|
| Gestern Utopie, heute Wirklichkeit |
|
|
Bericht von der internationalen Gemeinschaftskonferenz ICSA in Damanhur.
Alle drei Jahre tagt die internationale Konferenz der „International Communal Studies -Association“ (ICSA). Unter dem Motto „Gestern Utopie, -heute Wirklichkeit“ trafen sich im Juni dieses Jahres rund 200 Gemeinschaftsforscher aus fast allen Teilen der Welt zu einem Erfahrungsaustausch in -Norditalien. Die Forscherinnen und Forscher leben zum Teil in Gemeinschaften, teils lehren sie an Universitäten. Die einwöchige Veranstaltung sah ein vielfältiges Programm vor, bestehend aus zahlreichen Vorträgen, Besichtigungen der Gastgebergemeinschaft Damanhur und einer Post-Conference-Tour zu einem weiteren Ökodorf.
Die Tagung begann mit Vortragsveranstaltungen und anschließenden (für meine Begriffe zu) kurzen Diskussionen. Traditionell gab es wieder zwei Schwerpunkte: Der eine davon war diesmal die Kibbuzbewegung, die durch ihre Verbindung zwischen gelebter Praxis und systematischer Forschung beeindruckte. Hier wurden mehr als auf den anderen Veranstaltungen fundierte Ergebnisse über Erziehung oder sozialpolitische Tendenzen präsentiert und diskutiert. Spannend waren die Diskussionen zwischen der älteren, eher idealistischen Generation und den Jüngeren, die das Kibbuzmodell individualisieren, zur Gesellschaft öffnen und den Schwerpunkt auf Erziehung legen wollen.
Die Vielfalt der Gemeinschaftsbewegung
Zum anderen kam ein Großteil der Vortragenden aus den USA, die besonders über religiöse Gemeinschaftsbewegungen forschen. Das Thema Gemeinschaft hat dort aufgrund der Siedlungsgeschichte eine wesentlich größere Bedeutung als in Europa. Während hier viele traditionelle reli-giöse Gemeinschaftsbewegungen wie die der Baptisten oder die Hutterer unter Verfolgungen litten, fanden sie damals in den USA eine freiheitliche Verfassung und wanderten in großfamilienähnlichen Gruppen dorthin aus. Daher ist der verbliebene Zusammenhalt der individuellen US-Gesellschaft bis heute merklich auf diese Gemeinschaftsstrukturen bezogen.
Dann gab es noch viele Gemeinschaftsmitglieder, die ihre Projekte vorstellten. Es gab konkrete Ökodörfer oder idealistische Konzepte. Außer in der Kibbuzbewegung stand wohl tendenziell das Bemühen, sich als erfolgreiches Projekt vorzustellen und für sich zu werben, mehr im Vordergrund als ehrlich über Probleme zu berichten. Das wäre lehrreicher gewesen – so aber war der Fokus auf das Konstruktive gerichtet und eine Aufbruchstimmung und Zufriedenheit spürbar.
Gemeinschaften in Italien
Schwerpunkt war jedoch, dem Gastgeberland entsprechend, die Situation von Gemeinschaften in Italien. Es wurden vornehmlich Projekte in Aufbauphasen vorgestellt, weil die neuere Gemeinschaftsbewegung noch sehr jung ist.
Unter den italienischen Gemeinschaften nimmt die Gastgebergemeinschaft „Federatione di Damanhur“ in der Region Valchiusella bei Turin eine besondere Stellung ein – wegen ihrer Größe, ihrer entwickelten Sozialstruktur und regionalen Verankerung und nicht zuletzt wegen ihrer besonderen kulturell-spirituellen Ausstrahlung. Vor einigen Jahren erregte sie erhebliches Aufsehen durch ihren unterirdischen Tempelbau, der auch heute noch viele Touristen anzieht. Inspiriert wurde die Gemeinschaft durch den Gründer „Falco“ und dessen Programm der „spirituellen Physik“ und forschenden Meditation. In den letzten 30 Jahren haben sich mehrere hundert Menschen in der Region in „Nucleos“ – das sind Haushalte und Nachbarschaften mit etwa 20 Menschen – angesiedelt. Außer von der spirituellen Philosophie wurden sie offenbar angezogen von neuen kreativen Wegen in der Erziehung, von einer beispielhaften Regionalpolitik und den erfolgreichen ökonomischen Konzepten, z.B. einer eigenen, zinsfreien Währung.
Den Konferenzgästen war es möglich, tiefere Einblicke in das Leben Damanhurs zu gewinnen: beim Abendessen in damanhurianischen Familien, beim Besichtigen des Gesundheitszentrums, der Schule und der Werkstätten. Das stimmungsvolle kulturelle Rahmenprogramm ließ die authentische Kreativität der Gemeinschaft erahnen.
Während der Post-Conference-Tour ging es in das Ökodorf Torri Superiore, in dem etwa 15 Erwachsene aus einem historischen Dorfkomplex ein Ökodorf in der landwirtschaftlich kargen Region der Südalpen aufbauen möchten; vier von ihnen sind Deutsche.
ICSA – quo vadis?
Die Stimmung auf der ICSA-Konferenz war sehr offen und – wie sollte es anders sein – gemeinschaftlich. Viele Gespräche und neue internationale Kontakte ergaben sich beim Essen und in den Pausen. War einerseits ein globaler Geist spürbar, so gab es andererseits doch auch das Gefühl, dass hier nicht die ganze Bandbreite an gemeinschaftlichen Ideen und Projekten vertreten war, dies aber irgendwie hintergründig gewünscht und angestrebt wurde. Auffällig war eben die Vielzahl israelischer und amerikanischer Gäste und Themen, niemand kam aus Asien oder Afrika. Die ICSA entstand als Ableger der „Communal Studies Association“ (CSA) in den USA und ist stark durch deren Ansatz geprägt. Im Vergleich zu traditionellen, bis heute lebendigen Gemeinschaften in anderen Kulturen wie in Afrika und Asien, sind die in der ICSA organisierten „intentionalen Gemeinschaften“, wie sie vor allem in den USA und Europa zu finden sind, eine Form der Wahlgemeinschaft. In ihnen tun sich Menschen bewusst aus eigenen emotionalen oder idealistischen Motivationen zusammen und nicht aufgrund von Normen oder aus ökonomischer Notwendigkeit. Sie werden vor dem Hintergrund einer „vereinzelnden“ Gesellschaftskultur gegründet und sind eine aus den Bedürfnissen der Menschen kommende Bewegung von unten – und damit ganz anders motiviert als traditionelle Gemeinschaften.
Bei den jüngeren und neueren Teilnehmern schien es sich um eine Gemeinschaftsorientierung mit neuen Akzentsetzungen zu handeln, nämlich eine stärkere Betonung der individuellen Freiheit und dem Interesse, diese bewusst mit Wahlgemeinschaft und gemeinschaftlicher Verantwortung zu verbinden. Vielleicht ist diese Intention gerade der Kern von „echter“ – im Sinne von bewusster – Gemeinschaftlichkeit überhaupt und zukunftsweisend. Diesen Fragen muss sich die ICSA früher oder später stellen, wenn sie dem Anspruch, ein internationales Forum für „Communal Studies“ zu sein, gerecht werden will. Ein erweiternder Schritt in diese Richtung war sicherlich, dass auch Vertreter vom „Global Ecovillage Network“ (GEN) sprachen und hieraus zukünftig neue Verbindungen erwachsen können.
Offen ist auch, was unter „Studies“ (Erforschung) verstanden werden soll. Ein Mitbegründer sagte, dass sich die ICSA ursprünglich aus Gemeinschaftsmitgliedern zusammengefunden habe und nicht aus wissenschaftlichen Forschern. Das war auch an den Forschungsmethoden zu merken: dass bestimmte Werte und Ziele vertreten werden, deren Umsetzung in „Lebensexperimenten“ untersucht wird. Es waren aber auch universitäre Forscher anwesend, die von ihren Untersuchungen berichteten. Diese waren etwas distanzierter, unabhängiger und teilten Hintergrund-interpretationen mit, z.B. über die Beeinflussung von intentionalen Gemeinschaften durch Kultur, Religion und Gesellschaft. Berechtigterweise müssen beide Ansätze als Forschung mit wichtigen Beiträgen und Ergebnissen zum Thema „gemeinschaftliches Leben“ anerkannt werden. Wenn sie sich jeweils ihres eigenen Ansatzes und des Werts des anderen bewusst werden, prognostiziere ich einen Quantensprung für das Thema Gemeinschaft: einmal für die Forschungsergebnisse und zweitens in Hinblick auf deren differenzierte Wahrnehmung in der Gesellschaft.
Was die ICSA anbelangt, so hat sie mit ihrem Anspruch „international communal studies“ zu diskutieren, bewusst oder unbewusst bereits eine Plattform eröffnet für den Bau von Brücken zwischen verschiedenen Gemeinschaftsformen sowie zwischen Forschung in Gemeinschaften und in der Wissenschaft. Jetzt gilt es für Gemeinschaftsforscher jeder Couleur, auch über den eigenen Tellerrand zu sehen, um das Wissen aus den Gemeinschaften in die Gesellschaften weiterzuleiten.
Ich bin sicher, die Gesellschaften brauchen diese Impulse für ihre ökologische und soziale Zukunftsgestaltung. Eigentlich warten sie darauf. ´
Iris Kunze, (31), Dipl.-Geographin, lernt und forscht seit zehn Jahren über sozial-ökologische Entwicklung; mehrjähriges Umweltengagement und Leben in Gemeinschaften; Diplomarbeit und derzeit Doktorarbeit über nachhaltige Lebensweisen und intentionale Gemeinschaften (www.uni-muenster.de/Gemeinschaftsforschung).
Weitere Informationen
zur ICSA: www.damanhuricsa.org/icsa,
zu amerikanischen Gemeinschaften: www.ic.org,
zur Kibbuzbewegung: de.wikipedia.org/wiki/Kibbuzim,
zu europäischen Gemeinschaften: www.eurotopia.de, www.gen-europe.org
zur „Federatione di Damanhur“: www.damanhur.info
zu „Torri Superiore“: www.torri-superiore.org
|
| |
Autoren |
|
Kunze, Iris
|
|
|
Partner
|
|
|