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Kollektive Intelligenz
erschienen in Ausgabe 155  PDF-Version (140.16 KB)
Wie außergewöhnliche Kräfte und Leistungen aus einem guten Zusammenspiel heraus möglich werden. Beobachtungen und Reflexionen von Francois Wiesmann. Teil 2.

Wie könnte ein Zusammenleben aussehen, das nicht von Konkurrenz, sondern von Koopera-tion geprägt ist? Was braucht es, damit wir kollektiv intelligent denken und handeln können? Ausgehend von diesen Fragen, hat Francois Wiesmann in der letzten Ausgabe von KursKontakte grundlegende Gedanken und Theorien über das Phänomen „kollektive Intelligenz“ vorgestellt. Im zweiten Teil geht es um die konkreten Erfahrungen in Gruppen- und Organisationsprozessen. Francois Widmann gibt Anregungen, die die Entwicklung eines gemeinsamen Bewusstseins unterstützen können, und zeigt mögliche Perspektiven auf.


Die amerikanische Unternehmensberaterin Juanita Brown meint: „Ich würde sagen, kollektive Intelligenz ist ein systemisches Phänomen. Wenn man sie im Licht lebendiger Systeme und der Chaos-theorie betrachtet, dann ist es so, als würde die kollektive Intelligenz auftauchen, wenn sich das System auf viele verschiedene und kreative Arten mit sich selbst verbindet. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf eine Frage des realen Lebens konzentriert und willentlich die wechselseitige Beeinflussung zwischen den Individuen verstärkt – die Synapsen, sozusagen, im sozialen Gehirn – dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit kollektiver Einsichten. Die kollektive Intelligenz ist also ein Produkt systemischer Interaktionen, nicht einfach das Ergebnis von Eins plus Eins.“
Im Lauf meiner Jahre in der Gruppenarbeit und im Gemeinschaftsleben habe ich Bausteine zusammengetragen, die nach meiner Erfahrung wichtige Faktoren für das Entstehen dieser Zustände sind. Je mehr ich davon verstehe, desto mehr kann ich selbst und bewusst dazu beitragen, dass Gruppen in Zustände verbundenen Bewusstseins kommen. Hier sind einige dieser Bausteine:
1. Ausrichtung: Ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Absicht ist eine der wichtigsten Voraussetzungen. Die Ausrichtung kann äußerlich sein, ein Projekt, eine Notsituation, die gemeinsames Handeln erfordert, ein herausforderndes Spiel im Sport etc.
Je höher das Bewusstsein in einer Gruppe, umso eher ist auch eine innere Ausrichtung ausreichend: das Streben nach umfassenderem Bewusstsein, die regelmäßige Verbindung mit der Quelle allen Seins. In den meisten Fällen ist für diese Ausrichtung eine Führung hilfreich, also eine Person, die diese Ausrichtung verkörpert. Eine solche Person braucht verschiedene Qualitäten, unter anderem die, sich in den Dienst zu stellen, sich also nicht persönlich wichtig zu machen.
2. Ins Ganze hineinlauschen: Eine Gruppe hat die Möglichkeit, zu fragen, wie es dem Gruppenorganismus als Ganzem geht. Das ist eine weiterführendere Frage als die nach dem Befinden der einzelnen Teilnehmer. Sie ist von vornherein auf eine überpersönliche -Ebene gerichtet. Das ist mit kleinen Gruppen möglich, aber auch mit großen, wenn sie bereit sind, zu lauschen.
Wenn wir mit einer Gruppe gemeinsam in die Stille gehen und lauschen, welche Antworten bzw. Eingaben zu einer Frage kommen, und sie dann zusammentragen, kommt fast immer das ans Licht, um was es jetzt geht.
Man formuliert, welche Energien sich gerade zeigen oder bewegen wollen und welche blockiert sind. Das enthält dann sowohl den persönlichen Blickpunkt der Einzelnen als auch die Wahrnehmung vom Zusammenwirken aller Faktoren in dieser Gruppe. Wir begeben uns so wie von selbst auf eine kollektive Ebene.
Die Erfahrung zeigt, dass Gruppen das nicht nur können, sondern es auch sehr gerne tun. Dieser Ansatz kann auch für andere, größere Systeme angewandt werden, z.B. wenn wir wissen wollen, wie es einem Ort geht, welche Energie ein Haus oder ein Gelände hat, eine Firma, ein Dorf, eine Krankheit, ein politisches Ereignis. Wir haben einen direkten Zugang zu kollektiven Wissensfeldern. Der Vorgang bewirkt eine Einstimmung der Gruppe auf eine gemeinsame Schwingung, eine Synchronisierung.
3. Loslassen, was nicht funktioniert. Wenn wir uns das Hineinfühlen zu einer regelmäßigen Praxis machen, entsteht eine Sensibilität für das, was zu tun oder nicht zu tun ist, in jedem Moment. Manchmal haben wir Dinge geplant, die sich als erstaunlich widerspenstig erweisen, wenn wir sie in der Gruppe umsetzen oder entscheiden wollen. Dann gilt es, die verschiedenen Standpunkte anzuhören und sie zu erörtern. Wir -finden so heraus, wo der Energieschwerpunkt der Gruppe ist, die aktuelle Strömung. Das kann in kurzer Zeit klar sein. Immer wieder gibt es aber Situationen,wo zwei oder drei Standpunkte gleich viel Energie zu haben scheinen und wir nicht in der Lage sind, Klarheit für einen gemeinsamen zu gewinnen. Wir beginnen zu diskutieren und uns zu nerven. Oder es wird ungeheuer kompliziert, etwas Einfaches zu organisieren. Dann ist nach unserer Erfahrung das Loslassen angesagt. Entweder lassen wir es einfach stehen und sagen, heute gibt es dafür keine Lösung, und bitten darum, dass bald eine auftaucht. Oder wir sagen, anscheinend soll die Sache nicht sein. Lass es uns vergessen.

Das Ganze hat immer eine Lösung parat
Interessanterweise bewirkt dieses Loslassen sehr oft, dass sich jemand meldet und sagt: Ich mach’s. Oder: Mir kommt da noch ein ganz anderer Gedanke. Oder du gehst raus aus dem Treffen, und nach zwei Stunden weißt du plötzlich, um was es wirklich geht. Oder das Leben schickt dir eine Situation, aus der neue Perspektiven hervorgehen. Manchmal passiert aber auch nichts dergleichen. Die Situation ist einfach zu Ende. Es war nicht dran. – Was hat das mit kollektiver Intelligenz zu tun? Ich würde es so formulieren: Das Ganze hat immer eine Lösung bereit. Auf die komme ich als Einzelner oft nicht. Wenn ich in meinem Geist aber die Möglichkeit und das Vertrauen einbeziehe, dass die Lösung von einem Ort oder Menschen kommen kann, von dem ich sie gar nicht erwarte, erweitere ich mein Potenzial um das Potenzial des Universums – das unendlich viel komplexer und umfassender ist als meines. Ich lasse die Welt mitdenken, und das tut sie auch. Für mich ist das sehr entspannend und beglückend, ich weiß inzwischen, dass ich mich darauf verlassen kann. Was ich dazu tun muss, ist loslassen und wach bleiben.
4. Gesprächskultur: Es gibt ein paar Dinge in der Gesprächskultur von Gruppen, Teams, Organisationen, die mithelfen, die kollektive Intelligenz, die Synergie der Kräfte, einzuladen:
!Ich höre zu, wenn jemand spricht. Was will die Person wirklich zum Ausdruck bringen?
!Die eigene Berührung mit dem Thema fühlbar werden lassen beim Sprechen. Ich zeige meine tieferen Motive. Ich zeige mich verletzlich. Das kann z.B. heißen, von den Dingen zu sprechen, die mich wirklich bewegen und berühren in meinem Herzen. Die eigenen Gefühle wahrnehmen.
!Die Beiträge nicht gegeneinander stellen, sondern nebeneinander (d.h. ich füge meinen Teil dazu, ohne die Aussage meiner Vorredner zu beurteilen, oder sie kleiner oder größer zu machen. Es ist für die kollektive Intelligenz nicht wichtig, ob ich das, was andere sagen, richtig oder falsch finde. Die Wahrheit hat immer viele Facetten. Wenn wir sie nebeneinander sein lassen, kann eine Gesamtschau auf das Thema entstehen, die aus keiner der Einzelperspektiven möglich gewesen wäre. So finden wir heraus, was das Ganze gerade will.
!Um ins Ganze und in sich hineinlauschen zu können, braucht es Stille. Wiederholte Momente, in denen niemand etwas sagt, Zwischenräume zwischen den Informationen, Momente, wo nachklingen kann, was gesagt wurde und wie es gesagt wurde. Die Stille ist ein Tor, durch das Unerwartetes eintreten kann.
!Grundsätzliche Überlegungen führen uns oft weg von dem, was im Moment am aktuellsten ist. Meistens werden Menschen grundsätzlich, wenn sie sich nicht trauen, das anzuschauen, was gerade ganz naheliegend ist.
5. Eine möglichst vielfältige und intensive Vernetzung der Beteiligten: Hierdurch wird das soziale Gehirn, dessen Synapsen die einzelnen Menschen sind, aktiviert und synchronisiert. Es gilt also in verschiedenster Art in Kontakt zu gehen, z.B. im Gespräch, bei Spiel und Sport, Musik, Feiern, Arbeiten, Meditation etc. Es gilt, die spirituelle, die mentale, die emotionale, die körperliche, die erotische Ebene einzubeziehen.
6. Der direkteste Weg zum Ziel ist der Umweg. Vor allem, wenn das Ziel komplex ist. Es kommt meistens ein wenig anders, als erwartet. Hier geht es darum, das Ziel im Auge zu behalten und dem Leben den Spielraum zu lassen, dieses Ziel zu verwirklichen. Wir können nie alle Faktoren im Blick haben. Keine Panik also, wenn Unvorhergesehenes kommt: Es könnte ein Hinweis sein auf eine noch bessere Lösung, mag es auch nicht sofort so aussehen. Statt zu reagieren, atmen wir durch, um zu sehen, wie das Leben spielen möchte. Wenn wir das erlauben, zieht Entspannung und Heiterkeit ein. Die Intelligenz des Ganzen ist intelligenter als wir. Im Vertrauen auf sie geben wir dieser Intelligenz den Raum, sich zu zeigen – und sie ist überwältigend.
7. Individuelles Training. Ob es gelingt, die hier beschriebenen Punkte in Gruppen zu beherzigen und in die Tat umzusetzen, hängt wesentlich von einem individuellen Training ab, das jeder Beteiligte machen muss. Es geht dabei vor allem darum, fähig zu werden zu authentischer Verbindung und authentischem Kontakt mit anderen Lebewesen und mit den Kräften, von denen sie geleitet sind. Eine Sensibilität für das Feinstoffliche ist dafür nötig sowie das Bewusstsein darüber, dass unsere Weltsicht immer eine beschränkte und gefilterte ist und nicht die Realität. Wichtig ist auch zu üben, Willen und Fokus in erster Linie auf das zu richten, was uns eint und verbindet, und uns nicht mehr vom Trennenden täuschen zu lassen.

Vertrauen und dem Leben dennotwendigen Spielraum lassen
Selbstverständlich kann diese Liste beliebig erweitert werden, und es sind nicht immer die gleichen Dinge, die den „Dreh“ bewirken. Er kommt auch nicht immer, der „Dreh“. Eine Spur Geheimnis wird dem Ganzen auch weiterhin innewohnen, was uns auch zu verstehen hilft, dass wir nicht alles selbst machen können. Die Schöpfung hält immer einen unbekannten Faktor bereit, etwas Unvorhergesehenes, etwas Magisches. Das zu akzeptieren, gehört auch zu den Voraussetzungen für kollektive Intelligenz.
Übrigens – warum sollte das, was in kleineren und größeren Gruppen möglich ist (ich habe diese Vorgänge schon in Gruppen von bis zu 250 Menschen beobachtet), nicht auch in viel größeren Zusammenhängen möglich sein, letztlich sogar weltweit? Stell dir eine Menschheit vor, die sich wie ein Organismus fühlt, und deren höchstes und vitalstes Interesse folglich darin besteht, für das gemeinsame Wohl dieses Organismus zu sorgen. Ich weiß, wir sind noch nicht so weit, und der Gedanke wirkt ein bisschen träumerisch. Aber die Entwicklung beschleunigt sich sichtlich – und nicht nur bei Waffensystemen. Der Gedanke des Zusammenschlusses zu komplexeren Systemen war immer ein Leitfaden der Evolution. Aber noch nie hat sich die Ent-wicklungsgeschwindigkeit so potenziert wie heute …
Wie bereits angedeutet, scheint dies eine Zeit zu sein, in der der Kooperationsgeist gerade auf eine neue Stufe der Entwicklung und der Bedeutung für das Ganze kommt. Der Trend geht in Richtung Synergie, Zusammenschluss auf allen Ebenen. Das, was der Jesuitenpater Teilhard de Chardin vor 80 Jahren vorausgesagt hat, wird spürbar und immer offensichtlicher: „Höheres Sein ist umfassenderes Vereintsein.“
Die Evolution strebt auf einen Punkt Omega zu, in dem alles, was sich im Lauf der Evolution auseinander-dividiert hat, auf einer höheren Bewusstseinsebene wieder zusammenläuft. Und es sieht so aus, als ob wir seit einiger Zeit den Wendepunkt überschritten hätten. Das heißt, die Evolution zieht uns jetzt in Richtung Vereinigung. Oder, um es mit Peter Russell zu sagen: Wir streben auf einen Punkt in der Entwicklung zu, wo das, was im Gehirn zwischen den Zellen passiert, damit das Gehirn als Ganzes funktioniert, anfängt, auf globaler Ebene „zwischen den Gehirnen“ zu passieren – also zwischen den Menschen (und natürlich auch zwischen den anderen Lebewesen, aber die können gar nicht anders). So entsteht eine immer intensivere Vernetzung der einzelnen Teile zu einem denkenden und wahrnehmenden Ganzen, einem „global brain“. Dadurch wird eine weit höhere, und das heißt vor allem komplexere, ganzheitlichere Intelligenz zugänglich, deren Möglichkeiten die meisten von uns noch gar nicht ahnen.
Dieser Zusammenschluss bedeutet einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel.

Evolutionäre Bedeutung des Phänomens
Das Individuum wird sich zukünftig viel mehr als Teil eines Ganzen erfahren. Wo jetzt noch Wettbewerb und Konkurrenz vorherrschen, wird Kooperation stattfinden. Und das Gute ist: Wir können es langfristig nicht verhindern. Wer auf Konkurrenz und Abgrenzung gepolt bleiben will, wird – so paradox es heute noch klingen mag – bald nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Er wird einfach als eine Art Auslaufmodell von der Evolution überholt werden.
Die Vorboten davon sind heute bereits überall sichtbar. Progressive Firmen arbeiten schon längst auf Teamwork und kollektives Wissen hin, darauf, das Potenzial aller Mitarbeiter so weitgehend wie möglich einzubeziehen. An immer mehr Orten der Welt entstehen Gemeinschaften und Regionen, die sich nachhaltig vernetzen. Das Internet gibt auf der technischen Ebene ein Bild für das, was auch immer konkreter zwischen Menschen passieren wird – und bereits passiert. Dies alles können wir als Anzeichen eines evolutio-nären Vorgangs ansehen, der zwar noch unscheinbar aussieht, vielleicht sogar schwach. Aber es deutet sich schon auf diesen kleineren Schauplätzen eine Strömung an, die wohl bald einen unwiderstehlichen Sog entwickeln könnte. Und dieser Zusammenschluss, diese intime Vernetzung, dieses Ende der individuellen Abschottung und der privaten Daseinsweise, ist zugleich unsere einzige Chance, mit der Evolution mitzugehen.
Wir können uns zwar weigern, das zu tun. Das bedeutet für uns aber sehr schwierige Zeiten, individuell wie kollektiv. Wollen wir allerdings Fragen wie die Erderwärmung, die Verteilung der globalen Ressourcen, die Frage der weltweiten Gewalt und viele andere lösen, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns den Trend der Evolution zunutze zu machen und uns mit allen Kräften zusammenzuschließen.
Eigentlich eine gute Nachricht, oder nicht? ´


Francois Wiesmann lebt seit rund 20 Jahren in Gemeinschaften, in den letzten Jahren im ZEGG. Er ist tätig als Moderator, Coach und Begleiter von Gruppenprozessen und Gemeinschaften. Für den 3. bis 6. Juli 2008 organisiert er gemeinsam mit Thomas Hübl in Berlin eine große „Community Conference“ zum Thema Kollektive Intelligenz.


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Wiesmann, Francois

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