Jutta Gruber porträtiert die Schriftstellerinnen Marie-Luise und Alexandra Schwarz-Schilling.
Draußen der triste Dezember, drinnen zwei quicklebendige Frauen. Mutter und Tochter, die gar nicht erst zu verbergen suchen, dass es ihnen nur mit Mühe gelingt, der anderen das Wort zu lassen. So vieles, was da gesagt, gefragt, kommentiert, ergänzt oder noch einmal ganz anders gesehen werden will, und auf jeden Fall sehr viel mehr als an einem Nachmittag Platz finden kann. Marie-Luise und Alexandra Schwarz-Schilling gehören zweifelsohne zu jenen Töchtern aus gutem Hause, die sich, lustvoll und charmant zugleich, so mancher Erwartung entziehen.
Dass sie 1958, im Anschluss an ihre Studienzeit in Archäologie und Volkswirtschaft, die Leitung des Familienunternehmens, der Akkumulatorenfabrik „Sonnenschein“ mit rund 1000 Mitarbeitern übernahm, war selbstverständlich für Marie-Luise Schwarz-Schilling. Sie erfüllte diese Aufgabe mit der notwendigen Portion Hingabe und Leidenschaft, besucht bis heute hin und wieder die Berliner Produktionsstätte, um liebgewonnene Mitarbeiter zu treffen und den Duft der Batteriensäure zu schnuppern, der so sehr zu ihrem Leben gehörte, dass sie ihn zwischendurch regelrecht vermisst.
Den überwiegenden Teil ihres Lebens verbrachte sie im eher beschaulichen Büdingen, dem Firmensitz des Unternehmens, östlich von Frankfurt am Main, wohin sie mit ihren ursprünglich in Berlin ansässigen Eltern 1947 übersiedelte. Von hier aus leitete sie die Geschäfte, während ihr Mann Christian, den sie einst als Studenten der Sinologie auf einer Party kennenlernte, in die Politik ging und überwiegend in Bonn lebte. Nach dem Verkauf der Firma 1992 erfüllte sie sich den Wunsch einer Zweitwohnung in Berlin und widmet sich seitdem ihren ganz persönlichen Ambitionen: der Geschichtsforschung und dem Schreiben: „Ich wollte ja schon immer wissen, wie alles angefangen hat. Mein erstes 1984 erschienenes Buch ‚Kaufmann und Schamane. Ermutigung zur Freiheit und ihrer Last‘ untersucht z.B., wo unsere Ideen von Markt und Wirtschaft und Geld überhaupt herkommen.“ Da Marie-Luise Schwarz-Schilling nicht nur eine Frau der Worte, sondern auch der Taten ist, hat sie 1995 den Ronneburger Kreis e.V. mitgegründet, zu dessen Zielen es gehört, Menschen in verantwortlichen Positionen in ihrer ethischen Neuorientierung im Umgang mit anderen Menschen in Familie, Gesellschaft und Unternehmen zu unterstützen.
Durch den Firmenverkauf blieb Tochter Alexandra das Los ihrer Mutter erspart: „Der ursprüngliche Plan war ja, dass sie die Firma an mich weitergibt. Bereits während meines Betriebswirtschaftsstudium an der European Business School, das ich zur Vorbereitung meiner zukünftigen Aufgabe angefangen hatte, zeichnete sich ab, dass dies sowohl für die Firma – insbeson-dere vom Timing her – wie auch für mich nicht wirklich passte. Der Verkauf hat mich, ehrlich gesagt, nur erleichtert.“ Alexandra nutzte die unverhoffte Freiheit, um von ihrem bisherigen Leben als Tochter eines prominenten Politikers und einer erfolgreichen Unternehmerin Abstand zu gewinnen, und verbrachte die nächsten Jahre mit ihrem ersten Mann und den beiden kleinen Kindern in den USA: „Das war auch eine Art Flucht“, resümiert Alexandra Schwarz-Schilling. „Insbesondere die Zeit, in der sich mein Vater als -Bundespostminister durch das Engagement für die Privatisierung des Fernsehens viele Feinde machte, war sehr belastend für uns alle. Damals schreckten einige Medien ja nicht einmal davor zurück, die Firma meiner Mutter in Skandale zu verwickeln, um dem Ansehen meines Vaters zu -schaden. Als jene Hetztirade begann, hatte ich mich gerade in Mainz für Anthropologie eingeschrieben. Kein Tag verging, ohne dass Mitstudenten und sogar Dozenten mit dem Finger auf mich zeigten. Damals hätte ich wirklich lieber Müller oder Schmidt geheißen, um nicht immer nur als die Tochter von … behandelt zu werden. Ich wusste zwar, dass die Anfeindungen ungerechtfertigt waren, aber gegen eine so geballte Macht der Schlagzeilen anzukommen, ist schlicht und einfach aussichtslos.“ Nach der Trennung von ihrem Mann zog Alexandra fast zur gleichen Zeit wie ihre Mutter nach Berlin, absolvierte ein Psychologiestudium und arbeitet mittlerweile als Coach für Einzelpersonen und Unternehmen in eigener Praxis.
„Dass wir diese schwierige Zeit, von der Alexandra sprach, unbeschadet überstanden haben,“ ergänzt Marie-Luise Schwarz-Schilling, „verdanken wir vor allem der Widerständigkeit unserer Kundschaft und dem Zusammenhalt in unserer Familie. Damals sind wir nochmal ein ganzes Stück näher zusammengerückt.“
Starke Eltern – starke Kinder
Dass weder Vater noch Mutter Schwarz-Schilling die üblichen Elternrollen übernehmen konnten, hat dem Familienleben augenscheinlich keinen Abbruch getan. Die Kinder erlebten vielmehr ein Höchstmaß an Selbstbestimmtheit ohne Verlust der Nestwärme. Ihnen ist das gelungen, was Frithjof Bergmann mit jenen Worten ausdrückt, die man gar nicht oft genug zitieren kann: Tun zu können, was man wirklich, wirklich will, beziehungsweise die Freiheit zu haben, herauszufinden, was man eigentlich wirklich, wirklich will.
Dazu Alexandra: „Meine Mutter ist einfach nicht der klassisch mütterliche Typ. Mit Sicherheit wären weder sie noch wir damit froh geworden, wenn sie versucht hätte, ihre Erfüllung im Mutterdasein zu finden, uns den ganzen Tag zu betüddeln, Pausenbrote zu schmieren und uns die Nasen zu putzen. Ich habe das auch gar nicht vermisst, weil wir mit unserem Kindermädchen eine wunderbare Ersatzmutter hatten, zu der ich bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren noch ein recht inniges Verhältnis hatte. Es gab schon eine Zeit, so um mein 13. Lebensjahr herum, da warf ich ihr vor, dass sie sich nie genug um mich gekümmert hat. Später merkte ich, dass diese Vorwürfe nicht von mir kamen. Ich hatte sie von Außenstehenden aufgeschnappt. Eine innige Beziehung zum Kind entsteht ja nicht unbedingt durchs Windelnwechseln, sondern durch die eigene Authentizität in der Begegnung. Das gleiche erlebe ich auch in der Partnerschaft: Nicht das Bemühen, ein guter Ehepartner zu sein, entscheidet über deren Gelingen, sondern die Fähigkeit zur aufrichtigen Begegnung. Sich selbst und damit auch den anderen etwas vorzumachen – so gut es auch gemeint sein mag – verhindert echte Begegnung und Beziehung.“
In ihrem 2004 erschienenen Buch „Die Ehe – ein Seitensprung der Geschichte“ schreibt Marie-Luise Schwarz-Schilling, dass man den Partner nicht für das eigene Glück verantwortlich machen darf – „und selbstverständlich auch nicht für das eigene Unglück. Das war mir irgendwie immer schon klar, was sicherlich auch den Umgang mit meinen Kindern beeinflusst hat. Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich gar nicht erst versucht, herauszufinden, was ich ihnen Gutes tun müsste, sondern ihnen das gegeben, was sie von mir wollten.“ Dieser kleine, aber feine Unterschied scheint zumindest einer der Schlüssel zum Familienglück der Schwarz-Schillings zu sein. Tochter Alexandra kann dem nur zustimmen. Sie selber hält es so und kommt aus dem Staunen kaum heraus, mit welcher Klarheit ihre mittlerweile jugendlichen Kinder wissen, was sie wollen: „Ich habe den Eindruck, dass sie noch weniger Umwege gehen müssen als ich in ihrem Alter.“
„Über meine Aufgabe als Mutter habe ich im Grunde genommen ebenso wenig nachgedacht wie über meine Ehe. Ich habe sie einfach praktiziert.“ Marie-Luise Schwarz-Schillings Lachen lässt an ihrer gesunden Einstellung zu diesen oft schwer belasteten Themen keinen Zweifel aufkommen. „Erst durch die Scheidungen meiner Töchter fing ich an, mich damit zu beschäftigen.“
Gesellschaftsphänomen Ehekrise
Um zu verstehen, wo die Ursachen der heutigen Ehekrise liegen, recherchierte sie viele Jahre über die verschiedenen kulturhistorischen und modernen -Vorstellungen und Modelle von Beziehung und Partnerschaft. Die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit veröffentlichte sie 2004 in besagtem Buch über die Ehe: „Mit -dieser Publikation konnte ich zeigen, dass unsere hohen Scheidungsraten nicht einfach nur auf persönliches Versagen zurückzuführen sind, so wie es die Unmengen an Beziehungsratgebern suggerieren, sondern vielmehr auf kollektiven und vornehmlich unbewussten Missverständnissen über einfachste Grundregeln von Beziehung und Partnerschaft. Gerade die weit verbreitete Annahme, dass Liebe der ausschlaggebende Garant für das Gelingen einer Ehe ist, führt so manch eine(n) erschreckend schnell an seine oder ihre Grenzen. Folgt dann die Trennung, heißt es oft: Es war halt nicht der oder die Richtige. Auch auf die Gefahr hin, so mancher romantischen Wunschvorstellung den Garaus zu machen: Liebe und Beziehung sind erst einmal zwei verschiedene Paar Schuhe. In dieser Hinsicht waren unsere Vorfahren um Einiges aufgeklärter als wir.“
Dazu Alexandra Schwarz-Schilling: „An die Ausarbeitungen meiner Mutter konnten meine Kollegin Christin Müller und ich übrigens wunderbar anknüpfen. In unserem 2006 veröffentlichten Buch ‚Zu zweit – Beziehungscoaching für Singles und Paare‘ haben wir sie mit den Erfahrungen aus unserer Coachingpraxis verbunden und gezeigt, dass und wie wir lernen können, eine erfüllende Partnerschaft zu erleben. Aus unserer Arbeit heraus haben wir erkannt, dass es dringend notwendig ist, uns über die allzu selbstverständlich akzeptierte Abwertung von Weiblichkeit, von Körperlichkeit überhaupt oder auch der Sexualität als einer unserer wichtigsten Kraftquellen bewusst zu werden.“
Das weibliche Prinzip stärken
„Ja, das entspricht ganz meiner Meinung,“ bestärkt Marie-Luise: „Die Frau hat vor langer, sehr langer Zeit ihre Macht an die Männer abgegeben, auch über die Sexualität. Von echter Emanzipation und sexueller Befreiung sind wir hier wie anderswo ja immer noch meilenweit entfernt. Den meisten Menschen, Frauen wie Männern, mangelt es erheblich an echtem Selbstbewusstsein und einer positiven Einstellung zum Körper.
Die Ehe, die menschheitsgeschichtlich übrigens nur eine relativ kurze Zeitepoche prägt, war eines der kraftvollsten Instrumente, die Frau dem Mann unterzuordnen. Es ist an der Zeit, dass sich die Frauen der immensen Bedeutung ihrer Kräfte rückbesinnen und das weibliche Prinzip eine Aufwertung erfährt, auch bei den Männern. Viele sind sich ja gar nicht darüber bewusst, dass die Unterordnung der Frau und des weiblichen, lebensfördernden, kooperativen Prinzips nach wie vor gang und gäbe ist und wie sich dies in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen auswirkt. Ich glaube, dass die Aufwertung des Weiblichen sehr viel zum Erhalt unseres Planeten beitragen könnte.“
Alexandra und Marie-Luise Schwarz-Schilling ist es eine Herzensangelegenheit, das Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu wecken. Sie halten Vorträge zu diesen Themen, unter anderem an der Freien Universität Berlin, auf Konferenzen oder in Szene-Clubs. Alexandra lässt sie in ihre Arbeit mit Menschen einfließen und bietet seit neuestem auch eine Fortbildung an. Gemeinsam gründeten sie vor einiger Zeit einen Salon, der sich in erster Linie an Frauen richtet.
„Mit matriarchalen Kulturen, der Rolle des Weiblichen und der Körperlichkeit habe ich mich schon viel früher beschäftigt als meine Mutter“, bemerkt Alexandra Schwarz-Schilling. „Ich verdanke sehr viel meinen tiefgreifenden Begegnungen mit Indianern in meiner Zeit in USA, allen voran mit Sun Bear, dessen Anliegen es war, indianisches Wissen auch für uns Weiße erfahrbar zu machen.“ Neben Geist und Körper reinigenden Ritualen, wie zum Beispiel die Schwitzhüttenzeremonie, lernte sie von ihnen auch viel über die Bedeutung unserer Körperlichkeit: „Ohne unseren Körper wäre es uns schlicht und einfach nicht möglich, überhaupt Erfahrungen zu machen. Die Erfahrungen, die wir mit unserem Körper machen können, scheinen mir schier grenzenlos zu sein. Ich erlebe das in der Meditation, aber auch in der sexuellen Vereinigung mit meinem jetzigen Mann. Von den Indianern habe ich gelernt, dass Sexualität und Meditation letztlich das gleiche Ziel haben: Die Ekstase ist wohl eine unserer gewaltigsten Erfahrungs- und Kraftquellen.“
Beziehung weitgefasst
Auf meine Frage, ob sich die beiden durch ihren prominenten Mann beziehungsweise Vater in ihrem Tun jemals eingeschränkt fühlten, antwortet Marie-Luise ohne das geringste Zögern: „Ach, davon muss man sich freimachen! Prominenter Mann oder nicht prominenter Mann, das ist nicht entscheidend. In der Ehe ist es ganz wichtig, dass jeder sein Ding macht. Das Modell ‚hinter jedem starken Mann steht auch ein starke Frau‘ ist ganz einfach überholt. Gute Partnerschaft zeichnet sich auch dadurch aus, dass man Distanz zum anderen halten kann, um sich nicht gegenseitig zu begrenzen. Das zu lernen, fiel mir nicht schwer, da ich ja immer schon meine eigenen Aufgaben hatte und mein Mann den überwiegenden Teil der Zeit nicht bei uns, sondern in Bonn oder irgendwo anders in der Welt war.“
Zufall hin oder her, die Ähnlichkeit zum Lebensstil von Tochter Schwarz-Schilling ist verblüffend: „Mein Mann Dada, ein brasilianischer Musiker, und ich sind jetzt seit zehn Jahren verheiratet. Wir haben nie überhaupt nur daran gedacht, in einer gemeinsamen Wohnung zu leben. Dazu sind wir kulturell wie auch sozial in viel zu unterschiedlichen Zusammenhängen aufgewachsen. Während ich die Ruhe und Zurückgezogenheit in meinen eigenen vier Wänden schätze und brauche, ist es für ihn am besten, möglichst viele Menschen um sich herum zu haben. Es würde ihn oder mich unglücklich machen, wenn einer von uns versuchen würde, sich dem anderen anzupassen. – Das kann sich aber auch mal ändern, etwa wenn wir älter sind.“
Ich ernte Zustimmung auf meine Frage, ob man ihre Art des ehelichen Zusammenlebens vielleicht als zeitgemäßes Modell der Besuchspartnerschaft auffassen könnte. In manchen matriarchalen Gesellschaften, etwa bei den Mosuo, wohnt der Liebhaber/Lebenspartner einer Frau ja nicht im Haus ihrer Sippe. Man besucht sich, teilte aber nur bedingt den Alltag miteinander. Dazu Alexandra: „An diesem Konzept ist mir besonders sympathisch, dass Einzelpersonen sich nicht ausschließlich auf ihren Partner bezogen, sondern Teil einer größeren Gemeinschaft waren. Meine Mutter hat völlig recht mit dem, was sie über die Notwendigkeit der Distanz sagt. Wenn man sich mal länger mit diesen Themen beschäftigt, wird es immer unglaublicher, wie man überhaupt nur auf die Idee kommen kann, den Bedürfnissen eines anderen Menschen, dem Partner gerecht werden zu müssen. Es genügt durchaus, wenn es eine ausreichend große Schnittmenge von Gemeinsamkeiten gibt, die die Basis der Beziehung bildet. Erwartet man mehr, ist man einfach nur ein bisschen sehr naiv. Und diese Naivität ist es, an der so viele Beziehungen scheitern, die die Liebe oft in kürzester Zeit in Hass umschlagen lässt. Ich glaube tatsächlich, dass die meisten oder vielleicht sogar alle Probleme, die wir haben, letztlich Beziehungsprobleme sind. Deshalb verstehe ich unser Anliegen im Grunde genommen als Arbeit für den Frieden unter den Menschen: Solange wir in unseren Beziehungen keinen Frieden finden, werden wir auch auf der Erde keinen Frieden haben.“ ´
Jutta Gruber ist Philosophin, Journalistin, Vorstandsmitglied der Deutschen Transpersonalen Gesellschaft und TARA-Process-Begleiterin. www.taraprocess.com/html/juttagruber.html
|