Mit der Ältesten aus dem Ökodorf Sieben Linden sprach Philipp Jusim.
Dass Anna „gar nicht alt“ sei, behaupten einige Kinder der Gemeinschaft. In Zahlen ausgedrückt, ist Anna Schicht jedoch schon 86 Jahre alt. Dass sie mit über 80 in ein Ökodorf ziehen würde, hätte sie sich vorher auch nicht gedacht. Ausgelöst wurde ihre Wandlung zur „neuen Anna“ durch die Trennung von ihrem Mann. In diesem Frühjahr hatte Anna einen schweren Unfall und lag im Krankenhaus im Sterben. Auf eigenen Wunsch kam sie nach Hause und wurde von der Gemeinschaft rund um die Uhr gepflegt. Jetzt ist sie wieder wohlauf und gab dem Rundfunk-redakteur Philipp Jusim gerne ein Interview.
Philipp Jusim: Was ist in deinem Leben passiert, seit du ins Ökodorf kamst?
Anna Schicht: Ich hab mich den Menschen geöffnet. Hier hab ich wirklich das gefunden, was für mich das Wichtigste ist: ein anderes Leben zu führen als das, was ich vorher kannte.
lWie bist du aufgewachsen?
Ich bin in München geboren. Das war die Zeit, bevor Hitler an die Macht kam. Meine Eltern sind damals geflüchtet und haben mich als elfjähriges Mädchen mit meinen Brüdern alleingelassen. Und dann hab ich sehr früh angefangen zu arbeiten. Später war ich Lehrlingsheimleiterin, und dann war ich bis 60 als Erziehungshelferin für schwierige Kinder an der Volksschule.
lWas ist dir besonders wichtig am Gemeinschaftsleben?
Dass man gemeinschaftlich arbeitet. Dass bewusst gekocht und gegessen wird. Dass man sich doch mit all den Dingen befasst, die schließlich und endlich ja die Umwelt zerstören. Hier lernt man eben, bewusster damit umzugehen.
lWie kam es, dass du ausgerechnet hierher kamst?
Einmal hab ich meine Tochter gefragt: „Weißt du, wo es eine Gemeinschaft gibt?“ Ich suchte Menschen, die eben anders leben, und sie sagte, ja, warte, am Wochenende war in der „taz“ eine Anzeige vom Ökodorf. Ich bin dann hierher mit einem Enkel von mir, um erst mal zu schauen. Aber ich bin hier gleich so hereingefallen, ich gehörte richtig dazu irgendwie – es war einfach so und noch heute ist es so. Ich hab mir das Ökodorf dann noch öfter angesehen, aber ich wusste beim ersten Mal schon, dass ich hierher geh‘.
lWo hast du dann am Anfang gewohnt?
Ich habe mich sofort für einen Bauwagen entschieden – mit meinen 81 Jahren (lacht), obwohl ich von Bauwägen eigentlich nicht viel wusste. Das habe ich einfach spontan entschieden. Da hab ich fünf Jahre gelebt, und das war einfach ein Geschenk für mich. Ich machte mein Holz selber, ich sägte, ich hackte, und das passte so richtig zu mir.
lWie siehst du die Trennung von deinem Mann im Nachhinein? Bist du verbittert?
Ich sehe natürlich auch meine Schuld. Und zwar insofern, dass ich das so mit mir machen ließ. Wenn ich von der Schule von Hamburg kam, da hat er mich abgeholt, ich saß in der Bahn und dachte, das muss ja nicht jedes Mal so sein, dass er so aggressiv zu mir ist, und er kam und sah mich – und Wumm! – da explodierte er schon. Dann hat er sich nach 40 Jahren dieses Ehelebens in eine junge Frau verliebt: Die hieß auch Anna, und er war ihr verfallen. Ich hab immer wieder zu ihm gemeint, mach ein Ende – aber er konnte mit dieser 18-Jährigen nicht Schluss machen. Und es war ein Geschenk für mich. Seh’ ich heute so. Ja, ist doch klar: Ich hätte nie Sieben Linden kennengelernt! Ich hätte mich auch selber nicht so kennengelernt, denn bei ihm war ich ja doch unter Druck.
Ja, als alle meinten, ich würde sterben, da ist er auch gekommen. Und hat erzählt, wie schön es mit mir gewesen ist. Naja, das hab ich so mit angehört (lacht).
lHast du Angebote der Gemeinschaft genutzt?
Seminare hab ich kaum mitgemacht. Ich bin nur zur Arbeit gegangen. Eh’ die ihren Kreis zur Einstimmung gemacht haben, war ich schon in der Arbeit. Ich bin im Grunde kein Gemeinschaftsmensch, gar nicht. Aber trotzdem fühle ich mich hier einfach zu Hause. Ja, vor allen Dingen, wenn man sieht, was es heißt: Die Gemeinschaft ist für mich da.
Ich bin bei vielem sehr berührt. Bei uns gibt es ja, wenn wir so beisammen sitzen, viele dieser Gespräche. Ich kann die Not der Menschen eigentlich nicht ertragen. Es war mal so, dass ich mir dachte, jetzt geh ich hin und sag, ich kann das nicht ertragen. Und da habe ich es rausgeschrien und geweint. Es war so eine Art, dass man mal zeigt, wie’s in einem ist. Wir haben ja auch unsere Probleme – auch miteinander.
lDann hast du dich hier auch neu verliebt …
Hooo! Das war etwas ganz Verrücktes. Das war gleich ziemlich am Anfang. Da kam ein junger Mann – wau, wenn ich da dran denke – und der sagte einfach: „Ich möchte mit dir Sex machen.“ Da hab ich gesagt, ich bin 81 Jahre, und hab ihn stehen gelassen. Aber der hat nicht nachgelassen. Naja, wir haben es dann so gemacht, dass wir händchenhaltend spazierengegangen sind oder uns im Wald hingesetzt haben oder in meinem Bauwagen saßen, aber – das war eben liebevoll – wie eine Mutter zu ihrem Sohn. Ja, und in der Zeit, als das mit dem jungen Mann ablief, waren noch zwei Männer da, die ein Auge auf mich geworfen hatten. Das waren beides Gäste, und da hab ich halt das erlebt, was man gar nicht begreifen kann. Die beiden Männer haben heute noch Beziehung zu mir – einer ist dann aber weggegangen. Und der andere hat sich hier in der Nähe ein Grundstück mit Haus gekauft und hat es renoviert, da hab ich noch mitgeholfen. Es war halt … ein unfassbares Erlebnis. Unfassbar. Es war so, dass es meine Augen waren, die die Männer verführten. Wenn Männer da waren, hab ich dann nur noch auf den Boden geguckt.
lIst Sexualität im Alter wichtig?
Also, ich war selbst fast erschrocken. Aber ich musste das kapieren, was da mit mir geschah. Ich hatte hier vielleicht ein ganz befreiendes Gefühl, und das gab es ja vorher in meinem Leben als junge Frau nicht. Also konnte ich damals auch nichts ausstrahlen.
lWie ist hier das Verhältnis zwischen den Generationen?
Hier gibt es eben Menschen verschiedenen Alters. Das ist das Schöne. Mein persönliches Verhältnis ist nach wie vor gut zu jungen Menschen.
Ich war einmal im Bauwagen, und die Kinder kamen und eines sagte: „Hier wohnt die alte Anna.“ Und da war so’n kleiner Junge, der sagte: „Die Anna ist nicht alt!“ (lacht)
lWie ist das für dich, dass da auch kleinere Kinder sind?
Für mich ist das schön. Absolut! Wobei, wenn sie zu doll toben, dann hätte ich schon Schwierigkeiten. Ich hab ein einziges Mal so ein Stopp gemacht. Wenn sie hier zu doll hin- und herlaufen und (lacht) ihre Freude rausschreien.
Ja, und ich hab natürlich viel mit jungen Menschen gearbeitet; ich war Herbergsmutter und Lehrlingsheimleiterin, und später hab ich in der Schule gearbeitet. Ich hatte eben mit jungen Menschen und Kindern einen ganz guten Draht. Deshalb ist es mir wichtig, nicht nur Alte um mich herum zu haben. Und dass man mich nicht zur Seite schiebt.
lWie ist es für die, die sich um dich kümmern, sie kriegen kein Geld dafür, dass sie dir helfen. Wie gehen sie damit um?
Ja, ich kann nur sagen, liebevoll. Einfach liebevoll. Dass ich manchmal Tränen in den Augen hab. So ist es.
Zum Beispiel waren neulich alle anderen aus unserer Frauen-WG hier weg, und da kümmerte sich ein Mädchen von oben aus dem Haus um mich. Die hat mir gesagt, dass sie mich ganz gern baden würde oder so, eben für mich da sein. Baden ist das Einzige, was ich alleine wirklich nicht mehr kann (lacht). Ja, ansonsten pflegen mich die BewohnerInnen. Ein junger Mann ist auch hier, der geht mit mir jeden Tag nachmittags spazieren.
lManche Alte werden regelrecht in Heime weggesperrt …
Also, wenn ich da an einen Besuch zurückdenke: Ich gehe in ein Zimmer, wo sechs alte Leute drin sind und nehme meine Kinder mit. Und die sehen die Kinder und schreien „Aahh!“ – alle sechs, die da drin waren. So ein Geschenk war das für die, dass sie Kinder sahen. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Wie arm müssen die sein!
lFindest du das wichtig, dass die Älteren mit den Jüngeren zusammen sein dürfen?
Das ist doch das Leben! Das Alter wird so viel einfach verdrängt – man will das gar nicht mehr haben, doch das kann nicht gut sein. Deshalb ist eine Ökogemeinschaft ein positives Gegenbeispiel. Weil hier weniger verdrängt wird. Wer hierher kommt, muss früher oder später in sich aufräumen. Und das ist das, was an dem Leben hier so wesentlich ist, meines Erachtens. Man kann nicht im Leben stehen und alles, was war, verdrängen und immer nur zur Seite schieben, die Alten die Jungen und umgekehrt. Man muss das durcharbeiten.
lDu hast viel körperlich gearbeitet und auch Yoga gemacht.
Ja, das hab ich einige Jahre gemacht. Morgens um sieben Uhr bin ich aufgestanden. Und der Yoga-Mensch, der hat gesagt: „Als du kamst, da war dann ordentlich Bewegung. Vorher lief gar nicht viel.“ Denn wie die hörten, die Alte, die macht das, da kamen einige Jüngere auch. (lacht) Um sieben Uhr morgens. ´
Weiterführende Informationen
Anna Schicht hat ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben: „Die alte und die neue Anna – Mein Weg ins Leben und in die Gemeinschaft“. Bestellung direkt bei:Dieter Halbach, Ökodorf Sieben Linden, 38486 Poppau,E-Mail: d.halbach@siebenlinden.de.15,– Euro inkl. Versand
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