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Die Matrix der (Un-)Freiheit
erschienen in Ausgabe 155  PDF-Version (230.26 KB)
Gandalf Lipinski reflektiert Freiheit und Gemeinschaft vor dem Hintergrund von 6000 Jahren Patriarchat.Teil 3: Die Wende.

Für diese Folge der Serie haben wir den Rahmentitel leicht geändert. Hier soll nun die Wende dargestellt werden, die den Untergang der alten mutterrechtlichen Welt einleitete und auch heute noch das Fundament unserer Gesellschaftsordnung prägt. Somit wird diesmal von der „Matrix der Unfreiheit“ die Rede sein, die uns heute nicht nur gesellschaftlich, politisch und historisch, sondern auch individuell, geistig und seelisch tief prägt.

Die alte Welt war von ihrer Sozialstruktur her, der mutterrechtlichen Sippe, zutiefst gemeinschaftlich und „gemeinwohlorien-tiert“ geprägt. Die „neue“ Ordnung bringt nun Ungleichheit, Herrschaft von Einzelnen über die Vielen, den Zerfall funktionierender Gemeinwesen und das Schwinden der Freiheit. Die Suche und die Sehnsucht nach Freiheit, nach demokratischen Gemeinwesen und sozialem Frieden beginnt schon in der Antike, überlebt in tendenzieller Verinnerlichung im Mittelalter und bricht in der Neuzeit und vor allem in der Moderne vehement wieder hervor.
Doch beginnen wir zunächst dort, wo wir in der letzten Folge den historischen Teil beendeten, im „goldenen Zeitalter“, der Kultur der entwickelten mutterrechtlichen Gemeinschaft.

Entstehung von Reichtum
Wir haben die Entwicklung der mutterrechtlichen Sippengesellschaften von der letzten Eiszeit bis in die Zeit vor etwa sechstausend Jahren und vornehmlich im indoeuropäischen Raum verfolgt. Es war sogar schon von blühenden Städten die Rede. Doch um die Entstehungsbedingungen des Patriarchats zu verstehen, müssen wir zeitlich noch etwas zurückgehen und die Entstehungsbedingungen von gesellschaftlichem Wohlstand und Reichtum betrachten.
An verschiedenen Orten war es nach der Zeit des Jagens und Sammelns zu zwei unterschiedlichen Formen der Optimierung in der Nahrungsbeschaffung und Vorratshaltung gekommen. Die einen hatten mit der Domestizierung von Tieren begonnen, die anderen mit der von Pflanzen. Hierdurch erst -wurde eine Wirtschaft, die von der Hand in den Mund -lebte, in eine planende Vorratswirtschaft verwandelt. Erst jetzt können wir im eigentlichen Sinn von Reichtum reden. Und erst dann, wenn diese Möglichkeit der Vorsorge und Vorratsbeschaffung überhaupt gegeben ist, taucht die Frage auf, wem denn dieser Reichtum nun wohl gehöre. Mir scheint die Hypothese am glaubhaftesten, dass die unterschiedlichen Voraussetzungen von Ackerbau treibenden und Vieh züchtenden Sippen auch Auswirkungen auf die sozialen Rollen von -Frauen und Männer haben sollten. Da, wo die „eng an den Herden“ lebenden Jägergruppen schließlich nomadische Hirtengesellschaften bildeten, mag das Gewicht der Männer etwas mehr an Bedeutung gewonnen haben als bei den Ackerbau entwickelnden und schließlich sesshaft werdenden Sippen. Das allein würde aber noch nicht den völligen Zusammenbruch der alteuropäischen Gesellschaft und die Entstehung des Patriarchats erklären.

Raubwirtschaft
Erst also die in beiden Kulturformen entstehende Vorratswirtschaft hatte so etwas wie gesellschaftlichen Reichtum produziert. Und dieser gehörte den Sippen, also der Gemeinschaft. Doch wozu provoziert manchmal offensichtlicher Reichtum der anderen, gerade wenn man selbst vielleicht weniger oder durch eine Missernte fast gar nichts erwirtschaften konnte? Zum Raub! Und wer ist in der eigenen Sippe prädestiniert, diesen auszuführen? Jene Männergruppen, die schon in der letzten Eiszeit so treffliche Jägerbünde geschmiedet und Beute heimgebracht hatten …
Aus den Jägergruppen wurden Kriegergruppen, aus den Jagdhäuptlingen Kriegerhäuptlinge. Aus Jägern wurden Räuber, wenn sie sich fremden Reichtum holten, und gleichzeitig so etwas wie die Polizei, wenn sie den eigenen Reichtum gegen die anderen verteidigten. Und die Bedeutung der Kriegerhäuptlinge wuchs mit der Beute, die sie heimbrachten. Vielleicht wurde anfangs noch das geraubte Gut dem Sippen-eigentum zugeschlagen und von den Müttern verwaltet. Aber irgendwann geschah es irgendwo in den Nomadensteppen des Ostens, dass ein Kriegerhäuptling seine Beute nicht mehr den alten Frauen abgeben wollte, sondern sie zu seinem Besitz erklärte (das lateinische privare heißt rauben!) Und was wurde geraubt? Zunächst Kornvorräte und Vieh, bald aber auch Kinder, Frauen, Männer. Sklaven waren „Privateigentum“.
Doch auch Wohlstand und die Fähigkeit, sich den Wohlstand anderer durch Raub anzueignen, müssen nicht zwangsläufig und allein das totale Umkippen einer Kultur in eine völlig andere bewirken.

Der Klimawandel …
James DeMeo gibt mit seiner Saharasia-These eine gute Erklärung, wie tiefgreifende klimatische Veränderungen schließlich einen profunden kulturellen Wandel zum Patriarchat hervorbrachten. Er hat in seinen Forschungen dargestellt, dass die heutigen Wüsten von der westlichen Sahara über die arabischen Wüsten bis hin zur asiatischen Wüste Gobi einst fruchtbares Land waren. Und er hat festgestellt, dass verschiedene Merkmale patriarchaler Kultur (von der Unterordnung und Entwertung der Frauen bis hin zu schmerzhaften und verstümmelnden -Initiationsriten) geschichtlich und auch heute noch am häufigsten in und am Rand dieser Wüstenstreifen nachweisbar sind und, je weiter man sich von diesen entfernt, zeitlich erst viel später einsetzten oder auch weniger extrem ausgeprägt sind. DeMeo schließt daraus zum einen, dass die vor rund 6000 Jahren einsetzende Verwüstung zu anhaltenden Hungerwanderungen der Menschen aus diesen Gebieten führte, und zum anderen, dass das „Krisenmanagement“ der Häuptlinge und Krieger diese sozial aufwertete.
Die Wege der nach Wasser und Nahrung ausziehenden Männergruppen wurden stetig länger, so dass sich irgendwann die Rückkehr zu den Sippen entweder nicht mehr „lohnte“ oder nicht mehr zu bewerkstelligen war. Frauen und Kinder wurden zurückgelassen und kamen um. Der Mangel wurde zum Charakteristikum des gesellschaftlichen Wandels. Der Ausnahmefall „Führung durch den Häuptling“ wurde bei anhaltender Dürre allmählich zur gesellschaftlichen Norm. Ungefähr um und nach dieser Zeit stellen MatriarchatsforscherInnen (wie Göttner-Abendroth, Gimbutas und Bornemann) die ersten Einfälle patriarchal organisierter Hirtenkrieger von Osten kommend in das alte Europa fest.
(Wo heute ja wieder vom Klimawandel die Rede ist, halte ich es für sehr geboten, auch die möglichen Veränderungen in den Sozialstrukturen eines solchen mit ins Blickfeld zu nehmen.)

… bringt den gesellschaftlichen Wandel
Die Übergänge mögen vielfältig und -langandauernd gewesen sein. Eine Zeit lang mussten die neuen Häuptlinge noch die Töchter der Sippenmütter ehelichen, um ihre Autorität abzusichern. Aber schließlich hatten sie die Verwandschafts- und Sozialstruktur der alten Sippen völlig auf den Kopf gestellt: Die Kriegerhäuptlinge wurden zu „Fürsten“, die die Sippenräte entmachteten. Als die Frage der Vererbung des angehäuften Privateigentums aufkam, rückte die Abstammung vom Vater in den Mittelpunkt des Interesses. Eine fundamental andere Verwandschaftsform als die Sippe bildete sich heraus: Die von einem gemeinsamen Vater abstammende, an dessen Ort lebende und vor allem (das war neu!) diesem gehörende -Familie: seine Kinder, Frauen, Sklaven und Vieh. Damit beim Wegfall der alten Sippenordnung die einzelnen Krieger/Väter/Besitzer sich innerhalb eines Verbands nicht gegenseitig beraubten, wurde die Kriegergruppen ihren Anführern, Häuptlingen, Fürsten schließlich als Gefolgschaften untertan. Der Fürst hatte für erfolgreiche Beutezüge nach außen und für Recht und Ordnung nach innen zu sorgen. Der Staat war entstanden!
Meine These dazu lautet: Dieses Grundtrauma der menschlichen Geschichte ist bis heute nicht aufgearbeitet. Herrschaft aufgrund von Mangel, Mangelbewusstsein und Angst formte schließlich auch den (von Wilhelm Reich ausführlich dargestellten) autoritären Charakter, die gesellschaftliche Kernneurose aller historischen Varianten der patriarchalen Gesellschaft.
In Rom wird schließlich die juristische Vollendung des Patriarchats vollzogen: eine putschartige Umwandlung der alten Schwesternschaften in Bruderschaften, aus denen später die Grundeinheiten der Bürgerschaft und des Heeres (Centurien) werden, Verbot der Sippenstruktur zugunsten der patriarchalen Familien, absolutes Recht des Pater familias über Leben und Tod, nicht nur von Vieh und Sklaven, sondern anfangs auch von Frauen und Kindern. Nach der Abschaffung des Königtums wird der Staat von den Patriziern, den Vätern mit Grund- und Familienbesitz regiert. Man unterscheidet juristisch die Res -familia, das Privateigentum eines Mannes, von der Res -publica, dem gemeinsamen Eigentum aller Familienbesitzer. Im kaiserlichen Rom schließlich wird seit Augustus der Zusatz Pater patriae (Vater des Vaterlandes) offizieller Bestandteil der Imperatorentitel.

Schattenseiten antiker Republiken
In meiner Schulzeit wurden uns die Demokratie in Athen, die römische Republik und das römische Recht als Meilensteine im Fortschritt der Menschheit dargestellt. Dann liegt aber auch die Frage nahe: Woran sind griechische Demokratie und römische Republik gescheitert?
Zuerstmal sollten wir wissen, wovon wir reden: Zur Blütezeit der attischen Demokratie lebten in Athen etwa 40000 „freie“ Menschen. Von den Staatsgeschäften sowieso ausgeschlossen waren alle Frauen, aber auch alle Handwerker, Händler und Bauern, die nicht dem ursprünglichen, grundbesitzenden Kriegeradel angehörten. Dazu kamen rund 200000 Menschen als Staatssklaven und eine ungefähr gleich große Zahl privater Sklaven.
Rom hatte zur Kaiserzeit etwa 1,5 Millionen Einwohner, davon gehörten maximal 40000 zur Patrizierschicht, 460000 formalrechtlich freie Römer lebten als Plebejer in zeitweise über neunzigprozentiger Arbeitslosigkeit. Ihre einzig mögliche berufliche Karriere war das Militär. Auf diese Weise konnten auch sie Teil der römischen Weltausbeutungsmaschine sein.
Und eine Million Menschen waren Sklaven! Von Bergbau und Landwirtschaft über alle produzierenden und dienstleistenden Gewerbe bis in die akademischen Bereiche hinein (der römische Patrizier ging nicht zum Anwalt oder Arzt, sondern kaufte sich einen) – fast der gesamte gesellschaftliche Reichtum wurde von Sklaven geschaffen. Arbeit von freien Menschen rechnete sich nicht mehr. Die wachsende Schere zwischen arm und reich war demokratisch nicht mehr beherrschbar. Die Massen wurden leidlich ernährt und durch Gladiatorenkämpfe in den Arenen unterhalten: Brot und Spiele.
In der fortgeschrittenen Antike ist die Matrix unserer heutigen westlichen Zivilisation im wesentlichen bereits ausgeformt. Es existiert ein entwickeltes kapitalistisches Wirtschaftssystem, ein zinsorientiertes Finanzwesen, es gibt gleichzeitig (zumindestens in der Theorie, und nur für einen Teil der Menschen) bürgerliche Rechte und eine imperiale Weltherrschaft ohne demokratische Legitimation und Kontrolle. Es gibt Wasserleitungen, Fußbodenheizungen, tälerüberspannende Brücken, ausgezeichnete Straßen sowie Mietskasernen. Und es gibt Massenunterhaltung im Stil von „Big Brother“ …
In der nächsten Folge werden wir mit dem Untergang der Antike (der ersten großen Globalisierungsphase unserer Zivilisation) und dem Einritt in die Gesellschaft des Mittelalters die Spuren der Freiheit wieder aufnehmen. ´


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Lipinski, Gandalf

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