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Die Welt des Unsichtbaren
erschienen in Ausgabe 154  PDF-Version (188.01 KB)
Wie ökologisches Bewusstsein aus der sinnlichen Erfahrung entsteht.

Eine philosophische Abhandlung wie die des amerikanischen Naturphilosophen David Abram ist für KursKontakte ein ungewöhnlicher Text. Doch nach so vielen Artikeln über praktische Ökologe in den letzten Ausgaben, vom Energiesparen bis zum Nachpflanzen des kolumbianischen Regenwalds, hatten wir das Bedürfnis, der Frage nach der inneren Ökologie nachzugehen. David Abram schreibt vom Geheimnis des Unsichtbaren, das wir heute nicht mehr wahrnehmen, das aber essenziell ist, wenn wir die Natur nicht nur als Vorrat von beliebig ausbeutbaren Ressourcen ansehen wollen.

Leben – das ist ein Tanz mit einem unbekannten Partner, dessen Schritte man nie ganz vorhersagen kann, eine Improvisation in einem Kräftefeld, dessen Spiel wechselnder Qualitäten über unsere Haut huscht und zwischen unseren Zellen pulsiert, dessen Ursprung und tiefstes Wesen jedoch dem Zugriff unseres Denkens keinen Halt bietet. Ja zu sagen zu unserer sinnlich-körperlichen Existenz und so inmitten der Welt zu erwachen, heißt, der anmaßenden Weltsicht „von außen“ abzuschwören, dem Wahn, man könne eines Tages jedes Detail über den Lauf der Welt ergründen und berechnen.
Freilich gibt es viele Facetten oder Kräfte der Welt, die wir benennen können – Sonne, Ackerboden und Klippe, Bär und Vogel, Vollmond und Sichelmond, Wolke, Regen, Fluss. Doch gerade die Gegenwart all dieser Wesen in demselben Feld, in dem auch wir leben, bedingt, dass wir einzelne ihrer Aspekte nicht sehen können; jede sichtbare Facette der Welt spricht zu uns von Dimensionen, die nicht sichtbar sind.
Sich in andere Maßstäbe der Existenz – mikroskopische oder submikroskopische – hineinzuversetzen, ist gar nicht nötig, um der Unsichtbarkeit der Welt gewahr zu werden, auch müssen keine immateriellen oder übernatürlichen Dimensionen beschworen werden. Es reicht völlig aus, seine Aufmerksamkeit auf die sinnlich erfahrbare Landschaft und die ganz gewöhnlichen Wesen, die diese Landschaft bevölkern, zu richten. Schon da begegnet uns der nicht-sichtbare Charakter dessen, was hinter den tatsächlich sichtbaren Dingen liegt. Jedes undurchsichtige Gebilde verbirgt die hinter ihm befindlichen Dinge und besitzt selbst eine andere Seite, die unseren Blicken gegenwärtig nicht zugänglich ist. Zwar können wir unsere Position ändern, um einen Blick auf diese andere Seit zu erhaschen – doch dann haben sich wiederum andere Aspekte verborgen, und was wir vor wenigen Sekunden noch klar gesehen haben, ist verschwunden, hat sich durch das vor ihm Liegende verfinstert. Wo immer wir uns auch hinbewegen und uns drehen und winden, dieser seltsamen Unsichtbarkeit der sichtbaren Welt, mit der sie sich hinter sich selbst versteckt, können wir nicht entfliehen.
Auch das Innere jedes sichtbaren Dings bleibt uns verborgen. Das Innere vieler Gebäude, an denen wir so oft auf unserem Weg zur Arbeit vorbeigehen, das holzige Innere eines jungen Ahornbaums, das verdichtete Innere eines steinigen Bergs, die innere Physiologie einer Schlange, die von uns aufgescheucht ins hohe Gras davongleitet – alle sichtbaren Gestalten beherbergen eine für unsere Augen unsichtbare, innere Struktur. Am intimsten erfahren wir dies durch unser eigenes Körperinneres. Selbst wenn wir uns das Innere unseres Körpers entsprechend der Abbildungen aus unseren Anatomiebüchern vergegenwärtigen, vermitteln uns unsere imaginären Bilder ein Gefühl von Geräumigkeit und ein Licht, das der dunklen, dicht gepackten Natur unseres tatsächlichen eigenen Inneren offenkundig widerspricht. Nur der Chirurg (und der selbstversorgerische Jäger, der regelmäßig seine Beute häutet und zerlegt), darf einen verstohlenen Blick in dieses dunkle Innere werfen, das sich dennoch, solange wir am Leben sind, jeglicher Betrachtung entzieht.
Diese zweite Art der Verborgenheit erfahren wir auf Schritt und Tritt durch die Unsichtbarkeit all dessen, was unter dem Erdboden liegt. Obwohl wir die Erde aufgraben können und die Geologen verschiedene Gesteinsschichten, die der Bau einer Autobahn oder eine Grabung freilegt, analysieren können, bleibt doch ein unermesslich großer Teil dessen, was in verschiedenen Tiefen unter dem Erdboden liegt, vollständig unserer Erkenntnis verborgen.

Die Tiefe der Welt
Diese beiden Ausprägungen von Verborgenheit verleihen der alltäglichen Welt unserer unmittelbaren Erfahrungen ein omnipräsentes Mysterium, ein Gefühl des Nichtwissens. Es ist die intuitive Ahnung, dass wir trotz allen angesammelten Wissens über die Funktionsweise dieser Welt in einer beständigen, fühlbaren Beziehung mit unsichtbaren Bereichen stehen. Es ist das Gefühl für das Geheimnisvolle der Welt – ein weitgehend vergessenes Gefühl im Kontext der Moderne, in der man über die Welt denkt, als stünden wir außerhalb der Natur und starrten auf das Satellitenbild der Erde auf einem Computerbildschirm oder auf eine Landschaft, als sei sie eine nette, zweidimensionale Kulisse. Diese irdische Welt verliert ihr Mysterium, wenn wir uns aus ihr herauslösen und sie zu einem Vorrat natürlicher Schätze machen, für den die Menschheit ein „Ressourcen-Management“ braucht. Doch sobald wir zur Unmittelbarkeit des gegenwärtigen Augenblicks zurückkehren und damit zu unserer beständigen körperlichen, animalischen Erfahrung inmitten dieser Welt, dann verflüchtigt sich diese Flachheit, und die enigmatische Tiefe der Welt wird offenbar.
Bei Licht betrachtet, haben die beiden Arten der Verborgenheit in jeder Hinsicht mit Tiefe zu tun, beide enthüllen eine besondere Bedeutungsebene des Begriffs „Tiefe“. Was sich hinter den sichtbaren Dingen versteckt und letztlich jenseits des Horizonts der sichtbaren Landschaft liegt, beschreibt eine Funktion horizontaler Tiefe, die von Fotografen als „Feldtiefe“ bezeichnet wird. Auf diese Tiefendimensionen verweisen wir, wann immer wir von der relativen Nähe oder Entfernung eines Gegenstands sprechen.
Ebenso ist das Verborgensein des Innenlebens sichtbarer Körper eine Sache der Tiefe, in diesem Fall einer innerlichen, vertikalen Tiefe – diese in bodenlose Abgründe führende Dimension, auf die wir anspielen, wenn wir von der Tiefe eines dunklen Sees, der Mächtigkeit des gewachsenen Gesteins am Ort oder der verführerischen, gähnenden Tiefe einer Schlucht sprechen.
Jede dieser Tiefen bürgt dafür, dass den sichtbaren Dingen eine gewisse widerspenstige Andersartigkeit erhalten bleibt, ein gewisser Widerstand gegenüber der Welt unserer menschlichen Wünsche und Gestaltungen.

Zwischen uns fließt die Luft
Nun verbleibt noch eine dritte Art der Unsichtbarkeit, die ebenfalls der sichtbaren Welt angehört: die unsichtbare Präsenz dessen, was sich zwischen den sichtbaren Dingen bewegt – die Atmosphäre, die Luft.
Die Luft selbst ist unsichtbar, sie ist das Medium, durch das hindurch wir alle sichtbaren Dinge erblicken. Und wiederum korrespondiert diese dritte Dimension der Unsichtbarkeit mit einem bestimmten Aspekt von Tiefe: Die Tiefe der Versenkung, des Eintauchens, der Durchdringung. Wir beziehen uns auf diese Dimensio-nen, wenn wir davon sprechen, dass wir „tief in einer Sache stecken“ – tief im Tal großer Trauer oder in einer Aufgabe, die uns völlig in Beschlag nimmt – so tief eingetaucht, wie die Fische im Meer von Wasser umflossen sind. Oder so vollkommen durchdrungen, wie unsere atmenden Körper von der unsichtbaren Atmosphäre durchdrungen werden.
Alle drei dieser enigmatischen Dimensionen und die spezifische Weise, in der sie sich überschneiden und einander informieren, ist an jedem Ort dieser Welt einzigartig. Wir dürfen wohl sagen, sie bestimmen den Genius Loci, die besondere Kraft jedes Orts.

Die Beziehung der sichtbaren Dinge
Wir wissen, dass entfernt voneinander wachsende Pflanzen Pollen untereinander austauschen und dass sie Insekten und andere Bestäuber von weither anlocken. Jedoch ein potenzielles Übertragungsmedium für diese Fernwirkung bleibt ebenso wie ein möglicher Gradient in der Atmosphäre, der die Richtung weisen könnte, unsichtbar. Wir beobachten, dass eine große Ansammlung von Bäumen zu häufiger Wolkenbildung führt, doch die in diesem Prozess wirksamen Spannungen und Strömungen bleiben unsichtbar. Wir sehen, dass der Regen, der aus diesen Wolken zu Boden fällt, das grüne, belaubte Leben der Bäume stärkt, doch der Weg des Regens, wenn er einmal in der Erde versickert ist – der präzise Verlauf der Pfade, über die das Wasser in ein Wurzelgeflecht hineingezogen und hoch durch die dickeren Wurzeln zum Stamm gebracht wird, um schließlich unter den vielen Blättern verteilt zu werden – bleibt unserem Auge verborgen.
Dennoch, unser fleischliches Eingewobensein in das Feld, das wir mit den Bäumen und Wolken -teilen, sorgt dafür, dass wir intuitiv solche Dynamiken spüren können, wenn sich ihr Spiel sanft über unseren -fühlenden Körper hinweg bewegt. Andere unsichtbare Strömungen werden für uns nur wahrnehmbar, wenn wir unsere körperliche Imaginationskraft nach außen ausdehnen, hinein in die gewaltigen Tiefen der lebendigen Landschaft. Obowhl sich solche unsichtbaren Kräfte und Wirbel zuweilen fühlbar machen, beschränken sich unsere Möglichkeiten zu ihrer Beschreibung auf verblümte Anspielungen, auf ein höchst indirektes Vokabular; wir jonglieren mit Sprachfiguren, die absichtlich – und spielerisch – zweideutig sind.

Eine Sprache für das Unsichtbare
Ein Beispiel dafür sind die vielfältigen „Intelligenzen“, „Kräfte“ und „Geister“, die den mündlichen Diskurs der indigenen Stämme auf der ganzen Welt bevölkern. Jede Gesellschaft, die in dichtem und intimem Kontakt mit einer nicht domestizierten Natur lebt – seien es Jäger und Sammler oder Subsistenz-Ackerbauern – anerkennt die Existenz von Myriaden von Energien, die sich in den unsichtbaren Tiefen des Sinnlichen bewegen, und ehrt diese Kräfte mit regelmäßigen Opfergesten als Dank für den Lebensunterhalt, den die Erde gibt. Kulturen, deren Angewiesensein auf die lebendige Erde nicht wie in der unseren nur durch die Brille einer Unzahl von Technologien gesehen wird, können nicht anders, als ihre jahreszeitlich bedingte Nahrung als Geschenk zu erfahren, dargeboten aus der Tiefe des unsichtbaren Herzens des Geheimnisvollen. Die Pflanzen, die wir als Nahrung zu uns nehmen, entsteigen langsam den dunklen Tiefen des Untergrunds, die Bisons und Karibus kommen jedes Jahr aus weiten Fernen hinter dem Horizont, das Wasser, das unsere Kehlen benetzt, fließt nach aus den Wolken, die sich aus den unsichtbaren Tiefen der Atmosphäre heraus sammeln und materialisieren.
Es ist ein Missverständnis, wenn wir die unsichtbaren, von den eingeborenen Völkern verehrten „Geister“ als körperlose, übernatürliche Entitäten -interpretieren, als immaterielle Phantasmen, heraufbeschworen durch naive und primitive Phantasie. Sind die Ströme und Wirbel in der unsichtbaren Luft denn körperlos? Besitzt das drängende Aufwallen und Wiederabsinken des Fluidums, in dessen Weite wir eingeschlossen sind, denn keine Materialität? Wie steht es mit einer unsichtbaren Wolke aus Flechtensporen, die auf einer dieser Strömungen wie ein transparentes Silbertuch dahingleitet? Ist der verborgene Saft, der im Stamm einer Gelbkiefer aufsteigt, oder eine Infektion, die sich im Körper eines jungen Elchs ausbreitet, übernatürlich? Die „Geister“ oder „Unsichtbaren“, von denen die mündlichen Traditionen der indigenen Völker sprechen, sind ihre Würdigung der Myriaden von Dimensionen des Sinnlichen, die wir zu keinem Zeitpunkt sehen können – eine Möglichkeit, sich selbst und seine Kultur für solche nicht-sichtbaren und nicht erfassbaren Aspekte der Wirklichkeit empfänglich zu halten.
Nur die gebildete, christliche Zivilisation geht davon aus, dass der Geist ganz und gar außerhalb unserer von atmenden Körpern bewohnten Welt liege. Das lateinische Wort spiritus für Geist bedeutet jedoch ursprünglich etwa „Wind“ oder „Atem“ – das Wort „Respiration“ (Atmung) stammt aus der gleichen Wurzel. Indem sie die Verbindung zu dieser ursprünglichen Bedeutung durchtrennte, verdrängte die alphabetisierte Zivilisation den Geist aus der Sphäre des Sinnlichen und raubte der materiellen Welt die enigmatische Tiefe ihrer Entfernungen und Verborgenheiten. Bar jeglicher Fremdartigkeit und Dunkelheit wurde die materielle Welt jetzt zum bloßen Objekt, das im Prinzip als Ganzes auf einmal gesehen werden könnte und in Gänze bekannt sein müsste. Wir, die reinen Wissenden, erfuhren die materielle Realität somit nicht länger aus ihrer eigenen Tiefe heraus, wir schwebten nun über der verstehbaren Welt und untersuchten dieses gewaltige Objekt mit dem unbeteiligt starren Blick eines entleibten Geistes.
Nur aus dieser körperlosen Perspektive erscheint die Welt vollkommen determiniert und definierbar, in Gänze unserem Wissen zugänglich. Wann immer wir über die Natur in streng objektiven Begriffen sprechen, wenn wir die materielle Welt für eine Abfolge determinierter, quantitativ beschreibbarer Vorfälle halten, stützen wir uns auf diese absonderliche Sicht auf die Natur als einen gänzlich ausgefüllten Raum, der von jedem Winkel aus jeweils gleichzeitig betrachtet und erkannt werden kann – und wir, die Wissenden, sind notwendigerweise in diesem Raum nicht anwesend.

Eingebunden in den Leib der Welt
Dieser Blick von außen auf die Welt hat sich als eine sehr nützliche Illusion erwiesen. Doch durch genau diesen Blick zerstören wir die Fähigkeit der Erde, unsere menschliche Existenz zu nähren. Die Ackerböden, die man zu mehr und mehr Produktivität zwingt, sind ausgelaugt. Die Gewässer, über lange Zeiten hinweg eine praktische Müllkippe für unsere Industrieabfälle, sind giftig geworden. Die zerzauste Atmosphäre kann nicht mehr ihren vor dem Feuer der Sonne schützenden Schleier über uns dünnhäutige Kreaturen legen. Die Erde erschauert in einem rasch ansteigenden Fieber, während eine Vielzahl anderer Spezies – ein gewaltiges Spektrum irdischen Ausdrucks und Empfindungsvermögens – Hals über Kopf in den weit aufgerissenen Schlund des Aussterbens stürzt. Es wird wohl nicht allzulange dauern, bis unsere eigene schlaue Spezies ihnen folgt – wenn wir uns nicht endgültig aus dem lähmenden Wahn unseres Getrenntseins von der körperlichen Erde befreien, wenn wir uns nicht als aufmerksame Mitwirkende wieder in das gewaltig große Leben der uns umgebenden Landschaft einschwingen, nicht unsere eigenen Handlungen von anderen Mitwirkenden – den anderen empfindenden Wesen – leiten lassen, wenn wir nicht aus unserem technologischen Kokon schlüpfen, unsere betäubten, starren Sinne freischütteln, unsere Augen aufreißen, um den Glanz des Sonnenlichts auf den Schwingen eines Wanderfalken, der über den Häusern der Stadt kreist, mit unserem Blick einzufangen und unsere Ohren für die Stimmen der Stille jenseits des Spiels der Wörter öffnen.
Denn nicht nur unsere Technik-Begeisterung hält uns fern von der erdgeborenen Welt, sondern auch unsere Art zu sprechen und zu denken, die im Tandem mit diesen Technologien entstanden ist. Wie sollen wir unsere Intelligenz dort unten inmitten der Dinge halten, wenn uns unsere Sprache ständig aus dem Sinnlichen herauszerrt, wenn unsere Wörter und die Art, wie wir sie verwenden, alles erstarren lassen und die Dynamik der Dinge abtötet, indem sie sie als Instant-Artikel abpackt? Jeder von uns kennt Momente überraschender Sinnesklarheit – Augenblicke, in denen sich der nicht endenwollende Kreislauf abstrakter Gedanken in der fließenden Beredtsamkeit eines vom Regen angeschwollenen Bachlaufs auflöst, während das Wasser mit kehligem Geplapper schäumend von Stein zu Stein springt. Doch wir können solche Zustände tierhafter Wachsamkeit nur allzu selten halten, unsere Sprache wirft uns aus dem Schäumen und Fließen des gegenwärtigen Augenblicks.

Eine neue Art des Sprechens lernen
Wenn wir also unsere Solidarität mit der sinnlichen Erde erneuern möchten, sollten wir auf eine neue Art zu sprechen lernen. Wir werden lernen müssen, im Einklang mit unseren Tier-Sinnen zu sprechen.
Letzte Nacht hat es lange und heftig geregnet. Am Morgen gehe ich in den alten Obstgarten, stakse über die offene Erde zwischen den Bäumen und bemerke, wie ein kleines, feines Blatt unter einem Erdklümpchen hervorbricht. Wie ich genauer hinsehe, ist plötzlich der Boden übersät mit winzigen grünen Schösslingen, die es aus der dunklen Erde nach oben treibt. So viele Samen müssen in der trockenen Erde geschlafen und geduldig auf die Magie des Regens gewartet haben! Ich greife nach dem dicken Ast eines Apfelbaums und lehne mich an ihn. Er biegt sich, federt zurück und lässt mich wieder in die Senkrechte zurückschwingen. Ich strecke meine Hand nach dem sprießenden Zweig eines anderen Asts aus und zupfe behutsam an einem seiner Blätter. Einen Augenblick lang beugt sich der Zweig zu mir, dann zieht er sich wieder zurück. Ich kann das unerschütterliche Leben in diesen Blättern spüren, den beweglichen Muskel des austreibenden Holzes. Einen Apfelzweig zu sich heranzuziehen ist nichts Besonderes – eine ganz einfache Erfahrung von Rückbezüglichkeit, eine zufällige Begegegnung zwischen zwei verschiedenen Leben.
Später steige ich auf den Hügel hinter dem Haus und suche meinen Weg zwischen Wacholder und Pinyon-Kiefern hinauf zu den hohen Gelbkiefern und dem kleinen Hain mit den Zitterpappeln. Mir gegenüber liegt ein Südhang, der stark mit Wacholder und Kiefern überwuchert ist, eine tiefgrüne Decke, die nur hie und da vom helleren Blattwerk einiger niedriger Laubbäume betupft wird. Aus der Literatur weiß ich, dass Blätter von Laubbäumen Zellen auf ihrer Oberfläche besitzen, die für das gesamte Spektrum sichtbaren Lichts empfänglich sind, und ich habe den Verdacht, dass Nadeln über die gleiche Fähigkeit verfügen. Damals in der Schule habe ich etwas über die komplexe Chemie der Photosynthese gelernt und mich später an der Universität noch viel bewusster damit beschäftigt, tief beeindruckt von der eleganten Effizienz dieses Prozesses. Aber ich frage mich immer noch: Wie mag es sich anfühlen, derart an einem Ort verwurzelt zu sein, mit seinem Wurzelgeflecht Mineralien zu schlürfen, während man mit seinen Nadeln Sonnenlicht trinkt, Tag für Tag? Wie fühlt es sich an, Sonnenlicht in Materie zu verwandeln? Es dürfte wohl niemand im Ernst glauben, dass eine derartige Metamorphose ohne irgendein begleitendes Gefühl geschieht. Zwar fehlt den belaubten Bäumen ganz offensichtlich das zentrale Nervensystem, weshalb sie vermutlich ihre Erfahrungen weitaus weniger zentralisiert verarbeiten als wir. Aber nur, weil sich ihre Empfindungen nicht auf einen zentralen Empfinder beziehen, macht das nicht die Wahrscheinlichkeit zur Unmöglichkeit, dass die Blätter irgendetwas empfinden. Erfahrungen dürften für die meisten Pflanzen lediglich eine sehr viel verteiltere und demokratischere Sache sein als für hierarchisch organisierte Wesen wie uns.
Man mag davon ausgehen, dass eine Pyramidenpappel vollkommen gefühllos sei, ein sommerlicher Sonnenaufgang keinen Eindruck in ihrem Körper hinterlässt. Wir mögen uns davon überzeugen, dass ihren Blättern keinerlei Empfindungsfähigkeit gegeben sei, mit der sie einen wolkigen Nachmittag von einem Nachmittag mit klarem Himmel unterscheiden könnte, keinerlei Empfindung an ihren Wurzelspitzen, wenn ein Regenguss die Erde durchnässt hat, keinerlei Gefühl in der holzigen Hülle des Kambiums, wenn der Saft im Stamm aufsteigt, und dass all die vom Tageslauf und den Jahreszeiten bedingten Veränderungen im Stoffwechsel eines Baums sich tatsächlich entsprechend einer rein mechanischen Kausalität entfalten.
Eine solche Annahme würde uns erneut zu dem Glauben zwingen, dass Bewusstheit von außerhalb des Körpers und der körperlichen Erde stamme. Sie impliziert, dass unsere eigene Fähigkeit, zu erfahren und zu fühlen, ein nicht voraussetzbares Phänomen im Feld der Materie sei. Bewusstheit müsste demnach eine Kraft sein, die unvermittelt von anderswo her in die körperliche Wirklichkeit einbricht.

Empathie der Augen
Wenn ich jedoch den Gedanken zulasse, diese wild-fluktuierenden Sensibilität, die „Ich“ sagt, sei aus diesem aufrechten Körper, der seinen Weg durch die Welt träumt, geboren – wenn ich zulasse, dass meine Empfindsamkeit von der Luft, die durch meine Nase in mich hineinströmt, gestärkt wird, ebenso wie von den mannigfaltigen Empfindsamkeiten, die sich in mir bewegen (durch die eifrigen, reaktionsfreudigen Bakterien in meinem Darm und die lebhaften Neuronenbündel in meiner Wirbelsäule) – dann erblüht eine neue Nähe mit der sinnlichen Welt. Denn jetzt zeigen mir all die anderen Körper um mich herum, ob Amsel, Grasbüschel oder der irisierende Käfer, der über mein Hemd klettert, ihre jeweils eigene Empfindungsfähigkeit.
Die smaragdfarbenen Blätter, die sich wie Flügel vom nahen Ast einer Zitterpappel spreizen, zeugen schon durch die ihnen eigenen Farbschattierungen von einem beständigen Vergnügen entlang der flatternden Peripherie des Baums – eine Begeisterung des Chlorophylls. Man stelle sich vor, die eigenen, atmenden Lungen seien ausgebreitet überall auf der Oberfläche der eigenen Haut verteilt, und die Wärme des Tags bewirke das kribbelnde Gefühl einer Verwandlung auf dieser Oberfläche – kaum auszuhalten die Vorstellung, seine äußersten Membranen würden Tag für Tag, von der Morgen- bis zur Abenddämmerung von den Sonnenstrahlen verzückt.
Ich schaue auf und sehe den benadelten Abhang auf der anderen Seite des Tals als kurvenreiches Feld voller Empfindungen – denn meine Haut spürt das bunt-scheckige Grün all dieser Bäume als stille Ekstase, die über diesen Hügel rauscht. Ich nehme regelmäßig teil an dieser Ekstase, indem ich die Strahlkraft dieser Farbe erblicke, eine milde Gabe der Freude, die schon immer für mich in diesen grünen Farbschattierungen der Blätter und Nadeln zu sehen war, aber erst jetzt wird sie mir voll bewusst, durch eine Art Empathie der Augen.
Doch wo findet dieser empathische Kontakt tatsächlich statt? Schlüpfe ich hinaus aus meinen Augen, schwimme ich durch das Tal, um dort die Freude der Blätter zu spüren? Ergießt sich eine Kraft aus diesen Zweigen, durchmisst sie die Dichte der Luft auf dem Weg zu mir, um hier, wo ich stehe und ins Land schaue, meinen Körper zu treffen und sich mit ihm zu verbinden? Irgendwo zwischen hier und dort (vielleicht an jedem Punkt zwischen uns) findet ein Kontakt und eine Art Vermischung statt. Dieses kurzzeitige Zueinanderfinden über die Weite des Tals hinweg kann nicht anders als von der Laune des Mediums zwischen uns beeinflusst sein, verstärkt oder verdunkelt von den vielen Ereignissen in dieser unsichtbaren Tiefe – ihren lokalen Turbulenzen und Strudeln, Kondensationen, warmen Aufwärtsströmungen und den kühlen, durchsichtigen, windstillen Zonen in dem unsichtbaren Fluss aus Luft, der zwischen meinem Körper und dieser atmenden Hügelflanke hindurchfließt.

Mit der Erde tanzen
Unsere Wahrnehmung der Dinge um uns herum wird überall von solchen „Unsichtbarkeiten“ vermittelt. Eine Heerschar feiner, fühlbarer Präsenzen, flüssiger und oft flüchtiger Kräfte, deren nahe Gegenwart wir vielleicht spüren oder deren Einfluss wir intuitiv wahrnehmen können, während ihre präzise Kontur unbekannt bleibt, ermöglicht die Rückbezüglichkeit zwischen unserem Körper und der Erde. Unser Bewusstsein kann sie nicht in Gedanken übersetzen, sondern nur würdigen – oder ihnen mit einer einfachen Geste oder einem Gruß oder durch Dankbarkeit Ehre erweisen.
Höchstwahrscheinlich müssen wir die „Geister“ in unserem Sprachgebrauch willkommenheißen. Ob wir sie als Geister, Kräfte oder Präsenzen (oder sogar – um in der mündlichen Tradition zu bleiben – als Feen, -Gnome, Elben oder andere „Unsichtbare“) bezeichnen – nur indem wir dieses Unsichtbare ansprechen, lösen sich unsere Sinne, erwachen differenzierte Empfindungsfähigkeiten, die viel zu lange Zeit in tiefem Schlaf gelegen sind. Indem wir solche enigmatischen Phänomene weder für vollständig objektive Entitäten, noch für rein subjektive Erfahrungen halten, sondern als mehrdeutige Wirklichkeit, die sich sowohl um uns herum als auch in uns bewegt – und manchmal auch durch uns hindurch –, verjüngen wir die partizipative Empfindsamkeit unserer Körper.
Und durch solche feinen Empfindungen schwingt das lebendige Land unsere Körper, unsere Gemeinschaften und Kulturen in einen neuen Tanz ein, den wir gemeinsam mit der atmenden Erde tanzen. Die Geister sind nicht unberührbar, sie sind nicht von einer anderen Welt. Durch sie spricht die Erde zu uns, wenn wir einen Schritt zurück ins Innere dieser Welt tun. ´



Dieser Artikel ist erstmals erschienen unter dem Titel „The Invisibles“ im Parabola-Magazin Ausgabe 31, Frühjahr 2006, www.parabola.org. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. Übersetzung aus dem Amerikanischen: Human Touch.

Dr. phil. David Abram lebt in den USA und ist Ökologe, Anthropologe und Philosoph. Sein Buch „The Spell of the Sensuous“ wurde mehrfach ausgezeichnet und hat die amerikanische Ökologie-Bewegung stark beeinflusst. Er lebte als Taschentrickkünstler bei Schamanen in Indonesien, Nepal und Amerika. Der Utne-Reader führt ihn als einen der hundert Visionäre, die die Welt verändern.
www.wildethics.org



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Abram, David

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