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Filme machen, Perspektiven zeigen
erschienen in Ausgabe 154  PDF-Version (169.27 KB)
Die eurotopia-Redaktion sprach mit dem Dokumentarfilmer Andi Stiglmayr.

In Andi Stiglmayrs neuem Film „Menschen Träume Taten“ berichten Menschen aus dem Ökodorf Sieben Linden davon, wie sie versuchen, ihre Träume zu leben. Die künstlerisch freie Dokumentation erzählt wie ein Spielfilm eine Geschichte aus subjektiver Perspektive. Der Regisseur möchte so ein möglichst breites Publikum mit einer Vision ansprechen, die ermutigt, selber aktiv zu werden. Bis zum Sommer 2008 wird der Film im Rahmen des Filmfestivals „ueber morgen“ zusammen mit zwölf anderen herausragenden Filmen zum Thema „Utopien, Träume, Weltentwürfe“ in 100 Städten zu sehen sein. Danach wird Stiglmayrs Werk in vielen Kinos auch im normalen Programm gespielt werden.


eurotopia: Andi, was hat dich zu dem Film über Menschen in Sieben Linden motiviert?

Andi Stigelmayr: Eigentlich wollte ich einen Film über die Leute machen, die das Ruder rumreißen könnten: fähige Menschen, die im Schatten stehen und die nun endlich zum Zug kommen müssen, damit auch wirklich was passiert. Was soll das ewige Gerede von wegen „So kann es nicht weitergehen“ und „Eine Wende muss her“, wenn sich doch nichts wirklich Grundlegendes ändert? Es wird versucht, das System zu flicken. Aber warum nicht mal das System an sich in Frage stellen und überlegen, wie es wirklich anders gehen könnte? Als ich das erste Mal nach Sieben Linden kam, wurde mir schnell klar, dass dies ein Ort ist, an dem alles das schon passiert, was ich so vermisst und gesucht habe.

lGlaubst du wirklich, „normale“ Menschen mit solch anderen Informationen und Bildern erreichen zu können?

Wie kann es sein, dass wir hier in Deutschland glauben, wir wüssten über alles Bescheid, wären durch TV und Medien bestens über alles informiert? Dabei sind wir die, die scheinbar völlig ungestört von der weltweiten Ausbeutung profitieren, als ginge uns das alles gar nichts an. Aber wir zerstören damit unsere eigenen Lebensgrundlagen! Wie kann das sein? Was hat uns so geprägt, so gebildet, so erzogen, dass wir da mitmachen? Warum sind die Straßen alle voll mit stinkenden Autos? Wollen wir das wirklich so? Oder fehlt es nur an Inspiration und Ermutigung?

lWas begeistert dich am Filmemachen?

Eine andere Perspektive auf das eigene Dasein und das Geschehen in unsere Gesellschaft zu werfen – das war das, was ich in den Bewerbungen an Filmhochschulen und später auch an die Redaktionen von TV-Sendern schrieb, um mich oder meine Filmideen vorzustellen. In nun 20 Jahren gab es für diesen Ansatz immer nur Ablehnungen. Ich mag meine Fähigkeiten nicht für Interessen verkaufen, hinter denen ich nicht stehe. Da arbeite ich lieber mal auf dem Markt, repariere Fahrräder oder muss halt auch mal mit Sozialhilfe zurechtkommen.
Es ist eine riesiger Unterschied, ob ich einen Stoff entwickle, weil ich denke, der könnte einem Redakteur gefallen, oder ob ich eine Idee entwickle, weil sie mir aus dem Bauch kommt, mich unruhig macht. Ja, eine Geschichte, die unsere Existenz, unsere Werte, täglichen Probleme, Vorstellungen und Möglichkeiten betrifft. Aber genau das scheint mir von den Redaktionen nicht gewollt zu sein.

lWarum will man deine Filme dort nicht?

Jedes Bundesland hat ja seine eigene Sendeanstalt und jede Sendeanstalt ihre eigenen Redaktionen. Nur wenn diese ein Thema interessant finden und es einen Sendeplatz gibt, dann gibt es auch Fördergelder. Offiziell ist dies zwar nicht so, aber praktisch läuft es nur so. Das bedeutet, dass alles, was im deutschen TV, und fast alles, was im Kino läuft, von Redaktionen genehmigt werden muss. Ja, und wen wundert es dann noch, dass es bei uns gar keine Zensur mehr braucht? Ein perfektes Mediensystem. Es isoliert die Menschen voneinander und kann dann alle Einzelnen nach Strich und Faden verblöden und beeinflussen.

lTotale Manipulation – ist das nicht zu pauschal?

Wenn wir vielleicht 20 gute Filme mit anderen zusammen im Kino gesehen hätten und uns dafür die zigtausend Stunden TV erspart geblieben wären, wären wir heute sicherlich alle glücklicher. Wenn wir es schaffen würden, den Fernseher aus dem Alltag zu verbannen und auch das Auto zu verkaufen, dann könnten wir wieder die Energie aufbringen, uns zu unseren Mitmenschen aufzumachen und mit ihnen gemeinsam etwas zu unternehmen. Wenn wir mit dem Rad unterwegs sind, dann bekommen wir auch wieder mit, wo wir leben. Wir hören und riechen, was da los ist, und wir bekommen Ideen, was man alles anders machen kann.

lSo wie das Leben in Sieben Linden?

Für mich ist Sieben Linden ein gutes Bespiel, dass es klappen kann, näher zusammenzurücken und vieles gemeinsam zu machen. Das ist eine spannende Herausforderung! Es ist unumgänglich, dass die ganze Globalisierungs-, Sozial- und Umweltdebatte um den Faktor Gemeinschaft ergänzt wird. Denn dies ist doch der eigentliche Schlüssel zu einer vernünftigen und nachhaltigen Lösung.
Ich bin davon überzeugt, dass wir gemeinsame Erlebnisse oder wenigstens gemeinsame Bilder und Visionen brauchen, um sinnvoll miteinander reden und nachdenken zu können. Und wenn man sieht, was für Vorstellungen von unserem Dasein das tägliche Fernsehen vermittelt – nämlich fast ausschließlich die des braven, schönen, leistungs- und konsumlustigen Mitschwimmers – dann wird es doch höchste Zeit, dass es mal einen Film gibt, der auch Menschen zu HeldInnen macht, die einfach nur versuchen, miteinander klarzukommen und sich an dem zu erfreuen, was man sich gegenseitig und was die Natur jedem geben kann.

lDu hast den Film im Festivalprogramm der „Aktion Mensch“ untergebracht. Was versprichst du dir davon?

Mich hat die Idee des Festivals begeistert: All den Themen der NGOs und Bürger, die in den gewöhnlichen Medien kaum Berücksichtigung finden, eine Plattform zu geben, um einen Austausch in einer möglichst breiten Bevölkerungsschicht zu ermöglichen. Daran arbeiten aus dem ganzen Bundesgebiet bis zum nächsten Sommer mehrere hundert sehr guter Leute, und wenn ihr euch da einbringen wollt, dann schaut doch auf die Festivalseite im Internet. Jeder Film hat einen bundesweiten Filmpartner, wie z.B. den BUND für meinen Film oder Greenpeace für den Film „Unser Planet“. Vor Ort, in den 100 Städten, versuchen die Städtekoordinatoren alles rund um das Festival zu mobilisieren und besonders engagierte BürgerInnen, Initiativen und NGOs einzubeziehen.

lEs geht dir also tatsächlich um das Motivieren zur verändernden Aktion. Was stellst du dir dabei vor?

Der Film will BürgerInnen aus Gemeinden und Städten gemeinsam ins Gespräch bringen darüber, was anders und besser gemacht werden kann. Zum Beispiel: Wie schaut es mit Wohnraum für gemeinschaftliches Leben oder mit Gemeinschaftsküchen aus? Wie können Eltern sich bei der Kinderbetreuung besser unterstützen? Wie kann man sich für eine Pflanzenkläranlage einsetzen? Wie wäre es mit einer Bürger- oder Stadtgärtnerei, in der Jung und Alt gemeinsam Gemüse anbauen können? Wie wäre es mit der Verbannung der Autos aus einem Wohnviertel, wie mit Fahrrad- statt Autostraßen? Wie lassen sich für die verschiedenen Interessen und Projekte Gruppen bilden, die in Abstimmung mit der Gemeindeverwaltung eigenständig ihre Vorhaben umsetzen? Wie könnten Foren aussehen, in denen ein regelmäßiger Austausch zwischen KommunevertreterInnen und Bürgerinteressen stattfindet?
Und noch etwas: Für mich ist inzwischen ganz klar, dass wir es schaffen müssen, dass auch Dörfer und kleine Städte attraktiv für junge Leute werden. Ob zum Ausbilden, zum Verwirklichen oder einfach zum Leben. Es kann nicht sein, dass 80 Prozent Deutschlands veröden, weil jeder, der das Abitur macht und einigermaßen was drauf hat, flüchtet, weil er glaubt, nur in den großen Städten sein Glück zu finden. All die Bürgermeister und Stadträte haben verdammt viel Gestaltungsmöglichkeiten, und wir können und müssen uns da alle einbringen, mitdenken und mitgestalten. Schaut euch alle zusammen „Menschen Träume Taten“ an und überlegt dann, wie ihr es bei euch haben möchtet, und macht es doch einfach. Fangt einfach mal an.

lHast Du selbst denn schon neue Pläne?

In meiner Heimatstadt möchte ich ein Filmensemble gründen, welches sich eventuell aus einer freien und selbstverwalteten Filmschule rekrutiert. Und zusammen mit dem Theater- und einem Musikensemble würde ich gerne eine Show kreieren, in der Leute, Projekte und Ideen vorgestellt werden, wo Visionen, Geschichten und auch Kommunalpolitik inszeniert wird, der Zuschauer mitmachen und Vorschläge einbringen kann. Alle zwei Monate soll es ein neues Programm geben und das Ganze an einem Ort stattfinden, den die Bewohner selbst mitgestalten können. Dieser Ort soll allmählich das Fernsehen und vor allem das „isolierte“ Wohnzimmer ersetzen. ´



Andi Stiglmayr (41), zog mit 17 in ein gemeinschaftliches Kultur- und Lebensprojekt, wo er begann, zu fotografieren, Geschichten zu entwickeln und Veranstaltungen zu organisieren. Hier entwickelte er sich autodidaktisch zum Filmemacher (u.a. „Der Rebell“ über den Liedermacher Hans Söllner). Seine älteste Tochter macht derzeit ihr „Freiwilliges Ökologisches Jahr“ im Ökodorf Sieben Linden.




Ökodorffilm auf Festival „ueber morgen“
Das Filmfestival „ueber morgen“ ist von November 2007 bis Sommer 2008 in hundert deutschen Städten zu Gast. Dreizehn Filme präsentieren ein vielschichtiges Panorama von vergangenen und gegenwärtigen Utopien und Weltentwürfen. Sie zeigen Bedingungen, unter denen sich Veränderungen vollziehen, und lassen Menschen zu Wort kommen, die über ihre Motive, ihre Ziele, ihre Erfolge und auch ihr Scheitern erzählen. Und sie geben uns eine Idee davon, wie die Welt von Morgen aussehen könnte – wenn wir das wollen. Das aktuelle Festival „ueber morgen“ knüpft dabei an das letztjährige Festival „ueber arbeiten – Arbeit, Wirtschaft, Globalisierung“ an. Beide werden getragen von der Aktion Mensch und über 30 bundesweiten und mehr als 1000 regionalen Verbänden und Organisationen der Zivilgesellschaft. In diesem Rahmen wird auch der Film „Menschen, Träume, Taten“ über das Ökodorf Sieben Linden erstmalig gezeigt (siehe Interview mit dem Regisseur auf der vorhergehenden Seite).
Es wurde eine Netzwerkstelle eingerichtet, um den Film als Ausgangspunkt und Inspiration für weitere gemeinschaftliche Projekte und Netzwerke zu nutzen. Wer an den Filmveranstaltungen im Rahmen des Festivals (auch mit eigenen Initiativen) teilnehmen möchte oder selbst Veranstaltungen organisieren möchte, wende sich an die Netzwerkkoordination.

www.menschen-träume-taten.de
Infos zum Festival und den Spielplänen:
www.diegesellschafter.de/filmfestival
Kontakt zur Netzwerkkoordination des
Films „Menschen, Träume, Taten“:
info@tatjanabach.de



  Autoren

Halbach, Dieter

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