Liebe Leserinnen, liebe Leser,
eine unspektakuläre Szene: Kulturkreative Gesprächs- runde in einem Berliner Loft, auf dem Balkon wartet ein Kasten Bionade an der frischen Luft. In der Pause zischen die Kronkorken von den Fläschchen. Und siehe – ein neues Etikett: „Bionade forte“, eine weitere Geschmacksrichtung des „offiziellen Getränks für eine bessere Welt“ – und schon verliert man den Glauben an selbige.
War unser Gespräch nicht tiefsinnig gewesen? Hatten wir uns nicht selbstvergessen an das kosmische Informationsfeld angeschlossen gefühlt, in das wir unsere leidenschaftlichen Beiträge hochgeladen haben? Haben wir uns nicht als ernsthafte, erwachsene Geister bemüht, dem „sapiens“ hinter dem „Homo“ gerecht zu werden? Und nun das! Andere erwachsene Menschen haben andernorts darüber gebrütet, wie sie es anstellen sollen, um uns das richtige Gefühl beim Trinken ihrer Kultbrause zu vermitteln: Du bist politisch korrekt, du bist ganz vorne mit dabei, du bist ein starker Karma-Konsument – du bist „forte“. Du meine Güte! Reicht es nicht, dass das gemälzte Wässerchen einigermaßen lecker schmeckt und erfrischt? Wozu diese Infantilisierung?
Ein Gedanke von Joanna Macy kam mir in den Sinn: Werden wir unserem Alter gerecht? Geht man dem nach, was sie damit meint, kann man kaum anders, als rote Ohren zu bekommen. Sind wir das, wohin die Evolution zielt? Dreieinhalb Milliarden Jahre hat sich das Leben auf diesem Planeten abgemüht – um uns am Ende mit einem „forte“ zu fröhlichen Konsumenten zu machen. Hat dies das kosmische Informationsfeld gemeint, als es der Materie die Kombination für die Synthese des Menschen verriet?
Wie gut, sich zu erinnern, dass 99 Prozent aller Arten von Leben, die seit Beginn der Evolution auf der Erde strampelten, schwammen, krochen, liefen und flatterten, in der Erdgeschichte versunken sind. Das Aussterben scheint ein ganz normaler Faktor im Gesamtleben zu sein. Wahr ist: Wir leben in einem Körper aus gebrauchtem Material. Jeder Baustein unserer Chemie war schon mal etwas anderes. Jedes Kohlenstöffchen hat schon mal mit einem anderen Wasserstöffchen in einer anderen Daseinsform seine Elektronen geteilt. Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück ...
Ich träume von einer reifen Menschheit, die ihr wahres Alter lebt. Was wäre ein würdiges Getränk, das man derart alten Wesen reichen könnte? Wie müssten wir uns gegenseitig ansprechen, um unser Erdlebensalter zu würdigen? Müssten wir nicht allmählich unsere Strampelanzüge ausziehen, um zu verwirklichen, „was die Erde will“ (wie Jochen Kirchhoff sagt)?
Was wirft da mein innerer Clown ein? Spaß? Natürlich will die Erde, will das Leben auch Spaß. In diesem Sinn Prosit – lateinisch: Es möge nützen!
Herzlich, Ihr
Johannes Heimrath
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