Andrea Liebers porträtiert die Lebenskünstlerin Hede von Nagel.
Diese Frau soll 75 Jahre alt sein? Unmöglich! Eine überschäumende Vitalität umgibt sie, die rötlichen Haare umrahmen alterslos ihren Kopf, ihre Bewegungen sind die einer jungen Frau, ihre Stimme voller Energie, kurzum ihre gesamte Ausstrahlung ohne jede Altersmüdigkeit. Von Abgeklärtheit keine Spur, viel eher von Entdeckerlust, Neugierde und auf-dem-Sprung-Sein. Als ich ihr dies Kompliment mache, lacht sie: „Das sagen alle. Sowohl die, die mich schon lange kennen, als auch die, die mich neu kennenlernen. Ich bin für sie eine lebendiges Beispiel, dass man auch alt werden kann, ohne alt zu sein!“
Hede von Nagel hat tatsächlich am 22. Februar ihren 75. Geburtstag gefeiert, geboren wurde sie 1933 in Mannheim, wo sie auch die ersten Lebensjahre verbrachte, denn ihr Vater arbeitete – wie schon ihr Großvater – als Chemiker bei den IG Farben (der heutigen BASF). Aufgewachsen als Zweitälteste von vier Geschwistern war ihre Kindheit allerdings alles andere als behütet. Da machte ihr schon der Krieg einen Strich durch die Rechnung, und nicht nur, dass er ein Großwerden in glücklicher Geborgenheit verhinderte. Ihre gesamte Familie bestand aus Anhängern des Nationalsozialismus, die ganze Atmosphäre war getragen von der Begeisterung für Hitler. Ganz normal zu dieser Zeit, könnte man meinen, denn so wird es wohl bei den meisten gewesen sein. Das Problem war nur, dass Hede schon als Kind darunter litt, Heil Hitler rufen, kriegsbegeistert sein und einen Hass auf Juden haben zu müssen. Als sie zwölf war, erfuhr sie, was die Deutschen den Juden angetan hatten – ein Schock, den sie kaum verkraftete, der ihr so zusetzte, dass sie sich ihr junges Leben nehmen wollte, weil sie sich mitschuldig fühlte. Dieses Grundgefühl von Mitverantwortung für das, was damals geschehen war, bestimmte lange Zeit ihr Leben – und ihre Kunst – und ließ sie aus diesem Grund in Tiefen ihrer Seele hinabsteigen, aus denen sie reich beschenkt wieder auftauchte.
Zum einen mit einer unglaublichen Unternehmungslust: Hede ist ständig auf Achse, mal besucht sie Freunde in Freiburg – um ihr Songbuch fertigzustellen – dann andere Freunde in der Schweiz – um die chinesische Übersetzung eines ihrer Kinderbücher auf den Weg zu bringen – kurz darauf ist sie bei Freunden in Mainz, die ihr bei der Aufrüstung ihres Laptops helfen, danach endlich mal (kurz) zu Haus – in Stutensee bei Karlsruhe, um aber gleich wieder aufzubrechen in ein neues Abenteuer. Von Altersstarrsinn kann bei ihr sowieso keine Rede sein, aber auch die üblichen Gebrechen und Wehwehchen scheinen an Hede spurlos vorbeizugehen.
Als ich Hede treffe, kommt sie gerade frisch aus Berlin, wo sie an einer Weiterbildung „Aufbau und Pflege eines Erzählsalons“ für Mitarbeiter von Mehrgenerationenhäusern teilgenommen hat, das zweimal zwei Tage lang ging. Gewohnt hat Hede in der Zeit bei ihrer Freundin Jutta, die sie schon 50 Jahre lang kennt und zwar aus der Zeit ihres Studiums an der Hochschule für bildende Künste in Berlin, beide besuchten die Emaille-Klasse. Hede war allerdings vor allem in der Klasse der Metallbildhauerei zu finden, denn das war ihr eigentlicher Berufswunsch.
Die beiden Freundinnen jedenfalls haben an den Abenden Berlin unsicher gemacht, Jutta kennt nämlich eine ganze Menge interessanter Leute und geht sehr gern aus. Gestern waren die beiden bei einer Veranstaltung mit Roger Willemsen, und Hede ist noch ganz erfüllt und begeistert davon und berichtet ausführlich, wie der Abend war. Erzählen kann sie, das muss man ihr lassen. Typisch für sie ist auch, warum sie überhaupt an dem Erzählsalon-Seminar teilgenommen hat. Da ist keine andere daran Schuld als unsere amtierende Familienministerin Ursula von der Leyen, die im November letzten Jahres das Mehrgenerationenhaus in Stutensee bei Karlsruhe besuchte, ein Projekt, bei dem Hede auch am Rande mitwirkt. Als es darum ging, dass man sich zu einer Erzählsalon-Dame weiterbilden lassen konnte, sagte Hede sofort zu und nahm an diesem vom Bundesfamilienministerium geförderten Seminar teil. „Alle auf dem Kurs in Berlin waren sich einig, dass mein Talent nicht unbedingt in der Moderation liegt, sondern im Erzählen“, berichtet Hede von Nagel. „Sie meinten, ich solle viele Erzählsalons besuchen und denen eine meiner Geschichten erzählen, dazu wäre ich wie geschaffen!“ Hedes Augen blitzen. „So ist es immer. Alle sind von dem, was ich mache, begeistert und wollen mich einladen, aber keiner macht sich Gedanken, dass ich ja auch von etwas leben muss.“
Von Luft und Liebe leben
Ja von was lebt sie denn? Fast ist man geneigt „von Luft und Liebe“ zu antworten, genauso wirkt sie nämlich, als ob sie das seltene Exemplar einer Menschengattung wäre, die genau das fertiggebracht hätte. Rente bezieht sie keine, feste Einnahmen hat sie nicht, eingebunden in ihre Ursprungsfamilie ist sie ebenfalls nicht – ja, wovon bezahlt sie denn ihre Miete und ihren Lebensunterhalt? Zum einen unterstützen ihre vielen Freunde – ihre Wahlfamilie – sie, weil sie von ihrer Kunst begeistert sind und aus Dank dafür, dass sie immer wieder als Engel in der Not erscheint und hilft. Zum anderen lebt sie von einem kleinen Erbe, das ihr ihre Mutter hinterlassen hat, derentwegen – um sie zu pflegen – Hede die USA verlassen hat. Richtig gelesen: USA. Genauer gesagt, Kalifornien, und dort in der Gegend von Los Angeles und San Francisco. Zurückgekehrt nach Deutschland ist sie 1990, in den Staaten gelebt hat sie seit 1969, sie besitzt auch nach wie vor den amerikanischen Pass. Hingekommen ist sie im Schlepptau ihres Mannes, der als Jurist für die VW Werke in Wolfsburg tätig war. Ende der 60er-Jahre erhielt er das Angebot, in New York für die Firma zu arbeiten. Hede war damals schon eine erfolgreiche Metallbildhauerin, aber ihre Karriere kam in den USA erst richtig in Gang. Schnell – wie bei Hede meistens der Fall – hatte sie Kontakte geknüpft, in New York ein Atelier gefunden, und wie es der Zufall wollte, einen ersten Preis bei der nationalen Emailleausstellung gewonnen. Die Ausstellungen und Preise flogen ihr geradezu zu, obwohl es in dieser Zeit als Deutsche in New York ausgesprochen schwierig war. Zwei Drittel der Einwohner waren Juden, und das Thema Nationalsozialismus und Holocaust wurde stark diskutiert. Wer – wie Hede – mit einem deutschen Akzent sprach, fiel sofort auf. In Hede kam all das hoch, worunter sie als Kind und Jugendliche so sehr gelitten hatte, und sie begann alle Bücher die sich mit dem Holocaust beschäftigten, zu verschlingen. Schuld- und Schamgefühle quälten sie. Ihr Mann verstand diese Reaktion nicht, er warf ihr vor, masochistisch zu sein. Hede allerdings ließ sich nicht davon abbringen, ins Zentrum dessen vorzudringen, was sie bis an den Rand der Depression brachte: sie schuf – dies verarbeitend – die kraftvollsten und wunderbarsten emaillierten Metallskulpturen.
Geburtsprozesse
Wie es ihrem Naturell entspricht, tanzte sie in New York auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig. Sie war nicht nur als erfolgreiche Künstlerin strahlender Mittelpunkt von Ausstellungen, Ehrungen und Bewunderern, sondern auch brave Ehefrau an der Seite ihres Mannes: mit wichtigen Geschäftsleuten schick essen gehen, Musicals besuchen, in Bars Smalltalk machen. Denn ihr Mann hatte unter anderem die Aufgabe, die Gäste seiner Firma bei Laune zu halten. Doch die Welt der Reichen und Erfolgreichen war nicht Hedes Ding, es ödete sie an, jede Spontaneität ging ihr verloren. Ihr Mann lebte in einer Welt, die sie nicht mehr teilen wollte – Hede ging es immer schlechter – ihr Lebensmut schrumpfte zusammen, sie wurde unglücklich und immer deprimierter – und sie brach aus. Sie floh nach L.A., wollte ein Jahr Beziehungspause und versuchen sich wieder zu finden – dazu machte sie Primärtherapie, die damals das Neuste vom Neusten war. In der Therapie stellte sie fest, dass ihre gesamte Metallkunst bis dahin eine Art Geburtsprozess war, ein Suchen nach sich und ihrer Identität. Sie entdeckte archetypische Themen, sah, wo sie Dinge aus dem kollektiven Unbewussten ans Licht geholt hatte, und begann mehr und mehr sich selbst zu verstehen.
Schlank, schön und strahlend kam sie zurück nach New York, sprühte wieder vor Energie und Lebenslust, dennoch konnte ihre Ehe nicht mehr gerettet werden, zu groß war die Kluft zwischen den beiden. Als Hede das Angebot bekam, in Los Angeles am „Otis Art Institut“ zu lehren, sagte sie zu. Dort lernte sie in einem Kurs für Aktzeichnen eine Redakteurin der LA Times kennen, die sie bat, einen Artikel über ihre Kindheit in Nazi-Deutschland zu schreiben. Hede versuchte, sich dem zu entziehen, sie wollte nicht über das Thema, das ihr persönlich so im Herzen brannte, öffentlich Stellung nehmen. Doch schließlich gab sie nach, und schrieb den Artikel, der sofort einen ungeahnten Sturm des Interesses auslöste. Keiner hatte daran gedacht, dass es unter den deutschen Nazis natürlich auch Kinder gab, die unter dem, was damals geschehen war, gelitten hatten und immer noch litten. Wie und warum – darüber hatte Hede jetzt zum ersten Mal geschrieben und sich damit an eines ihrer Lebensthemen herangewagt. Von da an wurde sie ins Fernsehen, zu Radiosendern, Talk-Shows, Frauengruppen, Synagogen eingeladen. Zehn Jahre lang bestimmte dieses Thema plötzlich, von heute auf morgen, Hedes Leben. Sie trat in Holocaust-Konferenzen auf, ging in Schulen und machte auf das Leid der Nazikinder aufmerksam. Hede hatte ihre Aufgabe gefunden. Bis sie plötzlich schwer erkrankte. Es stellte sich heraus, dass sie an einer schweren Chemikalienvergiftung litt, die sie sich in der Zeit als Metallbildhauerin durch das ungeschützte Hantieren mit hochgiftigen Stoffen zugezogen hatte.
Schicksalshelfer
Sie war ausgelaugt, erschöpft, unfähig zu arbeiten oder sonst wie für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, körperlich, finanziell und emotional am Ende. Das einzige, was sie noch besaß, waren ihre Kleider, die sie am Leib trug, eine Hütte am Meer, in der sie lebte, und einen amerikanischen Riesenschlitten, mit dem sie durchs Land fuhr. Den wollte sie verkaufen, um wieder zu etwas Geld zu kommen. Dreizehn Dollar hatte sie noch in der Tasche, als sie sich auf die Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für einen Freund machte, für den sie eine Hüttenparty machen wollte. In einem Buchladen entdeckte sie einen Kalender mit Bildern des berühmten Fotografen Anselm Adams – und was jetzt kommt, ist eine der Geschichten, die den Teilnehmern des Berliner Erzählsalon-Seminars so sehr gefallen hat, dass sie ganz begierig darauf waren, noch mehr Geschichten von Hede zu hören. Sie entdeckte also diesen Kalender, der ihr unheimlich gut gefiel, am liebsten hätte sie ihn gekauft, aber sie zögerte, denn sie war sich nicht sicher, ob er denn auch den Geschmack des Freundes treffen würde. Kurz entschlossen kaufte sie etwas anderes für ihn, und radelte nach Hause – um Geld zu sparen, war sie mit dem Fahrrad unterwegs. Es donnerte allerdings plötzlich wie verrückt (was dort so gut wie nie passierte) und goss in Strömen. Sie hatte gerade das Fahrrad abgestellt, und war auf dem Weg zu ihrer einsamen Hütte, da rannte eine dunkle Männergestalt auf sie zu.
Eigentlich wollte sie in der Sicherheit der Hütte verschwinden, doch eine innere Stimme mahnte sie, offen für diesen Menschen zu bleiben. So fragte sie den Fremden: „Can I help you?“ Es stellte sich heraus, dass er für eine Druckerei unterwegs war auf dem Weg zu einer naheliegenden Schule, bei der er Kisten von Papier abgeben sollte. Es war Freitag abend, er war wegen des Sturms zu spät, die Schule war bereits geschlossen. Er fragte, ob er die sechs Kisten bei ihr über Nacht im Trockenen abstellen könnte.
„Nein“, antwortete Hede, „das geht nicht, wir wollen heute noch hier eine Geburtstagsparty feiern!“
„Ist das Auto hier Ihres“, fragte der Fremde daraufhin, und deutete auf die Limousine. Hede nickte. Er fragte, ob man das Papier nicht im Auto lagern könnte.
Hede stimmte zu, und die beiden trugen die Kisten bei strömendem Regen ins Auto. Gerade hatten sie die letzte aus seinem Auto gehoben, da kamen Kalender von Anselm Adams zum Vorschein, die darunter gelegen hatten. Es stellte sich heraus, dass die Kalender in der Druckerei gedruckt worden waren, für die der Mann arbeitete. Da einige von ihnen nass geworden waren, schenkte er sie ihr. So kam Hede nicht nur zu einem Anselm Adams Kalender, sondern gleich zu mehreren. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, denn der Fremde erkundigte sich, ob das Auto ihr gehöre, und ob sie es eventuell verkaufen würde. Sein Freund sei nämlich schon seit Jahren auf der Suche nach exakt diesem Modell. Hede konnte ihr Glück kaum fassen, und sagte natürlich ja. Am nächsten Tag tauchte der Freund auf, kaufte das Auto, und Hede war mal wieder gerettet.
Der neue Baum des Lebens
Im Grunde genommen besteht Hedes Leben aus einer Aneinanderreihung solcher Geschichten, bei denen ihr das Schicksal immer wieder die Situationen präsentiert, die Hede dann ohne zu zögern beim Schopfe packt, und ihrem Leben damit äußerst unerwartete Wendungen beschert. So war es denn auch 1989, als sie zurück nach Deutschland kam, um ihre an Parkinson erkrankte Mutter zu pflegen. Auf Hedes unnachahmliche Art wohnte sie mal hier mal dort. Immer waren Freunde zum Beispiel für eine Zeit lang im Ausland und brauchten jemanden, dem sie vertrauen konnten, um das Haus zu hüten, oder eine Wohnung stand gerade leer oder jemand sponserte Hede eine Weile eine Wohnung oder oder oder. Es gibt wohl kaum eine Wohnmöglichkeit, die Hede nicht kennt. Während der Pflege der Mutter entstanden Collagen, in denen Hede das Sterben der alten Dame begleitet. „Requiem für eine Mutter“ nennt sie die Serie, und bietet sie als Diavorträge an, die sie zum Beispiel in Hospizen oder in Ausbildungsgruppen von Altenpflegerinnen zeigt. Zuvor hatte sie den Diavortrag „Heimkehr zum Baum des Lebens“ konzipiert, in dem sie ihre emaillierten Kupferskulpturen, die eine innere Reise zu ihr selbst weisen, mit einer Auseinandersetzung mit ihrem persönlichen Schicksal vor dem Hintergrund der Nazi-Zeit verbindet. Groß war bei ihr das Erstaunen, als es sich wie von selbst offenbarte, dass ihr Baum des Lebens so gut wie deckungsgleich zum kabbalistischen Lebensbaum der jüdischen Mystik war. Wieder hatten sich ihre eigenen persönlichen mit viel weiterreichenden überpersönlichen Themen verbunden! Eine atemberaubende Verknüpfung, die die Zuschauer tief berührt zurücklässt.
In den letzten Jahren erarbeitete Hede einen neuen Vortrag „Der neue Baum des Lebens“, schrieb Kinderbücher und Songtexte und reiste natürlich viel herum. Besuchte Freunde, hütete Wohnungen, korrespondierte mit Gott und der Welt und – suchte eine Stiftung oder einen Mäzen, der es ihr ermöglichen würde, ihre gesamten noch unfertigen Dinge (Geschichten, Skulpturen, Vorträge) zu sichten und zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Denn eines wird wohl nicht passieren, da ist Hede sich inzwischen sicher, dass sie in diesem Leben noch einmal so bekannt wird, dass sie von ihrer Kunst leben könnte. „Ich passe eben in keine Schubladen, weder im Lebenstil noch in der Kunstrichtung“, meint sie, lacht spitzbübisch und erhebt sich schwungvoll vom Stuhl. Sie hat schon wieder viel zu lange geredet, denn ihr Freund vom Kopierladen wartet auf sie. Er hat ihr versprochen ihr bei komplizierten Farbkopien zu helfen, und da darf sie ihn auf keinen Fall warten lassen. ♠
Andrea Liebers, Journalistin und Autorin, www.andrea-liebers.de
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