Erfahrungen aus dem internationalen „Ecovillage Design Education (EDE)“-Kurs. Die Perspektive der Lehrenden.
Manche Träume brauchen länger, bis sie sich verwirklichen. So war es auch im Fall des Internationalen Ecovillage Design Education-Kurses, der im Herbst 2007 erstmals in Deutschland stattfand. Über drei Jahre hatte eine Gruppe von Menschen aus aller Welt am Konzept des Kurses gearbeitet, der das Wissen von Ökodörfern einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stellen möchte. Eine von ihnen war Kosha Joubert aus dem Ökodorf Sieben Linden.
Gemeinsam wollten wir einen Basiskurs entwickeln, der Menschen das Grundwerkzeug vermittelt, das man braucht, um Projekte für ein nachhaltiges Zusammenleben erfolgreich umzusetzen. Gar nicht so einfach, uns zu einigen, welche Aspekte am wichtigsten sind …
Die holistische Herangehensweise des Trainings umfasst vier Bereiche: Weltanschauung, Soziales, Ökologie und Ökonomie. Angedacht war, dass in jedem Kurs der Ablauf an die lokalen Bedürfnisse angepasst und um das örtliche Wissen bereichert wird. Der Kurs ist so aufgebaut, dass in einem ersten Schritt sinnvolle Werkzeuge und Rahmen für das Entwerfen von ganzheitlichen Projekten im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Die Teilnehmer entscheiden sich dann für ein Projekt, auf das sie diese Werkzeuge anwenden wollen. Das Wissen, das danach geteilt und geübt wird, kann dann für den eigenen Entwurf genutzt werden.
Ein Traum wird wahr
Vor zwei Jahren fing die konkrete Planungsphase an. Ich träumte von einem internationalen Kurs in Sieben Linden, denn ich atme immer auf, wenn ich mich zwischen Menschen aus vielen kulturellen Hintergründen bewege. Da öffnen sich eingefahrene Denkmuster, und die Bilder von der Welt weiten sich. Außerdem weiß ich aus meiner Heimat Südafrika, wie wichtig es für Menschen aus der „3. Welt“ ist, ins Ausland reisen zu können und mit eigenen Augen zu sehen, dass wir auch hier im reichen Europa nach Wegen suchen, wieder nachhaltig zu leben. Zum Teil kommen die Lösungen, die wir dabei entdecken, ihren traditionellen Lebensweisen sehr nahe.
Und dann war es endlich so weit: 23 Teilnehmer aus 17 Ländern reisten an. Die ersten Tage finden in einem Wirbel der Entdeckungsfreude statt. So verschiedenartig klingen unsere Sprachen! Wie unterschiedlich mag sich da die Welt durch unsere Augenpaare präsentieren? Wie tief können wir uns in diese Welten einfühlen?
Am Feuer in der Jurte erzählt Hezekiel (43) uns von seiner Jugend im Norden Südafrikas, von der Landenteignung seiner Familie während der Apartheid-Zeit, der seitdem andauernden Armut und der Schwierigkeit, zu verzeihen. Ardjani erzählt als zweite am Feuer. Sie ist gerade 20 Jahre alt, ihr Vater ist ein Lehmbau-Architekt aus Mexiko, ihre Mutter eine Buddhistin aus einer Gemeinschaft in Brasilien. Mit ihrer Anmut und Fröhlichkeit erobert sie die Herzen aller im Sturm, zugleich hat sie eine natürliche Weisheit gesammelt durch die Erfahrung, in ganz unterschiedlichen Kulturen aufzuwachsen. Sie vergleicht die Städte und Naturlandschaften ihrer Welt und teilt ihre bunten Eindrücke mit uns.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten entdecken
In der zweiten Woche werden die Themen dann heißer. Plötzlich sind die Unterschiede nicht mehr nur Grund zum Staunen und Anlass, sich bereichert zu fühlen – nun werden grundsätzlich verschiedene Bedürfnisse sichtbar. Schmerzhaft klar werden die Unterschiede bei der Einteilung der Design Groups: Hezekiel und Mandla aus Südafrika bilden zusammen mit Ismael aus dem Senegal eine Gruppe, der es in allererster Linie um eine Sammlung und Beschauung von konkreten, einfachen Technologien geht. Aids, Hunger, Durst, Umweltzerstörung – die Themen rufen in Soweto, Limpopo und im Senegal nach Antworten. Ismael arbeitet auf Regierungsebene an alternativen Energiekonzepten; Mandla baut im Zentrum Johannesburgs ein Permakulturprojekt auf, das Alte und Kinder mit Wissen und gesunder Nahrung versorgt; Hezekiel möchte mithelfen, eine Township, die an der unteren Armutsgrenze lebt, zu einem nachhaltigen Ökoprojekt zu transformieren.
Gon aus Thailand, John aus Indien und Kristijan aus Kroa-tien bilden eine zweite Gruppe, die sich mit dem Entwurf von „Baby-Ecovillages“ auseinandersetzt: Wie kann man klein anfangen und mit wenig Geld ökologische Projekte starten? John arbeitet an der Umsetzung einer Vision mit großen Ausmaßen: Er kooperiert mit 54 Frauenorganisationen in Orissa und möchte 3094 traditionelle Dörfer in „Ecovillages“ verwandeln. Ziel ist die Bekämpfung der Armut, der damit verbundenen Krankheiten und der Umweltzerstörung. Dabei geht es um eine Verschmelzung des traditionellen Wissens mit neuen Technologien.
Die Menschen aus reicheren Hintergründen hingegen beschäftigen sich eher mit abstrakteren Themen. Vor allem die jungen Menschen sehnen sich nach Sinnhaftigkeit und Klarheit für den eigenen Lebensweg. Sie brennen förmlich vor Sehnsucht, einen positiven Beitrag zu leisten. Gleichzeitig scheint die Welt sehr komplex: Hier geht es nicht um das tägliche Überleben, sondern um das Überleben des Planeten. Ich fühle mit ihnen und mit uns allen, während ich mitansehe, wie sie sich immer wieder von der Komplexität der Fragen überwältigt fühlen …
Irgendwie schaffen wir es durch unsere Bereitschaft, alle diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu sehen und ernstzunehmen. Es gibt jedoch Momente, in denen ein gemeinsames Verständnis unmöglich erscheint. Wie soll beispielsweise ein junger Mensch aus Soweto, der gerade heilfroh ist, durch seinen christlichen Glauben auf klare Strukturen gestoßen zu sein, verstehen, weshalb junge Menschen aus Europa den dringenden Wunsch haben, sich zum Thema „Freie Liebe“ auszutauschen? Für ihn stellen diese Gedanken in einer Welt, in der Aids tobt, eine Gefahr dar, das soziale Gefüge könne zerreißen. Und sie sind nicht nur zutiefst bedrohlich, sie sind auch absolut nicht kompatibel mit seinem Glaubenssystem. Dies mag ein radikales Beispiel sein, aber an solche Grenzen sind wir des öfteren gestoßen.
Erfahrungen wie diese bringen mich jedoch auch dazu, meine Sichtweisen zu verfeinern. Lange Jahre habe ich mich nun auf das Gleich-Sein der Menschen konzentriert. Ich bestand darauf, dass im Grund alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben und dass Einigkeit immer möglich ist, wenn man nur tief genug zuhört. Harmonie erschien mir sehr viel wichtiger als die Anerkennung von Unterschieden. Heute sehe ich die Schönheit dieser Überzeugungen, aber mir ist auch klar, dass sie nicht auf alle Situationen zutreffen. Einigkeit entsteht nicht automatisch, nur weil gut gemeinte Kommunikation stattgefunden hat. Es kann sein, dass die Weltbilder zu weit auseinanderklaffen, dass die Lebensumstände zu verschieden oder dass die Widerstände, die einem friedlichen Einvernehmen im Weg stehen, zu groß sind. Manchmal möchten die Dinge stehengelassen werden, wie sie sind. Konflikte wollen nicht unserem Bedürfnis nach Harmonie untergeordnet werden.
Ken Wilber spricht davon, dass wir uns als Menschheit aufmachen, aus einer egozentrischen Bewusstseinstufe über eine soziozentrische (mit dem Wir identifiziert) zu einer weltzentrischen (mit der gesamten Menschheit und allem Leben auf dem Planeten identifiziert) und schließlich einer kosmozentrischen Bewusstseinstufe zu gelangen (identifiziert mit allem, was ist). Der Schritt, um den es gerade für die Mehrzahl geht, ist der zur weltzentrischen Sicht. Das ist nichts, was nur im Kopf stattfinden kann – es braucht uns als Gesamtwesen, im Fühlen und Handeln.
Die eine Lösung gibt es nicht
Was ich durch die Erfahrung dieses Kurses begriffen habe, ist, dass „die Vielfalt zu umarmen“ (to embrace diversity) genau das beinhaltet, was es verspricht: von den unterschiedlichen Weltbildern, das, was nicht miteinander vereinbar ist, nebeneinander stehen zu lassen. Es bedeutet, Menschen sein zu lassen, wie sie sind. Es bedeutet, die Vorstellung von der „einen richtigen Lösung“ endgültig gehen zu lassen. Das Ideal von Friede und Harmonie kann sehr beengend werden, wenn es nicht auf einem radikalen Begriff der Vielfalt fußt. Stattdessen können wir Mitgefühl entwickeln: Üben, die Welt durch die Augen der Anderen zu sehen. Während der dritten und vierten Woche des Kurses haben wir uns diesem Prozess gestellt. An der Oberfläche der Geschehnisse tauschten wir praktisches Wissen und abs-trakte Denkmodelle aus, auf einer tieferen Ebene übten wir die Umarmung der Vielfalt.
Der Kurs endete mit einem hohen Maß an inspirierter Zärtlichkeit und Forschungslust miteinander sowie einem starken Verlangen nach effektiver Aktion in der Welt: Es werden EDE-Kurse geplant in Kolumbien, Indien, Norwegen, Senegal, Thailand, Südafrika und den Niederlanden. Benno, der weiße Architekt aus Südafrika, unterstützt Mandla in seinem Permakulturprojekt, indem er mit ihm ein erstes Strohballenhaus baut. John hat Geld organisiert für eine Fotovoltaikanlage und für einfache Fruchtpressen, mit denen Frauen in Orissa sich eine Existenz aufbauen können. Jonggon, die klitzekleine Thailänderin, hat neue Eindrücke über die Möglichkeiten des Frauseins gesammelt und wurde wiedergewählt als GEN-Repräsentantin für Asien. Beatrix baut das kolumbianische Ökodorfnetzwerk weiter auf …
Der Kurs hat in uns allen einen neuen Blick auf die globale Situation geschärft und eine weltzentrische Sicht gestärkt. Es ist ein Same gepflanzt worden, der Wellen in die Welt schickt. ´
EDE-Kurs in deutscher Sprache
Von Mai bis Dezember 2008 findet der erste deutschsprachige EDE-Kurs im Ökodorf Sieben Linden statt.
Informationen: kosha@siebenlinden.de
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