Gandalf Lipinski reflektiert Freiheit und Gemeinschaft vor dem Hintergrund von 6000 Jahren Patriarchat.Teil 2: Das Goldene Zeitalter
Unsere Gesellschaft ist etwas „Gewordenes“ und daher der menschlichen Gestaltungsmacht zugänglich. Gandalf Lipinski sieht auch in Szenen von eher spirituellem bzw. integ-ralem Selbstverständnis eine wachsende Bereitschaft, dies anzuerkennen und sich aktiv in den Gestaltungsprozess einzubringen. Die Artikelreihe „Matrix der Freiheit“ besteht aus sechs Teilen und will zur Vorbereitung des Kongresses für integrale Politik im Oktober 2008 beitragen. Der folgende zweite Teil zeigt auf, dass der Mythos eines globalen „goldenen Zeitalters“ durchaus einen wahren Kern besitzt: das (prä-)historische Matriarchat. Gandalf Lipinski sagt uns, warum das Wissen um dieses so wichtig ist.
„Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Diese und ähnliche Behauptungen über Gesellschaft und Geschichte werden auch heute noch von vielen Menschen unhinterfragt geglaubt. Ihre Faszination besteht darin, dass sie Teilwahrheiten enthalten. Und ihre Gefährlichkeit darin, dass von diesen Teilaspekten auf das Ganze geschlossen und die anderen Aspekte der Wahrheit dabei vergessen oder verdrängt werden. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ ist deshalb ein so eingängiges Mantra geworden, weil es mittlerweile durch rund sechstausend Jahre geschichtliche Erfahrung fast unwiderlegbar geworden ist. Ob es uns gefällt oder nicht, es drückt schlicht und einfach eine Grundüberzeugung patriarchalen Denkens aus.
Bei Historikern wie bei geschichtlichen „-Laien“ überwiegt ja die Auffassung, die Geschichte der Menschheit habe sich von urzeitlichen Anfängen -quasi als lineare Aufstiegsbewegung von primitiver Wildheit durch immer mehr Bewusstwerdung hin zu unserer modernen Zivilisation entwickelt. Dem steht eine völlig andere Geschichtsauffassung entgegen, die in den Mythen fast aller anderen Kulturen, aber auch noch im Denken des antiken Europas ihren Ausdruck findet: der Mythos vom goldenen Zeitalter. Und überall mutet es an wie ein Ahnen, eine fast vergessene Erinnerung, ein manchmal nur noch schemenhaftes oder verschlüsseltes Wissen um eine Zeit vor unserer Zeit, ein Zeitalter, das anders war als die Zeiten danach. Und was danach kommt, wird oft eher als Abstieg denn als Aufstieg erlebt.
Mythos oder Historie?
Die Quintessenz aller Varianten vom Goldenen Zeitalter ist ganz einfach. Es sind Bilder von überschaubaren Gemeinschaften und einem friedlichen Zusammenleben. Frieden zwischen Göttern und Menschen, zwischen Kultur und Natur, zwischen Frauen und Männern und zwischen den verschiedenen Gemeinschaften. Es sind archaische Urbilder eines wünschenswerten Lebens. Und selbst wenn sie überhaupt keinen realhistorischen Hintergrund hätten – sie sind in so hohem Maß seelische „Grundnahrung“, dass man sie erfinden müsste, wenn es sie nicht gäbe.
Aber es gibt sie, die realhistorischen Hintergründe für die Mythen vom goldenen Zeitalter. Und zwar nicht nur in den Nischen irgendwelcher traumverlorener Südseekulturen, sondern auch und ganz besonders in den Kernbereichen unserer patriarchalen Welt, im alten, vorindoeuropäischen Europa.
Wer nun meint, wir hätten mit dem Zinssystem, dem Materialismus, den herrschenden Wirtschaftsstrukturen überhaupt und anderen Manifestationen neoliberaler Ideologien doch schon genug zu tun, der wird sich vielleicht fragen, ob es wirklich nötig sei, sich mit so weit Zurückliegendem zu beschäftigen. Ihm sei versichert, dass das Ganze kein Ausflug ins Museum wird, sondern eine Grundlagenarbeit zum tieferen Verständnis unserer Gegenwart. Erst wenn wir die „Gewordenheit“ unseres Wir, unserer gesellschaftlichen Realität und unserer kollektiven Welt- und Menschenbilder begreifen, werden wir die -nötige Kompetenz entwickeln können, wünschenswerte, neue und über das Bestehende wirklich hinausgehende soziale Strukturen für eine nachhaltig demokratische, gemeinwohlorientierte und lebensdienliche Gesellschaft aufzubauen.
Um ein anschauliches Bild jener Zeit vor dem Patriarchat zu entwerfen, will ich eine (stark verkürzte und vereinfachte) Darstellung jener Geschichte vor der Geschichte wagen und die Fantasie der Leser ins Europa vor mehr als zehntausend Jahren einladen. Ich stütze mich dabei hauptsächlich auf „Das Patriarchat“ von Ernest Bornemann und werde am Schluss weitere Literaturhinweise geben.
Die Sippe als egalitäre und -mutterrechtliche Gemeinschaft
Die mutterrechtlich orientierte Früh- und Vorgeschichtsforschung geht davon aus, dass es bis in die letzte Eiszeit hinein im indoeuropäischen Raum nur eine Gesellschaftsform gab: Die endogame Sippe.
Das ist eine Gruppe von Frauen, die gemeinsam mit ihren Kindern und Männern riesige, schwach bevölkerte Räume durchwandert. Die Menschen leben als Sammler und Jäger, Männer und Frauen tun dies relativ gleichberechtigt, Paarungen finden nur innerhalb der Sippe statt (daher die Bezeichnung „endogam“). Alles außerhalb der Sippe gilt potenziell als Nahrung oder als Nahrungskonkurrent.
Mit dem Beginn der letzten Eiszeit setzt eine dramatische Verschlechterung der -Ernährungssituation ein. Die vorher eher seltene Form der -Großwildjagd wird immer notwendiger und von speziellen Jägergruppen betrieben, die aus Männern bestehen, nicht unbedingt, weil diese das Jagdhandwerk besser beherrschten, sondern weil sie am ehesten über längere Zeit abkömmlich sind. Die Frauen mit ihren Kindern, dem Feuer als Lebenszentrum der Sippe und wahrscheinlich auch schon ersten handwerklichen Produktionen sind weniger geeignet, die Sippe oft wochenlang zu verlassen um den Wanderungen der Herden zu folgen.
Und irgendwann machten dann die Männer-Jägergruppen der einzelnen Sippen auf der Großwildjagd eine sensationelle Entdeckung:
Sie erlebten die Jägergruppen anderer Sippen nicht als Konkurrenten, sondern als Partner, mit deren Zusammenarbeit sehr effiziente Jagdformen überhaupt erst möglich wurden. Die Jagdbündnisse der verschiedenen Sippen machten aber nicht nur die Treibjagd möglich. Sie blieben bestehen und festigten sich auch über die Eiszeit hinaus. Die menschliche Gesellschaft besteht jetzt nicht nur aus einer kleinen Sippe von vielleicht 30 bis 50 Individuen, sondern aus einem Verbund miteinander kooperierender Sippen. Wo die gemeinsame Jagd möglich ist, da entdeckt man auch andere Felder, auf denen Zusammenkommen oder Austausch für alle Beteiligten von Vorteil ist.
Aus den Jagdbünden entwickeln sich bis zum 8. Jahrtausend v.Chr. Heiratsbünde. Der Genpool der Sippe erweitert sich radikal durch den Austausch von Männergruppen zwischen den Sippen. Bald wird gar die endogame Fortpflanzung zum Tabu. Es entsteht die exogame Sippe, welche mit ihren Schwestersippen durch den Austausch von Männern verbunden ist. Es entstehen matrilineare und matrilokale Verwandtschaftsstrukturen. Man gilt als verwandt, wenn man von der gleichen Mutter abstammt, Kinder leben selbstverständlich in der Sippe ihrer Mütter, die Männer sind das bewegliche Element. Sie folgen ihren Frauen in deren Sippe und gehen gegebenenfalls, wenn es nicht klappt, in die Sippe ihrer Mütter zurück. Vielleicht leben einige Sippen unter günstigen Bedingungen im Sommer schon eine Zeitlang zusammen, bevor sie sich im Winter wieder in kleinere Verbände aufteilen. Das Zusammenleben der Sippen in den Schwesternschaften wird von ihrem natürlichen sozialen Zentrum her, von den Mütterräten bestimmt.
Matriarchale Kultur
Die ersten Schwesternschaften (später wird man sie Clans nennen) schließen sich zu noch größeren Gebilden, zu Stämmen zusammen. Diese leben noch lange in halbnomadischer Weise in Sommer- und Winterlagern. Die Kerngemeinschaften der Sippen erleben einen ungeheuren Aufschwung durch diese Zusammenschlüsse, sie lösen sich aber nicht in sie hinein auf, sondern bilden die Basis einer funktionierenden Stammesgesellschaft. Die Mütterräte haben das Wohl der Gemeinschaft im Auge, Frauen und Männer haben durchaus nicht dieselben, aber ähnliche und gleichwertige Privilegien. Wir dürfen in diesen mutterrechtlichen Kulturen von eher flachen Hierarchien und einer weitgehenden gesellschaftlichen Gleichberechtigung ausgehen. Wenn hier überhaupt schon von Eigentum die Rede ist, dann ist es im Wesentlichen Sippeneigentum.
Viele Matriarchatsforscherinnen und -forscher sind geneigt, in dieser Zeit das Urbild aller später oft als goldenes Zeitalter bezeichneten Kulturen zu sehen.
Die soziale Grundstruktur dieser Kultur bleibt bestehen, auch wenn langsam der Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur zu Garten- und Ackerbau stattfindet. Schließlich finden wir auch Städte, die in den zivilisatorischen Standards durchaus den späteren sumerischen Städtekulturen vergleichbar sind. Es gibt allerdings entscheidende Unterschiede. So finden wir in den mutterrechtlichen Städten zum Beispiel weder Waffen noch Verteidigungsanlagen.
Wenn es stimmt, dass der Krieg wirklich „Vater aller Dinge“ ist, dann wäre dieser Vater zumindest in den Tausenden Jahren friedlicher Entwicklung matriarchaler Kulturen noch nicht aufgetaucht.
Heute dagegen beherrscht das Patriarchat – und damit der Krieg – fast den ganzen Globus. Es gibt -Reste mutterrechtlicher Kulturen in Mexiko, -Südchina, Afrika und auf Sumatra. Doch wenn nicht aus dem Herzen der patriarchalen Welt heraus die Wende eingeleitet werden kann, dann scheint auch das Schicksal dieser Nischen besiegelt zu sein.
Wann, wo und wie das Patriarchat nun aufgetaucht ist und was es in seiner Essenz bedeutet, das soll in der dritten Folge behandelt werden.
Der Verlust des Matriarchats –Tragödie für beide Geschlechter
Was tun wir mit dem Wissen um einige Jahrtausende friedlicher und egalitärer Menschheitskultur vor dem Beginn des Patriarchats? Wem nutzt dieses Wissen? Wer will es fördern, wer eher unterdrücken? Und ist die Frage erlaubt, wer der Erbe dieses Wissens ist?
Auf der Suche nach einem Verleger für das zuletzt an dieser Stelle vorgestellte Geschichtsbuch „Vom Matriarchat zur Moderne“ wurde der Autor Bernd Hercksen wiederholt auf „Frauenverlage“ verwiesen. Und in der Tat: Wir stoßen beim Thema Matriarchat/Patriarchat immer wieder auf das tiefsitzende Fehl- und Vorurteil, es handle sich hier um ein Frauen-thema. Der Unterschied zwischen Matriarchat und Patriarchat bestehe eben darin, dass im Patriarchat die Frauen von „den“ Männern unterdrückt würden und im Matriarchat sei es halt umgekehrt. Dieses Fehlurteil führt bis heute zu völlig abstrusen und überflüssigen Grabenkämpfen zwischen Frauen und Männern bis hin dazu, dass es fast zu einer Glaubensfrage hochstilisiert wird, ob man sich denn eine Gesellschaft des quasi umgekehrten Patriarchats überhaupt vorstellen kann oder will.
Mit der Realität der vorgestellten mutterrechtlichen Gesellschaften haben solch abstrakte Pseudogefechte nichts zu tun. Patriarchat ist nicht die Herrschaft „der“ Männer, sondern des einen über alle, ist das Prinzip der Herrschaft an sich. Und Matriarchat ist nicht die Unterdrückung des Mannes, sondern eine -egalitäre Gemeinschaftskultur unter mutterrechtlichen Verwandtschaftsregeln.
Wenn sich unser Bewusstsein an dieser entscheidenden Stelle vom Vorurteil zum fundierten Urteil fortentwickeln könnte, hätten wir nicht nur einen wichtigen Schritt hin zum Frieden zwischen -Frauen und Männern getan. Wir hätten beim Vollzug -dieser Erkenntnis eine beispielhafte Wende mit nachhaltiger politischer Wirkung vollzogen. Wir hätten unser Denken vom alten Muster „Es tut was weh, also muss es einen Schuldigen geben!“ emanzipiert, und wir rückten näher an die Möglichkeit, die Destruktivität des herrschenden Systems zu durchschauen. Wir bräuchten unsere Aufmerksamkeit nicht mehr von der Jagd nach Sündenböcken ablenken lassen und könnten unsere Fähigkeit kultivieren, nicht mehr gewollte oder funktionierende Strukturen durch gewollte und funktionierende zu ersetzen. Wir hätten uns von kindlichen „Du bist Schuld!“-Sagern zu politisch reifen, erwachsenen Individuen entwickelt.
Die Zukunft wurzelt in der Vergangenheit
Selbsterkenntnis ermöglicht Transformation. Das gilt für das Kollektiv genauso wie für das Individuum. Wenn wir als Individuum nicht wissen, wer wir sind und woher wir kommen, erschöpfen wir uns manchmal ein Leben lang im Kampf gegen falsche „Feinde“. Auf der gesellschaftlichen Ebene können wir das gleiche beobachten.
Ähnlich wie der Kampf gegen „die“ Männer zu Gegenschlägen gegen „die“ Feministinnen führte und damit das Menschheitsthema des Wandels zum Patriarchat eher verschleiert wurde, ist auch der Marxismus „verbogen“ worden. Anstatt das System hinter dem Kapitalismus (das Patriarchat) in Frage zu stellen, haben die meisten Sozialisten lieber systemimmanent die Machtfrage gestellt, „die“ Unternehmer zu Sündenböcken gemacht und damit Monstren wie den Staatskapitalismus und den Stalinismus geschaffen. Statt die destruktiven Konsequenzen des Zins- und Zinseszinssystems zu durchschauen, wurden im Nazideutschland „die“ Juden zu Sündenböcken gemacht. Bei drohenden Arbeitsplatzverlusten durch Dumpingkonkurrenzen suchen immer noch viele die Schuld bei Ausländern, statt in der neoliberalen Globalisierungslogik. Und wenn dem Sozialstaat das Geld ausgeht, versteht man das lieber nicht als logische Folge des Renditezwanges eines exponentiell ausufernden Finanzsystems, sondern macht lieber die Alten oder die Arbeitslosen zu Sündenböcken.
Politik aus einem ganzheitlich-spirituell-integralen Bewusstsein heraus zu betreiben, müsste in meinen Augen aber unumgänglich die historischen Dimensio-nen unseres gesellschaftlichen „So-Gewordenseins“ mit umfassen. Nur ein Miterfassen der zeitlichen Tiefendimensionen unserer Gegenwart befähigt uns, vom üblichen Mechanismus der Sündenbocksuche abzulassen und die gesellschaftlichen Krisen als systemische Krisen zu durchschauen. Ob uns das gelingen wird? Ich glaube schon! Wenn wir bereit sind, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen, werden wir dort den einen oder anderen Schlüssel für die Zukunft finden.
Ich möchte diesen Teil mit einem Zitat aus Tankred Dorsts „Merlin oder das wüste Land“ beenden: „Merlin, was ist eine Vision?“ – „Eine Vision ist, wenn die Raupe den Schmetterling versteht.“ ´
Vertiefende und weiterführende Literaturliste zum zweiten und dritten Teil der Serie:
Ernest Bornemann: „Das Patriarchat“
Maria Gimbutas: „Die Zivilisation der Göttin“ und „Die Sprache der Göttin“
Elisabeth Gould Davis: „Am Anfang war die Frau“
Riane Eisler: „Kelch und Schwert“
Carola Meier-Seethaler: „Ursprung und Befreiung“
Lewis Morgan: „Die Urgesellschaft“
Jean Auel „Das Tal der Pferde“ (Roman)
Außerdem: Die Mama-Anarchija-Serie von Jochen Schilk in dieser Zeitschrift und die Thesen von James de Meo, die aber meines Wissens in Deutschland noch nicht als Buch vorliegen.
Bernd Hercksens neues Buch ist noch nicht erschienen, die Inhalte sind aber bereits auf seiner Internetseite aufbereitet:www.matriarchat-patriarchat.de.
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