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Editorial
erschienen in Ausgabe 157
Liebe Leserinnen, liebe Leser,

fünf der mutigsten Sätze der jüngsten Zeit gehen so: „Die Weltwirtschaft steht am Anfang eines tiefen Strukturwandels. Dieser Wandel wird durch den Rückgang der Versorgung mit fossilen Brennstoffen ausgelöst, und er wird beinahe jeden Aspekt unseres Alltagslebens beeinflussen. Die jetzt beginnende Übergangsphase besitzt wahrscheinlich ihre eigenen Gesetze, die auch nur während dieses Zeitraums gelten. Es könnten Dinge geschehen, die wir nie zuvor erlebt haben und die wir wahrscheinlich nie wieder erleben werden, wenn diese Übergangsphase abgeschlossen ist. Möglicherweise wird sich unsere Art, mit Energieproblemen umzugehen, grundsätzlich und vollständig ändern müssen.“ Bitte langsam lesen und Wort für Wort auskosten.
Jaja, ich weiß, viele können es nicht mehr hören. Sie schalten bei sowas gleich auf Durchzug oder schimpfen über den Negativisten, der immer nur an die Katastrophe denkt. Utopistin­nen und Utopisten klammern sich an den Aberglauben, dass mit der Beschwörung von Karmakonsum am Ende alles doch noch gutgehen wird, und ­wieder andere bleiben strikt bei sich und in der Gegenwart – was kommt, das kommt. Es gibt weitere Verdrängungsmethoden.
Und ich höre andere sagen, na und? Das ist doch nichts Neues, das pfeifen doch längst die Spatzen von den Dächern!
Wahr ist’s, und doch: Diese Sätze wurden nicht auf einem der zahllosen Krisenkongresse von einem der üblichen Verdächtigen mehr oder weniger in den Wind gesprochen. Sie stehen im Bericht einer ­Fachkommission, die es wagt, den euphorischen Verlautbarungen der Internationalen Energie­agentur IEA drastisch zu widersprechen, die da sagt, die Erdölvorräte seien noch lange nicht am Ende, bis 2050 mindestens könnten wir verfahren wie bisher, business as usual. Es handelt sich um den Bericht zur „Zukunft der weltweiten Erdölversorgung“, den die ­Energy Watch Group, ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Parlamentariern (www.energywatchgroup.org), soeben vorgelegt hat. Der Bericht wertet Zahlen aus, die von den Förderländern selbst stammen. Und siehe da – Oil Peak war bereits gestern, und die Fördermengen sinken in Wahrheit so schnell, wie die IEA sie wachsen lässt. Schon 2030 heißt es: Sprit und Plastik ade!
Es geht mir wahrlich nicht ums Öl. Ich kann mir ein Leben ohne das Meiste nicht nur vorstellen, ich nehme es inzwischen bei allen möglichen Gelegenheiten gedanklich vorweg. Aber wenn eine solche ­Kommission erstmals öffentlich solche Sätze schreibt, dann kenne ich die Tragweite des wörtlich und zwischen den Zeilen Gemeinten – und ­mahne unverdrossen weiter: Lasst uns die neue Kultur schaffen, jetzt und ohne Ablenkung, damit sie da ist, wenn die „Dinge geschehen, die wir nie zuvor erlebt haben“. Wer Besseres weiß, soll es sagen.

Herzlich, Ihr
Johannes Heimrath

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