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Editorial
erschienen in Ausgabe 154
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Brücken zu bauen gilt als Tugend. Man baut Brücken, wo es an Verständnis mangelt, grenzüberschreitende Netzwerke agieren unter diesem Motto, und auch in der Industrie ist neuerdings das Öko-Brückenbauen beliebt.
Nun passt die Brücke zu unseren kollektiven Verteidigungs-Metaphern, die wir seit den Stadtgründungen des Mittelalters als kulturelle Prägung eifrig memorieren. -Unsere Sprache reflektiert jene Welt, die begann, immer mehr nach Nutzen und Zweck zu streben, und inzwischen sind das Unnütze und die Muße (beides Wachstumshemmer) durch einen tiefen Graben von der Festung des Zwecks getrennt.
Die Erde, hören wir, ist heute zu 25 Prozent übernutzt und schwitzt unter der Last, uns zu versorgen. Nun tünchen all die alten Sünder ihre Stahlbetonfestungen grün – und wollen -Brücken bauen, um den Graben zwischen der nicht-nachhaltigen Welt und dem gelobten Land der Nachhaltigkeit zu überspannen? Thomas S. Kuhn hat gezeigt, dass sich ein Paradigmenwechsel nicht als Brückenbau, sondern als Quantensprung gestaltet. Der mag sich zwar langsam vorbereiten. Aber der eigentliche Wechsel, der das neue Paradigma zur Selbstverständlichkeit macht, vollzieht sich schnell, sprunghaft und macht obsolet, was vorher unbestritten war. Niemals mehr kehrt man zum alten -Glauben zurück. Das Land, das keine Gräben kennt, braucht keine Brücken.
Könnte es sein, dass wir in Zeiten ungenierter Grünwäscherei an unseren Metaphern arbeiten müssen? Wie sehr haben uns die Metapher der Festung, die Metapher des -Grabens im Griff? Solange wir in den Bildern denken, die uns geprägt haben – schrittweiser Aufbau, Reform, Kampf, Fortschritt –, wird uns der große Quantensprung nicht gelingen, werden wir das alte gegen das neue Paradigma nicht austauschen können, werden die Gräben, die unsere Zweckkultur um sich und zwischen uns und zwischen uns und die uns tragende Erde gezogen hat, bleiben.
Wie aber lässt sich die Graben-Metapher überwinden? Vielleicht nach Wilhelm Busch:
„Es kamen mal zwei Knaben
An einen breiten Graben.
Der erste sprang hinüber,
Schlankweg, je eh’r, je lieber.
War das nicht keck?
Der zweite, fein besonnen,
Eh’ er das Werk begonnen,
Sprang in den Dreck.“

Gehen wir nicht den grüngewaschenen Brückenbauern auf den Leim, die uns weismachen wollen, mit altem Geist das Neue bewirken zu können. Lassen Sie uns den Sprung tun, schlankweg, je eher, je lieber. Dann ist ein Graben nichts, was uns bedroht, sondern lediglich ein Landschaftsmerkmal, das uns zu einer spezifischen Schrittform auffordert, genau wie ein Hügel von uns das Hinaufsteigen, ein Baum das um ihn Herumgehen etc. verlangt.
Mit guten Wünschen zum Paradigmen-, pardon, Jahreswechsel,
Ihr Johannes Heimrath


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Heimrath, Johannes

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