Kurz vor Redaktionsschluss schickte uns Antonia Hasselmann diese lesenswerten Gedanken zum Bau der Dresdener Waldschlösschenbrücke und die dabei stattfindende Zerstörung eines wunderschönen Fleckchens Natur:
Wenn ich mir die Baustelle auf der Wiese vor dem Waldschlösschen anschaue, kommt mir folgende Assoziation: Ist diese Baustelle nicht Ausdruck unserer eigenen inneren Baustellen? Gibt es sie nicht nur deshalb, weil wir uns weigern, unsere eigenen Baustellen zu betrachten?
Weil wir uns weigern, darüber nachzudenken, dass dieses Geschehen nur der Ausdruck unserer fehlenden Gelassenheit dem Leben gegenüber und dem fehlenden Urvertrauen, der fehlenden Freude ist. Wir brauchen eine Brücke, um noch schneller zu den Schauplätzen unserer Verleugnungen zu gelangen: Zu der Arbeit, die wir nicht mögen, in Zeiten, die wir lieber anders und sinnvoller nutzen wollten; zu Menschen, mit denen wir nichts gemeinsam haben, immerwährend auf der Flucht vor uns selbst und vor der Erkenntnis – unterwegs, um ein Leben neben uns, neben unserer Bestimmung, fern unseres eigentlichen Wesens zu führen. Wie können wir ein Auge für das Schöne außerhalb von uns haben, wenn wir uns kein Auge für das Schöne in uns, an uns gönnen? Diese Baustelle ist Ausdruck unserer Verbitterung und Traurigkeit. Wie können wir das Schöne um uns herum ertragen, wenn wir scheinbar nicht wir selbst sein dürfen, wenn wir zutiefst erfahren haben, nicht so gewollt und nicht so geliebt zu sein, wie wir sind? Wenn wir damit beginnen uns selbst zu lieben, können wir auch die Schönheit unserer Umgebung ertragen, dann sind wir gewillt, sie zu schützen. Aber ich kann nicht hergehen und sagen, „zerstört doch bitte nicht diesen schönen Ort“ – und dabei innerlich das Leben nicht lieben und mich nicht lieben und kein Vertrauen haben in den Fluss des Lebens. Das wäre ein Widerspruch, der nichts erzeugt. Wenn wir das Leben lieben, dann liebt es auch uns. Wenn wir unsere Lebenslust und Lebensfreude nicht mehr zerstören, zerstören wir auch nicht mehr deren Spiegel im Außen. Denn alles Leben ist ein Gleichnis. Auch ich bin der Polizist und der Baumsäger, aber ich bin auch der Baumbesetzer und der Demonstrant, ich bin das Kind, das noch nicht wertet, und ich bin auch schon der Erwachsene, der den Zugang zu sich verloren hat. Ich bin alle diese Verkörperungen, alle diese Meinungen, alle diese Rollen, Seelenanteile. Aber wofür entscheide ich mich?
Entscheide ich mich dafür, in erster Linie das Wesen zu sein, das ich bin, dafür, keine „Rolle“ mehr zu spielen im großen Spiel? Was hindert mich daran? Auf was oder wen warte ich?
„Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben“, sagen die Hopi-Indianer.
Antonia Hasselmann lebt als Autorin, Photographin und Philosophin in Dresden. Kontakt: AntoniaHa@gmx.net
Informationen zum Widerstand gegen die Zerstörung des Elbtals unter: www.welterbe-erhalten.de ´
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