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Editorial
erschienen in Ausgabe 155
Liebe Leserinnen,liebe Leser,

Ähnliches kennen Sie gewiss: Sie gleiten nach Hause über die nächtliche Autobahn, Deutschlandradio Kultur beschenkt Sie mit überirdisch schöner Musik, ein kluger Mensch vertieft Ihr Werkverständnis, der Sinn reiner Kunst erblüht in Ihrem Dopamin-gesättigten Kortex …
(Mir ging das vor kurzem so beim Hören der Membra Jesu nostri patientis sanctissima, die Dietrich Buxtehude zur Passionszeit 1680 vom Himmel auf seine Notenblätter gebannt hat. Zwischen den sieben Kantaten wurde Paul Gerhardts Übertragung der lateinischen Lyrik gelesen, deren entwaffnende Schlichtheit und Empathie mit den -Leidensstationen des Gottessohnes mein limbisches System derart erregte, dass sich die Tränenkanäle mit Sekret füllten.)
… und dann kommen die Nachrichten, und Sie verlieren den Glauben an das Gute in der Welt. Ich muss es nicht aufzählen. Das immergleiche Set von Hiobsbotschaften ist allen bekannt.
Der Kontrast zwischen diesen beiden zivilisatorischen Leistungskategorien lässt mich gelegentlich fragen: Warum ist der Mensch in der Summe derart dumm, ignorant, gierig und gewalttätig geblieben, dass das Grausen, das einen beim Blick in den Abgrund der mit jedem aus der Gegenwart in die Vergangenheit tropfenden Augenblick länger währenden Geschichte überkommt, auf fast schon abstumpfende Weise kaum noch steigerbar erscheint? Wo doch auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten Medien des Guten, Meisterin-nen und Meister der schönsten Künste, Engel der Barmherzigkeit, Denkerinnen und Denker der glückverheißendsten Friedens-utopien, Lehrerinnen und Lehrer der tiefsten Menschlichkeit nicht müde wurden, ihren Mitschwestern und -brüdern Mut zu machen und Zeugnis zu geben, dass der Mensch nicht des Menschen Wolf zu sein braucht, dass auch Licht wohnt unter dem Schädeldach und Wärme in der Gegend des Herzmuskels.
Meist ringe ich dann eine Weile mit mir, ob ich von der Kunst, die tiefen -Frieden in mein Bewusstsein füllt, als Droge, die mich vom Wesentlichen – der Besserung des Menschen – ablenkt, oder vom Wunsch nach Besserung des Menschen als dummer, -ignoranter, gieriger und gewalttätiger Vermessenheit lassen solle. In der Regel finde ich rasch wieder zurück in unsere moderne Multioptionsgesellschaft: Es stehen ja nicht nur Mord und Musik zur Wahl. Es gibt auch die Option, in mir das, was – wie Jochen Kirchhoff sagt – gemeint ist, zu manifestieren. Sollte dies als Antrieb allein mal nicht reichen, dann dienen mir sowohl das Licht aus den spirituellen Räumen wie die Schatten unserer finsteren Taten als -zusätzliche Paddel, um mein Schlauchboot aus den Untiefen unserer Zeit dorthin zu steuern, wo der Zettelkasten des guten Menschen lebensfördernde Ziele vermerkt.

Herzlich,
Ihr
Johannes Heimrath


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Heimrath, Johannes

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