Die Kraft des utopischen Denkens.
Gesellschaftliche Utopien befeuern spätestens seit Beginn der Neuzeit die Hoffnungen und Denkweisen der Menschen. Anlässlich der Eröffnungsveranstaltung des von „Aktion Mensch“ organisierten bundesweiten Filmfestivals „über morgen“ beschwor der Journalist Mathias Greffrath die Kraft des utopischen Denkens. Wir dokumentieren hier seine Rede.
Der technische Fortschritt nimmt kein Ende, aber es herrscht „Vollbeschäftigung“, denn die Regelarbeitszeit für alle – Manager wie Müllwerker – beträgt nur noch vier Stunden. Exzellente Schulen entlassen die jungen Menschen nicht nur mit allen notwendigen beruflichen und wissenschaftlichen Kenntnissen ins Leben – sondern auch mit sozialen, intellektuellen und musischen Fähigkeiten, damit sie die arbeitsfreie Zeit kreativ und selbstbestimmt gestalten können. Die erweiterte Großfamilie ist bevorzugtes Lebensmodell, sie übernimmt die Kinderbetreuung, und die Alten dämmern nicht in Hospizen ihrem Ende entgegen. Das Verhältnis von Männern und Frauen ist entspannt – bis auf die Schmerzen, die bis in alle Ewigkeit der Liebe entspringen. Das Gefühl sozialer Sicherheit rückt postmaterielle Werte in den Vordergrund: Es wird mehr gesungen, getanzt, gewandert; es werden weniger überflüssige, den Status oder die -Kompensation fütternde Dinge konsumiert. Alle Bürger wirken auf unterschiedliche Weise an der Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten mit, eine Vielzahl von Religionen lebt friedlich nebeneinander. Im Staatswappen prangt die Sonne, denn deren Energie treibt die Industrie und Landwirtschaft des Gemeinwesens an.
Die Sonnenstadt von Campanella
Dieses kulturrevolutionäre Programm steht nicht im Grundsatzpapier rot-grüner Fundamentalisten. Es ist verwirklicht in der „Sonnenstadt“ auf der Insel Tapo-brane im Indischen Meer. Reisende haben davon berichtet, aufgeschrieben hat es der kalabrische Mönch und Sozialrevolutionär Tomaso de Campanella im 16. Jahrhundert. Für solche Ideen – vor allem natürlich für die Ketzerei mit der Sonne – saß Campanella zwei Jahrzehnte in vatikanischen Kerkern. Utopien und Utopisten – so hören wir es immer wieder – sind gefährlich: Sie wollen die Menschen zu ihrem Glück zwingen und enden in Diktatur. Nun, die Verhinderer von öffentlichem Glück und die Realisten unhaltbarer Status quo sind ebenso gefährlich, aber Warnungen vor ihnen hören wir selten.
Dabei – wenn wir nach Fixpunkten der europäischen geistigen Identität, nach dem kulturellen Erbe -Europas (nach dem so heftig gerufen wird) suchen: Hier -finden wir es, in den frühneuzeitlichen Sozial-utopien, ob nun in der des Tomaso Campanella oder der Engländer -Francis Bacon und Thomas Morus; der letztere nannte seinen idealen Staat „Utopia“. Hier finden wir die Ursprünge der geistig-moralischen Triumphe Europas vorgezeichnet, und nicht nur die technischen. In diesen „Seefahrermärchen“ von Gemeinwesen auf unbestimmbaren Breitengraden flossen die Erkenntnisse der neuen Wissenschaften und des Humanismus, die Berichte von Völkern, die kein Eigentum kennen, und ein weltzugewandter christlicher Messianismus zusammen zur Trias von Technik, Demokratie und dem Ideal allseits gebildeter Menschen.
Träume von Orten des friedlichen, vor allem aber des satten Lebens, sind so alt wie die Menschheit. -Solange die Erde ein Jammertal war, von wilden Tieren, Dürre, Räuberbanden, brutalen Herrschern bedroht, von Gewittern und von Höllenangst, die Priester in die Menschen hineinpredigten, gab es irgendwo, hinter den Sieben Bergen oder am Ende des Regenbogens, ein Land, in dem man das Leben aushalten konnte, wo Milch und Honig flossen. Aber seit der europäischen Renaissance liegen diese Trostorte auf der Erde, wenn auch zunächst in Gegenden, die nur unter der Narrenkappe der Phantasie erreichbar waren. Aber aus den Märchen von vernünftigen Paradiesen wuchsen die urchristlichen Revolten der Wiedertäufer und der Bauernkriege; speisten sich die Programmschriften der Aufklärer. Die Utopie, einmal aus dem Himmel auf die Erde gekommen, wurde nun verzeitlicht, aus der Geografie des öffentlichen Glücks ein Fahrplan zu seiner Herstellung, aus dem „Nirgendwo“ ein „Noch Nicht“.
Die rationalistischen Kopfgeburten der Menschenrechte und des Gesellschaftsvertrags wurden posaunenstarke Gedankenwaffen gegen Adel, Klerus, Hof – und am Ende fiel die Bastille. Der Geist der Utopie gab der Französischen Revolution ihren überschießenden Elan. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, Brot, Demokratie und Gemeinsinn für die ganze Welt-Republik. Von den sozialen Rechten der ersten bürgerlichen Verfassungen blieb zunächst nur die Gleichheit – der Wohl-habenden – vor dem Gesetz und die Heiligkeit des individuellen Eigentums. Aber die Ideen der Demokratie und der globalen Gerechtigkeit waren nun in der Welt; und der Kampf um ihre Durchsetzung brachte wiederum Utopien hervor, zuvörderst Utopien der Arbeit. Und wieder waren es – oft – Inseln: In Etienne Cabets Insel-Roman „Ikarien“ tauchte 1840 zum ersten Mal das Wort communiste auf. Und in Charles Fouriers Produktionsgenossenschaften wird der Artikel 1 der Revolutionsverfassung von 1789 – „Das Ziel der Gesellschaft ist das allgemeine Glück“ – bis in alle Einzelheiten akribisch ausmodelliert: Ein Masterplan für eine solche Gesellschaft, in der sogar die Schmutzfinken ihren Platz finden können: in der – gut bezahlten – Müllabfuhr.
Das Ende der Utopien?
Aber bloße Ideen, Träume von idealen Gesellschaften werden die Not nicht wenden – davon waren die frühen Gewerkschafter, die rebellierenden Weber, und davon waren vor allem zwei junge deutsche Doktoren überzeugt. Die Dynamik dieser Gesellschaft werde, so donnerte 1848 ihr „Kommunistisches Manifest“, Wissenschaft und Industrie entfesseln, den Globus mit einem Netzwerk von Technik und Kommerz überziehen – und damit erst die „objektiven Bedingungen“ für das „Reich der Freiheit“ schaffen – für eine Gesellschaft, in der „die Menschen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen“.
Wir wissen, was zunächst daraus wurde, und die Historiker streiten zu recht immer noch: Ob es allein an dem totalitären Rationalismus lag, der die Utopie pervertierte, oder ob der Weltbürgerkrieg zwischen Kapitalismus und Sozialismus nicht auch daran mitgewirkt hat. Ein Krieg, aus dem „der Westen“ als Sieger hervorging. Ich sagte: zunächst – denn die Geschichte kennt keinen Masterplan, und die neue Utopie – „das Ende der Geschichte“ – hatte nur eine kurze Halbwertzeit. Seit auch China und Indien im globalen Kapitalismus mitspielen, ist die Welt tatsächlich vereint: auf dem Weltmarkt. Dessen Mechanismen spielen nun global und weitgehend ungehemmt. Und haben zu neuen, zu schwarzen Utopien angeregt: etwa Jean-Christoph Rufins „Globalia“ (2004). Unter riesigen Plexiglaskuppeln, die vor feinstaublichem Übel aller Art, Klimaschwankungen und terroristischem Giftgas schützen, lebt eine überalterte Gesellschaft atomisierter Individuen, mobil, flexibel, ohne Vergangenheit. Eine machtlose Politikerkaste gießt die ökonomischen Diktate in politische Programme und liefert gelegentlich Waffen an Terroristen, damit die Folgebereitschaft nicht unter ein gefährliches Pegelmaß fällt. Ein Drittel der Weltbevölkerung lebt in diesen Kristallpalästen und konsumiert immer neue Überflüssigkeiten – und draußen ist ödes Land, wo die Unangepassten, Überflüssigen, Unfähigen sich in Bandenkriegen, mit Naturalwirtschaft und Nomadentum durchschlagen, in einer ökologisch degradierten Welt. Rufins Roman kommt mit wenig Phantasie aus. Das meiste gibt es schon in nuce.
Und wo bleibt die Utopie?
„Wir müssen unseren Garten bestellen“ – das war der Satz, mit dem Voltaires anti-utopischer Held Candide und seine kleine Wohngenossenschaft sich am Bosporus niederließen, nachdem sie eine Welt in Unordnung umrundet hatten. Unseren Garten bestellen, das heißt, weniger poetisch: die Erde so verwalten, dass sie auch in tausend Jahren noch bewohnbar ist, und zwar überall und für alle. – Das ist eine gigantische, eine revolutionäre Aufgabe: der Übergang zur solaren Weltwirtschaft, und damit eine Revolutionierung unserer Lebensweise: andere Städte, eine Dekonstruktion der Mega-Metropolen, eine kluge Deglobalisierung der monopolistischen Netze von Energie und Güterproduktion, eine allmähliche Ersetzung des Hungers nach immer neuen materiellen Dingen durch postmaterialistische Lebensgenüsse und eine Beteiligung aller an „wirklicher“ Arbeit (so wie in Campanellas Sonnenstadt, nur auf unendlich produktiverem Niveau) – oder die Klimakatastrophe, Elendsrevolten und Diktaturen sind unabwendbar.
Das klingt nach Titanenarbeit. Und wie sollen wir kleinen Sterblichen das alles schaffen?
Von den Inseln zur Bewegung
„Eine andere Welt ist möglich“, rufen die Demonstranten in aller Welt, und auch auf dieser anderen Seite der Zäune fehlt es nicht an Masterplänen für eine neue Weltwirtschaftsordnung, eine globale soziale Marktwirtschaft, eine Entschleunigung des Wachstums, eine solare Revolution. Es sind hier wie dort und bis heute – im wesentlichen kraftlose Postulate.
Epochale Veränderungen gehen von Inseln aus, zunächst von erdachten, und dann von realen. Das war in der Renaissance so, und so ist es auch heute. Die Inseln der Zukunft in unserer Epoche: das sind die Fabriken, in denen die Techniken des Solarzeitalters entwickelt werden; die Schulen, in denen engagierte Lehrer die Kinder von Migranten zur Gymnasialreife bringen; die Computerfreaks, die Netzwerke konstruieren, in denen das Wissen der Welt keine Ware ist; Bürgerinitiativen zur Verteidigung kommunaler Einrichtungen; Subkulturen der aufgeklärten Askese. Und global: tausende von NGOs, die für fairen Handel, Entwicklungshilfe, nachhaltige Landwirtschaft und gegen die Patentierung des geistigen und natürlichen Erbes aller Menschen kämpfen; die schwimmenden Inseln von Greenpeace, die Abteilung „regenerative Energie“ in der chinesischen Regierung und einige Unterorganisationen der UNO. Und die hunderten von Initiativen der Aktion „Gesellschafter“. Sie alle realisieren bereits die Vision einer solidarischen „Solaren Weltgesellschaft“, ohne dass es dazu eines Manifests oder Zentralkomitees bedurfte. Sie schaffen Inseln, Orte – topoi – inmitten einer Weltunordnung, die Orte, an denen man wohnen, leben, Familien gründen, ja überleben kann, bedroht.
Es gibt diese Inseln. Dass sie zu einem Festland werden, dafür sehe ich zwei Bedingungen:
Vier Fünftel der Bürger in unserem reichen Land wollen einen Staat, der für mehr Gerechtigkeit sorgt, und die Hälfte der Bevölkerung nennt das sogar schon wieder „Sozialismus“ (was immer sie sich darunter vorstellen). Und die Kanzlerin schlug vor, den CO2-Verbrauch in Zukunft pro Kopf der Erdenbürger zu bemessen. Zusammengenommen: Jedem Menschen auf Erden das gleiche Maß und das gleiche Recht auf Fortschritt und Entwicklung – mehr haben die Utopisten aller Zeiten nicht gefordert. Nun müssen wir – wieder einmal – etwas davon umsetzen. Und zweitens: Das Unterfutter für eine Politik des Neuen ist nicht nur die Erkenntnis, dass es so nicht weitergeht – und schon gar nicht bei uns, wo die äußere Not nicht erdrückend ist. Es muss etwas anderes dazukommen, damit Menschen in Massen sich bewegen: Das Versprechen eines besseren Lebens, nicht erst in fernen Zeiten, sondern in meiner Lebenszeit, und die Lust an politischer Aktionen, die nicht in einer fernen Zukunft das „öffentliche Glück“ zu schaffen versprechen, sondern in denen immer schon etwas von diesem Glück verwirklicht ist.
In den tausenden von Gruppen, die in der Gesellschafter-Bewegung vereinigt sind, hat dieser Geist der Utopie schon Gestalt angenommen. Sie tragen – wenn Sie so wollen – ihren Lohn schon in sich. Und wo es dann im Großen und Ganzen hingeht, entscheidet sich, entscheiden wir und Milliarden andere, durch unsere Handlungen unter dem offenen Himmel der Geschichte.
In dem Festival, das heute eröffnet wird, gibt es viele Zukunftsbilder: erschreckende, aktivierende, herzwärmende. Lassen Sie mich mein höchstpersönliches Bild dazutun. Es ist ein Brief:
Ein Brief an die Ur-ur-ur-Enkelin
2099? Da könntest du, unbekannte Ur-ur-ur-Enkelin, in deinen frühen Zwanzigern sein. Wenn es dich geben wird. Und das ist gar nicht gewiss. Nicht, weil es die Menschheit nicht mehr geben wird. Menschheit ist ein zu großes Wort, um danach zu leben. Sondern, weil zu meiner Zeit in Mitteleuropa immer weniger Menschen Kinder bekamen. Weil die Männer abends zu müde waren. Weil die Frauen erst Karriere machen wollten. Weil alle miteinander Angst vor „der Zukunft“ hatten, in dieser hysterischen Endphase des Kapitalismus.
Falls es dich aber gibt, sehe ich dich in einem Gemüsegarten, unter einem Windrad neuester Bauart, in einem Haus, das Energie produziert. Irgendwo auf dem Land, in Burgund oder Brandenburg – oder in einem Winkel der umgebauten großen Städte, die nur noch wenig Ähnlichkeit mit unseren haben. Natürlich elektronisch an die Bibliotheken und Musikschätze der Vergangenheit und die Nachrichten deiner Gegenwart angeschlossen, in den sechs Monaten, in denen du dort lebst und nicht deiner Arbeit im Labor für Nano-Biologie nachgehst.
Das ist, wie du weißt, keine romantische Idylle. Ganz egal, wie das Jahrhundert läuft: Es ist eine realistische Perspektive. Denn entweder wir haben die solare Revolution geschafft – dann wird euer Lebensstil High-Tech-Wissen und eine Art neuer Autarkie, die Lust an der Natur und urbane Gelüste neu kombinieren können. Und die Chinesen und die Inder werden, nachdem sie fürs Nötigste gesorgt haben, darin auch ihre Perspektive sehen, auf ihre Art. Oder die Satansmühle Kapitalismus dreht sich, atomar getrieben, weiter bis ans Ende. Dann zerfällt die Welt: in Megametropolen unter Glasdächern – und Zwischenräume, in denen die Überflüssigen, die Langsamen und die Weisen siedeln – abgekoppelt, von dem, was einmal Gesellschaft hieß.
So oder so also, wenn es dich gibt, stehst du, so sehe ich dich, unter einem Nussbaum, oder bindest Tomaten hoch. Wenn es gut geht, mit einem Mann, mit Kindern, mit Freunden, auch ein paar Älteren, die mit euch zusammen arbeiten und dich halten, wenn die Liebe schief geht und auch sonst. Versöhnung mit der Natur nannten das unsere alten Philosophen. Und irgend so etwas haben wir immer geträumt bei unseren schwachen Versuchen. Lass dich umarmen, und, wenn ich dich um etwas bitten darf, pflanz’ bitte schwarze Johannisbeeren.
Du lachst? Das sei keine Idylle? Und die Arbeit oft eher anstrengend? Ja nun. Das sagt jede Generation, seit irgendwo in Afrika die ersten Anthropoiden diesen merkwürdigen Daumen hatten, der ihre Hände so geschickt machte. Aber was soll’s? Wir können doch gar nicht anders als … unseren Garten bestellen. ´
Mathias Greffrath ist Soziologe und Journalist unter anderem für ARD, taz und Zeit. Seine Arbeitsschwerpunkte sind zur Zeit die kulturellen Folgen der Globalisierung und die Zukunft der Arbeit.
Infos zum Filmfestival
Mehr zum Filmfestival „über morgen“ und zum Gesellschafterprojekt unter www.diegesellschafter.de. Wer die Filmvorführungen von „Menschen, Träume, Taten“ über das Ökodorf für die Vorstellung seiner eigenen Initiativen nutzen und sich an den Veranstaltungen beteiligen möchte, wende sich bitte an die Netzwerkkoordination im Ökodorf unter info@tatjanabach.de
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