Artikel
Kulturkreatives Spektrum (108)
Andere Welten (55)
Freie Gesundheitsberufe (22)
eurotopia (166)
Matriarchale Perspektiven (35)
Holon (77)
Editorial (30)
Briefe aus Amerika (6)
Anders Lernen (47)


Ausgabe 166 (12)
Ausgabe 165 (12)
Ausgabe 164 (12)
Ausgabe 163 (13)
Ausgabe 162 (13)
Ausgabe 161 (15)
Ausgabe 160 (12)
Ausgabe 159 (11)
Ausgabe 158 (13)
Ausgabe 157 (11)
Ausgabe 156 (15)
Ausgabe 155 (13)
Ausgabe 154 (12)
Ausgabe 153 (16)
Ausgabe 152 (12)
Ausgabe 151 (13)
Ausgabe 150 (14)
Ausgabe 149 (14)
Ausgabe 148 (16)
Ausgabe 147 (13)
Ausgabe 146 (13)
Ausgabe 145 (13)
Ausgabe 144 (11)
Ausgabe 143 (13)
Ausgabe 142 (12)
Ausgabe 141 (13)
Ausgabe 140 (15)
Ausgabe 139 (14)
Ausgabe 138 (12)
Ausgabe 137 (11)
Ausgabe 136 (14)
Ausgabe 135 (12)
Ausgabe 134 (8)
Ausgabe 133 (6)
Ausgabe 132 (9)
Ausgabe 131 (9)
Ausgabe 130 (10)
Ausgabe 129 (8)
Ausgabe 128 (9)
Ausgabe 127 (8)
Ausgabe 126 (6)
Ausgabe 125 (8)
Ausgabe 124 (9)
Ausgabe 123 (6)
Ausgabe 122 (7)
Ausgabe 121 (7)
Ausgabe 120 (3)
Ausgabe 119 (5)
Ausgabe 118 (1)
Ausgabe 115 (1)
Ausgabe 114 (11)

Zuletzt besucht
Artikel: Andere Welten gibt es schon

Artikel: Das Friedensdorf Neve Shalom

Artikel: Als ob unser Leben davon abhinge

Artikel: Ohne Pleitegeier keine Goldgänse

Artikel: Die Gemeinschaft Ananda Assisi


Über uns
Impressum
Matrix der Freiheit
erschienen in Ausgabe 156  PDF-Version (4.42 MB)
Gandalf Lipinski reflektiert Freiheit und Gemeinschaft vor dem Hintergrund von 6000 Jahren Patriarchat. Teil 4: Die Verlorenen und das Reich Gottes.

Die bisherigen Folgen dieser ­Artikelserie beschrieben den Untergang der alten, gemeinschaftszentrierten Kultur des Matriarchats und die gewaltsame Etablierung einer patriarchalen Sozialstruktur im indoeuropäischen Raum. Das römische Imperium ist zwar längst untergegangen, doch seine politischen, rechtlichen und psychosozialen Fundamente bilden bis heute die kaum reflektierten Grundlagen aller darauf aufbauenden Spielarten patriarchaler Herrschaftssysteme.

Heute und in den folgenden Beiträgen soll der rote Faden der gesellschaftlichen Ur-Katastrophe weiterverfolgt und bis in die Gegenwart hinein betrachtet werden. Freiheit und Gemeinschaft, die vor dem Patriarchat nur im Zusammenhang denkbar waren, werden in neuerer Zeit ja gerne gegeneinander in Stellung gebracht. Wir können die ganze Geschichte seit der Antike aber auch als groß angelegte Anwendung der römischen Formel „Teile und herrsche!“ ansehen und erkennen, dass diese beiden Seiten ein und derselben Medaille zusammengehören, wenn wir nicht das Grundprinzip von Eroberung, Herrschaft und Unterdrückung in alle Ewigkeiten fortschreiben wollen.
Schwerpunkt dieser Folge ist der Untergang der antiken Welt und jene seltsame Zwischenzeit, die wir das „finstere“ Mittelalter nennen.

Der Aufstand der Verlorenen
Wir beginnen allerdings mit einem Ereignis, welches im Geschichtsunterricht entweder völlig ignoriert oder nur am Rande erwähnt wird: der großen Revolution der Sklaven! Etwa hundert Jahre vor der Zeitenwende erschüttert die letzte große Revolte gegen das patriarchale Rom das Imperium: Der mit dem Namen des Thrakers Spartakus in Verbindung gebrachte große Sklavenaufstand der Antike. Über mehre Jahre konnten die römischen Polizeitruppen (einige davon mehre tausend Mann stark) den Aufstand nicht niederwerfen. Erst als von allen Grenzen des Reiches Elitetruppen und die regulären Legionen nach Italien zurückgerufen und gegen das Sklavenheer eingesetzt wurden, wurde es besiegt. Die letzten 5000, die sich ergeben hatten, wurden entlang der Via Appia gekreuzigt.
Bezeichnend ist ferner, daß unsere gängige Geschichtsschreibung den Aufstand lediglich mit dem Namen Spartakus verbindet. Spartakus steht eher für die „sozialdemokratische“ Fraktion in der Führung des Aufstands, das heißt, er blieb nahe am Bewusstsein der Massen, und die wollten einfach nur weg von Rom. Abhauen und in die Wälder nördlich der Alpen und von dort aus in die unendlichen Weiten des Ostens fliehen – das war ihre Devise. Der Gallier Crixus, neben Spartakus der wichtigste Führer des Aufstands, war weitblickender. Er kam schließlich aus einem Land, das bereits voll ins römisch-patriarchale System integriert war. Für ihn hieß nach-Hause-gehen nicht die-Freiheit-erlangen. Er ahnte oder wusste, dass schließlich die Welt diesem System erliegen würde, und sah die Chance, den Kampf erfolgreich zu führen, nur im Marsch auf Rom selbst! Dahingestellt sei, ob diese Strategie militärisch hätte erfolgreich sein können, oder gar, wie die Welt heute aussähe, wenn die Sklavenarmee diesen Weg gewählt hätte …
Fakt war: Sie konnten sich nicht einigen, sie trennten sich und wurden getrennt geschlagen. Danach hat es zwar an den Rändern des Imperiums immer wieder unzählige Aufstände und Freiheitskämpfe gegeben. Im Zentrum der Megamaschine jedoch war die Machtfrage für sehr lange Zeiten entschieden: Macht, Glück, Wohlstand und Einfluss einer kleinen Minderheit im patriarchalen ­Herrschaftssystem basierten auf der Versklavung der großen Mehrheit der Menschen. Einen umfassenden Aufstand zur Erlangung der Freiheit sollte es erst wieder am Übergang zur Neuzeit geben.

Das Ende der antiken „Globalisierung“
Der antike Kapitalismus erlag schließlich rund 500 Jahre später seinen eigenen inneren Widersprüchen. Natürlich spielten auch die Hunnen, die Völkerwanderung und die Germanen dabei eine wichtige ­Rolle. Letztlich jedoch funktionierte das Imperium nicht mehr, weil die Selbstvermehrungstendenzen eines immer unabhängiger werdenden Kapitals und die reale Situation auf den Märkten immer mehr auseinanderklafften. Der wichtigste Treibstoff des römischen Kapitalismus war der über Jahrhunderte steigerbare Sklavennachschub gewesen. Als dieser am Ende der Antike auch unter dem Ansturm der „wilderen“ Völker zum Erliegen kam, brachte dies langfristig den Untergang der gesamten antiken Zivilisation.
Ein weiterer Aspekt des Niedergangs war die geistige Aushöhlung beim fortschreitenden Materialismus der römischen Zivilisation. Die Götter des alten römischen Pantheons waren schon zum Beginn der Kaiserzeit verblasst und farblos geworden. Als vitale religiöse Alternativen zum immer rationaler und materialistischer werdenden römischen Geist boten sich verschiedene Mysterienkulte an. Die kamen aber zumeist aus dem Osten und waren – wie etwa der Isis-Kult – zumeist noch mit matriarchalen Komponenten durchsetzt. So machte sich in der fortgeschrittenen Kaiserzeit das Imperium ernsthafte Gedanken, welcher Kult wohl am ehesten zur Stabilisierung des Staates geeignet sei. Die Anbetung des Kaisers selbst als Gottheit war nicht nur bei den frühen Christen (aber bei diesen am offensten) auf Widerstand gestoßen. Das Christentum selbst kam lange Zeit nicht als Staatsreligion in Betracht, weil ihm der Ruf einer Religion für Frauen und Sklaven anhaftete. Umgekehrt schied der weit verbreitete Mithraskult aus, weil er fast ausschließlich Soldaten ansprach. Der Kult des Sol Invictus entsprach inhaltlich den Bedürfnissen der späten Kaiser wohl am ehesten, konnte sich aber aufgrund seines eher theoretischen Charakters als „Reißbrettreligion“ nicht durchsetzen. Als schließlich unter Konstantin doch das Christentum zuerst toleriert und später zum alleinigen Staatskult erhoben wurde, hatte es seine Unschuld als spirituelle Bewegung verloren. Auf dem Konzil von Nicäa entfernten die christlichen Bischöfe auf Geheiß des Kaisers den Reinkarnationsglauben aus der christlichen Lehre. Das hieß im Klartext: Ab jetzt herrschte die Angst vor dem Jüngsten Gericht. Und wer Angst hat, ist schließlich besser manipulierbar und beherrschbar.

Das „Mittelalter“ entsteht
Zwei Faktoren setzen schließlich das weströmische Reich auf modifizierte Weise fort und begründen damit das „christliche Abendland“: Zum einen erhebt der Bischof von Rom nicht nur den Anspruch auf die geistige Führung aller christlichen Kirchen, sondern nach dem Erlöschen des westlichen Kaisertums auch auf weltliche und militärische Macht (zunächst einmal nur auf das Land um Rom und die Mitte Italiens).
Zum anderen wird das fränkische Merowingerreich in Gallien immer mächtiger und geht ein folgenschweres Bündnis mit der katholischen Kirche ein. Im Gegensatz zu den meisten germanischen Fürstentümern nach der Völkerwanderung, die das Christentum in der arianischen Variante annahmen, wächst das Reich der Franken so allmählich in die Rolle der weltlichen Schutzmacht für den Bischof von Rom und sichert dessen Anspruch auf die Papstkrone machtpolitisch ab. Der König der Franken und der Bischof von Rom werden durch dieses Bündnis so etwas wie die gemeinsamen Erben des verwaisten römischen Kaiserthrones. Als die Karolinger schließlich im Bunde mit Rom das Geschlecht der Merowinger entmachten, wird zum ersten mal die fränkische Königskrone nicht mehr in germanischer Tradition aus den Händen der Stammesführer, sondern „von Gottes Gnaden“ empfangen. Der durch fränkische Waffenhilfe schließlich zum Papst aufgestiegene Römer krönt im Jahre 800 Karl den Großen auch wieder zum Kaiser der Römer. Damit haben wir die Grundpfeiler der Macht, die schließlich die Ordnung des europäischen Abendlandes im Mittelalter prägen.
Als endlich die Ottonen die Kaiserwürde erben, spricht man von dem großen Reichszusammenhang in der Mitte Europas als dem „Heiligen römischen Reich deutscher Nation“. Dieses war nicht mit der zentralstaatlichen Effizienz des römischen Reiches zu vergleichen und oft nur ein loser Zusammenschluss zahlreicher relativ unabhängiger Fürsten. Auch das übrige Europa kennt im Mittelalter kaum so etwas wie territoriale zentralstaatliche Integrität. Die Herrschaft wird, lokal begrenzt, von unterschiedlich einflussreichen adligen Herren oder Fürsten, aber auch Bischöfen und Äbten ausgeübt.
An Stelle der Sklaverei tritt nach und nach das Lehenssystem, und die Masse der Bauern sind nun statt Sklaven „Leibeigene“, d.h. in der Regel an das Land gebunden, welches einem adligen oder kirchlichen Herrn gehört. Rechtlich gesehen haben sie damit kaum bessere Bedingungen als die früheren Sklaven, da sie aber oft in überschaubaren Dörfern unter sich leben und oft weit genug von den Burgen oder Klöstern ihrer Herren entfernt sind, die sich in der Regel nur beim Eintreiben der Naturalsteuern bei ihnen blicken lassen, genießen sie bis ins Hochmittelalter relativ viele inoffizielle Freiheiten und den Schutz ihrer sich selbst verwaltenden Gemeinschaften.

Das Reich Gottes
Das europäische Mittelalter war stark christlich geprägt. Und das Christentum war am Anfang, wenn auch nicht eine Revolte, so doch auch eine deutliche innere Abkehr von den Werten des materialistisch ausgerichteten Imperiums gewesen. Je mehr nun aber die Kirche auch Macht im Außen wurde, umso mehr verlagerte sich der christliche Befreiungsimpuls nach innen. Das Mittelalter war keineswegs so eine finstere Menschheitsepoche, wie es uns so oft noch heute in der Schule suggeriert wird. Es war eher leuchtend, bunt, sehr lebensfroh und plastisch und dabei zutiefst religiös geprägt. Nur eines war es eben weniger: Das Frühmittelalter war deutlich weniger materialistisch und kapitalistisch orientiert als die Antike. Die meisten Menschen waren eher arm und selbst die Reichen waren, verglichen mit ihren antiken Vorgängern arm. Städtische Zivilisation und größere zusammenhängende Herrschaftsgebiete waren eher die Ausnahme. Die meisten Menschen lebten in Dörfern oder in Klöstern, wenige in Burgen. Durch das weitgehende Fehlen zentralstaatlicher Strukturen hatten die dörflichen Gemeinschaften über lange Zeiträume relativ selbstbestimmte Lebensformen. Sie mussten zwar den Adel und später den Klerus miternähren, aber diese kümmerten sich bis zum Hochmittelalter recht wenig um die Dorfinterna.
Die theologischen und philosophischen Bemühungen vieler Kirchenväter und Scholastiker um das „Reich Gottes“ waren keineswegs allesamt Jenseitsspekulationen. Frieden auf Erden, Gerechtigkeit und Schutz vor der Willkür der Herrschenden waren sehr wohl auch von kirchlichen Kräften angestrebte Ziele. So wurde z.B. das gesellschaftliche Leiden und die Ungerechtigkeit, die aus dem Zins- und Zinseszinssystem erwuchsen, sogar von einigen Päpsten erkannt und echten „Christenmenschen“ als „sündhaft“ verboten. Im Großen und Ganzen aber war die Kirche zu stark mit der weltlichen Macht verwoben, um geistig grundsätzlich in eine andere Richtung zu streben. Kaiser und Papst waren fern. Die meisten Menschen konnten nicht reisen. Viele wussten nicht, wie die Welt jenseits des eigenen Tals wirklich aussah. Sagen und Legenden waren die Mittel und Wege, um auch größere Zeit- und Kulturräume geistig zu umfassen. Und überall lassen sich in diesen Erzählungen, wenn auch oftmals sehr verschlüsselt, die Erinnerungen an die Zeiten der Gemeinschaft und vor dem Beginn der Herrschaft auffinden. Der keltische Mythos vom wüsten Land, das unfruchtbar geworden war, weil man das weibliche Prinzip missachtet und geschändet hatte, ist eines der klarsten Beispiele hierfür. Und auch die Sagen des Artuskreises spiegeln in vielen Details Erinnerungen an eine vorpatriarchale Zeit und vor allem die vitale Sehnsucht nach Freiheit, Frieden und Gemeinschaft wieder. Ausgerechnet zu Beginn des Hochmittelalters, als die äußere Panzerung des Ritters immer schwerer wird, bricht sich im Rahmen der Artuslegenden auch der Gralsmythos Bahn, den man getrost auch als Sehnsucht nach dem Weiblichen in einer sich immer mehr panzernden männlichen Welt lesen darf. Die Blütezeit des hohen Ritterideals bricht an, eine seltsame Verquickung patriarchaler Kriegertugenden mit einer gemeinschaftsfördernden Ethik. Der heilige Gral, der Minnedienst und die Troubadourkultur sind die eher verfeinerten Sublimationen der alten Sehnsucht. Im Mythos von der Tafelrunde und vom gerechten König dringt eher das ganz konkrete Ziel hervor, auch innerhalb der bestehenden patriarchalen Gesellschaftsordnung ein Höchstmaß an Frieden und Gerechtigkeit zu erlangen. Die Macht, ein menschlicheres Miteinander auch politisch durchzusetzen, wird einerseits auf vermeintlich ethisch hochstehende Ritterorden (Tafelrunde, Gralsritter, Templer), zunehmend aber auf einen mythisch immer mehr entrückten König oder Kaiser projiziert. Im keltischen Raum ist das die Artusfigur. Der Sage zufolge ist der verwundete König nicht gestorben, sondern in die Anderswelt geholt worden, um von dort zurückzukehren, wenn die Not des Volkes ihn ruft. Eine gewisse Christus­ähnlichkeit können wir auch im als weise, gütig und gerecht geltenden deutschen Kaiser Barbarossa erkennen, der ebenfalls statt zu sterben nur in einen tiefen Schlaf versunken ist, aus dem er erwachen wird, wenn das Land ihn ruft. Auf den englischen König Richard Löwenherz wird ähnlich positiv projiziert. Und sogar über das christliche Abendland hinaus sieht Europa im muslimischen Sultan Saladin eine Lichtgestalt, unter deren Herrschaft die Welt eine bessere ist.
Nicht Freiheit vom König oder Kaiser ist das geistige Motto des Mittelalters, sondern Freiheit durch den König, dem als einzigem die Macht dazu zugesprochen wird. In der vollentwickelten Neuzeit, in der Romantik des neunzehnten Jahrhunderts, wird sich nach einer freiheitsfordernden Anfangsphase das Gleiche wiederholen und sich die Sehnsucht nach dem gerechten Friedensreich zur nostalgischen Orientierung hin zum alten deutschen Reich äußern.

Inkubationen im Spätmittelalter
Hier ist nicht der Raum für religionsphilosophische oder -psychologische Spekulationen. Aber auch, wenn wir Freiheit und Gemeinschaft in diesem Zusammenhang in erster Linie konkret und gesellschaftlich bezogen meinen, müssen wir feststellen, dass das Hochmittelalter eine eigentümliche Sonderrolle im Ablauf der europäischen Geschichte einnimmt. Es bleibt auf seltsame Weise entrückt, gleichsam sowohl der Welt davor als auch der Welt, die danach wieder mit aller Heftigkeit hereinbrechen wird. Fast scheint es, als ob die Entwicklung zentralstaatlicher Herrschaft und kapitalistischer Wirtschaft eine Pause eingelegt hätte. Vieles im Mittelalter war scheinbar irrational, unlogisch oder ineffizient (im heutigen Sinne). Das betraf aber eben auch die Herrschaft: Dezentral, kleinräumig organisiert und wenig auf Geld gestützt, hatte sie ihre Untertanen bei weitem nicht so fest im Griff wie das antike Imperium. Es gab wieder oder noch Gemeinschaften, wenn auch nicht matriarchale, aber doch in Form der ländlichen Großfamilien und Dorfgemeinschaften. Die Rolle der Frauen und die Freizügigkeit zwischen den Geschlechtern war erheblich größer als in der nachfolgenden Neuzeit. Es war eine Zeit des reichen Seelen- und Innenlebens, eine spirituelle Blütezeit.
Und es war die Zeit einer weitgehenden materiellen Selbstversorgung für die meisten Menschen. Zwar nicht immer und für jeden und oft auch auf sehr bescheidenem Niveau, aber ein großer Teil der Menschen konnte seine Nahrung und die Gebrauchsgüter im Rahmen kleiner überschaubarer Gemeinschaften selbst produzieren und auf Naturalienbasis handeln. Geld nämlich besaßen die wenigsten. Auch die Herrschenden nahmen ihre Abgaben von den Bauern zum allergrößten Teil in Form von Naturalien ein. Das Fehlen zentraler Strukturen machte die kleinen Einheiten zwangsläufig autonomer. Eine Dorfgemeinschaft, ein Kloster, eine Burg produzierten in der Regel den größten Teil ihres Bedarfes selbst (was Klöster oder Burgen nicht selber schufen, holten sie aus ihren Dörfern). Dadurch waren die Menschen weniger abhängig von der Versorgung durch entfernte anonyme Zentralen.
Natürlich gab es auch im Mittelalter Städte. Aber nur der allerkleinste Teil der Bevölkerung lebte in ihnen. Rom zum Beispiel war von anderthalb Millionen auf 35 000 Menschen geschrumpft. Für die römischen Städte in Deutschland gilt ähnliches. Über lange Zeit lebten recht kleine Menschengruppen in den verfallenden Ruinenfeldern der Vorzeit. Natürlich gab es auch noch den Fernhandel, wenn auch lange Zeit nicht mehr in dem Umfang wie zu römischen Zeiten. Und natürlich verfügte man vor allem im Fernhandel auch über Geld, lange Zeit noch waren die Gold- und Silbermünzen der antiken Vergangenheit im Umlauf. Durch die Kleinräumigkeit der Wirtschaft und die fast völlige Absorption der verbliebenen Münzen im Fernhandel entstanden in den Regionen verschiedene (und zum Teil wie heutige Komplementärwährungen funktionierende) Systeme. So ist die als minderwertig angesehene (weil sie schnell verfiel, nicht als Wertspeicher diente und nur durch raschen Umlauf sinnvoll einzusetzen war) „Brakteaten“-Währung in Köln eine der Ursachen für eine Zeit des allgemeinen Wohlstands gewesen. Neben dieser Währungs-Innovation bildete auch eine Jahrhunderte währende klimatische Wärmephase die Grundlage für einen enormen allgemeinen Wohlstandt im Hochmittelalter – ein Wohlstand, der sich u.a. heute noch daran ablesen läßt, dass über 90 Prozent der heute in Europa existierenden Städte in diesen drei Jahrhunderten gegründet wurden und damals sämtliche der rund 300 prächtigen Kathedralbauten entstanden.
Fernhandelsgilden wie die Hanse, das ­Zunftwesen in den Städten und das Wiederaufkommen des Geldes, das alles begann schon im Mittelalter. Doch in ihrem Zusammenwirken und im Zusammenhang mit anderen Entwicklungen sollten sie die Keime sein, aus denen dann wieder eine ganz neue Zeit erwachsen wird. Die verträumte Zeit des Mittelalters, diese große Atempause in der Fortentwicklung der kapitalistischen Strukturen, ging schließlich zu Ende, um einem Neuentstehen der alten Megamaschine Platz zu machen. Das „Reich Gottes“ ist im Mittelalter zwar in den Herzen unzähliger Menschen, aber nicht „auf Erden“ errichtet worden. Pluto trat nun wieder an, um die Welt in Besitz zu nehmen … ♠

  Autoren

Lipinski, Gandalf

Partner
sge-button
© by Human Touch Medienproduktion GmbH, info@kurskontakte.de