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Impressum
Zukunftsstudien in globaler Gesellschaft
erschienen in Ausgabe 155  PDF-Version (127.83 KB)
Erfahrungen aus dem internationalen „Ecovillage Design Education (EDE)“-Kurs. Die Perspektive der Lernenden..

Beeindruckt und bereichert von der Vielzahl der anwesenden Nationalitäten beim EDE-Kurs nimmt Christian Lechner die Perspektive der unterschiedlichen Kulturen ein. Er erzählt, wie die gemeinsamen Themenschwerpunkte einer nachhaltigen Gemeinschaft – Weltsicht, Ökonomie, Ökologie und Soziales – von den TeilnehmerInnen unterschiedlich erlebt und interpretiert wurden.


In einer Zeit der weltweiten Umweltzerstörung und Ausbeutung von Mensch und Natur ist es schwierig, nachhaltige Tendenzen zu entdecken. Und doch, wenn man sich genauer in der „Nachhaltigkeitsszene” umsieht, findet man Lebensstile, die einen deutlichen Kontrast zur Konsum- und Wegwerfgesellschaft bilden. Ein wichtiger aufkommender Lichtblick scheint die Ökodorfbewegung zu sein. Doch welche Antworten kann sie auf die drängenden Fragen geben, die zum Beispiel mit der Klimadebatte langsam auch in das gesellschaftliche Bewusstsein rücken?
Vier Wochen hatten wir mit dem EDE-Kurs Gelegenheit, diese Frage sowohl im Ökodorf Sieben Linden als auch im ZEGG auf Herz und Nieren zu prüfen. So ist das Ökodorf Sieben Linden beispielsweise Pionier im Strohballenhausbau, eine Methode, die sowohl für Mensch, Natur als auch Geldbörse „wohltuend” ist. Es ist einer der ganzheitlichen Ansätze des Kurses, bei denen wir auch selbst Hand anlegen durften. Ein anderer Aspekt war das vom ZEGG entwickelte „Forum“, ein Weg der möglichst offenen Gruppenkommunikation, die uns täglich dazu aufforderte, von Herzen zu sprechen und über die Schatten unserer Angst hinweg der Gruppe unsere Anliegen anzuvertrauen. Viele berührende Momente – sowohl gemeinsames Tränenvergießen als auch herzhaftes Lachen – ließen uns als Gruppe zusammenwachsen. Grundsätzlich lag die familiäre Atmosphäre in beiden besuchten Ökodörfern in der Luft: vom gemeinsamen Arbeiten, Kochen bis zum Feiern; die Grenzen von Arbeit und Freizeit schien dabei zumeist fließend zu sein.
Im Folgenden möchte ich die vier Säulen der Ökodorfbewegung – Weltsicht, Soziales, Ökologie und Ökonomie – aus Sicht der unterschiedlichen teilnehmenden Kulturen betrachten. Wie wurden sie erlebt und interpretiert?

Kulturelle Weltanschauung
Wenn man Zeit mit Menschen aus verschiedenen Kontinenten und kulturellem Hintergrund teilen darf, zeigt sich die individuelle Weltanschauung deutlich. Der gestandene Aktivist Hezekiel aus dem ländlichen und ökonomisch verarmten Südafrika blickte auf Themen und Projekte, wie die Lösung des Wassermangels in seinem Dorf.
Bei den Teilnehmern aus wohlhabenderen Ländern standen andere Themen im Mittelpunkt. Fragen nach der Art und Weise des Zusammenlebens, der Beziehungen und des ethisch vertretbaren Lebensstils in einer Überflussgesellschaft prägten viele Gespräche. Allerdings ließen uns viele der „Come together Songs“ die unterschiedlichen Blickwinkel im Nu vergessen. Noch heute scherzen wir über eingeprägte Gewohnheiten während des Kurses: So singt Benno aus Johannesburg beispielsweise seit dem Kurs nicht nur unter der Dusche die einstudierten Lieder. Gon aus Thailand hingegen hat vom täglichen Umarmen nicht genug bekommen und hat diese ungewöhnliche Umgangsform in ihre Heimat importiert. Schließlich eröffneten praktische Übungen in der Natur aus der sogenannten Tiefenökologie, wie das bewusste Wahrnehmen mit allen Sinnen oder auch das gemeinsame stille Meditieren, einen Raum von tieferen Begegnungen.

Soziales
Die unterschiedlichen Beweggründe, den Kurs zu besuchen, machen sich vor allem im sozialen Modul deutlich bemerkbar: Während viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr Soft Skills wie gewaltfreie Kommunikation kennenlernen und vertiefen wollten, fiel es Menschen aus den sogenannten Entwicklungsländern, die akute Versorgungsprobleme zu lösen haben, schwer, sich darauf einzulassen. Verständlich, wenn man während des Kurses von John aus Indien zu Ohren bekommt, dass 400 Menschen in einem seiner unterstützten Dörfer gestorben sind. – Und doch sind es gerade diese Momente, Augenblicke des Austauschs, des gegenseitigen Zuhörens und Mitfühlens, die die unterschiedlichen Lebenssituationen und Lebenswege in tiefer Empathie vergessen lassen. Das Forum oder auch der „Weg des Kreises” öffnet hierfür den Raum, um eigenen Gefühlen und Gedanken vor der Gruppe Ausdruck zu geben.

Ökologie
Der Versuch, alle Stoffkreisläufe so gut wie möglich abzuschließen, hat in beiden Ökodörfern große Bedeutung. Ein umweltschonender Weg der Verwertung wird für jene Ressourcen gesucht, die vom Menschen unnutzbar geworden oder verunreinigt worden sind. Verschiedene, großteils natürliche Wasseraufbereitungssysteme und auch moderne oder mit Schubkarre entleerbare Komposttoiletten durften wir dabei kennenlernen. Die Nutzung der Sonnenstrahlung für Warmwasser und Energieerzeugung, Wärmedämmung bei Gebäuden und der bereits erwähnte Lehm- und Strohballenhausbau rundeten unser Wissen für einen ökologisch nachhaltigen Lebensstil ab. Daneben kamen wir sowohl in Sieben Linden als auch im ZEGG in den Genuss, Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten täglich frisch zubereitet auf dem Teller zu genießen. Dabei lernten wir auch, selbst tatkräftig mitanzupacken. Während wir gemeinsam singend, sprechend oder die Ruhe genießend Erdbeerfelder vorbereiteten oder Zwiebeln ernteten, fuhr am Feld nebenan ein konventioneller Bauer mit seinem ölfressenden Traktor einsam seine Runden – eines der vielen Bilder, die mir bis heute in Erinnerung blieben.

Ökonomie
Das MoneyGame wiederum ließ uns in das gesellschaftliche Tabuthema Geld eintauchen und die damit verbundenen Gefühle entdecken. Die Regeln waren einfach: Je vier Leute setzten sich zusammen und legten vor sich einen selbstgewählten realen Geldbetrag hin – in dem Bewusstsein, alles verlieren zu können. In Runde 1 konnte jeder Spielende von den anderen Geld nehmen und dabei sollten wir das Hauptaugenmerk auf die aufkommenden Empfindungen richten. So begann ich nach einem zögerlichen gegenseitigen Münzaustausch, alle Geldscheine in Besitz zu nehmen. Ich hatte dann also 40 Euro, der Rest nichts. Das Gefühl war bedrückend. Ich fühlte mich isoliert, hatte sprichwörtlich nichts mit den anderen gemeinsam. Da lachten wir alle spontan auf, bis uns die Tränen kamen. In dem Moment beendete der Gong die erste Runde. Nun sollten wir unsere Gefühle niederschreiben und uns gegenseitig austauschen. Dabei wurde mir sehr stark bewusst, wie vielfältig alleinige Besitznahme belasten kann und zwangsläufig ein Teil von einem Selbst in Besitz genommen wird, wenn man sich für jene Lebensweise der Gier entscheidet.
In Runde 2 war dann das Geldgeben die einzige Handlungsmöglichkeit, um in der abschließenden Runde 3 beide Aktivitäten zu vereinen. Ein starkes Empfinden für ausgeglichenen Besitz aller monetären Reichtümer begleitete alle Spielenden, als wir unser Geld zwischen den Teilnehmenden frei umverteilten. Das Interessante war: Es war ganz gleich, wer zu Spielbeginn wieviel einsetzte, die Prämisse war nun, diesen gemeinsamen Reichtum gleichmäßig zu verteilen. Wenn bloß die globale Ökonomie auch so offensichtlich für alle Besitzenden wäre!

„Wenn einer träumt, bleibt es ein Traum.Wenn viele träumen ist dies der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“
Nach vier intensiven Wochen, die abwechslungsreicher nicht hätten sein können, hieß es Abschied nehmen von den liebgewonnen Menschen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge kehrte ich nach Wien zurück. Innerlich fühle ich mich nach wie vor bestärkt. Das Hinblicken auf Themen des Leids und der Zerstörung löste zwar oft Traurigkeit und Unverständnis aus – doch wir standen damit nicht alleine. Eine Gemeinschaft von Menschen, die auch mit den unangenehmen Wahrheiten umzugehen gelernt haben oder es zumindest wollen, gibt einen vertrauensvollen Rückhalt. Im Rahmen des Kurses und des (Er-)Lebens im Ökodorf ergaben sich einige Antworten auf brennende Fragen unserer Zeit, wenn auch daraus resultierende Herausforderungen oftmals offen blieben. Das Bedeutendste für mich waren jedoch der Wille und die Bereitschaft unserer Gruppe und aller besuchten Gemeinschaften, nicht einfach wegzuschauen. Nein, wir wollen auf die Herausforderung unserer Zeit reagieren, an ihr wachsen und eine heilsame Wirklichkeit erschaffen. Und das auch auf eine genussvolle Art und Weise.
Im Rahmen des Kurses durften wir Pioniere und Visionäre kennenlernen, die diese Vision bereits in die Realität umgesetzt haben. Natürlich nicht nur das Für, sondern auch das Wider. Dennnoch, eine bewusste Achtsamkeit vor sich selbst schließt unmittelbar ein, auch auf andere Bedürfnisse einzugehen und diese zu beachten. Damit wird die Basis für ein friedliches Zusammenleben erschaffen. ´


Der Autor studiert in Wien. christian.lechner@gmx.at>



EDE-Kurs in deutscher Sprache
Von Mai bis Dezember 2008 findet der erste deutschsprachige EDE-Kurs im Ökodorf Sieben Linden statt.
Informationen: kosha@siebenlinden.de


  Autoren

Lechner, Christian

Partner
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