Gandalf Lipinski über die Holon-Sommertagung in der Proitzer Mühle.
Der Seminarhof „Proitzer Mühle“ am Rand des Wendlands war Schauplatz der bisher nördlichsten Holon-Sommertagung. Gandalf Lipinski berichtet über ein denkwürdiges Treffen vor allem Schweizer Mitglieder im „hohen Norden“, bei dem eher dunkle Vorzeichen sich in konstruktive Richtung wandelten.
Wo immer auch nur kleinste Hügel und Wasserflächen zusammenfinden, ist man in Deutschland schnell mit der Bezeichnung „Schweiz“ zur Hand. Zu den weniger bekannten Trägern dieses Landschaftstitels zählt die „Clenzer Schweiz“ am südlichen Rand des Wendlands. Und genau dort trafen sich Anfang August die aktiven Mitglieder des Netzwerks Holon.
Mehr als zwei Drittel der Anwesenden waren Holon-Mitglieder aus der Schweiz, und das, obwohl die Anreise so weit war wie bisher noch nie! Ein klares Zeichen, das ausdrückt, wo das Herz des Netzwerks Holon schlägt, auch wenn es weit reicht! Als eine Art Krisensitzung war die diesjährige Mitgliederversammlung angekündigt, und das war sie auch.
Die Finanzreserven aufgebraucht, der Vorstand amtsmüde, die Rechtsform als Verein in Frage gestellt – unter diesen Vorzeichen begann das Treffen. Und es wurde zu einer der schönsten und intensivsten Veranstaltungen in der Geschichte der Holon-Tagungen. Aber der Reihe nach:
Im Holon-Gründungstext hieß es vor fast zwölf Jahren noch: „Für die dringend erforderliche Wandlung unseres Bewusstseins, unseres Fühlens und Handelns in uns selber, in der unmittelbaren Umgebung und in der globalisierten Gesellschaft brauchen wir ein Umfeld gegenseitiger Unterstützung und Bestärkung. Die Zukunft lässt sich nur gemeinsam gestalten.“
Im Jahr 2005 formulierten wir Ausgangspunkt, Begegnungsformen und Ziele des Holon-Netzwerks wie folgt: „Holon ist entstanden als Netzwerk von Gruppen und Organisationen, die über Jahre hinweg ökologische, therapeutische, soziale, politische, spirituelle und kulturelle Themen bewegt hatten und in den 90er-Jahren die Zusammenschau der Themen, die Zusammenarbeit der Organisationen und das Zusammenkommen der sie tragenden Menschen auf die Tagesordnung setzten.“
Mittlerweile hat das Interesse, die Teilnahme und das Engagement von einzelnen Menschen gegenüber den ursprünglichen Körperschafts-Mitgliedern erheblich zugenommen.
! Holon versteht sich als Teil des kulturkreativen Aufbruchs und will zum Zusammenkommen und zur Selbstgewahrwerdung dieser Kräfte beitragen.
!Holon fördert den Aufbruch aus den Nischen und den Wiedereinzug unserer Themen in den kulturellen Mainstream der Gesellschaft.
Der Norden ist Holon-Diaspora
Im Jahr 2007 sieht es inzwischen so aus: Holon hat ein paar unentwegte Mitglieder in der Schweiz, befindet sich, je weiter man nach Norden kommt, umso klarer in der Diaspora, und von seinen ursprünglichen Bewegern, den Institutionen oder in Gruppen organisierten Mitgliedern, sind heute ganze drei noch aktiv an den Sommertagungen beteiligt: das Doné im -Tessin, dynamik5 und die Konvergenz-Gesellschaft.
Doch obwohl die finanziellen Reserven des Trägervereins in der Schweiz nun verbraucht sind, zeichnete sich auf der Sommerwoche eine Art Wende ab. Der Vorstand bleibt geschlossen im Amt, wird um einen (ehrenamtlichen!) Geschäftsführer erweitert und hat nun ein Jahr Zeit, die Rahmenbedingungen des Vereins zu konsolidieren.
Durch eine namhafte Bürgschaft wurde Holon sogar in die Lage versetzt, neben dynamik5, der IPS und den Violetten als vierter Träger und einladender Mitveranstalter für den gemeinsamen Kongress im Jahr 2008 zu fungieren. Fast alle Teilnehmenden haben auf dieser Tagung so etwas wie neuen Mut geschöpft. Wie kam es dazu?
Neuer Mut
Die Vorbereitungsgruppe erlebte die Tagung und sich selbst als Team so stressfrei und kooperativ wie nie. Das Haus, der ganze Ort mit seinem zentrierenden „Dorfplatz“ und der Unterstützung durch die Menschen der „Proitzer Mühle“ trugen sicher auch erheblich zum Gelingen unseres Treffens bei. Hinzu kommt, dass das Feuer als Element-Hintergrund eine wichtige Rolle spielte. Am klarsten fand dies wohl Ausdruck im täglichen Forum, das von Elisabeth Möller souverän geleitet wurde. (Mehr zum „Forum“ in der letzten Ausgabe von KursKontakte.) Dadurch und inspiriert durch drei Vorträge wurde das Treffen zu einem gleichermaßen politischen wie auch persönlichen Gruppenprozess. Mit dem Gruppenprozess ist einer der wichtigsten Faktoren angesprochen, der zum Gelingen der Tagung beitrug: der gemeinsame Prozess einer fast kontinuierlich anwesenden Gruppe! Wir waren zwar weniger als sonst, aber dafür gab es auch fast kein Kommen und Gehen zwischendurch. Alle waren zusammen und dabei, als die wichtigsten Themen behandelt wurden.
Natürlich weiteten auch die Vorträge den Blick über den Tellerrand eigener Befindlichkeiten hinaus und hin zu den drängenden Themen unserer Zeit. Holon als eher kulturelles Netzwerk hatte ja ursprünglich politischere Impulse, wie dynamik5 und andere, hervorgebracht. Nun wird es seinerseits genährt von jenen, die den Blick auf das Ganze unserer Gesellschaft richten. Josef Hülkenberg, maßgeblicher Mitini-tiator des „Regionalen Aufbruchs“, nannte in seinem Vortrag nicht nur wichtige globale Zahlen und Fakten, sondern machte vor allem deutlich, dass die Kulturkreativen nicht auf einem eigenen Planeten leben, sondern aufs Engste verwoben sind mit dem sogenannten Mainstream.
Integrales Bewusstsein regte sich schon vor zweihundert Jahren
Johannes Heinrichs vertiefte in seinem Referat „Revolution aus Geist und Liebe“ diesmal eher den geistigen Hintergrund seines Viergliederungsansatzes. Er interpretierte und zitierte dazu Hölderlins „Hyperion“. In nachfolgenden Gesprächen wurde klar, dass zwar einigen die sprachlichen Höhenflüge nicht ganz leicht fielen, der Zusammenhang von Sprache und Denken anderen dadurch aber umso klarer wurde. Wer Ohren hatte zu hören, dem wurde einmal mehr klar, dass ein ganzheitliches oder integrales Bewusstsein keineswegs eine moderne Erfindung, sondern schon vor rund zweihundert Jahren in Deutschland ein Thema war.
In meinem eigenen Vortrag konnte ich den im letzten Jahr schon eingeschlagenen historischen Ansatz vertiefen. (Mehr dazu im ersten Teil der Serie „Die Matrix der Freiheit“ in dieser Ausgabe.) Im abschließenden Podium mit den Referenten und Vertretern von Gemeinschaften und dynamik5 wurde noch einmal der integrale Charakter unseres Netzwerks deutlich auf den Punkt gebracht. Obwohl wir natürlich individuell verschiedene Akzente setzen, benannten wir gemeinsam, was uns unerlässlich scheint, um integ-rale Politik nachhaltig voranzubringen: das gleichwertige Neben- und Miteinander von Bewusstseinsarbeit, Gemeinschaftsbildung (oder zumindest die Entwicklung basisdemokratischer Nachbarschaftsstrukturen), Vernetzung mit ähnlich Denkenden einerseits und gleichzeitiger regionaler Verankerung andererseits. Sollte dieser Konsens tragfähig auch über den Holon-Zusammenhang hinaus werden, wäre das Netzwerk unabhängig von allen internen Strukturdebatten seinem Entstehungsimpuls treu und auf dem Weg des Erfolgs. ´
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