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Vandalen mit Dahlien
erschienen in Ausgabe 155  PDF-Version (184.06 KB)
Jochen Schilk erkundigte sich im Internet nach dem ultimativen urbanen Trend: Guerrilla Gardening!

Noch immer wird an vielen Stellen im Web Bezug genommen auf den legendären Londoner Aufruf zum 1. Mai 2000: „Stell dir tausende Guerilla-Gärtner vor“ hieß es darin, „die gekommen sind, um zurückzufordern, was einmal ihres war, die ein Symbol des Kapitalismus transformieren, indem sie der Stadtlandschaft ihre eigentliche zweckmäßige Bestimmung zurückgeben: als Anbaufläche für Nahrung zu dienen sowie als öffentlicher Raum, wo sich die Menschen treffen und von Angesicht zu Angesicht besprechen können, wie sie sich ihre Stadt eigentlich vorstellen – um sie dann gemeinsam weiter umzuwandeln.
Auch du kannst ein Guerilla-Gärtner sein – aber stell dich darauf ein, deine Hände schmutzig zu machen. Bring alles mit, was man für einen Guerilla-Garten braucht: einen jungen Baum, Gemüsesämlinge, Blumen, Kräuter und Werkzeug. Lasst uns die Fassade des Kapitals untergraben: Verwandeln wir Verkehrskegel in hängende Blumenampeln und Designer-Turnschuhe in Pflanztröge.“
Die Zahl der Pflanz-Partisanen, die sich daraufhin „auf einer kleinen Rasenfläche direkt am verkehrsumtosten Parliament Square“ einfanden, ging dann zwar nicht in die Tausende. Aber das hielt die versammelten Globalisierungskritiker, Anarchisten und Umweltaktivisten nicht von ihrem Vorhaben ab, „die Straßen zurückzuerobern“. Vor den Augen von Polizei und Passanten begannen sie, mit Hacke und Spaten das öde Rasenstück aufzureißen, um es sodann seiner neuen Nutzung als Blumen- und Gemüsebeet zuzuführen.
Welche Lebenszeit dem neuen Garten damals beschieden war, ist heute nicht mehr auszumachen. Es darf aber wohl davon ausgegangen werden, dass die Beete am Parliament Square bald ein ähnliches Schicksal erlitten, wie einige der zumeist weit weniger militant und demonstrativ ausgeführten Nachfolgeprojekte: entweder nämlich von Schnittblumenliebhabern abgeerntet oder, wahrscheinlicher noch, von einer Kolonne städtischer Gärtner wieder in Rasenmonokultur zurückverwandelt zu werden – und somit auf eine kurzzeitige, symbolische Wirkung beschränkt zu bleiben.

„Samenspender“
Der Begeisterung einer wachsenden Bewegung revolutio-närer Gärtner in den Metropolen des Westens tun solche Risiken keinen Abbruch. Im Gegenteil: In Mailand, Toronto, Budapest, Zürich, Detroit, Berlin, Münster oder Tübingen scheint man sich von derartigen Problemen ebenso herausfordern zu lassen wie von trist-verwahrlosten Grünstreifen und sich selbst überlassenen Industriebrachen. Mut zur Zivilcourage verleiht zudem die Überzeugung, genau das Richtige zu machen – auch wenn sich das subversive grüne Tun auf fremdem Land zumeist am Rand der Legalität bewegt …
Allen möglicherweise bestehenden juristischen Bedenken zum Trotz brachte das deutsche Jugendmagazin „Neon“ im vergangenen September eine wohlwollende Reportage über die Aktivitäten des 28-jährigen „Samenspenders“ Richard Reynolds. Der belegt die eigentlich harmlosen nächtlichen Verschönerungsaktionen seiner Londoner „Garden Guerilla“ im eigenen Blog durchgängig mit den englischen Begriffen attack und war – im „Krieg gegen die Verwahrlosung des öffentlichen Raums“ „greifen“ die Mitglieder seiner Gärtnertruppe heruntergekommene Grünflächen „an“. Das Spiel mit dem Feindbild gehört dazu: Im Widerstand gegen die Megamaschine Stadt liegen Guerrillamethoden nahe. Gleichzeitig wird das Feindbild aber auch wieder aufgelöst, indem die Leute sich selbst zum Teil der Stadt machen, in die sie kreativ und nicht destruktiv eingreifen.
(Selbst-)ironische Überspitzung zeigt auch das Design von Reynolds Seite www.guerrillagardening.org: Neben dem nach Revolution riechenden Schriftzug befindet sich nicht der zu erwartende rote Fünfzack-Stern, sondern – eine Christstern-Blüte.

Baumscheibenvorfälle
Im Jahre Vier nach der Urbarmachung des Rasens am Parliament Square war Richard Reynolds auf die Idee gekommen, die völlig verwahrlosten Blumenkübel in seiner Londonder Straße in Eigenregie mit Stiefmütterchen zu bepflanzen und Schilf auf einer vom Grünflächenamt vergessenen Verkehrsinsel anzusiedeln. Obwohl er nachts arbeitete und jedes Aufsehen vermied, wurde ein russischer Zeitungsjunge auf Reynolds aufmerksam und schloss sich ihm an. Und nicht nur das: Mit der Zeit bemerkten die Gründungsmitglieder der Garden Guerilla, dass auch andere Stadtviertel hier und da auf eine Weise ergrünten, die nicht auf die Stadtgärtnerei schließen ließ. Hatten die beiden tatsächlich eine Bewegung ausglöst, wie es der Autor des Neon-Artikels unterstellt? – Tatsache ist jedenfalls, dass sich die Idee, das städtische Umfeld auf eigene Faust und unaufgefordert zu beackern, in vielen Städten auszubreiten scheint. Einer der neuesten Blog-Einträge von Reynolds kündet vom Triumph dreier Guerilla-Gärten, die Preise in Stadtverschönerungswettbewerben Londons gewonnen haben und dadurch teilweise sogar eine späte Legitimation erfuhren.
Eine ähnliche Entwicklung gilt für Berlin, wo die Hausbesetzerszene in den Achtziger Jahren damit begann, Hinterhöfe, Fassaden und Bürgersteige zu begrünen. Aus den späten Siebzigern bereits stammt die Idee, für den naturentfremdeten Städter-Nachwuchs auf Brachflächen in Eigeninitiative Kinderbauernhöfe einzurichten. Der älteste dieser Mitmach-Streichelzoos beherbergt noch heute Esel, Hühner und Schweine inmitten des Görlitzer Parks in Kreuzberg. Im Jahr 2004 schließlich reagierte der BUND in Berlin auf ein anhaltendes Phänomen und lobte einen jährlichen Preis für die am schönsten gestaltete „Baumscheibe“ der Stadt aus. Mit Baumscheiben sind die ungepflasterten Flächen rund um die Bürgersteig-Bäume gemeint, die man an der Spree oftmals liebevoll bepflanzt findet – mit Miniaturzäunen und -hecken zum Schutz vor Autos und Hunden. Einige Berliner Bürgerinitiativen haben es sogar geschafft, dass die Bezirksverwaltung größere Brachland-Gemeinschaftsgärten nicht nur durch Zwischennutzungsverträge mit den Grundbesitzern legalisierte, sondern auch noch Geld für Werkzeug und Pflanzen bereitstellte. Sie hatten den Behörden klargemacht, dass nachbarschaftliches Gärtnern ein wertvoller Beitrag für den zwischenmenschlichen Kontakt sowie für die Eigenverantwortung und Verwurzelung der Anwohner bedeuten kann – eine Erkenntnis, die wiederum in New York schon vor Jahrzehnten zur zwischenzeitlichen offiziellen Unterstützung von etwa 700 (!) Community-Gärten geführt hatte. So existieren heute in Berlin eine ganze Reihe von Gemeinschaftsgärten, teilweise betrieben anhand des wunderbaren Konzepts eines „Internationalen Gartens“ (siehe hierzu den Artikel aus Kurskontakte Nr. 133).
Bei Durchsicht der einschlägigen Interneteinträge zum Thema bekommt man bald das Gefühl, dass es eigentlich zwei Sorten von Guerilla-Gärtnern gibt. Da sind die einen, die sich aufgefordert fühlen, Hand anzulegen, wo das städtische Erscheinungsbild zu wünschen übrig lässt. Mit ihren Blumen, Büschen und Bäumchen können sie sich der Sympathie von Passanten und der Nachsicht von Behörden ziemlich sicher sein.

Reform oder Revolution?
Und dann gibt es noch die anderen, für die das Partisanen-Pflanzen Ausdruck einer politischen Haltung ist und auch so verstanden werden soll. Ihnen geht es grundsätzlich um die selbstbestimmte Gestaltung ihrer Stadt (und der Gesellschaft), um eine dezentrale, nicht-industrialisierte Nahrungmittelserzeugung, um die Zurückdrängung des motorisierten Individualverkehrs und der multinationalen Konzernmacht. Kurz: Es geht ihnen um die Überwindung des Kapitalismus und somit um die Überwindung der patriarchalen Vorstellung, dass so etwas wie Land überhaupt besessen werden kann. Die streitbaren Selfmade-Bauern glauben nicht nur an Blumenkraft, sondern auch an den ebenso pragmatischen wie symbolischen Gemüse-, Getreide- und Kräuteranbau in den Fußgängerzonen des Westens. Zu den radikaleren Formen des grünen Widerstands gehört dabei das Stören von Gentechnik-Freilandversuchen durch das heimliche Zwischensäen von natürlichen Pflanzen oder gar das Bestücken von Golfplätzen mit Dornbüschen als Ausdruck des „allgemeinen Prostests gegen die Monokulturen des Spießertums“ (zitiert nach Wikipedia). Die folgenden Statements mögen einen Einblick in das Selbstverständnis dieser Szene geben, für die das Wörtchen „Guerilla“ noch immer Subversivität impliziert:
„Während es schon ein wenig absurd anmutet, im Schein der Taschenlampe an geheimen Orten Gartenarbeit zu verrichten, ist die Handlung des Gärtnerns doch mindestens ebenso wichtig wie die Pflanzen selbst.“ (Lloyd Alter, Toronto) – „Wer Land nimmt, das jemand anderem gehört, und es für seine Zwecke nutzt, der handelt politisch. Ob du willst, dass dein Guerilla-Garten als politische Botschaft verstanden wird, liegt ganz an dir und daran, wie und wo dein Garten angelegt ist. Das Pflanzen von Tulpen auf einem alten Industriegelände kann durchaus eine Botschaft enthalten, aber die Aussaat von Hanf vor einem Regierungsgebäude ist etwas ganz anderes.“ (buffcorePhil) – „Wenn Agrobusiness und gentechnisch veränderte Nahrungsmittel Normalität sind, kann schon das Anlegen eines einfachen kleinen Gärtchens ein revolutionärer Akt sein.“ (Kendall Clark) – „Ich will nicht behaupten, dass das Pflanzen einer Geranie auf einem Fetzen Brachland bereits eine gigantische revolutionäre Handlung nach Art der Zapatisten darstellt. Aber es ist immerhin ein höchst symbolischer Akt. Und das beste daran: Es macht Spaß und ist zugleich ökologisch korrekt.“ (buffcorePhil) – „Wir sind darauf konditioniert zu glauben, dass man Geld ausgeben muss, wenn man etwas Gemeinsames unternehmen will. Beim Guerilla Gardening hingegen produziert man, statt zu konsumieren.“ (Carly Stasko) – „Dies ist eine subtile Protestform gegen die Privatisierung des öffentlichen Raums … eine leise Art, ein Statement abzugeben.“ (Lindsay Kelly) – -„Guerilla Gardening ist keine Protestform – und doch kann es, wie so viele Protestformen, einen zu einem findigen und selbständigen Menschen machen. Man wird zu einem bewussten Teil der Lösung vieler lokaler und globaler Probleme … Hier geht es nicht um irgendein utopisches Aussteigertum, sondern um persönliche Entwicklung und Bildung. Es geht darum, unsere Ressourcen an Nahrung und Land von Praktiken zu befreien, die schlicht nicht nachhaltig sind. Guerilla Gardening ist dabei mehr als nur ein Projekt zur Zurückeroberung von Land, denn es kümmert sich um bislang nur schlecht oder gar nicht genutztes Land und nicht zuletzt um brachliegende menschliche Fähigkeiten.“ (Aus dem Londoner Mai-Aufruf 2000)

Samenregen aus Christbaumkugeln
Während einige Leute zehntausende Sonnenblumensamen über das Stadtgebiet Brüssels aussäten, hat die Aktivistin Sandy aus Portland bewiesen, dass auch mit wenigen gut gesetzten Zierpflanzen eine politische Aussage möglich ist. Ihre Stadt ist zugleich Heimat der ältesten US-amerikanischen Mercedes-Benz-Niederlassung. Im Vorübergehen war Sandy der etwa drei Meter große Mercedes-Stern in Gestalt einer niedrigen Hecke aufgefallen, der die Fläche vor den Verkaufsräumen schmückt. In einer Märznacht des vergangenen Jahres, vier Jahre nach dem Beginn des aktuellen Irakkriegs, fügte Sandy der Sternformation im Kreis eine zusätzliche Heckenreihe hinzu, so dass sich der Stern des Autokonzerns in ein grünes Peace-Zeichen verwandelte. Immerhin drei Wochen lang bestand Sandys lebendigs Friedensmahnmal – bis ein bezahlter Gärtner sich besann und den Urzustand wieder herstellte.
Doch nicht immer handelt es sich bei den grünen Guerilleros um 150-prozentige Pazifisten, regelmäßig greifen einige von ihnen sogar zu Bomben. Die Bauanleitung für diese Waffen haben sie sich – woher sonst? – aus dem Internet geladen, und es ist erstaunlich festzustellen, wie verwandt die „Samenbomben“ der New Yorker „Green Guerilla“ aus den frühen -Siebziger Jahren mit jener Technik sind, die der japanische Permakultur-Pionier Masanobu Fukuoma benutzt, um – zum Teil vom Flugzeug aus – ganze Landstriche wieder aufzuforsten (siehe dazu meinen -„Zaubereicheln“ betitelten Beitrag aus Kurskontakte Nr. 134): Man nehme eine alte Christbaumkugel aus dünnem Glas oder einen handelsüblichen Luftballon und befülle diese mit Muttererde, Kompost und einer Samenmischung aus eher anspruchslosen Pflanzen. Wasser hinzugeben, gut durchschütteln – fertig. Um nun die Seedbomb gekonnt über Zäune auf Brachgrundstücke zu platzieren, empfiehlt die Original-Bauanleitung von 1973 für Weihnachtskugel-„Granaten“ einen Unterarm- und für Ballons einen Oberarmwurf …
Die Website des Londoner Aktivisten Reynolds deutet an, dass die Gärten der Gründer der Green--Guerilla-Bewegung um die New Yorkerin Liz Christy noch immer existieren und gedeihen – aber was heißt hier eigentlich Bewegungsgründer? Waren die Kämpfe um den People’s Park in Berkley von 1969 nicht Guerilla-Gardening im reinsten Wortsinn (siehe Ausgabe 132)?
Neben der Aufforderung, sich im Zweifelsfall nicht erwischen zu lassen, geben viele Webseiten Tips für Neueinsteiger. So möge man sich vergewissern, dass das avisierte Stückchen Land tatsächlich ungenutzt und für die voraussichtliche Lebensspanne der verwendeten Pflanzen auch nicht verplant ist. Und immer wieder be--gegnet man derAufforderung, ausschließlich einheimische Pflanzen zu verwenden und selbstverständlich auf den Einsatz von Giften und Kunstdünger zu verzichten. Um es sich nicht unnötig schwer zu machen, solle man für den Anfang „zähe, schnellwachsende Gewächse“ wählen und auch über Schutzvorrichtungen gegen Hunde und Füße nachdenken. Selten fehlt zuletzt der Hinweis, dass Pflanzen regelmäßige Gaben an Wasser und Liebe benötigen und dass Gartenarbeit in der Gruppe den Spaß- und Erfolgsfaktor erhöht.

Von Green Graffiti …
Ausgestattet mit solcherart Rüstzeug sowie einigen Samen oder zu Hause vorgezogenen Setzlingen kann man nun durch die Straßen ziehen, um wie ein Graffiti-Künster im Grau der Stadt Akzente zu setzen. – Tatsächlich greift die unglaublichste Variante des Guerilla Gardenings die weitverbreitete Kultur der Wandbemalung und -beschriftung auf: „moss graffiti“, also Moos-Graffiti. Dabei rührt man sich zunächst aus je zwei Tassen Buttermilch und Bier, einem halben Teelöffel Zucker sowie einer Handvoll zerkrümeltem Moos eine fruchtbare Nährpaste zusammen. Nach dem Auftragen dieser „Farbe“ auf eine schattige Mauer mittels Pinsel sollte dort nach einiger Zeit ein Streifen Moos sprießen, oder eben ein Symbol, eine Zeichnung etc.

… zu Urban Farming
Gut möglich, dass die verschiedenen Formen von -Guerilla Gardening letztlich nur Wegbereiter, Facetten oder Begleitphänomene eines Trends darstellen, von dem in den nächsten Jahren noch die Rede sein wird: urbane Landwirtschaft. In Kuba und Venezuela haben die Regierungen die Herausforderung erkannt, die in der fatalen Abhängigkeit der Städte von Nahrungsmittelimporten liegt. Wann wird die Bundesregierung das „100000-Dächer-Programm“ zur Solar-energieförderung um ein 100000-Dachgärten-Programm zur Gemüseselbstversorgung der Städte ergänzen? ´



Internet
Siehe die Linklisten von: http://www.guerrillagardening.org,
http://eine-andere-welt-ist-pflanzbar.urbanacker.net, http://www.gruenewelle.org und http://www.rosarose-garten.net


  Autoren

Schilk, Jochen

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