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Ismael
erschienen in Ausgabe 154  PDF-Version (209.25 KB)
Herrschaft ist nichts für die Menschen. Jochen Schilk hat das Mama-Anarchija-Thema in Daniel Quinns Bestseller-Roman wiedergefunden.

Und nochmal Fiction. Nachdem ich die Scheinwerfer in der vergangenen Ausgabe auf Ursula K. Le Guins dreißig Jahre alte „ambivalente“ Anarcho-Science-Fiction-Utopie „Planet der Habenichtse“ gerichtet hatte, soll es hier noch einmal um einen Roman gehen, der bereits vielen hunderttausend Lesern auf der ganzen Welt die Augen für die Möglichkeit völlig anderer Welten als der heute bekannten geöffnet hat.


Daniel Quinns Kultbuch „Ismael“ ist dabei weniger eine in die Zukunft gerichtete Utopie als ein Einführungskurs in die ökosoziale Geschichte und Vorgeschichte der Menschheit. Tatsächlich werden Ausschnitte des Buchs in einigen Ländern als Unterrichtstexte in Fächern wie Anthropologie, Ökologie, Literatur, Philosophie und Biologie gelesen. Es geht also mehr um „Science“ als um „Fiction“.
Mit seiner tendenziellen Rückwärtsgewandtheit bildet „Ismael“ vielleicht das ideale Komplement zum „Planet der Habenichtse“. Denn in seinem Kern dreht sich der didaktisch geschickt gesponnene Kurs ebenso wie jenes Buch um die Frage, ob es so etwas wie eine „richtige“ Lebensweise für die Bewohner der Erde gibt – und wenn ja, an welchem Punkt der Vergangenheit die Menschheit bzw. ein maßgeblicher Teil von ihr einen Weg einschlug, der uns offenbar in die Katastrophe führt.
Es sei an dieser Stelle gleich verraten, dass sich die Analyse des Autors zu diesen Fragen über weite Strecken mit den Aussagen der Matriarchats- bzw. der Patriarchatsforschung deckt. Daniel Quinn kommt somit das Verdienst zu, Teilaspekte dieser äußerst wichtigen Perspektive einem Massenpublikum nahegebracht zu haben – auch wenn der Autor selbst zum Zeitpunkt seiner über zehn Jahre währenden Recherchen vermutlich nichts von einem derartigen Forschungszweig geahnt hat …

Seminar in Romanform
Der 1992 veröffentlichte Roman „Ismael“ wurde mittlerweile in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, vermutlich noch öfter also als die „Habenichtse“. Und obwohl es sich auf den ersten Blick ungleich weniger als Filmstoff zu eignen scheint als jenes, diente das Buch dennoch als Inspiration für das Drehbuch des Hollywoodstreifens „Instinkt“ (verfilmt u.a. mit Anthony Hopkins). Mehr noch: Dieses Geschichts- und Anthropologie-Seminar in Romanform gewann mit dem Turner Tomorrow Fellowship Award den höchstdotierten Buchpreis, der jemals vergeben wurde. „Ishmael“, so der englische Originaltitel, wurde aus 2500 fiktiven Texten erkoren, weil er am besten die geforderten „kreativen und positiven Lösungen für globale Probleme“ aufzeigte.
Die spärliche Rahmenhandlung des Kurses lässt sich grob in zweieinhalb Sätzen wiedergeben: Der Ich-Erzähler, der Schriftsteller Alan, trifft durch eine Zeitungsannonce auf einen Lehrer, der zwecks „Rettung der Welt“ wissbegierige Schüler sucht. Der Lehrer entpuppt sich als ein Berggorilla mit Namen Ismael. Ein immer wieder erstaunlicher Dialog, von Seiten des Affen mittels Telepathie geführt, beginnt …
Wenn ich im Folgenden versuche, die Essenz von Ismaels Lehren nachzuvollziehen, so mag das an manchen Stellen zu Aussagen führen, die für KursKontakte-Leserinnen und -Leser möglicherweise schon Gemeinplätze sind. Es gibt dazwischen jedoch sicherlich auch einige überraschende Einsichten.

Nimm es oder lass es
Ismael beginnt seine Ausführungen damit, dass er die Unterschiede im Bewusstsein von Tieren und Menschen erläutert. Der Gorilla hat fast sein gesamtes Leben in Gefangenschaft verbracht und betrachtet sich deshalb als Experte für dieses Thema. Die Menschen seien heute fast überall Gefangene ihrer eigenen Vorstellung von Zivilisation, die sie mehr oder weniger zwinge, die Welt zu zerstören, um zu leben: „Ihr seid selbst Gefangene – und ihr habt die ganze Welt gefangengenommen.“ Die heute vorherrschende Zerstörungskultur – Ismael nennt sie die „Kultur der Nehmer“ – sei aber erst mit Erfindung der Landwirtschaft vor rund 10000 Jahren entstanden. Seit den Ur-Anfängen der Menschheit existiere daneben ein in Hinblick auf Anpassung an die Natur des Planeten wesentlich bewährteres Kultur-modell, repräsentiert von den Gesellschaften der „Lasser“-Völker, die von allen Mitgliedern der modernen Zivilisation gerne als „primitive Steinzeitmenschen“ belächelt werden. Beide Kulturen führen jeweils eine andere „Geschichte“ auf – damit meint er Szenarien, die „Menschen, Welt und Götter zueinander in Beziehung“ setzen. Eine Geschichte „aufzuführen“, heiße so zu leben, dass die Geschichte Wirklichkeit werden kann. Ismaels Intention besteht zunächst darin, seinem Schüler Alan klarzumachen, dass die traurige Geschichte, die die moderne Zivilsation aufführt, auf einem Mythos beruht. Diesen Mythos können die meisten Menschen nicht benennen, weil er in unserer Kultur ständig gehirnwäscheartig im Hintergrund wiederholt wird und deshalb gar nicht mehr bewusst wahrgenommen wird.
Die Rede ist, vereinfacht gesagt, von der anthropozentrischen Weltsicht – die kulturelle Überzeugung, wonach die Welt mit dem Erscheinen des Menschen fertig gewesen sei und dieser über die Natur wie über einen Besitz verfügen dürfe. Die Nehmer-Menschen glauben demnach, dass es Aufgabe der Menschheit sei, das vermeintliche Chaos in der Natur des Planeten zu ordnen. Doch die Erde trotzt den Plänen der Menschen, und so fühlt sich der Nehmer-Mensch berufen, sie mit Gewalt zu erobern und zu unterwerfen.
Ganz erstaunlich ist es an dieser Stelle, wie sehr Daniel Quinns Analyse der größenwahnsinnigen Nehmer-Kultur mit der Patriarchatsforschung etwa von Claudia Werlhof übereinstimmt, die das „patriarchale Projekt“ der Weltunterwerfung und technologischen Neuerfindung treffend als einen „Wahn“ benennt (siehe KursKontakte Nr. 132). Ähnlich äußert sich Ismael:„Das Problem ist, dass der Mensch die Welt, indem er sie eroberte, zugleich zerstörte“. Nur eines könne uns der Logik des Wahns zufolge retten: Wir müssten unsere Herrschaft über die Welt vervollkommnen. Wenn erst einmal alles Leben restlos in unseren Händen läge, so wären alle Probleme gelöst. Dies sei unsere Mission, sagt unsere eigene größenwahnsinnige Phantasie: die Erde neu zu erfinden – oder aber sie zu zerstören.
Eine weitere Grundüberzeugung, die uns die kollektive kulturelle Vorstellung einimpft, besteht Ismael zufolge in der Idee, der Mensch sei mit einem tragischen Fehler geboren, der uns in der Form von Dummheit, Habgier, Blindheit und Destruktivität beständig daran hindere, das Paradies zu verwirklichen.
Relativ jung und offenbar noch kaum in den Köpfen der Menschen verankert ist die wissenschaftliche Erkenntnis, die diese Fehleinschätzung korrigieren könnte: die Gewissheit nämlich, dass menschliches Leben schon lange – und sehr erfolgreich! – existiert hat, bevor die Nehmer-Vorfahren sich zu Herrschern über das Leben aufschwangen. Ismaels zentraler Vorwurf an die Nehmer – „Ihr spaltet Atome, ihr schickt Menschen auf den Mond, ihr manipuliert Gene, aber ihr wisst nicht, wie der Mensch leben soll!“ – wird von seinem Schüler Alan denn auch zunächst völlig kulturkonform abgewiesen: Ein solches Wissen könne es niemals mit letzter Sicherheit geben; es sei nicht zugänglich und deswegen hätten wir es nicht.
Hierauf gibt der Lehrer seinem Schüler die Aufgabe, selbständig herauszufinden, wie das Gesetz lautet, dessen Befolgung alle anderen Spezies auf der Erde davon abhält, das natürliche Gleichgewicht und die natürliche Vielfalt zu gefährden: „Das Gesetz, das wir suchen, ist wie die Schwerkraft. Man kann ihm nicht entrinnen, aber man kann etwas erreichen, das dem Fliegen, der Freiheit der Lüfte, vergleichbar ist, bildlich gesprochen, man kann damit eine Zivilisation errichten, die fliegt … Das Gesetz sorgt für Frieden und verhindert, dass das Leben auf der Erde zu jenem Chaos ausartet, das es in der Einbildung der Nehmer ist.“ Das Gesetz fördere alles Leben, setze dem Existenzkampf Grenzen und gelte selbstverständlich auch für den Menschen – ungeachtet dessen, dass die Nehmer hier immer einen Sonderstatus für sich beansprucht haben.

Klingt banal: Das Gesetz des Lebens
Das Hauptgesetz des Lebens auf der Erde besagt laut Ismael schlicht: „Keine Art darf alles Leben auf der Erde an sich reißen. Die Welt wurde nicht bloß für eine Art erschaffen.“
Dies bedeute nicht, dass Menschen nicht sesshaft werden und keine Landwirtschaft betreiben dürften, beschwichtigt Ismael. Die Landwirtschaft der Nehmer sei jedoch nicht auf Sesshaftigkeit, sondern auf grenzenloses Wachstum ausgerichtet: „Als die Nehmer damals in die Neue Welt einfielen und ihr Zerstörungswerk begannen, suchten die [indianischen] Lasser gerade nach einer Antwort auf die Frage: ‚Wie können wir sesshaft werden, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen, dem wir seit Anbeginn der Zeiten gehorchen?‘“
Die Geschichte der Nehmer sei eine größenwahnsinnige Phantasie, die den Nehmern nur Habsucht, Grausamkeit, Geisteskrankheit, Verbrechen und Drogensucht gebracht habe – Dinge, die in Lasser-Gesellschaften so gut wie nicht vorkämen. Wer die Geschichte der Lasser aufführe, verzichte auf die Illusion von Macht. Er lebe jedoch ein zufriedenes und sinnvolles Leben. „Das ist nicht so, weil die Lasser in der Natur leben oder weil sie keine staatlichen Institutionen haben oder weil sie von Geburt an edel wären. Das ist so, weil sie eine Geschichte aufführen, die dem Menschen entspricht, eine Geschichte, die seit drei Millionen Jahren funktioniert und immer noch dort funktioniert, wo sie noch nicht vernichtet wurde.“
Die landwirtschaftliche Revolution vor etwa 10000 Jahren hätte erst die Voraussetzungen geschaffen für ein fast grenzenloses Wachstum der Bevölkerung auf Kosten von Flora und Fauna sowie von benachbarten Völkern, die zumeist der Jäger-Sammler- bzw. der nomadischen Lebensweise treu geblieben waren. Die landwirtschaftliche Revolution habe seit ihrer Entwicklung bis heute nie aufgehört, sondern sich immer nur territorial ausgebreitet.

Sie säen nicht, sie ernten nicht …
Mit Aufkommen des Themas landwirtschaftliche Revolution unternimmt Ismael eine bestechende Interpretation der alttestamentarischen Genesis vom Sündenfall Adams bis zur Ermordung Kains, die durchaus im Einklang mit den Fakten hinsichtlich der vorgeschichtlichen Verbreitung dieser entscheidenden Innovation steht.
Auch die autodidaktische fächerübergreifende Forscherin Gerda Weiler hatte durch die in ihrem Buch „Das Matriarchat im alten Israel“ vorgenommene Bibelexegese erstaunliche Hinweise auf den kulturellen Hintergrund vieler Texte aus dem Alten Testament gefunden. Ismaels Lesart zufolge beruhen diese für unsere Kultur so zentralen Texte auf Geschichten, die sich ursprünglich die nomadischen Lasser über die sich plötzlich mit ungekannter Brutalität ausbreitenden Nehmer-Bauern erzählten. Nur aus der Opfer-Perspektive der Lasser würden diese Geschichten wirklich einen Sinn ergeben. Der Sündenfall habe sich in einem Land des kleinasiatischen Fruchtbaren Halbmonds ereignet, inmitten von Völkern, die keine Ackerbauern waren. Die Ackerbauern legten sich in Sachen Bevölkerungskontrolle keinerlei Zurückhaltung auf. Wenn die Nahrung nicht mehr ausreichte, bestellten sie einfach neue Felder – ganz so, als hätte ihnen jemand befohlen, fruchtbar zu sein und sich zu vermehren. Ja, diese Menschen hielten sich für ebenso weise wie die Götter, und dank ihrer neuen Erfindung für unabhängig von diesen. Offenbar hatten sie die verbotene Frucht vom Baum der Götter gekostet, denn sie schienen zu glauben, dass sie das Recht hätten, sich die Macht darüber anzumaßen, wer leben und wer sterben sollte.
Im Alten Testament wird die Landwirtschaft als das Los der Gefallenen beschrieben, die nun „im Schweiße ihres Angesichts“ ihr Brot hart erarbeiten müssen, anstatt in Lasser-Art einfach durch den Garten Eden zu ziehen und im Vertrauen auf die Fülle der Götter die frei verfügbaren Früchte des Paradieses zu genießen. Die Episode von der Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain künde schließlich von der kriegerischen Eroberung der Nomadenstämme durch ihre landwirtschaftlich expandierenden Nehmer-Nachbarn. Einige Kapitel weiter untermauert Ismael seine Exegese noch einmal mit einem Zitat aus der Bergpredigt, welches Jesus seiner Meinung zufolge durchaus wörtlich verstanden haben wollte: „Sorgt euch nicht darum, was ihr essen werdet. Seht die Vögel am Himmel. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, und Gott nährt sie doch. Glaubt ihr nicht, dass er dasselbe auch für euch tun wird?“

Zurück in die Wohlstandsgesellschaft?
Wie oft habe ich im Zusammenhang mit dem historischen Matriarchat gehört – und auch selber schon geschrieben – dass sich das „Rad der Geschichte nicht zurückdrehen“ ließe und durchaus „niemand zurück in die Steinzeit wolle“. Ismael jedoch hinterfragt unsere offensichtlichen Ängste vor einem „primitiven“ Leben. Unsere Kultur habe uns gelehrt, dass das Leben des Menschen vor der Revolution keinen Sinn hatte, dass es dumpf, leer und wertlos, elend und abscheulich gewesen sei. Wir Nehmer hätten immer an die Revolution geglaubt, selbst wenn wir keinen Vorteil von ihr hatten. So sind wir auch heute alle zutiefst überzeugt davon, dass es uns jetzt viel besser gehe als zuvor – und wenn es uns noch so schlecht geht.
Das patriarchalische Nehmer-Paradigma redet uns ein, dass wir nicht „wie die Tiere leben“ dürften und uns nicht von den Launen der Götter abhängig machen sollten. Dies wäre kein menschliches Leben. In den Worten Ismaels jedoch ist das Leben der Jäger und Sammler in Wirklichkeit alles andere als ein ständiger rauher Kampf ums Überleben – im Gegenteil zählten diese zu den bestgenährten Menschen der Welt, und sie müssten dazu nur zwei bis drei Stunden täglich das tun, was wir Arbeit nennen. Ismael zitiert schließlich Marshall Sahlins, der in seinem Buch über die Wirtschaft der Steinzeit von der „ursprünglichen Wohlstandsgesellschaft“ spricht.
Während die Nehmer sich angewöhnt hätten, Wissen darüber zu sammeln, was für die Herstellung von Dingen gut ist, sammelten die Lasser seit Urzeiten das Wissen darüber, was für Menschen gut ist. Ausdrücklich gibt der Gorilla seinem menschlichen Schüler zu verstehen, dass jedes Volk der Lasser eine spezifische Kulturform entwickelt habe, die für dieses gut ist. Die Kultur passe zur Landschaft, in der das Volk lebt, zum Klima, zu Flora und Fauna, zu den Vorlieben und zur Weltanschauung der jeweiligen Menschen. Jedesmal, wenn die Nehmer eine Kultur der Lasser vernichten, verschwindet damit unwiderruflich eine seit Beginn der Menschheit geprüfte Weisheit aus der Welt.
Doch Ismael geht es gar nicht darum, die Menschheit in die Steinzeit zurückzuwerfen. Wichtig sei zuvorderst, die verbliebenen Lasser-Kulturen mit ihrem wertvollen Wissen zu retten. Um zudem baldmöglichst eine Lebensweise finden, die dem Gesetz des Lebens entspricht, sei es für die moderne sesshafte und landwirtschaftende Zivilisation außerdem unumgänglich, die Prämisse aufzugeben, wonach dem Menschen die Welt gehöre. Stimmig sei einzig die Lasser-Prämisse: Der Mensch gehört zur Welt dazu!

Eine tiefenökologische Vision
Die Menschen, die die Macht „in den Händen der Götter“ belassen, entwickeln sich Ismael zufolge, weil sie es können und weil die Evolution es so will. „Der Vorgänger des Menschen entwickelte sich zum Menschen im Wettbewerb mit dem Rest der Schöpfung. Er entwickelte sich zum Menschen, weil er sich nicht außerhalb des Wettbewerbs stellte und weil er der natürlichen Selektion unterworfen war.“
Dies ist der Ausgangspunkt einer Vision des Gorillas Ismael, die Bestimmung des Menschen betreffend. Hier, auf seinen letzten Seiten, wird der Seminarroman also doch noch zur Utopie. Ismael beschreibt eine positive Vision, deren Potenzial als inspirierende Vorstellung unserer selbst und der Welt sich seinem menschlichen Schüler Alan sofort erschließt.

Von der Bestimmung der Menschheit
Und auch der Leser spürt umgehend, dass die hier vorgestellte Bestimmung des Menschen mehr zum Wandel unseres Lebensstils beizutragen vermag als jede Weltuntergangsvision und jeder Aufruf zur Mülltrennung. Ja, diese tiefenökologische Vision taugt als ein neues Drehbuch für die Zukunft der Menschheit, so wie der Entdecker der Kulturkreativen, Paul Ray, es fordert. Mit den Worten Daniel Quinns:
„Der Evolution wohnt eine Tendenz zu größerer Komplexität, zu Selbstbewusstsein und zu Intelligenz inne. Offensichtlich wollen die Götter die Erde zu einem Garten voller intelligenter und selbstbewusster Wesen machen … Eine Menge Lebewesen scheint in ihrer Entwicklung kurz vor diesem Selbstbewusstsein und dieser Intelligenz zu stehen. Die Götter haben also bestimmt nicht nur auf den Menschen gesetzt … Der Mensch ist das erste selbstbewusste und intelligente Wesen, er ist der Pionier, der Pfadfinder. Der Mensch ist dazu bestimmt, der Stammvater der anderen zu sein. Indem er anderen eine Chance gibt – den Walen, Delphinen, Schimpansen und Waschbären – wird er gewissermaßen ihr Vorläufer … Es ist notwendig, dass der Mensch zur Welt dazugehört. Ein Geschöpf musste zum ersten Mal feststellen, dass es diese beiden Bäume im Garten gab, einen für die Götter und einen für die Geschöpfe der Erde. Ein Geschöpf musste den Anfang machen, und dann war alles möglich. Anders gesagt, der Mensch hat einen Platz in der Welt, aber nicht den des Herrschers. Die Herrscher sind die Götter. Die Bestimmung des Menschen ist es, der erste zu sein. Der erste, aber nicht zugleich der letzte. Diese Erfahrung ist ihm bestimmt – und dann soll er den anderen Geschöpfen Platz machen, damit sie werden können, was er geworden ist. Und vielleicht kommt einmal die Zeit, in der der Mensch der Lehrer der anderen Geschöpfe sein wird. Nicht der einzige Lehrer und auch nicht der letzte, vielleicht nur der erste Lehrer, der Lehrer im Kindergarten … – Und eigenartig, das ist eine noch großartigere Bestimmung, als die Nehmer es sich erträumen.“

Sind Sie neugierig geworden auf „Ismael“? Können weltweit Hunderttausende begeisterte Leser irren? Unnötig zu betonen, dass das Buch ungleich tiefgehender ist als diese doch recht knappe Zusammenfassung von Ismaels Lehren. Lesen Sie das Buch, verschenken Sie es zu Weihnachten.
Aber sehen Sie sich nicht den Film an. In dem 1999 gedrehten Streifen darf Quinns Botschaft alles in allem doch nur an wenigen Stellen aufblitzen. Lesen Sie „Ismael“ – und wenn Sie dann noch nicht genug haben sollten, lesen Sie die Fortsetzung „Ismaels Geheimnis“. Nach dieser Lektüre sollten Sie genug Expertise erworben haben, um in einem der Ismael-Foren im Internet mitreden zu können. ´


Das Buch und sein Nachfolger:
Daniel Quinn: Ismael, Goldmann Verlag, München
350 Seiten, ISBN 978-3442423767, 7,– Euro
Daniel Quinn: Ismaels Geheimnis, Goldmann Verlag, München, 318 Seiten, ISBN 3-442-44202-8, vergriffen, antiquarisch im Internet ab ca. 70,– (!) Euro

Daniel Quinn und Ismael im Netz:
www.ishmael.de.ki
www.ishmael.org (Englisch)
www.friendsofishmael.org (Englisch)



  Autoren

Schilk, Jochen

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