Die Freien Gesundheitsberufe gehen neue Wege.
Die „Frankfurter Gespräche“ gehen mit bekanntem Logo, aber mit neuem Namen in das Jahr 2008: „Freie Gesundheitsberufe“. Der Namenswechsel steht für eine sich profilierende Identität, für die Entwicklung eines jungen Verbands, der Qualität und Transparenz in den freien Gesundheitsberufen vertritt. Hier werden Eckpunkte seines Leitbilds diskutiert.
Qualitas“ meint in seiner ursprünglichen Bedeutung die eigenschaftliche Beschreibung von Zuständen. Interessant dabei ist, dass Qualität per se wertfrei, also weder gut noch schlecht ist. Qualität beschreibt, wie etwas ist. Erst bezogen auf ein Wozu erhalten wir Information darüber, ob die wahrgenommenen Eigenschaften dem entsprechen, was wir erreichen wollen. So fungiert die qualitative Beschreibung von Zuständen als sensibler Wahrnehmungsparameter: Er gibt uns Orientierung über Stimmigkeiten und Unstimmigkeiten zwischen Ist-Zustand und Zielvorstellungen, zwischen Denken, Fühlen und Handeln.
Diese phänomenologische Perspektive erfordert eine vorurteilsfreie Wahrnehmung sowie ein kritisches und interaktives Überprüfen von Gewohnheiten, Überzeugungen und Werten. Die eigenschaftliche Beschreibung von Zuständen in lebendigen Prozessen eignet sich, um die verschiedensten Zustandsebenen – die Ebenen der Ziele, der Gefühle, Handlungen, Interaktionen, Arbeitsstile, Werte und vieles mehr – bewusstzumachen und für das, was erreicht werden soll, zu nutzen.
Ganzheitliches Menschenbild
Der Dachverband der freien Gesundheitsberufe vereinigt ausdrücklich solche Gesundheitsberufe, die sich einem ganzheitlichen Menschenbild verpflichtet fühlen.
Was meint „ganzheitlich“ in praktischer Konsequenz? Auch in unseren Kreisen entsteht oft der Eindruck, dass dieses große Wort alles und nichts vermittle. Darüber, dass körperliche, seelische, geistige und soziale Funktionen des Menschen sich wechselseitig bewirken, besteht heute Konsens auch in den wissenschaftlichen Disziplinen. Mit analytischen Funktionsmodellen „beweisen“ uns Forschungsergebnisse aus der Neurologie und Neuropsychologie, der Biophysik und Biochemie, der Anatomie, Physiologie und vielen anderen Bereichen, dass ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlichster Systeme menschliches Funktionieren und Leben bedingt.
Obwohl diese logischen Funktionszusammenhänge dem Verstand einleuchten, scheint mit dem Begriff „ganzheitlich“ noch etwas darüber Hinausreichendes angesprochen zu werden. Was ist es, das den wissenschaftlichen Erklärungen fehlt? Wahrnehmungspsychologen drücken es so aus: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Was genau ist dann dieses Mehr? Die Fuzzy-Logiker verwenden eine mathematische Gleichung dafür: 2 + 2 = 5. – Eine numerische Aussage, die Kontemplation verdient. Der Philosoph Martin Buber meint – vielleicht – dasselbe mit dem dialogischen Prinzip; bei ihm ist das Erleben gegenseitiger Berührung und Bewegung zwischen Ich und Du Kernpunkt seiner Erkenntnisse. Kollegen und Kolleginnen sprechen gerne von Spiritualität bei diesem Phänomen ganzheitlichen Erlebens, welches sich einem rationalen Zugang entzieht.
Das Erleben von Ganz-Sein ist eine Erfahrung. Als ganz erleben wir z.B. solche Phänomene, die sich in unserer sinnlich-mentalen Wahrnehmung mit einer hohen Stimmigkeit manifestieren. Als stimmig erleben wir auch solche Wechselwirkungen, die eine hohe Resonanz erzeugen: Dabei verursacht die Schwingung eines Systems ein Mitschwingen oder Mitklingen anderer schwingungsfähiger Systeme durch Übertragung der Eigenbewegung auf diese. Als ganzheitlich erleben wir auch solches Handeln, das stimmig hinsichtlich der Kontexte und der zugrundeliegenden Motive, Werte und der Identität des Handelnden erscheint.
Wenn wir also Kriterien für ein ganzheitliches Handeln in den Gesundheitsberufen benennen wollen, dann könnten es diese sein: Stimmigkeit und Resonanz – ein Handeln, das Stimmigkeit und Resonanz nach innen (intrapersonal) wie nach außen (in Beziehung zur mitmenschlichen, organischen Umwelt) bewirkt, ein Handeln, welches intersubjektiv als stimmig erlebt wird und als Lebensimpuls Schwingung erzeugt.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für eine ganzheitliche Gesundheitspraxis? Es gibt Unterschiede: Eine Kunsttherapeutin kann Bilder malen lassen und dazu handwerkliche und künstlerische Techniken vermitteln. Sie kann auch den Gestaltungsprozess in Beziehung setzen zum Ausdrucksverhalten und Erleben des Gestaltenden, zu dem, was erreicht werden will, zur Lebenssituation, zu den Wirkungen, die das gestaltende Ausdrucksverhalten zeigt, und zu den Analogien, die sich im Bild wie im Leben zeigen.
Ein Yogalehrer kann ein sportives Übungssystem vermitteln. Er kann auch mentale Konzentrationshilfen geben, die Körperwahrnehmung und die Gestaltung des Atems lenken, auf Spannung und Entspannung aufmerksam machen, Anleitungen für die Ausführung der Übung geben, bewusst machen, wo Energie fließt und welche Chakren aktiviert werden, welche Asanas welche psycho-mentalen Wirkungen entfalten u.v.m.
Für ein ganzheitliches Handeln formulieren wir die Leitfrage: Wie kann ich so intervenieren, dass in hohem Grad stimmige Wechselwirkungen und Resonanzen entstehen? Diese Leitfrage steht als qualitatives Bindeglied für die vielfältigen Methoden, die wir in den Freien Gesundheitsberufen zusammenführen. Jeder Gesundheitspraktiker, sei es in der Atemarbeit, Bewegungsarbeit, Muskelarbeit, psychomentaler Arbeit, kreative Gestaltungsarbeit, spiritueller Praxis, kann diese Frage anwenden, um immer wieder die Stimmigkeit des eigenen Handelns nach innen wie nach außen zu prüfen und auszubilden. Resonanz auf sein Handeln erfährt er in sich selbst und in den Resonanzen aus seiner umgebenden Welt.
Gesundheit
Als gesund bezeichnet sich ein Mensch in der Regel dann, wenn er sich mit seinem Körper, mit seinem Handeln, Fühlen und Denken und mit seiner Mitwelt in Einklang erlebt. Gesundheit ist kein Zustand, sondern die Fähigkeit des einzelnen, unter wechselnden Lebensbedingungen immer wieder in Einklang mit sich selbst und mit seiner umgebenden Welt zu gelangen. Gesund ist, wer gelernt hat, mit Erkrankungen so umzugehen, dass sie zur Gesundung führen, und der so seine Gesundheit fördert. Ziel ist nicht Heilung oder Heilsein als fixierter Zustand, sondern die Kompetenz, immer wieder Wege des Heilwerdens zu erkennen und zu gehen. Die von den Freien Gesundheitsberufen vertretenen Gesundheitsberaterin-nen, Lehrerinnen, Lehrer, Begleiterinnen und Begleiter sehen ihre Aufgabe darin, mit ihren Klienten solche Wege zu erforschen, sie zu erproben und zu praktizieren.
Das Gesundheitsverständnis der Freien Gesundheitsberufe beruht auf der salutogenetischen Prämisse, dass der Mensch in Eigenverantwortung Gesundheit gestalten kann durch Selbstwahrnehmung, Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung.
Zur Praxis der freien Gesundheitsberufe gehört deswegen die Schulung der Selbstwahrnehmung und der Kontexte, in die der Einzelne gestellt ist: die Unterstützung zum Selbstausdruck und zur Selbstbestimmung; die Förderung der Selbstgestaltung und das Bewusstsein zur Selbstverantwortung.
Wie unten so oben
Nach dem hermetischen Prinzip bestehen im Oben wie im Unten, im Innen wie im Außen, im Kleinen wie im Großen Analogien. Wenn wir dieses Analogiegesetz auf die berufspolitische Arbeit der FG anwenden wollen, dann entsteht eine zwingende Notwendigkeit: Nur das wird nach außen seine Wirkungen entfalten, was wir im Innen – in der Verbandsarbeit, an uns selbst und untereinander – verwirklichen. Dies mag eine etwas ungewöhnliche Sicht auf Verbandsarbeit sein, aber sie scheint da nützlich, wo die Kongruenzprüfung zwischen innen und außen, Wollen und Tun leicht im Eifer des Gefechts vernachlässigt wird. Leider zeigen die Erfahrungen unter politischen Vorzeichen immer wieder ein Gebaren, das dazu dient, ungeprüfte Glaubenssätze durchzusetzen, persönliche Machtinteressen auszuagieren, Harmonie zu erzwingen.
Im Wissen über diese Zusammenhänge hat der Dachverband von Anfang an mit großer Bereitschaft zu Selbstkritik und Selbstoffenbarung seine Verbandsarbeit gestaltet. Die wirkungsvolle Zusammenarbeit, die erreichten Ziele, das entstandene Vertrauen und die innere Überzeugungskraft bestätigen den Wert solcher Achtsamkeit. So wird die Verbandskultur weiterhin dadurch geprägt sein, das vermeintlich Selbstverständliche zu hinterfragen, genau hinzusehen und zu unterscheiden, um dann zu entscheiden, was wir authentisch verwirklichen wollen.
Freie Gesundheitsberufe
In der Anfangszeit hat uns ein „alternatives“ Bewusstsein Orientierung gegeben: Als Dach für die sogenannten alternativen Gesundheitsberufe haben wir uns komplementär zu einer Krankheitskultur und technisierenden Medizin organisiert. Damals lag uns daran, die Unterschiede zu klären. Heute leitet uns die Vision, dass wir die Freiheit haben, gesunde Lebensbedingungen zu schaffen.
Seinem Menschenbild verpflichtet, geht es dem Dachverband Freie Gesundheitsberufe um die Freiheit zu Selbstverantwortung, Selbstorganisation, Selbstverwirklichung und Selbstkontrolle. Freiheit verstehen wir somit vor allem als eine Aufgabe. Und es ist eine der schwierigsten. In zahlreichen und auch kontroversen Diskursen suchen wir immer wieder nach unserer Freiheitsbestimmung: Wie können wir diese Ziele verwirklichen? Womit wollen wir uns verbinden, und wovon wollen wir uns lösen?
Statt einer Antwort nachfolgend einige Gedanken, die den Weg zu einer freien Gesundheitskultur säumen können.
Dialog von Betroffenen
Der Mensch ist zentraler Gegenstand und Kristallisationspunkt des Dachverbands; ihn nicht aus den Augen zu verlieren, daran muss in der beruflichen und vor allem politischen Arbeit immer wieder erinnert werden. Die -Faszination politischer Strategien, persönlicher Macht und Anerkennung sind verführerisch, und die Gefahr ist groß, das „Wozu und für wen?“ zu vergessen.
Der Dachverband steht in der praktischen Begegnung mit Menschen, die gesund leben und wachsen wollen. Dazu gehören alle praktizierenden Mitglieder in den Mitgliedsverbänden der Freien Gesundheitsberufe, die Klientinnen und Klienten, die die neuen Gesundheitsberufe für sich in Anspruch nehmen, und alle Menschen, die sich angesprochen fühlen von dem, was wir mit unserer berufspolitischen Arbeit verfolgen. Der offene Dialog mit diesen Menschen kann die Aktivitäten des Dachverbands korrigierend oder bestätigend inspirieren.
Gesetzliche Anerkennung
Es gilt immer wieder mit höchster Sensibilität zu prüfen, inwieweit Bestrebungen nach gesetzlicher Anerkennung zu Freiheit oder zu Bevormundung führen bzw. inwieweit sie nicht eher das Bedürfnis nach Sicherheit und „väterlichem“ Schutz befriedigen, um sich so den vermeintlich risikoreichen und mühsamen Prozessen zu entziehen, welche die Bewegungen des Lebens und die Kreativität mit sich bringen. Berichte von gesetzlichen Anerkennungsverfahren zeigen immer wieder, wieviel Selbstaufgabe für gesetzliche Anerkennung in Kauf genommen wird. In Zusammenarbeit mit Dr. Boxberg haben wir im vergangenen Jahr die Information bekommen, dass Selbstorganisation dem Streben nach berufsgesetzlicher Anerkennung vorzuziehen sei (siehe den Artikel „Alles was Recht ist“ Teil 1 und 2 auf www.freie-gesundheitsberufe.de).
Wissenschaftliche Anerkennung
Wissenschaftliche Anerkennung erlangen wir in der Regel dadurch, dass wir anhand von messenden, verallgemeinernden und objektivierenden Verfahren nach naturwissenschaftlichem Vorbild zu sogenannten gültigen Aussagen gelangen. Je häufiger dieselbe Intervention zum gleichen Ergebnis führt, umso wahrscheinlicher ist die allgemeine Gültigkeit unseres Handelns, und seine Wirksamkeit ist damit nachgewiesen. Dieses Wissenschaftsverständnis bewährt sich, wenn es um mechanische Beschreibungen und identisch wiederholbare Wirkungsbeziehungen geht. Wir werden uns fragen müssen, inwieweit solche Verfahren naturwissenschaftlicher Provenienz auch dazu geeignet sind, subjektive Phänomene menschlichen Erlebens zu beschreiben.
Wissen zu schaffen, ist in jeder individuellen Begegnung mit Klienten Teil der Arbeit. Egal, in welchem Gesundheitsberuf wir tätig sind, es wird immer darum gehen, dass der Klient etwas über sich und seine Möglichkeiten herausfindet, und auch über die Bedingungen, die er sich selbst – oder seine Welt ihm – einschränkend oder fördernd bereitstellt. Um diese komplexen Prozesse subjektwissenschaftlich zu beschreiben, werden wir solche Forschungsverfahren entwickeln müssen, welche die Komplexität, die Individualität und Vielfalt menschlicher Dynamiken abbilden können. Statt um statistische Zahlen wird es hier um Verstehen, statt um Objektivierung um den individuellen Dialog zwischen wahrnehmenden, erlebenden, bewertenden und handelnden Menschen gehen. Ethno- und ideographische ebenso wie phänomenologisch-hermeneutische Verfahren sind in den Geisteswissenschaften tradierte Methoden der wissenschaftlichen Beschreibung, welche jedoch zunehmend durch ein naturwissenschaftlich rationalisierendes Denken in den Bereich der Schriftstellerei und Kunst verdrängt wurden.
Wenn die Freien Gesundheitsberufe sich wissenschaftlich etablieren wollen, werden sie im Vorfeld klären müssen, wozu sie der Forderung nach wissenschaftlicher Legitimation nachkommen wollen; und weiter, welcher Wissen schaffender Verfahren sie sich bedienen möchten, um ihr Tätigkeitsfeld angemessen zu beschreiben. Es gibt inzwischen ausreichende Anzeichen dafür, dass Kunst und Kreativität – als ergebnisoffene Prozesse verstanden – den „exakten“ Wissenschaften gleichwertig zur Seite gestellt werden müssen, damit das menschliche Potenzial in seiner materiellen und geistigen Dimension entfaltet werden kann (siehe Adrienne Goehler: „Verflüssigungen“).
Neue Wege
Frei sein als Ziel ist demnach kein Zustand des Entbundenseins, sondern ein Streben „hin zu“. Frei sein heißt, in einem hohen Maß verbunden zu sein. Bleibt zu erwarten, dass der Dachverband der Freien Gesundheitsberufe seinen Weg des „Hin zu“ geht, indem er
! seine Mitglieder kooperativ darin anregt und unterstützt, das zu gestalten, was in hoher Übereinstimmung mit seinem Menschenbild steht,
! Aufmerksamkeit für die Fragen entwickelt: Wodurch übernehmen wir Verantwortung? Wo geben wir Verantwortung ab?
! den aktiven, in Frage stellenden Dialog sowie die Transparenz der Motive fordert,
! das Wahrnehmen und Artikulieren individueller Erfahrungen in der Gesundheitsarbeit fördert,
! Werte und Visionen der Mitglieder in einem kontinuierlichen Procedere reflektiert,
! das Erkennen und Ausschöpfen kreativer Potenziale von innen heraus wie von außen anregt und fördert. ´
Birgit Naphausen, M.A. phil., Vorstandsmitglied Freie Gesundheitsberufe, Kunsttherapeutin in freier Praxis, Mitglied im Leitungs- und Dozententeam des Forums für analytische und klinische Kunsttherapie. Kontakt: Tel. (08807) 8379,b-naphausen@kunsttherapie.com
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