Bericht von Kai Ehlers über das Symposion „Gemeinschaften zwischen Grundeinkommen und Regionalentwicklung als Impulsgeber für eine integrierte Gesellschaft“.
Vom 15. bis zum 17. Februar trafen sich im Gästehaus der Kommune Niederkaufungen bei Kassel Mitglieder aus bundesdeutschen Gemeinschaften, Vertreter des Netzwerkes Grundeinkommen, Autoren alternativer gesellschaftlicher Entwürfe, Künstler sowie einzelne politische Aktivisten und Aktivistinnen, um miteinander herauszufinden, wie Gemeinschaften, Grundeinkommen und Regionalpolitik ihre gesellschaftliche Wirkung im Wechselspiel miteinander optimieren können. Es war ein Experiment, von dem niemand wusste, wie es ausgehen würde. Am Ende war man um die Erfahrung reicher, dass neue Kräfte wachsen können, wenn man bereit ist, einen kulturellen Begegnungsraum entstehen zu lassen. Wenn die bisher voneinander abgeschotteten Lager den Willen aufbringen, einander zu hören, zu verstehen und miteinander zu wirken.
Es begann im Sommer 2007. Nach Rücksprachen in der Kommune Niederkaufungen und der Lebensgemeinschaft Klein-Jasedow lud das „Forum integrierte Gesellschaft“ zu dem oben genannten Thema ein. In der Einladung hieß es: „In unseren Gesprächen sind wir zu der Ansicht gekommen, dass die Zeit reif für einen Versuch ist, die verschiedenen konzeptionellen Ansätze für eine andere Gesellschaftskultur und die verschiedenen dafür bereits vorliegenden Erfahrungen zusammenzuführen, um zu neuen Antworten zu kommen, die uns alle weiterführen können. Das geplante Treffen soll deshalb die kulturpolitische und strategische Rolle von Gemeinschaften zwischen Grundeinkommen und Entwicklung regionaler Lebensräume beschreiben, analysieren und versuchen, Wege der Verwirklichung herauszuarbeiten, welche die unterschiedlichen Elemente zu einem integrierten kulturellen und politischen Impuls verdichten. Wir lassen uns dabei von den Vorstellungen einer integrierten Gesellschaft leiten, deren Entstehung man heutzutage in Ansätzen überall beobachten kann. Dabei geht es uns im Kern darum, bereits vorhandene praktische Erfahrungen im Aufbau von Gemeinschaften ebenso wie verschiedene schon entwickelte konzeptionelle Ansätze kritischer Gesellschaftsentwürfe zu einer wirksamen Synthese zusammenzuführen, was effektive Anregungen, Ermutigungen und Perspektiven für eine Gesellschaft geben kann, die ein lebendiges soziales und kulturelles Leben entwickeln will. Wir gehen dabei von den Vorstellungen aus, die Kai Ehlers in seinem Buch ‚Grundversorgung für alle als Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft‘ beschrieben hat, ohne dort stehen bleiben zu wollen, versteht sich.“
Diese Einladung erging an politisch und kulturell sehr unterschiedliche Adressaten, die sich durch Entwicklung gesellschaftskritischer Ansätze bekannt gemacht haben. Das Spektrum reichte von der globalisierungskritischen Linken bei Attac bis hin zu Matriarchatsforscherinnen und Subsistenztheoretikerinnen, von künstlerischen Einzelgängern bis zu Mitgliedern von Gemeinschaften, von Hartz IV-Beziehern bis zu Menschen, die sich als alternative Unternehmer oder deren RatgeberInnen verstehen, kurz, es brachte gesellschaftskritische politische Kulturen zusammen, die sich üblicherweise bei uns heute nicht berühren, sondern – in manchmal fast aggressiver Weise – als Lager voneinander absondern.
Zwei Überraschungen
Gut fünfzig Adressaten wurden angesprochen. Nicht alle kamen am Ende nach Niederkaufungen, aber es zeigten alle – das war die erste Überraschung – großes Interesse, an einer solchen Begegnung teilzunehmen. Die Bereitschaft, lagerübergreifend einen gemeinsamen Schritt zu wagen, war groß und hat uns sehr ermutigt. Am Ende waren fast vierzig Menschen in Niederkaufungen versammelt.
Die zweite Überraschung bestand darin, dass die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bitte des Forums nachkamen, im Vorfeld des Treffens ein kurzes Thesenpapier zu verfassen, mit dem sie sich zu dem gestellten Thema im Vorab äußerten. Es gingen sogar Beiträge von Menschen ein, die nicht teilnehmen konnten. Die Texte wurden an alle potenziellen TeilnehmerInnen und Interessierten weitergereicht. Als man sich in Kassel traf, war man einander auf diese Weise bereits bekannt geworden.
„Bekannt“ heißt: Man wusste, dass man bei den in der Einladung angeschnittenen Fragen keineswegs einer Meinung sein würde, es also darauf ankommen würde, einander zuzuhören und das Verbindende im Trennenden zu suchen. Der Bogen der Positionen reichte von Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens bis zu strikten GegnerInnen dieses Vorhabens (die von der Einführung eines Grundeinkommens eine Stütze der bestehenden Verhältnisse befürchten), von der Verteidigung einer globalisierten Fremdversorgung bis zu deren strikter Ablehnung zugunsten der Stärkung von Subsistenzwirtschaft, von Initiativen für die Einführung eines Regionalgeldes bis zur Kritik solcher Initiativen als Regionalismus, von harter Politszene bis zu spirituellem Künstlertum.
So vorbereitet und eingestimmt traf man in Kassel in gespannter Neugier aufeinander. Die in dem halben Jahr der Vorbereitung entstandene Arbeitsmappe dokumentierte, worüber man an diesem Wochenende ganz sicher nicht mehr streiten musste: dass wir heute eine Krise erleben, in der es darum geht, neue Wege gesellschaftlichen Zusammenlebens zu finden, neue Formen des Umgangs miteinander zu entwickeln. Und das vor dem historischen Hintergrund, dass die letzte große Utopie des Sozialismus, die immerhin die Hälfte der Menschheit ergriffen hatte, als nicht lebbare Realität endete (weil Gerechtigkeit nicht mit Zwang herstellbar ist) und jetzt auch der Kapitalismus (der ja auch den Faschismus hervorbrachte) vor aller Augen als Reparaturkonzept für den Sozialismus versagt. Der Kapitalismus erweist sich bloß als die andere Seite der gleichen grundlegenden Zivilisationskrise, in der wir uns heute befinden: der Krise des Industrialismus. Es war also klar: Man trifft sich, um die Welt neu zu vermessen, um eine neue Identität zu gewinnen, um wieder Mensch mit Hoffnungen auf eine lebbare Zukunft werden zu können, in der nicht der Profit, sondern der Mensch im Zentrum steht. Bereitschaft und Erwartungen waren groß!
Die Welt neu vermessen
Aber wie weitergehen? Diese Frage stand groß am Eingang des Symposions. Unterschiedlichste Wege werden bereits in vielfältiger Weise beschritten. Doch bleiben viele Fragen: Droht ein „Crash“, auf den wir uns vorbereiten müssen, wie manche meinen, um beizeiten Lösungen aus der Tasche ziehen zu können? Ist die Krise einzudämmen? Kann man der Globalisierung einen anderen Inhalt geben? Ist die Einführung eines Grundeinkommens ein Weg dorthin oder eine Illusion? Können Gemeinschaften die Entstehung einer neuen Kultur initiieren oder versinken sie im Gruppen-Egoismus nachhaltiger Nischen? Machen sie frei, machen sie unfrei? Ist Orientierung auf die Region ein Rückfall in vorindustrielle Kleinstaaterei oder eine Überlebensnotwendigkeit? Ist Kunst und neue Spiritualität ein Weg in eine neue Kultur oder ein esoterischer Ego-Trip? Ist die Krise schließlich sogar als Chance zu begreifen, um neue Kräfte, eine neue Kultur zu entwickeln, die das von der ganzen Gesellschaft geschaffene Kapital allen Menschen gleichermaßen nutzbar macht? Wie weit lässt das bestehende System Alternativen zu? Wann schlägt es zurück?
Zu diesen Fragen waren vor dem Symposion so viele Antworten zusammengekommen wie Texte vorlagen. Ein Problem schälte sich jedoch als durchgehendes heraus, nämlich der Gegensatz von Fremdversorgung und Selbstversorgung, von Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, von Freiheit und Zwang. Niemand aus dem Kreis derer, die sich zum Thema des Symposions geäußert hatten, so hieß es in der Zusammenfassung des Forums, wolle offenbar in alte Zwangsverhältnisse zurück – weder in frühere Formen der Selbstversorgung noch in frühere Formen des Kollektivismus. Allerdings wolle auch niemand in der Abhängigkeit der „freien Lohnarbeit“ und der Zwangsversorgung durch Hartz IV bleiben. Alle sehen es offenbar so, dass – bei aller Kritik der Globalisierung, wie sie heute stattfindet – die Überwindung von Abhängigkeiten (persönlichen, familiären, lokalen, regionalen, nationalen) durch gemeinsame Produktion, durch den globalen Markt, durch weltumspannende Kommunikation, durch Entstehung eines globalen ethischen Raumes ein Fortschritt sei, ein Zugewinn an Freiheit, den niemand missen möchte, hinter den niemand zurückfallen wolle.
Götz Werner, bekanntester Vertreter eines bedingungslosen Grundeinkommens – auch eingeladen zum Symposion, aber mit eigenen Auftritten ausgelastet und daher nicht anwesend – spricht gar von einem „Fortschritt der totalen Fremdversorgung“, der den Menschen heute die Freiheit der Selbstbestimmung gebe, wenn die Möglichkeiten der „Fremdversorgungsgesellschaft“ durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommen realisiert würden. Allerdings muss angemerkt werden: Götz Werner meint damit eine Gesellschaft, die darauf aufbaut, dass die Menschen nicht mehr jeder für sich selbst, sondern solidarisch füreinander (und miteinander) produzieren. Dieser Vision muss man nicht unbedingt widersprechen.
Leider erlebt man inzwischen allerdings täglich einen neuen Zwang, eine erbärmliche soziale Desintegration, die heute als Schattenseite aus der Verselbständigung der Fremdversorgung gegenüber dem konkreten, einzelnen Menschen hervorgeht: Abhängigkeit von anonymen Produzenten, Zerstörung sozialer Zusammenhänge, Sinn- und Identitätsverlust isolierter Konsumenten, Elend der Anonymisierung. Die Fremdversorgung, besser bekannt als Globalisierung, verwandelt sich aus einer im Ansatz befreienden in eine die Menschen entmündigende Kraft. Die arbeitsteilige, in der Tendenz gemeinschaftliche Produktion schlägt unter den Bedingungen der weiterhin bestehenden privaten Eigentumsordnung um in die Benutzung der Gemeinschaftskräfte und des gesellschaftlichen Reichtums für private Interessen. Klassisch marxistisch formuliert heißt das: Die Entwicklung der Produktivkräfte stößt an die Grenzen der bestehenden Produktionsverhältnisse, das heißt der privaten Eigentumsordnung. Eine die Menschheit bereichernde Weiterentwicklung der Produktivkräfte ist nur möglich, wenn diese Verhältnisse sich ändern, wenn also die private Eigentumsordnung durch eine am gemeinschaftlichen Interesse orientierte Nutzungsordnung abgelöst wird. Und dies alles sollte geschehen, ohne im großen Hauen und Stechen zu enden. (Um Missverständnisse zu vermeiden sei angemerkt: Hier ist die Rede von Privateigentum an Produktionsmitteln, nicht von persönlichem Besitz.)
Selbstversorgung oder Fremdversorgung?
Die Frage stellt sich also, ob es einen Weg gibt, der über das Entweder-Oder von „Selbstversorgung“ oder „Fremdversorgung“ hinaus in eine Gesellschaft der wechselseitigen Versorgung und gegenseitigen Hilfe führt, in der die wachsende industrielle Produktivkraft zur Schaffung neuer sozialer und ethischer Räume genutzt wird und so neue soziale Beziehungen die alten überwachsen.
Das Zusammenkommen so unterschiedlicher gesellschaftskritischer Konzepte und Kulturen auf dem Symposion war daher als Versuch zu verstehen, einen Weg, oder auch mehrere Wege in diesen neuen sozialen Raum zu finden. Genauer, es war der Versuch, die schon stattfindende individuelle bzw. auch von einzelnen Gruppen und Bewegungen betriebene Suche durch gemeinsames Suchen zu optimieren. Die zweieinhalb Tage des Symposions beackerten dieses Feld, allerdings nicht in starren Furchen und nicht nur mit einer Frucht, sondern in bewusster und systematischer Pflege thematischer, politischer und kultureller Diversität, die ein Optimum an Begegnung ermöglichte.
Es ist hier nicht der Platz, den ganzen Ablauf des Wochenendes nachzuzeichnen. Auch können TeilnehmerInnen, Themen, AGs nicht en detail vorgestellt werden. Das wird gesonderten Dokumentationen in Video, Web und gedruckter Form vorbehalten bleiben. Interessant aber dürfte hier noch sein, wie die Begegnungen zustandekamen: Ausdrücklich und vereinbarterweise wurden keine Eingangs-Referate gehalten. Die vorliegenden Texte aus dem halbjährigen Vorlauf mussten genügen. Die Absicht war, so viel unmittelbares Gespräch wie möglich entstehen zu lassen. Dazu gruppierte sich das Symposion eingangs – nach einer allgemeinen emotionalen Einstimmung durch ein kleines gemeinsames Musikhappening – in zwei Kreisen, einem inneren und einem äußeren. In den inneren stellten sich Mitglieder von Gemeinschaften, in den äußeren alle anderen, um dann im Zugehen aufeinander Gruppen von drei oder vier Menschen zu bilden, die miteinander erörterten, was für sie das wichtigste Thema des Symposions sein sollte. Auf diese Weise kam das Thema Gemeinschaft von Anfang an in vielfältige, jede Person betreffende, aber zugleich lösungsorientierte Verbindung zu Grundeinkommen und Regionalentwicklung. Aus dieser Konstellation konnten Arbeitsgruppen im Plenum hervorgehen, die verschiedene Aspekte des gestellten Hauptthemas vertieften, wieder ins Plenum trugen, noch einmal variierten, verdichteten.
Harte Widersprüche traten zutage, wo politische Kulturen aufeinanderprallten, die sonst nur in Büchern nebeneinander oder überhaupt nicht miteinander vorkommen, etwa die Forderung nach Grundeinkommen oder Einsatz von Ein-Euro-Jobbern für Gemeinschaftsexperimente, etwa der Attac-Slogan „Genug für alle“ oder Forderungen nach Konsumverzicht und Subsistenz, etwa die Forderung nach Abschaffung des Geldes oder Regio-Geld-Initiativen, etwa politischer Aktionismus oder Spiele nach Vorgaben rhythmischer Bewegungskunst.
Selbstbestimmte Entwicklung individueller Fähigkeiten als zentrale Forderung
Deutlich trat auf diese Weise die Notwendigkeit hervor, sich darüber zu verständigen, was das verbindende Glied zwischen all diesen unterschiedlichen Ansätzen ist oder sein könnte. Die Suche danach geschah gemeinsam im Plenum wie auch in den AGs. Man traf sich im Bemühen um ein neues Menschenbild, das den Bedarf des Menschen nach selbstbestimmter Entwicklung seiner Fähigkeiten in den Mittelpunkt rückt.
Am Samstag Abend war die Versammlung so weit, kurze Referate zu einigen immer wieder aufgetretenen Fragen hören zu wollen. Das waren: Regiogeld als regionaler Entwicklungshelfer (Margrit Kennedy); Erklärungen zum bedingungslosen Grundeinkommen (Ronald Blaschke); Thesen aus der Matriarchatsforschung für die Entwicklung kultureller Alternativen (Heide Göttner-Abendroth); Wie können die durch die Entwicklung der Produktivkräfte freigesetzten „Überflüssigen“ ihre Freiheit nutzen? (Kai Ehlers).
Im Zusammenwirken von Gesprächen, AGs, mehrfachen Plenen, Referaten und Bewegungsspielen entstand eine starke Dichte. Sie konnte am Sonntag noch optimiert werden, als die Fragen in die Mitte rückten, für die offensichtlich der größte Klärungsbedarf besteht und an denen sich TeilnehmerInnen des Symposions zusammengefunden haben, um sie künftig weiter zu bearbeiten. Da gab es zum einen die Frage, die sich durch das ganze Symposion zog, wie der Gegensatz von Fremdversorgung und Selbstversorgung aufgehoben werden kann. Es wurde vereinbart, dazu eine Auseinandersetzung aufzunehmen. Dann der Wunsch nach einem „Leitfaden für die Verwirklichung der Idee einer Integrierten Gesellschaft“. Er zielt auf Fortsetzung und Konkretisierung des Kasseler Experimentes auf anderen Ebenen und zu anderen Gelegenheiten. Und dann noch die Schaffung eines „Wärmeraums“, in dem Menschen durch direkten Umgang miteinander, durch Achtung von Gefühlen, über die Kunst und gegenseitige Akzeptanz die Energie für ein neues Menschenbild finden sollen. So sollen die heute freiwerdenden Kräfte, statt sie zu fesseln, schöpferisch miteinander entwickelt werden, um gemeinsam unsere Zukunft zu gestalten. ♠
Weitere Informationen
Informationen zu den bisherigen und zukünftig geplanten Aktivitäten finden sich über die Mailingliste
http://groups.google.de/group/integrierte-gesellschaft und demnächst über die Website des Forums integrierte Gesellschaft: www.forum-symposion.de
Kai Ehlers (64), 68er-Aktivist, heute Publizist, Russland- und Transformationsforscher, Autor u. a. von: „Grundeinkommen als Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft“ (2007) und „Die Erotik des Informellen. Von der Not der russischen Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation“ (2004), Mitglied u. a. des „Forums integrierte Gesellschaft“. www.kai-ehlers.de.
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