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Andere Welten gibt es schon
erschienen in Ausgabe 156  PDF-Version (3.86 MB)
Claudia Flatten und David Moya berichten über den grünen Aufbruch in Frankreich. – Teil VI ihres Forschungsberichts zu Gemeinschaften und Netzwerken in Europa.

Seit 2006 haben die beiden Forschungsreisenden in KursKontakte immer wieder von interessanten Projekten, Initiativen und Netzwerken in Deutschland, Spanien und Frankreich berichtet. Seit August letzten Jahres sind sie wieder zurück im südfranzösichen Montpellier. Gerade rechtzeitig, um mit ihren neu gewonnenen Erfahrungen die „neue französische Welle“, wie der ökologische Aufbruch in ihrer Wahlheimat genannt wird, zu unterstützen.


Seit August 2007 sind wir nun wieder in Montpellier und freuen uns über die große, neue Umweltdebatte in Frankreich. Im Herbst fand die „Grenelle de l’environnement“ statt. Inhalt dieser sogenannten „Umweltgespräche zwischen Regierung und Gesellschaft, zwischen MinisterInnen sämtlicher Ressorts, Gewerkschaften, Unternehmerverbänden und Umweltschutzinitiativen war die Festlegung neuer Ziele in der Umweltpolitik. Indiz für das wachsende Umwelt­interesse im Land war bereits die Unterzeichnung eines „Umweltpaktes“ von fast allen Parteien im Wahlkampf. Erstmals wurden Umweltprobleme auf höchster politischer Ebene diskutiert und von den Medien in alle Haushalte übertragen. Man redet jetzt bewusster und entschiedener von der Einschränkung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft, der Erhaltung der Biodiversität, dem Stop beim Ausbau des Straßennetzes, der Verdreifachung der Flächen für biologische Landwirtschaft bis 2012, von einer besseren Isolierung der französischen Häuser, vom Ausbau des Eisenbahnnetzes etc. Die Atompolitik bleibt dabei leider weiterhin unangetastet.

Ökologische Stadtviertel
Ein anderes wichtiges Ergebnis dieser Gespräche war die Einsicht, Städteplanung und Architektur hinsichtlich ihrer ökologischen Auswirkungen neu zu überdenken. Die Schaffung ökologischer Stadtviertel ist in aller Munde. Mehrere Pilotprojekte zum Um- oder Neubau solcher Viertel in den großen französischen Städten sind langfristig geplant
Besonders aktuell ist das „Modethema“ habitat groupé (gemeinsames Wohnen). Ungut ist dabei allerdings, dass die Konzeption und Ausführung dieser Projekte institutionell, „von oben“ geplant wird, ohne die Einbeziehung der zukünftigen BewohnerInnen. Der kooperative und gemeinschaftliche Gedanke wie auch das partizipative Mitgestalten der zukünftigen Bewohner­Innen sollten aber Zentralpunkte bei der Entwicklung nachhaltiger Wohnprojekte und sozial gerechter Gesellschaftsformen sein. Ein ökologisches, nachhaltiges Projektkonzept muss grundsätzlich auch kooperative und solidarische Werte integrieren. Die Integrität unseres Handelns gegenüber unseren Mitmenschen und der Natur zeigt sich täglich in unserer Art des Konsums, der Fortbewegung, der Produktion oder auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Nur durch ein Umdenken in diese Richtung kann eine Gesellschaft entstehen, die liebevoller und gewissenhafter mit sich selbst und den anderen umgeht. Diese Werte und Infra­gestellung unseres täglichen Handelns werden bei den institutionalisierten Projekten meist außer acht gelassen, das aktuelle Paradigma des Individualismus also nicht in Frage gestellt. Es entsteht zudem die Gefahr des „Rebound“-Effektes: Das eigene ökologische Gewissen wird durch die Tatsache, in einem ökologischen Viertel zu wohnen, soweit beruhigt, dass jegliche weitere Hinterfragung eigenen Handelns unterbleibt.
Parallel dazu beobachten wir in Frankreich auch eine Bewegung „von unten“. Immer mehr Menschen finden sich zusammen, um Wohngruppen zu bilden und gemeinsam ein Wohnprojekt auf dem Land oder in der Stadt auf die Beine zu stellen. Manche sind dabei vor allem auf der Suche nach einem schönen, ökologisch sinnvollen und doch finanzierbaren Heim. Planung, Bau und Kauf eines Grundstückes ist zu mehreren meist kostengünstiger. Andere treibt das Bedürfnis nach einem tieferen Wandel ihrer Lebensgestaltung. Sie wollen sich auch gegenseitig unterstützen und überlegen, wie sie durch gemeinsame Nutzung bestimmter Güter (Auto, Waschmaschine, Spiel- und Werkzeuge, etc.) Material und Gelder einsparen können. Sie verstehen sich als „Gruppe“ und tragen als solche meist auch einen Namen oder gründen gar einen Verein. Diese Projekte benötigen eine lange Anlaufzeit: die Gruppe muss gefunden, gemeinsame Zielrichtungen formuliert, Finanzfragen und juristische Unklarheiten geklärt werden etc. Bei einem nationalen Treffen der coopératives d’habitants (Bewohner-Kooperativen) in Toulouse im Herbst letzten Jahres stellten sich insgesamt 20 Projekte vor. Es sollen landesweit noch um die 30 weitere Wohngruppen existieren. Die meisten dieser insgesamt etwa 50 Wohnprojekte befinden sich noch in der Planungsphase. Ihre Beweggründe und Projektziele fallen unterschiedlich aus. Die meisten Gruppen suchen ökologische Wohn- und Lebensformen, viele sind generationenübergreifende Projekte. Manche planen eher ein „Co-Housing“-Konzept in der Stadt, andere legen besonderen Wert auf den sozialen Aspekt etc. „HabiCoop“ ist ein Verein in Lyon, der diese nationalen Treffen nun alle sechs Monate organisieren will. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, einen juristischen Rahmen für Bewohner-Kooperativen zu finden, der für all diese Projekte interessant sein könnte.
Nachdem in den letzten Jahrzehnten in Frankreich der Gemeinschaftsgedanke oder der Begriff Kommune von vielen Menschen mit „Sekte“, „Hippies“ oder „68er-Naivität“ in Verbindung gebracht wurde, öffnet sich nun eine Tür zu etwas Neuem. Das Thema gemeinschaftlichen Wohnens war in den letzten 30 Jahren nicht gesellschaftsfähig. Die heutige Generation denkt nicht mehr direkt an die Erfahrungen der 68er-Jahre und beginnt ihre Überlegungen und Handlungen auf einer neuen gesellschaftlichen und politischen Grundlage. In den vielen generationsübergreifenden Projekten führt diese veränderte Sicht manchmal zu Zielkonflikten. Die jüngere Generation geht die Projektplanung meist pragmatischer an. Sie sucht klare Handlungsvorschläge und gemeinsame Nutzungsstrategien. Die Ideen der älteren Generation, den sogenannten Alt-68ern, erscheinen ihnen oft zu abstrakt. Der praktische Nutzen dagegen, den eine Gemeinschaft bringen kann, z. B. Austausch von Fertigkeiten, Material, Wissen, gegenseitige Hilfe, finanzielle Vorteile, mehr Zeit für jeden Einzelnen etc. ist den Bewohnerinitiativen unmittelbar klar.

Gefahren
Die Planung sozusagen schlüsselfertiger Wohnprojekte birgt Gefahren in sich. Hierbei kann der für ein ökologisches und soziales Miteinander sehr wichtige Gemeinschafts- und Kooperationsgedanke kaum berücksichtigt oder gar gefördert werden. Dieser ist aber für die ökologische Bilanz und soziale Stabilität eines gemeinsamen Wohnprojektes besonders wichtig, wie wir aus langsam gewachsenen, auch „von unten“ mitbegründeten Gemeinschaftsprojekten wissen. Der ökologische Effekt von Stadtvierteln, bei denen die Umweltfrage allein technologisch und energetisch effizient gelöst werden soll, ist von Anfang an zweifelhaft, denn die soziale Komponente und die Infragestellung der täglichen Handlungsweise der BewohnerInnen wird hierbei schon im Voraus ausgeblendet. Für viele „ökologisch bewusste Menschen“ reicht dieser neue, immer noch sehr individualistische Ansatz der Städteplanung leider aus. Durch die staatliche Unterstützung der Entwicklung baulich ökologischer Wohnkonzepte (Energiehaushalt, Flächenverbrauch oder Materialnutzung betreffend) wird der Traum von einem eigenen und ökologisch geplanten Heim plötzlich greifbar. Es kommt den meisten also gerade recht, dass diese Planung für sie in die Hand genommen wird, und sei es auf institutionalisiertem Wege und „normiert“. Dass aber ein ökologisches Stadtviertel einen sozialen und politischen Gedanken vertritt oder gar Modellcharakter als Gemeinschaftsprojekt annehmen könnte, wird noch als unwichtig oder nebensächlich empfunden. Es besteht nun die Gefahr, dass die institutionalisierte Form dem Einen oder der Anderen attraktiver erscheinen mag als die langwierige Gründung und Entwicklung eines eigenen Projektes, da diese schneller und mit weniger Engagement und Hinterfragen der eigenen Person verbunden ist.

Chancen
Eine bereichernde Entwicklung wäre es hingegen, wenn sich die Wohngruppen zusammentäten und die neue ökologische Debatte bzw. die öffentliche Einführung ökologischer Stadtviertel nutzen würden, um den Kooperationsgedanken in diese gesellschaftliche Debatte zu tragen. Die Parallelentwicklung der unterschiedlichen Projektgründungsformen wäre dann ein Gewinn, wenn dadurch immer mehr Menschen angeregt würden, wahrhaft sozio-ökologische Projekte ins Leben zu rufen. Denn eine langfristige Wirkung nachhaltiger Wohn- und Lebensformen könnte es sein, einen tiefergreifenden, gesellschaftlichen Wandel zu unterstützen, das Paradigma des Individualismus, des Konsumismus und Wachstums in Frage zu stellen und etwas Neues zu fördern, das auf Kooperation, Gemeinschaftlichkeit, Partizipation und Solidarität basiert.
Schon existierende Gemeinschaftsprojekte werden somit vor die neue Herausforderung gestellt, ihre Erfahrungen mit gemeinschaftlichen Handlungs- und Gestaltungsformen an andere weiterzugeben. Erkenntnisse über alternative, kooperative Wohn- und Lebensweisen sollten hierzulande nicht nur in inselartigen Projekten und deren näherer Umgebung debattiert und gefördert werden, sondern viel mehr verbreitet werden, dass sie auch als Konzepte in neue Projekte aufgenommen werden können. Dafür müssen neuartige Kommunikations- und Informationsbrücken zwischen den unterschiedlichen Gruppen und Projektformen geschlagen werden. Und das sollte gerade jetzt bei der aktuellen „Offenheit“ gegenüber ökologischen Konzepten geschehen. Diese Informationen müssen an bisher nicht erreichte Bevölkerungsteile herangetragen werden. Auch die BewohnerInnen institutioneller Projekte sollten sich mit diesen Fragestellungen um gemeinschaftliche Wohnformen auseinandersetzen. Die Förderung „einfacher“ Gemeinschaftsformen wie die lebendiger Nachbarschaften in Städten könnten einen ersten Schritt zur Debatte über kooperative und solidarische Denk- und Handlungsweisen in der Gesellschaft darstellen. Die sich zuspitzende allgemeine ökologische und soziale Krise, auf die Gemeinschaftsprojekte mit ihren alternativen Ideen reagieren, gibt den neuen Projekten und Vorschlägen eine gesellschaftliche Bedeutung und eine starke Legitimität. Die letzten 40 Jahre intensiver Erfahrung innerhalb bestimmter Gruppen und Gemeinschaften haben bis heute die Entwicklung vieler Kooperationsstrategien ermöglicht. Allerdings belaufen sich diese Erfahrungen meist auf Prozesse innerhalb von einzelnen Gruppen. Ziel ist es aber auch, Kooperationsformen und -wege zwischen unterschiedlichen Gruppen zu entwickeln im regionalen und nationalen Maßstab.

Wie es weitergeht
Im Anschluss an unsere erste Reise durch Spanien, Frankreich und Deutschland in den Jahren 2005 und 2006 gründeten wir in Montpellier den Verein „O.I.S.A“, das bedeutet „Observatoire Itinérante des Systèmes Alternatifs“, auf Deutsch: „Reisende auf der Suche nach sozio-ökologischen Systemen“. Ziel des Vereins ist es, bereits bestehende ökologische und kooperative Projekte zu unterstützen und neue ins Leben zu rufen. Ferner wollen wir, auch in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen, Kooperationsprozesse erforschen und innovative Organisationsformen entwickeln.
Im letzten Jahr haben wir u. a. an der Universität Kassel im Fachbereich „Ökologische Landwirtschaft“ in Witzenhausen gearbeitet. Dort haben wir ein zweisemestriges Projekt mit insgesamt 15 StudentInnen geleitet. Ziel dieses Pilotprojekts war es, mit den Studierenden eine Art Kooperative zu bilden, um gemeinsam über die drei Themen „Soziale Landwirtschaft“, „Solidarische Ökonomie“ und „Leben und Arbeiten in Gemeinschaft“ zu forschen. Forschungsaufgabe für die gesamte Gruppe war das Thema „Kommunikation und Kooperation“. Die Studierenden sollten verschiedene Methoden zur Zusammenarbeit recherchieren, debattieren und ausprobieren. In der zweitägigen Ausstellung am Ende der Projektarbeit stellten die StudentInnen die Arbeitsergebnisse aller vier Forschungsfelder vor und berichteten über ihre persönlichen Erfahrungen während der Arbeit in kleinen und größeren Gruppen.
Gerade hier sieht O.I.S.A seine Aufgabe. Wir werden weiterhin Kooperationsprozesse in und zwischen Gruppen studieren und wollen über mögliche, neue, kooperative Handlungsweisen berichten. Die Ergebnisse unserer Studien wie auch solche anderer Organisationen möchten wir einem möglichst breiten Publikum zugänglich machen. O.I.S.A. organisiert hierzu ab diesem Frühjahr regelmäßige Treffen zwischen den unterschiedlichen Wohnprojekten in der Gegend um Montpellier. Verschiedene Aspekte des gemeinschaftlichen Planens sollen in besonderen Veranstaltungen debattiert werden, wozu wir erfahrene TeilnehmerInnen langjähriger und stabiler Wohnprojekte einladen. Besonders wichtig sind uns dabei die gruppeninternen Prozesse: Gruppendynamiken und -findung, Identifikations- und Entscheidungsprozesse etc. Wir sehen unsere Aufgabe in der Aktionsforschung, die parallel zur Gestaltung der einzelnen Wohn- und Gemeinschaftsprojekte stattfindet. Ziel der Aktionsforschung ist es, dass die Forschenden Teil des Untersuchungsgegenstandes werden und mit den Betroffenen zusammen konkrete Probleme und Lösungsvorschläge in der Praxis angehen.
Des Weiteren haben wir zusammen mit anderen Vereinen und Organisationen, die sich im weitesten Sinne mit der Thematik „habitat groupé“ (gemeinsames Wohnen) auseinandersetzen – mit Bildungsträgern im ökologischen Bau und in der Regionalentwicklung, mit öffentlichen Institutionen, mit Wohngruppen selbst etc. – eine regionale Plattform errichtet. Wir wollen uns austauschen und aufeinander abstimmen, um miteinander die Gründung und den Fortbestand vieler neuer Wohngruppen zu fördern.
Und wir selbst? Wir haben uns mittlerweile einem eigenen Wohnprojekt angeschlossen. Seit fast einem Jahr treffen wir uns in regelmäßigen Abständen, um mit 18 weiteren Menschen unterschiedlichen Alters im Norden von Montpellier unser neues gemeinschaftliches Zuhause zu planen. Das könnte ein neuer, spannender Artikel werden. ♠


Claudia Flatten (34), Dipl. System-Designerin, arbeitet für die nachhaltige ländliche Regionalentwicklung.
David Moya (31), Dipl. Biologe, widmet sich dem Studium des menschlichen Verhaltens. Besonders interessieren ihn die Bedingungen für kulturellen Wandel in Gesellschaften.
Kontakt zu beiden über: oisa@mundosposibles.org>



  Autoren

Claudia Flatten, David Moya

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