Bei seinen Mama-Anarchija-Forschungen stieß Jochen Schilk auf ein aufregendes altes Buch von Ursula K. Le Guin.
Der Entdecker des Phänomens der Kulturkreativen, der US-Soziologe Paul Ray, zitiert in seinen Veröffentlichungen gerne den Theologen und Tiefenökologen Thomas Berry, wenn er die derzeitige Situation der Menschheit verdeutlichen will: „Es ist alles eine Frage des Drehbuchs. Wir stecken gerade in Schwierigkeiten, weil wir kein gutes Drehbuch haben. Wir stecken zwischen zwei Geschichten. Die alte Story […] funktioniert nicht mehr. Und die neue Geschichte kennen wir noch nicht.“
Vielleicht ist es bei der Er-Findung des neuen Drehbuchs für die Menschheit angebracht, auch auf das künstlerische Mittel der utopischen Literatur zurückzugreifen. Schließlich sind hier – wie bei jedem guten Brainstorming zur Findung einer Lösung – zunächst einmal die Gedanken frei von realen Sachzwängen. Im besten Fall ist das Genre dann geeignet, einem sehr breiten Publikum komplex-differenzierte Bilder von anderen Welten nahezubringen und es so dazu einzuladen, sich Träume von anderen sozialen Wirklichkeiten überhaupt erst wieder zu erlauben – denn schließlich ist seit dem Niedergang des Staatssozialismus und dem vermeintlichen Sieg des Kapitalismus von vielen Seiten „das Ende jeglicher Utopien“ bzw. gar „das Ende der Geschichte“ postuliert worden.
Ich greife an dieser Stelle auf ein Buch zurück, das zwar einige Zeit vor diesem Denkverbot erschienen ist, aber zu der in KursKontakte begonnenen Diskussion um zeitgemäße herrschaftsfreie Gesellschaftsformen eine ganze Menge – nämlich ein recht detailliertes fiktives Bild – beizutragen hat.
Social Fiction
1974 erschien Ursula K. Le Guins „Planet der Habenichtse“, eine der wenigen positiven Utopien, die im 20. Jahrhundert geschrieben wurden. Dem Klappentext einer deutschen Ausgabe als Heyne-Taschenbuch ist zu entnehmen, dass das Werk „nicht nur den Höhepunkt im Schaffen der bekannten und wiederholt mit Preisen ausgezeichneten Autorin darstellt, sondern als Höhepunkt der Science Fiction Literatur schlechthin“ gilt. – Science Fiction? Das ist doch dieser triviale Schund um interplanetarische Raumschiff-Schlachten und ähnliche Jungsphantasien: Star Trek, Barbarella, Perry Rhodan … Nun, außerirdische Dimensionen und Raumfahrttechnik haben durchaus ihren Platz bei Le Guin, aber im Mittelpunkt stehen ganz eindeutig die Menschen und die Möglichkeiten ihres Zusammenlebens.
Die Handlung spielt in folgendem Setting: Die Schwesterplaneten Urras und Anarres sind jeweils der Mond des anderen. Urras – im Englischen ähnlich ausgesprochen wie „Earth“ – entspricht tatsächlich im Wesentlichen unserer Erde zur Zeit der 1970er-Jahre: Der Planet ist wunderschön, mit reichen Ressourcen und einer ungeheuren biologischen Vielfalt ausgestattet, aber die Menschen sind dennoch gefangen in den Herrschaftssystemen des totalitär-staatssozialistischen Blocks, genannt „Thu“ und des kapitalistisch-faschistischen Blocks „A-Io“; hinzu kommt ein Entwicklungsland, das in der Allegorie offenkundig für Vietnam bzw. den Vietnamkrieg steht. Etwa zweihundert Jahre vor Beginn der Handlung wurde auf Urras eine große anarchistische Revolution niedergeschlagen. In seiner Angst vor langfristiger Untergrabung der alten Machtverhältnisse gestattet der „Rat der planetarischen Weltregierungen“ den Revolutionären, den unwirtlichen, fast unfruchtbaren Mond Anarres zu besiedeln und dort nach den Ideen der großen anarchistischen Theoretikerin Odo zu leben. 170 Jahre nachdem die letzten der 20 Millionen Siedler in Raumschiffen nach Anarres gekommen sind, existiert auf dem Planeten tatsächlich eine leidlich funktionierende egalitäre Gesellschaft, auf deren faszinierende Einzelaspekte wie geldlose Bedarfswirtschaft, Industrie, Transportwesen, Verteilungsmanagement, Arbeit, Ethik, Erziehung, Bildung, Siedlungswesen, dezentral-kommunitäre Ordnung, Familie, Geschlechterverhältnis und Sexualmoral, Entscheidungsfindung, Sprache, Ökologie usw. im Verlauf der Handlung selbstverständlich ausführlichst eingegangen wird.
„Wir haben keine Gesetze als das eine und einzige Prinzip der gegenseitigen Hilfe“, umreißt der Held Shevek die Wirklichkeit auf Anarres, „Wir haben keine Regierung als das eine und einzige Prinzip der freien Gesellschaftsbildung. Wir haben keine Staaten, keine Nationen, keine Präsidenten, keine Premiers, keine Häuptlinge, keine Generäle, keine Bosse, keine Bankiers, keine Hausbesitzer, keine Löhne, keine Wohlfahrt, keine Polizei, keine Soldaten, keine Kriege. Und auch sonst haben wir nicht viel. Wir sind Teiler, nicht Besitzer.“
Anders als in den klassischen Utopien des 17. und 18. Jahrhunderts wird Anarres jedoch keinesfalls als Idealgesellschaft beschrieben. Vielmehr liefert Ursula Le Guin zu ihrer Utopie – die nicht abgeschlossen und nicht statisch ist – gleichzeitig die Kritik mit (weshalb der Roman im Untertitel als „ambivalente Utopie“ bezeichnet wird). Es sind gerade die sich abzeichnenden Mängel der „odonischen“ Gesellschaft, die den Protagonisten Shevek fast schon zwingen, die beinahe vollständig aufrechterhaltene Isolation von Anarres im Kosmos der Handlung zu durchbrechen. Shevek ist ein genialer theoretischer Physiker, dessen Ideen jedoch von der Gesellschaft nicht verstanden und nicht gebührend gefördert werden, ja, es gibt sogar Leute, die sich auf Anarres mit einer gewissen Macht verbundene Pöstchen gesichert haben und nun aus Neid Sheveks Arbeit behindern. An dieser Stelle, wie auch in anderen Beispielen, zeigt sich, dass auf Anarres die Freiheit des Individuums in einem eklatanten Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit zunehmend durch informelle Machtstrukturen unterdrückt wird. Auf Urras hat die wissenschaftliche Elite das Potenzial von Sheveks Theorien schon lange erkannt und ihn deshalb als Dozenten an die größte Universität des kapitalistischen Staates A-Io berufen. Gegen den erbitterten Widerstand weiter Teile der Anarres-Gesellschaft beschließt Shevek, der Einladung nachzukommen, weil er hofft, endlich inspirierenden geistigen Austausch und unterstützende Arbeitsvoraussetzungen zu finden. Auf einem Raumtransporter, mit dem gelegentlich Waren zwischen den Doppelplaneten ausgetauscht werden, gelangt der „Verräter“ Shevek als erster Anarresti seit 170 Jahren wieder nach Urras.
Die Art und Weise, wie die Autorin nun Sheveks Konfrontation mit der Wirklichkeit der verschiedenen Herrschaftssysteme von Urras beschreibt, sagt dem Leser sehr viel – sowohl über das zutiefst verinnerlichte egalitäre Bewusstsein des in einer herrschaftsfreien Gesellschaft aufgewachsenen Besuchers als natürlich auch über die grotesken Zustände auf einem paradiesischen Planeten mit einer unnatürlichen Sozialordnung.
Anthropologisch inspiriert
Ursula K. Le Guin wurde 1929 im kalifornischen Berkley als Tochter der Schriftstellerin Theodora Kracaw (diese verfasste u.a. die Biographie eines nordamerikanischen Indianers) und eines führenden Anthropologen und Ethnologen der Vereinigten Staaten, Alfred Louis Kroe-ber, geboren. Über ihre Kindheit unter den Schülern und Kollegen ihres Vaters sagte sie rückblickend: „Die Leute, die ich als Kind traf, waren aufregende Leute. Sie hatten dieses intensive Interesse an Individuen und individuellen Kulturen und dann auch diesen weiten Horizont, große Ideen zusammenzufügen. Sie waren nicht kulturgebundene Typen, möchte ich sagen; sie waren ziemlich freie Seelen, diese Anthropologen. Sie liebten die Vielfalt der Menschheit.“
Es verwundert also nicht, wenn Sheveks Besuch auf Urras an die Kulturschock-Reden von indianischen Häuptlingen denken lässt: „Anarres ist nicht wunderbar“, gesteht Shevek trotzig seinen Gastgebern, nachdem die erste Begeisterung über die Pracht ihres Landes einer realistischeren Sicht gewichen ist. „Es ist eine häßliche Welt. Alles öde, alles trocken. Die Städte sind sehr klein und langweilig, richtig trostlos. Keine Paläste. Wir sind arm, wir leiden Mangel. Ihr habt, wir haben nicht. Hier ist alles schön. Nur die Gesichter nicht. Auf Anarres ist gar nichts schön, nichts außer den Gesichtern. Die anderen Gesichter, die Männer und Frauen. Etwas anderes haben wir nicht, wir haben nur uns. Weil unsere Männer und Frauen frei sind; da sie nichts besitzen, sind sie frei. Und ihr, die Besitzenden, ihr seid besessen.“ Doch Shevek ist eben kein „edler (matriarchaler) Wilder“ im herkömmlichen Sinn, sondern intellektueller Angehöriger einer hochtechnisierten und industrialisierten Zivilisation. Ja, die Autorin schreibt sogar an mehreren Stellen ausdrücklich, dass die Anarresti ganz bewusst nicht zur Lebensweise „primitiver Stammesgesellschaften“ zurückkehren wollen. Die Beschreibung von Sheveks Befremdung über die soziale Wirklichkeit auf Urras verdeutlicht denn auch eindrucksvoll, wie stark eine anarchistische Organisationsform und Ethik dem patriarchalen Paradigma zuwiderläuft. Denn auch wenn dies im Buch nicht explizit ausgedrückt wird: Nichts anderes ist Urras ja jenseits aller nationaler Unterschiede als ein vom patriarchalen Denken vergifteter Planet.
Öko-Patriarchat?
Die Beschreibung der Wirklichkeit auf Urras bricht nur an einem – nicht ganz unwesentlichen – Punkt mit der offensichtlichen Analogie Urras = Earth: Das kapitalistische Land A-Io, heißt es im dritten Kapitel, sei „seit Jahrhunderten das führende Land der Welt [d.h. des bekannten Teils des Weltalls], was ökologische Kontrolle und sparsamen Umgang mit natürlichem Ressourcen angeht“. Diesbezügliche Exzesse früherer Jahrhunderte seien „uralte Geschichte“. – Ob Ursula Le Guin diese Passage angesichts der aktuellen ökologischen Lage der globalkapitalistischen Erde heute wohl immer noch so schreiben würde? Das Thema Ökologie nimmt in ihrem Roman, gerade aufgrund der wüstenähnlichen Bedingungen auf Anarres, einen zentralen und auch aus heutiger Sicht realistischen Stellenwert ein, was für die Entstehungszeit um 1972/73 vermutlich eher außergewöhnlich ist. Der Club of Rome hatte 1972 mit der Publikation seines ersten Berichts über die „Grenzen des Wachstums“ erstmals Teile der Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren können – doch scheint es so, als würde die Welt heute erst beginnen, den tatsächlichen Ernst der Lage zu begreifen. Ist es da ein schwacher Trost, darauf pochen zu können, dass die Anarchisten – wie bei so vielen anderen Angelegenheiten – es immer schon gesagt haben?
„Es ist ständig heiß“
An einer Stelle überkommt den heutigen Leser tatsächlich eine gruselige Ehrfurcht vor der prophetisch anmutenden Fähigkeit der Autorin, nämlich als sie gegen Ende ihres offensichtlich in der Zukunft spielenden Buches noch fast nebenbei „Terra“, unsere elf Lichtjahre entfernte Erde, ins Spiel bringt:
In der Handlung entflieht Shevek schließlich seinem goldenen Käfig im Elfenbeinturm der Universität von A-Io, als er endlich begreift, dass man seine Erfindungen keineswegs im Sinn des interplanetarischen Friedens, sondern ausschließlich zur militärischen Zementierung der bestehenden Machtverhältnisse nutzen möchte. Er schließt sich den entrechteten Massen des Landes an, muss sich jedoch nach einem gewaltsam aufgelösten Generalstreik in die terrestrische Botschaft im „Rat der planetarischen Weltregierungen“ retten, wo ihm die oberste Diplomatin von der menschgemachten Verwüstung ihres Heimatplaneten Erde erzählt: „Wir haben weder unserem Appetit noch unserer Gewalttätigkeit Zügel angelegt; wir haben uns nicht angepasst. Wir haben uns selbst vernichtet. Aber zuerst haben wir unsere Welt zerstört. Auf der Erde gibt es keine Wälder mehr. Die Luft ist grau, der Himmel ist grau, es ist immer heiß.“ Nach der abschreckenden Thematisierung der Konkurrenz- und Konsumgesellschaft und des Staatssozialismus thematisiert die Autorin den Ökofaschismus als mögliche Perspektive der Erde: „Wir haben gerettet, was wir retten konnten“, fasst die Diplomatin die notwendig gewordenen diktatorischen Maßnahmen zusammen, „durch totale Zentralisation, totale Kontrolle über die Verwendung jedes einzelnen Hektars noch fruchtbaren Landes. Totale Rationalisierung, Geburtenkontrolle, Euthanasie. Absolute Reglementierung jedes Menschenlebens …“
Dann doch lieber die karge aber menschliche Gesellschaft von Anarres, denkt sich der Leser. Und wir, die wir auf der Suche nach Inspiration für ein neues Drehbuch für das menschliche Leben auf Terra sind, dürfen uns mit Shevek fragen, was die Umsetzung der „odonischen“ Ideen auf einem Planeten der Fülle tatsächlich bewirken könnte …
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, all die Besonderheiten der Anarresti-Gesellschaft detailliert aufzuführen. Auch will ich nicht zu viel vorwegnehmen, denn Sie sollen die utopischen Aspekte der Erzählung ja während der eigenen Buchlektüre selbst kennenlernen!
Anarchismus mit weiblichen Werten
Nur soviel sei verraten, dass die Summe der Besonderheiten von Anarres nicht nur irgendeine andere Gesellschaftsordnung, sondern schlicht eine völlig andere Kultur darstellen. Und was die Matriarchats-Interessierten unter uns noch mehr staunen lässt: Ursula Le Guin fordert mit ihrem Gesamtwerk eine „nicht-europäische, nicht-euklidische und nicht-maskuline Utopie“, wie die Science-Fiction-Kritikerin Joan Gordon über Le Guins Gesellschaftskritk schreibt.
Der Politikwissenschaftler Richard Saage von der Universität Halle hat auf www.rosalux.de eine ausführliche Analyse des Romans veröffentlicht. Darin nennt er die ideal-nahe Gesellschaft, die die Autorin in ihrem Buch zeichnet, „eine Synthese aus Feminismus und Anarchismus, verbunden mit einer dezidiert ökologischen Stoßrichtung“. Weiter schreibt er: „Tatsächlich unternimmt man in Le Guins Anarres-Utopie den Versuch, nach Prinzipien einer legendären Frau zu leben. Durch sie wird der seit [Thomas Morus’ Buch] Utopia bekannte ‚Gründungsvater‘ des idealen Gemeinwesens durch eine ‚Gründungsmutter‘ mit Namen Odo ersetzt: Die Werte, die sie verkörpert, sind, wie es an einer Stelle des Buches heißt, weiblich. Der Odonismus verneint die virilen Seiten des Lebens: Blut, Stahl, Krieg und Mut.”
An anderer Stelle wird Le Guin dann fast ein bisschen sexistisch: „Männer müssen zumeist lernen, Anarchisten zu werden,“ behauptet sie, „Frauen brauchen das nicht zu lernen.“ Wie auch bei der Beschreibung der ökologischen Situation von Urras scheint mir auch diese Behauptung nicht unbedingt generell auf die patriarchalisierte Wirklichkeit auf Erden zuzutreffen.
Habe ich schon gesagt, dass „Die Enteigneten“ – wie die deutsche Neuausgabe den Originaltitel „The Dispossessed“, der mit dem Sich-Lösen von Besitz spielt, nicht besonders glücklich übersetzt – großes Lesevergnügen bereitet? Die Geschichte von Shevek birgt nämlich nicht nur eine faszinierende gesellschaftliche Utopie, sondern fesselt auch durch ihre literarische Qualität. Der Roman hat mehrere bedeutende Literaturpreise wie den „National Book Award“ gewonnen. Genial finde ich Le Guins Erzählungsaufbau: Alternierend mit den Kapiteln, die von Sheveks Reise nach Urras und wieder zurück handeln, erfahren wir von seinem Werdegang auf Anarres: von den Verhältnissen auf dem Anarcho-Mond und davon, warum Shevek selbst auf diesem libertären Stern das Einreißen von realen und unsichtbaren Mauern als seine Lebensaufgabe erkennt und annimmt. ´
Das Buch – jetzt neu übersetzt
Ursula K. Le Guin, Die Enteigneten – Eine ambivalente -Utopie,
Edition Phantasia, Bellheim 2006, 350 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-937897-20-2.
Homepage der Autorin:
www.ursulakleguin.com
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