als Preis für die Verdrängung zu zahlen. Wenn die Verdrängung schließlich zentrale Bereiche unserer Vitalität dauerhaft tangiert, kann es zu ernsthaften Erkrankungen, zu psychosomatischen Reaktionen, Psychosen, körperlichem Verfall oder zum Tod führen.

Kollektiv Verdrängtes reintegrieren
Soweit zum individuellen Bewusstsein. Doch wie steht es um unser kollektives Bewusstsein, um unsere soziale, politische und kulturelle Intelligenz? Wenn wir dem Individuum zubilligen, etwa im Rahmen einer Psychotherapie durch den Kontakt zu den abgespaltenen Teilen der eigenen Lebensgeschichte wieder ein Mehr an Freiheit, an Lebensqualität, ja an Heilung zu erlangen, dann sollte dies doch auch auf uns als Gesellschaft bezogen werden dürfen. Unser Gesundheitssystem investiert volkswirtschaftlich gesehen sogar beträchtliche Summen, um individuelle Heilungsarbeit zu fördern. (Dass es hier natürlich auch noch um ganz andere Interessen geht und vieles auch hier zu verbessern wäre, kann in diesem Zusammenhang nicht weiter vertieft werden.)
Wenn wir für einen Augenblick nicht ein Individuum, also kein Ich, sondern ein Wir als Patienten betrachten – was würde dem folgen? Die Vorstellung, das therapeutische Wissen, das uns im individuellen Bereich mittlerweile zur Verfügung steht, auch auf unsere Gesellschaft als Ganze anzuwenden, mag einigen heute noch an den Haaren herbeigezogen erscheinen, könnte aber morgen schon eine Frage des Überlebens sein.
Unsere vitalen, aber fast völlig ins Unterbewusste abgedrängten Bedürfnisse nach Gemeinschaft scheinen kaum noch mit unseren mittlerweile recht bizarr manipulierten individuellen „Freiheitsbedürfnissen“ in Einklang zu bringen sein. Unsere Gesellschaft, das Bewusstsein unseres kollektiven „Wir“, hat „vergessen“, dass es überhaupt ein vitales Bedürfnis nach ganzheitlichen und nachhaltig funktionierenden Gemeinschaftsstrukturen hat. Sogenannte „gemeinwohlorientierte“ Aspekte in der Politik sind global auf dem Rückzug begriffen. Sie scheinen irgendwie altmodisch und weltfremd geworden zu sein. Vermeintlich realistisch und kraftvoll ist hingegen zur Zeit nur der Wachstumszwang eines zwar winzig kleinen, aber immer mehr bestimmenden Segments. Würden wir allerdings den Renditezwang unseres gegenwärtigen Finanzsystems mit einem körperlichen Bild und unsere gesamte Gesellschaft mit unserem Organismus vergleichen, dann müssten wir vom Krebs sprechen.
Würden wir unserem „Wir“ die gleiche Aufmerksamkeit zuwenden, die wir zumeist unserem „Ich“ schenken, dann könnten wir es ebenso wie jenes als ein „Gewordenes“ erkennen. Wenn wir tief genug in das Gewordensein unseres kollektiven Wir hinabsteigen, dann bestünde die Chance, jenen Schlüsselerlebnissen zu begegnen, die uns heute oft so fantasielos und inkompetent in den Fragen des Wir machen. Würden wir tatsächlich unsere Geschichte entschlüsseln, könnte daraus eine ganz andere Kompetenz zur gesellschaftlichen Gestaltung unserer Zukunft erwachsen als die üblichen kurzatmigen „Visionen“, die lediglich den Ist-Zustand fortschreiben.

Geschichte vom Kopf auf die Füße gestellt
In Analogie zum Individuum müssen wir uns die Frage stellen: Wollen wir das überhaupt? Wollen wir wirklich hinabsteigen in den Brunnen der Erinnerung, auch wenn das Schmerz, Scham und Tränen bedeuten würde? Oder wollen wir politisch lieber so weiterwursteln wie bisher, unsere politische Ohnmacht schöngeistig verbrämen und das eigentliche Trauma unseres Wir lieber dauerhaft tabuisieren?
Der Journalist Bernd Hercksen hat sich für die erste Variante entschieden und ein Buch geschrieben, welches das Verhältnis zur Geschichte endlich vom Kopf auf die Füße stellt. Es geht ihm dabei nicht einfach nur um eine neue Beleuchtung der alten, vorpatriarchalen Kulturen, sondern um einen neuen Standpunkt, einen neuen Blickwinkel für die Wahrnehmung und Deutung historischen Geschehens überhaupt.
Natürlich wird Hercksen dafür angegriffen werden. Wenn ein kompetenter Amateur und Generalist Zusammenhänge darstellt, die von Legionen akademischer Spezialisten bis heute fast ausnahmslos übersehen, geleugnet oder eben verdrängt wurden, dann wird man versuchen, ihn in der Luft zu zerreißen – oder ihn ignorieren! Umso wichtiger, dass er von denen wahrgenommen wird, für die das Buch eigentlich geschrieben wurde: von uns! „Vom Matriarchat zur Moderne“ ist kein Buch für historische Spezialisten, die sich in US-amerikanischer Außenpolitik nach 1945 oder in der Kulturgeschichte sumerischer Stadtstaaten auskennen, ohne die verbindenden Zusammenhänge auch nur zu ahnen. Es ist ein Buch für Vollbluthistoriker, die „die roten Fäden und Sinnlinien unter dem Gestrüpp der Tatsachen“ (frei nach Rudolf Steiner) nicht übersehen, und für all diejenigen, die sich selbst in der menschlichen Geschichte erkennen und die „Gewordenheit“ unseres gesellschaftlichen Wir erforschen wollen, um gemeinsam eine tragfähige Zukunft zu gestalten.
Bei der Darstellung der vorpatriarchalen Menschheitsphasen baut Bernd Hercksen auf den umfangreichen Arbeiten der Matriarchatsforschung und insbesondere auf den Erkenntnissen von Heide Göttner-Abendroth auf. Von dort aus wagt er dann aber einen großen und neuen Wurf, indem er die ganze Geschichte des Patriarchats noch einmal neu erzählt. Und die liest sich nun mal anders, als wenn man sich – wie bis heute üblich – am Mythos eines linearen Zivilisationsaufstiegs festhält. Der Blick auf die ganze Geschichte verändert sich, wenn wir die verschiedenen Freiheitsbewegungen im Kontext des bisher größten Paradigmenwechsels der Menschheit betrachten.
Anders als die landläufigen Vorurteile glauben machen wollen, war das Matriarchat eben nicht die einfache Umkehrung des Patriarchats unter der Herrschaft der Frau. Es handelte sich dabei vielmehr um eine weitgehend egalitäre, also herrschaftsfreie Menschheitsepoche. Dies zu denken fällt uns nach über sechstausendjähriger patriarchaler Sozialisation nicht besonders leicht. Doch warum ist das gerade für uns Heutige von so großer Bedeutung?
Es kann nicht darum gehen, mutterrechtliche Verhältnisse eins zu eins und quasi museal zu rekonstruieren. Ebensowenig kann es unser Ziel sein, die Analyse des patriarchalen Herrschaftssystems in einem Ein-Punkt-Programm zur Zauberwaffe gegen die globale plutokratische Herrschaft zu schmieden. Wohl aber könnte uns die vertiefte Kenntnis vom bisher größten Kulturschock – dem Sieg des Patriarchats über eine bis dahin nahezu herrschaftsfreie und -sozial nachhaltig funktionierende Gemeinschaftskultur – eine Art orientierenden Rahmen geben, in dem die verschiedenen Elemente aktueller politischer Bestrebungen zu einem konstruktiven Miteinander fänden.
Die Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, die Diskussionen um die gemeinwohlzersetzenden Auswirkungen des Zinssystems und die Bemühungen im Bereich der Komplementär- und Regionalwährungen, die Diskussionen um eher gegliederte oder eher regional gestärkte Demokratiemodelle, der Pseudowiderspruch zwischen sozialer Gerechtigkeit, verbunden mit Wohlfahrt für alle, und konsequenterer ökologischer Radikalität, ja sogar der scheinbare Widerspruch zwischen materiellen und spirituellen Weltbildern, all das wird heute eher alternativ als in Zusammenschau gesehen. Und schließlich mit „unschlagbaren“ ökonomischen „Sachzwängen“ vom Tisch gewischt.
Die vertiefte Kenntnis einer nicht renditeorientierten Ökonomie, das reale Funktionieren von Ökonomien des Schenkens über Tausende von Jahren und die ihnen zugrundeliegenden Gemeinschaftsstrukturen könnten von unschätzbarem Wert sein für alle, deren Anliegen es ist, nicht lediglich mit ein paar betriebswirtschaftlichen Dogmen herumzuzanken, sondern eine echte „Gesellschaft in Balance“ (Göttner-Abendroth) zu ermöglichen.

Patriarchale Strukturen endlich erkennen
Fast alle bürgerlichen Reformbewegungen waren bisher für die strukturellen Dynamiken des Patriarchats blind, weil sie mit ihm identifiziert wurden. Die marxistische Gesellschaftskritik blieb mit ihrer Strategie der Übernahme des Staats strukturell ebenfalls patriarchatsimmanent. Im Anarchismus finden wir zwar das radikalste Aufbäumen gegen das sechstausendjährige Herrschaftssystem, aber auch er bleibt gegenüber dessen sozialer Grundstruktur weitgehend blind. (Erfreuliche neue Töne vernehmen wir von Horst Stowasser in der von Jochen Schilk losgetretenen „Mama Anarchija“-Debatte). Eigentlich wäre die heutige Gemeinschaftsbewegung als Träger eines vertieften Bewusstseins über die Grundstrukturen von Matriarchat und Patriarchat gefordert. Aber will sie das sein?
Schließlich gibt es diejenigen, die heute angetreten sind, spirituelle Erfahrung und Wissen wieder in die Gestaltung von Gesellschaft zu integrieren. Sie müssten allerdings diese historisch-politische Herausforderung auch bewusst wollen. Von der Gefahr, sogar die Spiritualität als einen allerletzten Vorwand zu missbrauchen, den anstehenden Aufbruch in eine Kultur sich neu begründender Gemeinschaften doch nicht zu wagen, sprach ja schon Rudolf Bahro: „Der eigentliche Gegenstand der neu aufkommenden Spiritualität, an dem sie sich wird bewähren müssen, ist nicht die persönliche Heiligkeit, sondern der persönliche Beitrag zur Herstellung einer guten, einer wieder heiligen Gesellschaftsordnung, einer Neuinstitutionalisierung, wie sie heute nötig ist, wenn das Leben der menschlichen Gattung auf der Erde weitergehen soll.“ ´

Bernd Hercksens neues Buch ist noch nicht erschienen, die Inhalte sind aber bereits auf seiner Internetseite aufbereitet:www.matriarchat-patriarchat.de.


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Lipinski, Gandalf

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