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Alternative Alchemie
erschienen in Ausgabe 154  PDF-Version (386.5 KB)
Von alternativen Einzelbewegungen zur integralen Systemalternative.

Die Hoffnung auf eine gerechte und von spirituellen Grundsätzen getragene Gesellschaft erscheint heute mehr denn je als Utopie – Kommerz und Arbeitshetze bestimmen den Alltag, alternative Ansätze einer anderen Zukunft versinken in allgemeiner Beliebigkeit. Um grundlegende Veränderungen durchsetzen zu können, müssten die Menschen mit einem kulturkreativen Bewusstsein ihre gegenseitige Isolation überwinden und ein neues gemeinsames Bewusstsein entwickeln. In diesem Beitrag möchte ich auf der Grundlage meines Buchprojekts „Rückblick auf eine andere Zukunft“ die Chancen einer solchen Perspektive sichtbar machen.

Die mittelalterliche Alchemie versuchte, unedle Materie in edle zu verwandeln, z.B. in Gold. Zunächst wurden dabei den uned-len Stoffen ihre unedlen Prinzipien abgenommen, um sie empfänglich für edle Prinzipien zu machen. Mit „alternativer Alchemie“ ist in diesem Zusammenhang der Versuch gemeint, die unedlen (patriarchalen) Bestandteile und Verunreinigungen verschiedener historischer und zeitgenössischer Bewegungen zu entfernen, um ihre edlen Bestandteile wirksam werden zu lassen. Würden zum Beispiel die autoritären und staatssozialistischen Elemente der Arbeiterbewegung herausgefiltert, dann erhielte man eine matriarchale Version, die in vielem mit dem Anarchismus identisch wäre.
Hinter einem solchen „alchemischen Prozess“ steht der Gedanke, dass die Reste der alten, lebensbejahenden Weltordnung des Matriarchats auch im Patriarchat in einer untergründigen Traditionslinie weiterleben. Das Erbe dieser viele Jahrtausende währenden Menschheitsepoche ist dabei immer mehr in einzelne Elemente und Teilbereiche zerbrochen und zersplittert, deren gesellschafts- und bewusstseinsverändernde Kraft durch ihre Vereinzelung und durch ihre Vermischung mit patriarchalen Elementen immer geringer geworden ist.
Diese Splitter nach dem Muster des ursprünglichen Matriarchats wieder zusammenzubringen, scheint mir die wichtigste Aufgabe in der gegenwärtigen postmodernen Epoche zu sein. Das Ergebnis wäre aber keine Kopie des alten Matriarchats, sondern eine neue und andere Welt.

Matriarchat und Frauenbewegung
Der wichtigste Zusammenhang besteht wohl darin, dass aus der Frauenbewegung heraus die revolutionären Erkenntnisse der modernen Matriarchatsforschung entstanden sind. Diese interdisziplinäre Forschung arbeitete aus dem zuvor sehr unscharfen und widersprüchlichen Bild des frühgeschichtlichen Matriarchats die Konturen einer „anderen Welt“ heraus, die fast das genaue Gegenteil des nachfolgenden Patriarchats war: friedlich, ohne Herrschaft und Ausbeutung, mit Gemeinschaftseigentum und vor allem mit einer Spiritualität, die alle Lebensbereiche umschloss – die heutige Trennung von Profanem und Heiligem gab es damals nicht. Diese Epoche hinterließ einen großen Erfahrungsschatz menschenfreundlicher und an die Ökologie des Planeten angepasster Kulturtraditionen.

Spiritualität
Der antike Frühkapitalismus – die durch das neue Münzgeld dynamisierte patriarchale Eigentumswirtschaft – zersetzte die alte Welt des Götterglaubens und des Königtums zugunsten der Konkurrenz von Kapitalbesitzern. Die Menschen der Oberschicht erlebten sich als voneinander isolierte Individuen mit einer individuellen Seele. Ihre Sehnsucht nach einer neuerlichen Verbindung dieser Seele mit dem Weltganzen führte zur Entstehung von esoterischen Geheimlehren, rationalen Philosophien und theologischen Hochreligionen. Leider betrachteten die -neuen spirituellen Lehren das Destruktive im Menschen und in der Gesellschaft oft nicht als Ergebnis einer geschichtlichen Fehlentwicklung, sondern verewigten es in ihrer Lehre. Ihre Beschränkung auf das individuelle Seelenheil behinderte dabei den Aufbau -spirituell-lebenspraktischer Gemeinschaften.

Das Christentum
Der Leben-Jesu-Foscher Herbert Ziegler schreibt in seinem „Ur-Evangelium“: „Jesu Auftrag an die Menschen lautete damals und heute, aus der ganzen Menschheit eine Gesellschaft universeller Solidarität zu machen: das Reich Gottes“. Alle Charaktereigenschaften, die man Jesus nachsagt, gelten im patriarchalen Weltbild als „weiblich“: Sanftmut, Güte, Friedfertigkeit, Fürsorge, Demut, Aufopferung usw. Nach dem Tod Jesu versuchten seine Jünger und die ihm besonders verbundenen Frauen, seine Botschaft in urchristlichen Gemeinschaften zu verwirklichen. Ein entschiedener Gegner dieser Judenchristen war Paulus. Er pervertierte die revolutionäre Liebesbotschaft Jesu zu einer jenseitigen Theologie, mit der er die Bedürfnisse der römischen Mittel- und Oberschicht bediente. Doch der ursprüngliche Geist des Evangeliums und des Urchristentums ließ sich nie mehr völlig unterdrücken und brachte in der weiteren Geschichte unzählige religiöse Erneuerungsbewegungen hervor.

Das Mittelalter
Unter einer abstoßenden patriarchalen Oberfläche verbarg sich im Mittelalter eine Lebensqualität, die viele matriarchale Elemente enthielt. Dazu gehörten vor allem das Gemeinschaftsleben und die Tradition der Selbstverwaltung in den Zünften der Handwerker und, in den Dörfern der Bauern, das auf matriarchale Traditionen zurückreichende Wissen der Heilerinnen und Heiler. Auch gab es keine Trennung zwischen Religion und Spiritualität auf der einen und Kommerz und Politik auf der anderen -Seite. Die kulturbestimmende Kraft Kirche war allerdings eine Herrschaftsinstitution; sie konnte eine einheitliche und alle Bereiche umfassende Glaubenswelt nur mit Zwang durchsetzen. Damit gelang ihr immerhin eine gewisse Humanisierung und Zivilisierung der vorher sehr brutalen patriarchalen Machtstrukturen. Im Unterschied zur Antike gab es im Hoch- und Spätmittelalter keine Sklavenwirtschaft, auch die Einkommensunterschiede waren wesentlich geringer. Das war vor allem das Ergebnis des zinsfreien Brakteatengeldes und des Gemeineigentums an Boden, der nicht als Privatbesitz verkauft werden konnte. Nicht zu vergessen ist außerdem, dass die Kirche mit der Marienverehrung die restmatriarchalen spirituellen Vorstellungen der Bevölkerung integrierte. Gerade im Hochmittelalter kam es im Zusammenhang mit einem wahren Boom an Marien- bzw. Schwarzer-Madonnen-Verehrung zu einer deutlichen gesellschaftlichen Aufwertung der Frau.

Aufklärung und Liberalismus
Die neue materialistische Weltanschauung entstand in bewusstem Gegensatz zum Christentum des Mittelalters aus dem Modell eines leeren Weltalls, in dem tote Himmelskörper nach physikalisch-mathematischen Gesetzen ihre Bahn um ein Zentralgestirn ziehen. Genauso voneinander isoliert kreisten die -Individuen im Weltbild des Liberalismus um das Zentralgestirn des Staates. Später schuf Adam Smith ein ähnliches Volkswirtschaftsmodell, bei dem die Wirtschaftsteilnehmer kleine Rädchen im Getriebe der großen Wirtschaftsmaschine sind. Die Individuen seien egoistisch und nur auf ihren Vorteil bedacht – die Moderne erhob das asoziale Verhalten des Menschen zur Grundlage ihrer Weltordnung.

Die Romantik
Das Bürgertum flüchtete vor dem Elend der industriellen Revolution in die Welt der Romantik. Die matriarchalen Elemente, die in Naturschwärmerei und Zivilisationskritik enthalten waren, konnten sich aber nicht entfalten und verwirklichen, weil die Romantik immer nur individueller Gefühlskult und bloßes Gegenbild zu einer industriellen Megamaschine blieb, deren Institutionen und ideologische Fundamente sie nie grundlegend in Frage stellte.

Die Umweltbewegung
Die sich bereits ab 1900 entfaltende Umweltbewegung blieb lange Zeit zwischen Naturwissenschaft und Naturschwärmerei gefangen. Erst in letzter Zeit eröffnet die Tiefenökologie einen Zugang zu einem vertieften, auf matriarchalen Grundlagen wurzelnden Naturverständnis.

Die Arbeiterbewegung
Die Arbeiterbewegung war anfangs antiautoritär und regional verwurzelt, doch je mehr dieses Zunft-Erbe durch Fa-brikdisziplin und andere bürgerliche Einflüsse verschwand, desto mehr trat das marxistische Ziel der Eroberung der Staatsmacht in den Vordergrund, das die Arbeiter zu gehorsamen Untertanen der Riesenapparate von Partei und Gewerkschaft machte. In der Folge spalteten sich die Anarchisten, die weiterhin der ursprünglichen antiautoritären Tradition die Treue hielten, von der Sozialistischen Internationale ab. Beiden Fraktionen gemeinsam war die Forderung nach Gemeineigentum an Boden und Produktionsmitteln.

Bürgerliche Reformbewegungen
Während die Arbeiterbewegung die industrielle Megamaschine erobern und umformen wollte, formierten sich im bürgerlichen Lager zahlreiche Einzelbewegungen wie die Frauen-, Jugend-, Lebensreform-, Naturschutz, Siedlungs- und Friedensbewegung, die Geld- und Bodenreformbewegung und auch nicht-christliche spirituelle Richtungen.
Nimmt man alle bürgerlichen und proletarischen Forderungen zusammen und filtert ihre patriarchalen Relikte heraus, so erhält man die Konturen einer nachpatriarchalen Gesellschaftsordnung, die sich aber bislang nicht durchsetzen konnte, weil sie erstens in die zwei großen Blöcke der sozialistischen Arbeiterbewegungen und der bürgerlichen Reformbewegungen und zusätzlich noch innerhalb dieser Blöcke in viele Einzelbewegungen gespalten waren. Bei der Arbeiterbewegung waren das z.B. nach dem Ersten Weltkrieg Anarchisten, Sozialdemokraten und Kommunisten, dazu gab es noch die Spaltung in Gewerkschaft kontra Partei, Konsum- kontra Produktivgenossenschaft.

Von 1968 zu den Globalisierungskritikern
Fast alle Bewegungen der Weimarer Zeit tauchten seit 1965 wieder aus der geschichtlichen Versenkung auf. Hauptsächlich durch ihr Engagement verwandelte sich das autoritäre Herrschaftssystem in ein liberales, in dem die Integrationsmechanismen der Megamaschine allerdings heute viel stärker als früher sind. Darum ist schon vom Ende der Geschichte in der postmodernen Gesellschaft die Rede. Doch nicht die Geschichte, sondern das Patriarchat ist mit seinen Möglichkeiten am Ende. Das zeigt sich insbesondere an der Tatsache, dass die Belastung der Umwelt ihre maximale Grenze erreicht hat. Die Fähigkeit der globalisierten Nationen zur Kurskorrektur ist viel zu gering, um wirkungsvoll gegensteuern zu können. Die Titanic der globalen Welt steuert mit Volldampf auf einen deutlich erkennbaren Eisberg zu.
Es wird Zeit für eine wirkliche Wende. ´


Bernd Hercksens neues Buch ist noch nicht erschienen, die Inhalte sind aber bereits auf seiner Internetseite aufbereitet:www.matriarchat-patriarchat.de.


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Hercksen, Bernd

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