Generationenübergreifendes Wohnen – Ein Aufruf zur Realisierung von Horst Stowasser.
Ende der 80er-Jahre machten sich Anarchisten aus ganz Deutschland an den Versuch, in Neustadt an der Weinstraße „von unten“ eine herrschaftsfreie Gesellschaft aufzubauen. Mit der konkreten Herausforderung, eine libertäre Antwort auf das Problem „Altwerden in Würde“ zu finden, erhält das einstige Groß-Experiment „Projekt A“ heute neuen Schwung.
Früher oder später trifft es jeden von uns”, sagte mir José. „Jeden …!“ Damals war seine Stimme schon so schwach, dass er sich meinem Ohr nähern musste. José war Anfang sechzig, passionierter Kettenraucher, und nun fraß ihn der Kehlkopfkrebs langsam auf. José war unser aller Freund, für manche war er ein Idol, denn „José El Anarquista“ hatte uns viel gegeben. Von seiner Großherzigkeit, seinem Sinn für Gerechtigkeit, seinem Lebensmut und seiner zutiefst humanistischen Weltanschauung, dem Anarchismus, dem er sein Leben lang treu geblieben war. Als Halbwüchsiger im Spanischen Bürgerkrieg, als Widerstandskämpfer in Frankreich, als Insasse im Konzentrationslager Mauthausen und schließlich als sogenannter „Gastarbeiter“ in einem deutschen Stahlwerk.
Ein Traum gegen „La Soledad“
Wir waren blutjunge „Anarchos“, zehrten von Josés Lebenserfahrung und dachten an alles andere als an das Alter. „Früher oder später trifft es jeden von uns”, wiederholte José. Und ich begriff wieder nicht, was er eigentlich meinte. Den Krebs? Die Schmerzen? Den Tod an sich? José schüttelte den Kopf. „No, hombre! – die Schmerzen kannst du betäuben, und der Tod ist unabwendbar. Ich bin ihm schon oft begegnet und habe keine Angst vor ihm. Nein – das Schrecklichste ist la soledad, die Einsamkeit. Und die trifft früher oder später wohl jeden von uns. Und das Verrückte daran ist, dass das überhaupt nicht unabwendbar sein müsste, wenn …“ – Ja, wenn die Gesellschaft so wäre, wie José sie sich ein Leben lang erträumt hatte: frei, solidarisch, und nicht an die Interessen des Geldes gekettet.
José ist seit über dreißig Jahren tot. Er starb in einem fremden Land, und er starb einsam. Ich habe viele Jahre nicht mehr an ihn gedacht. Aber dennoch ist sein Traum in mir lebendig geblieben. Der Traum vom Leben in einer Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig hilft, in der sich niemand zum Chef aufspielt und in der Junge und Alte miteinander leben wie in einer Großfamilie – nur eben in freier Wahlverwandtschaft.
Vom Leben lernen
Und was ist in diesen dreißig Jahren nicht alles geschehen! Wir haben mit viel Ideologie und halbausgegore-nen Konzepten „Kommunen“ gegründet, durchlebt und durchlitten. Wir haben Kinder bekommen. Manche haben Projekte aufgebaut, andere Karriere gemacht.
Und wir alle haben dazugelernt: zum Beispiel, dass Gemeinschaftlichkeit nicht kollektive Zwangsbeglückung bedeuten darf und jeder Mensch seinen ganz privaten Freiraum braucht. Oder dass es ziemlich belanglos ist, wie sich jemand ideologisch definiert und stattdessen viel bedeutsamer, wie jemand lebt. Viele von uns haben schmerzhaft lernen müssen, dass längst nicht alle, die sich „Anarchisten“ nennen, wirklich freiheitliche Menschen sind und umgekehrt manche, die sich nie so etikettieren würden, hundertprozentige Anarchisten sind. Wir haben auch gelernt, dass unsere Kinder nicht unbedingt so werden müssen, wie wir es uns wünschen. Und vor allem haben wir gelernt, dass auch wir nicht ewig jung bleiben. Heute bin ich etwa so alt, wie José war, als ich ihn kennenlernte. Ist es ein Zufall, dass ich nun wieder öfter an ihn denken muss – und an seinen Traum gegen La Soledad? Und dass inzwischen aus diesem Traum ein handfestes generationenübergreifendes Wohnprojekt entstanden ist?
Projekte zwischen Freiheit und Business
Nun ist der Wunsch nach freiheitlicheren Wohnformen und einem menschenwürdigen Leben im Alter ja keineswegs eine Domäne ergrauender Anarchos, wie ich einer bin. Einer Studie des renommierten BAT-Freizeitforschungsinstituts zufolge bezeichnen zwölf Prozent aller Bundesbürger als ihren „Zukunftstraum“ eine Wohngemeinschaft in einem Haus, „in dem mehrere Generationen eine eigene Wohnung haben und jederzeit in Gemeinschaftsräumen zusammenkommen können, aber nicht müssen“. Diesem Traum steht eine eher triste Realität gegenüber: unbezahlbare Mieten, soziale Vereinsamung, Abstieg in die Armut.
Wo aber ein großer Bedarf nach Lösungen für das Problem „Altern in Würde“ ist, ist auch das große Business nicht weit. Und so „regelt“ sich in unserer Gesellschaft auch dieses „Problem“ folgerichtig: über den Markt. Investmentgesellschaften springen auf diesen Zug ebenso auf wie clevere Baukonzerne, wohlmeinende Architektenpools oder die großen Sozialkonzerne. Womit nicht gesagt sein soll, dass alle kommerziell aufgezogenen Generationenprojekte für die Betroffenen schlecht sein müssen. Sie können sogar sehr gut sein – nur: Sie sind eben in erster Linie kommerziell. Und damit kommen sie oft nur für Menschen in Frage, die entsprechend begütert sind, und lassen erhebliche Zweifel daran, ob man sich wirkliche Gemeinschaftlichkeit irgendwo als Dienstleistung „einkaufen“ kann.
Nach Josés Traum sieht all das jedenfalls nicht aus. Und so scheint es, dass eine libertäre Vision von generationsübergreifendem Wohnen anders gestrickt sein muss als die Konfektionsware der Marktstrategen.
Neuland: be(i)treten erlaubt!
In Neustadt an der Weinstraße hat der Verein „Neuland“ inzwischen aus der Not eine Tugend gemacht und will solidarisches und selbstbestimmtes Leben für Menschen aller Generationen und Einkommensschichten modellhaft verwirklichen. Weit davon entfernt, ein „Seniorenprojekt“ anzustreben, packen die mehr als 30 -Pioniere im Alter zwischen einem Monat und fast 80 Jahren ihre Lebensprojekte mit viel Elan und frischen Ideen an.
Vor zweieinhalb Jahren wurde die Idee geboren, inzwischen bestehen zwei Projekte, von denen eines bereits die passende Immobilie gefunden hat. Nach langer Suche wurde ein am Stadtrand gelegenes Ensemble aus fünf Gebäuden gefunden: Der „Eilhardshof“. Mit einem großen Park, Wirtschaftsgebäuden, einer Mühle, Stallungen und dem Herrenhaus ist er über drei Jahrhunderte gewachsen und lag während der letzten Jahrzehnte im Dornröschenschlaf. In einer stufenweisen Sanierung sollen alle Flügel umgebaut und nach den Wünschen der Bewohner in Wohnungen, Appartements, Klein-WGs und Gemeinschaftsräume aufgegliedert werden. Hierbei spielen ökologische Aspekte ebenso eine Rolle wie behindertengerechter Ausbau und Denkmalschutz. Ein entsprechendes Raumkonzept soll den Umzug innerhalb des annähernd 1800 m2 großen Wohnbereichs erleichtern, falls sich der Platzbedarf alters- oder generationsbedingt verändert.
Zusätzlich sollen geeignete Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen, soziale Begegnungen, politische Initiativen sowie Bibliothek, Tagungsräume, Werkstätten und Hobbybereiche entstehen. Der Eilhardshof ist eben nicht als abgeschottetes Seniorenheim konzipiert, sondern als ein lebendiger Ort, an dem sich Menschen jeden Alters begegnen. Zur sozialen Attraktivität des Projekts dürfte auch das libertäre Dokumentationszentrum „Das AnArchiv“ beitragen.
Projektenetzwerk „Mietshäusersyndikat“
Das Projekt Eilhardshof ist, ebenso wie der Verein Neuland, Mitglied im Freiburger „Mietshäusersyndikat“, in dem sich mittlerweile an die 30 existierende Wohnprojekte in ganz Deutschland organisiert haben. Das Credo des „Syndikats“ besteht in der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum in Selbstorganisation für Menschen mit wenig Geld. Die betreffende Immobilie wird dabei Gemeinschaftseigentum einer GmbH, an der das Syndikat 49 und die in einem Verein organisierte Mieterschaft 51 Prozent der Anteile halten. So bleibt garantiert, dass die BewohnerInnen ihre Belange autonom regeln können und gleichzeitig die Immobilie immer in Gemeinbesitz bleibt. Nach der Refinanzierung des Objekts fließen die Mieteinnahmen in eine Solidarkasse, aus der u.a. neue Projekte gefördert werden. Die Kombination von GmbH und Verein sowie der Grundsatz, alle Projekte ausschließlich auf Mietverhältnissen aufzubauen, macht den persönlichen Ein- und Ausstieg relativ unproblematisch und trägt zu der erstaunlichen Stabilität bei, die solche Projekte seit 15 Jahren beweisen.
Lieber tausend Freunde im Rücken als eine Bank im Nacken!
Auch das Finanzierungskonzept des Freiburger Modells ist auf dem Solidargedanken aufgebaut – denn Menschen, die solche Ideen vorantreiben, gehören naturgemäß eher nicht zu den Reichen der Gesellschaft. Die Differenz zwischen Eigenkapital und der Investitionshöhe muss deshalb auch hier durch Kredite finanziert werden – allerdings mit einem bedeutenden Unterschied: „Solidarprojekte“ finanzieren sich durch hunderte von kleinen „Direktkrediten“, die von Menschen gewährt werden, die diese Idee gut und unterstützenswert finden. Das Motto lautet: „Lieber tausend Freunde im Rücken als eine Bank im Nacken.“ Je mehr solidarische Kleinkredite, desto mehr Stabilität und Unabhängigkeit von Banken. Das „Direktkredit“-System bewies sich in fast 20 Jahren bei unzähligen Projekten als derart solide, dass inzwischen auch „ganz normale“ Banken oder Sparkassen als Finanzierungspartner auftreten. Jedes Projekt wird von seiner Hausbank und den mittlerweile zu routinierten Fachleuten avancierten BeraterInnen des Mietshäusersyndikats professionell begleitet. Tatsächlich ist noch kein einziges Syndikats-Projekt jemals an finanziellen Problemen gescheitert.
In den 30 inzwischen existierenden Projekten, die mit einer Investitionssumme von 28 Millionen Euro aufgebaut wurden, leben heute mehr als 850 Menschen. Wenn das kein Beispiel dafür ist, wieviel Großes bewegt werden kann, wenn sich viele kleine solidarische Schritte zu einer starken Vision zusammenfügen!
Josés Traum verwirklichen helfen?
Auch die zwischenzeitlich gegründete Eilhardshof GmbH hat seit September 2007 ihr Finanzierungskonzept bei den Banken eingereicht. Die erste hat bereits positives Interesse signalisiert. Mit dem Besitzer-ehe-paar war das Projekt im Prinzip seit langem handels-einig. So steht es kurz vor der Realisierung: Als konkretes Haus in Neustadt, aber auch als Pionierprojekt und Ermutigung für andere. Es braucht viele Menschen, um aus dem Eilhardshof das zu machen, was er werden soll. Wer also Lust, Zeit und entsprechende Kenntnisse hat, ist eingeladen, uns mit Herz und Hand zu helfen. HandwerkerInnen sind dabei ebenso gefragt wie BeraterInnen, HelferInnen und – natürlich insbesondere – KreditgeberInnen. Jeder, der sich in Josés Traum wiederfindet, kann auch etwas tun, ihn zu verwirklichen.
Als realistische Optimisten hoffen wir, nächstes Jahr um diese Zeit unsere ersten Gäste im Eilhardshof begrüßen zu dürfen und mit all jenen, die uns geholfen haben, auf Josés Vermächtnis anzustoßen. Mit einem guten Schoppen Pfälzer Wein – oder auch mit Kräutertee. Ganz nach Geschmack … ´
Horst Stowasser ist Archivar der globalen anarchistischen Bewegung. Sein Standardwerk „Anarchie! Idee, Geschichte, Perspektiven“ ist in diesem Jahr in der Edition Nautilus neu aufgelegt worden.
Weitere Informationen
Eilhardshof GmbH, Wolfsburgstraße 25–29 67434 Neustadt an der Weinstraßeeilhardshof@web.de, www.eilhardshof.dewww.neuland-wohnprojekte.de, www.syndikat.org
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