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Andere Welten gibt es schon!
erschienen in Ausgabe 154  PDF-Version (189.84 KB)
Claudia Flatten und David Moya berichten vor ihrer Forschungsreise zu Gemeinschaften in Europa. Teil 5.

In einigen jüngeren Ausgaben der KursKontakte haben die beiden Forschungsreisenden über Initiativen und Netzwerke in Frankreich und Spanien berichtet. Nun stellen sie abschließend das -überaus erfolgreiche Madrider Gemüse-Kollektiv BHA vor und geben eine Einschätzung der spanischen Alternativszene.


Wir sind auf unseren Reisen durch Spanien hauptsächlich in der nördlichen Hälfte des Landes unterwegs gewesen. Hier befinden sich die meisten Gemeinschaftsprojekte. So haben wir unter anderem das internationale und politische Gemeinschaftsprojekt Escanda in Pola de Lena (Asturias) besucht, wie auch das Ökodorf Matavenero in El -Bierzo (León) das Ökodorf Lakabe in den Pyrenäen (Navarra), die Gemeinschaft Ecotopia in der Sierra de Gata (Extremadura), die Gemeinschaft Llanos in Cantabria, sowie die Gemeinschaft Amayuelas in der Provinz Palencia und das Kollektiv BAH in Madrid. – Was ist nun das Besondere an den Gemeinschaftsprojekten in Spanien?
Im Laufe unserer Reise konnten wir feststellen, dass sich die diversen Alternativprojekte, die wir in verschiedenen westeuropäischen Ländern besucht haben, sehr voneinander unterscheiden. Auch wenn sie insgesamt ähnlichen oder gar gleichen Zielen entgegenstreben, so kann doch die Definition dessen, was denn nun „alternativ“ ist, je nach Land oder gar Region anders ausfallen. Eine Alternative ist schließlich immer eine Antwort und Reaktion auf eine Ausgangslage, die gerade als Standard anerkannt ist, beziehungsweise auf einer bestimmten Historie basiert. Eine Alternative sucht neue Möglichkeiten, andere Lösungsformen zu den gegebenen Bedingungen, antwortet auf unterschiedliche Bedürfnisse und ist damit unter anderem geographisch und kulturell bedingt. In Spanien fanden in den letzten Jahrzehnten andere Zwischenschritte auf der Suche nach alternativen Lebens- und Organisationsformen statt als in anderen Ländern Westeuropas.
In Deutschland hatten die Bewegungen der 60er-,-70er- und 80er-Jahre einen großen Einfluss auf die Entwicklung der alternativ-ökologischen und generell politischen Szene von heute. Gerade die 80er, die Gründung der Grünen, der Schock von Tschernobyl und auch die mannigfaltigen Experimente mit dem Gemeinschafts-leben waren wegweisend für heutige Ansichten und die weitere Suche.

Spaniens Alternative: frisch und dynamisch
Ganz anders hingegen die Entwicklung in Spanien. Seit dem Ende der spanischen Republik in den 30ern, also nach dem spanischen Bürgerkrieg, während der Diktatur Francos bis in die 70er-Jahre hinein, waren Begriffe wie „kollektiv“ oder eine Suche nach gemeinschaftlichen Lebens- und Organisationsformen im Land strikt untersagt. Die in Spanien fast fehlende ökologische Debatte in den 70ern und 80ern hatte zur Folge, dass sich der Gedanke einer ökologischen Lebensform erst noch langsam in die Köpfe aller vorarbeiten muss. Andererseits erlaubt dieses Fehlen auch eine große Frische und Dynamik, die man heute in der mannigfaltigen, spanischen Alternativszene wahrnehmen kann. Die Experimentierfreudigkeit ist groß. Dem sogenannten „Öko“ hängt kein typisches Vorurteil an. So haben wir in Spanien teilweise völlig neue Wege beobachten und studieren können. Manche der dort besuchten Ökodörfer und Gemeinschaften hatten manchmal erstaunlich wenig gemein mit dem, was wir bisher auf unserer Reise gesehen hatten. Zum einen liegt das natürlich an offensichtlichen Kriterien wie der Geographie und dem damit verbundenen Klima. So haben wir Gemeinschaften in sehr abgelegenen und einsamen Regionen in den Bergen vorgefunden, die nur nach einem längeren Fußmarsch zu erreichen sind. Die Möglichkeit, sich in solch menschenleeren Orten ansiedeln zu können, hängt unter anderem mit der geringen Bevölkerungsdichte Spaniens zusammen. So erzählte man uns im Ökodorf Matavenero (momentan rund 80 BewohnerInnen) von den ersten Jahren ihrer Gründungszeit: von all ihrer Euphorie an diesem paradiesischen Fleckchen Erde, aber auch von der schweren physischen Arbeit, die sie letztlich in diesen ersten Jahren als Gemeinschaft enorm zusammengeschweißt habe. Sie hätten alles Baumaterial zu Fuß oder zu Pferd über die Berge getragen. Das erste Jahr diente ausschließlich der Herstellung von Wasserkanälen, um die Trinkwasserversorgung für das Dorf sicherzustellen. So war es dort nicht nur eine politische Entscheidung, keine Elektrizität zu verwenden …
Doch nicht nur in entlegenen Provinzen, auch in der Hauptstadt gibt es Kollektive, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen.

Gemüsegärten statt Asphalt
Im September 2006 konnten wir in Madrid das Kollektiv BAH besuchen (Bajo el Asfalto está la Huerta: „Unter dem Asphalt liegt der Gemüsegarten“). Nach und während der gemeinsamen Arbeit konnten wir einige GründerInnen und neuere Mitglieder interviewen.
Der Name des Kollektivs verweist auf das Problem der zunehmenden großen Bauvorhaben in den meisten spanischen Städten. Der Wirtschaftsaufschwung bringt den Bau vieler neuer Wohneinheiten mit sich, was wiederum eng mit Spekulationsgeschäften verbunden ist. Der größte Wirtschaftssektor in Spanien ist derzeit das Baugeschäft. Die Bevölkerung investiert hauptsächlich in den Kauf von Häusern und Wohnungen, so dass die Kaufpreise stetig ansteigen und die interne Wirtschaft schon „economía del ladrillo“ genannt wird – Ziegelsteinökonomie. Oft werden hierfür Landflächen geopfert, die mit besonders guter und fruchtbarer Erde seit jeher dem Obst- und Gemüseanbau gedient hatten.
Das BAH versteht sich als eine soziale, wirtschaftliche, ökologische und vor allem politische Institution. Das Kollektiv ist selbstverwaltet und unabhängig. Es wurde 1999 gegründet, „um Theorie und Praxis zu vereinen“, wie die Mitglieder sagen, und „um eine wahrhaft soziale Ökologie hervorzubringen“. Es ging um ein landwirtschaftliches Ökosystem, in dem eine lokale Produktion und Verwendung ökologischer Erzeugnisse gewährleistet und somit auch ein ökologischer Konsum ermöglicht wird. So sollen Umwelt und Kulturgut geschützt werden und eine starke regionale, soziale Vernetzung zwischen allen Beteiligten entstehen.
Kernidee des Kollektivs ist die Ausübung von Partizipation und direkter Demokratie. Alle Mitglieder besorgen sich gemeinsam ein Stück Land und alles, was für den Anbau, die Pflege und die Ernte der biologischen Nahrungsmittel nötig ist, wie Werkzeuge, Samen, Kenntnisse, Maschinen, Wasser usw.

Revolutionäres Gärtnern
Die ersten Anbauflächen des BAH waren lange nicht genutzte Ackerflächen, die von den Mitgliedern kurzerhand besetzt wurden. Mittlerweile werden die Flächen gepachtet. Die Teilnehmenden verteilen die Ernte zum Eigenverzehr unter sich auf. Die Produktionsgüter gehören dem Kollektiv der Produzenten und Konsumenten. Bei den regelmäßigen Versammlungen treffen sich sowohl diejenigen, die in Vollzeit im Gemüse- und Obstanbau arbeiten, als auch die Mitglieder der verschiedenen „Konsumgruppen“. In diesen Asambleas werden alle Entscheidungen gemeinsam getroffen, z.B. auch, wer für welches Gehalt im Anbau arbeitet. Ebenso dürfen sich Nicht-Experten um Mitarbeit bewerben. Durch Kurse, Beobachtung und den Austausch mit den anderen erlernen sie in autodidaktischer Form das nötige Handwerk und Wissen.
In ganz Madrid gibt es bereits vier verschiedene BAHs. Sie wurden nach und nach gegründet, da ein BAH eine bestimmte Teilnehmerzahl nicht überschreiten sollte, damit die aktive Partizipation aller Teilnehmenden und das basisdemokratische Konzept gewährleistet bleibt. Das erste und größte BAH umfasst 120 Personen. Es beherbergt insgesamt elf Konsumgruppen, die sich je nach Stadtviertel und geographischer Lage zu einer Art Nachbarschaften zusammengetan haben.

Nachhaltige öko-soziale Veränderung
Die Mitglieder der Konsumgruppen verpflichten sich jeweils für ein Jahr, Lebensmittel von ihrem BAH zu beziehen. Sie bestimmen selbst, wie sie sich organisieren, zum Beispiel die Abholung der Ware, oder den Ort und die Art der wöchentlichen Verteilung der Lebensmittel in ihrem Stadtviertel. Das ist auch eine beliebte Möglichkeit, sich einmal wöchentlich zu sehen und auszutauschen. Sie treffen sich aber zusätzlich noch einmal im Monat, um die interne Organisation zu koordinieren. Alle Konsumgruppen-Mitglieder bezahlen einen bestimmten Betrag für den wöchentlichen Warenkorb, den sie selbst festlegen.
Diejenigen, die sich für ein Jahr Anbau und Ernte verpflichtet haben, müssen so viel Produktion erbringen, wie die BAH-Mitglieder im Jahr benötigen. Ziel ist es, irgendwann alle Lebensmittel über das BAH erhalten zu können. Eine interne Bäckerei versorgt die Konsumgruppen mit Backwerk, andere Mitglieder produzieren Marmeladen, Konserven, Brotaufstriche oder sogar selbst hergestellte Zahnpasta und Creme.
Damit sich die Konsumgruppen auch in den Entscheidungsprozessen mit den Anfragen und -Problemen aus dem Anbau identifizieren können, fahren -diese jeweils einen Sonntag pro Monat auf die Felder und packen mit an. Die Anbauflächen befinden sich im Umland von Madrid. Meist sind dies gerade sehr begehrte Grundstücke für Siedlungen gehobeneren Wohnstandards. Bewusst wollen die BAH Widerstand leisten gegen diese Bauvorhaben und stattdessen die Tradition des lokalen Landbaus wieder stimulieren.
In den Interviews wurde uns bestätigt, dass durch den Beitritt ins BAH viele soziale Kontakte im eigenen Stadtviertel entstehen. Das Engagement des Kollektivs geht somit weit über die Produktion biologischer Lebensmittel zum Selbstverbrauch hinaus. Arbeitsplätze werden geschaffen, und eine klare Alternative zum herkömmlichen Konsum und Umgang mit (industriell hergestellten) Lebensmitteln wird vermittelt. Es soll auch ein Schritt sein gegen das soziale Ungleichgewicht in benachteiligten Produktionsländern und gegen die ökologischen Schäden, die Transport und industrielle Produktion mit sich bringen.
Ein- bis zweimal im Jahr treffen sich alle Teilnehmenden einen ganzen Tag lang im außerordentlichen Plenum. Dort wird zum einen der Werdegang des Kollektivs an sich evaluiert und zum anderen diskutiert, an welchen anderweitigen Aktionen VertreterInnen des BAH teilnehmen sollten: Welche weiteren Vereine oder Bewegungen sie im folgenden Jahr stark stützen wollen oder wie sie ihre Botschaft mit Konferenzen über das BAH und die Idee der Sozialökologie nach außen tragen können. So hat fast jedes Mitglied eine Aufgabe im Geschehen des Ganzen, sei es im administrativen, politischen oder im Bildungsbereich.
Dieses Jahr hat sich innerhalb eines BAH-Kollektivs eine Gruppe für interne Gesundheit gegründet. Dabei handelt es sich nicht nur um die Produktion von Heilmitteln auf Pflanzenbasis, sondern auch um das Angebot von Therapien, Gesprächen und anderen Methoden zur Vorbeugung von Krankheit. Mittlerweile finden sich auch in anderen Städten Menschen zusammen, um ein BAH in ihrer Nachbarschaft zu gründen.

Einer unserer nachhaltigsten Eindrücke ist der, dass jede Gemeinschaft, egal in welchem Land, eine völlig eigene Einheit ist. Jede hat ihre eigene Ausrichtung, sowohl in Organisation und Ziel, als auch in Form und Anspruch und unterscheidet sich somit tiefgreifend von allen anderen. Es ist die Vielfalt der Gemeinschaftsbewegung, die uns stark beeindruckt hat.
Im nächsten und vorerst letzten Artikel unserer Serie wollen wir auf diesen Punkt noch näher eingehen. Wir möchten auch die Schlussfolgerungen aus unseren bisherigen Reisen ziehen und mitteilen, an welchen Projekten wir aktuell arbeiten und wie es bei uns in den nächsten Jahren weitergehen wird. ´

Claudia Flatten (32), Bildhauerin und System-Designerin, arbeitet für die nachhaltige ländliche Regionalentwicklung.
David Moya (30), Anthropologe, widmet sich dem Studium des menschlichen Verhaltens. Besonders interessieren ihn die Bedingungen für kulturellen Wandel in Gesellschaften. Kontakt zu beiden über: OISA.info@gmail.com>


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Claudia Flatten, David Moya

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