Das spirituelle Erbe einer gewaltfreien Kultur in Neuseeland.
Im April dieses Jahres weilten Makere und Te Porohau Ruka aus Neuseeland in Deutschland. Sie sind Eingeweihte der Waitaha, deren Überlieferung noch vor die Ankunft der Maori zurückreicht. Erst vor wenigen Jahren haben sie ihren Kulturmythos schriftlich veröffentlicht. Ihr Buch „Song of Waitaha“ zeugt von einer selbst für indigene Traditionen ungewöhnlich tiefen Dankbarkeit gegenüber allem Leben. Winfried Altmann, Freund und Förderer der letzten Waitaha, berichtet hier über Grundlagen ihrer Friedenskultur.
Vor rund 1800 Jahren wurde Neuseeland von einem friedliebenden Volk, den Waitaha, besiedelt. Die Waitaha lebten in einer gewaltfreien, matriarchalischen Gesellschaft im Einklang mit der Natur und anderen Völkern, bis sie in den vergangenen Jahrhunderten durch kriegerische Eroberer fast ausgerottet wurden. Die Nachfahren der in den Untergrund gegangenen überlebenden Waitaha haben sich erst vor kurzem entschlossen, ihr geistiges Erbe als „Song of Waitaha“ zu veröffentlichen – ein erstaunliches zeitgeschichtliches und spirituelles Dokument.
„Jetzt ist der Tag gekommen für die Völker der Waitaha, den Korb der Weisheit für jeden zu öffnen. Es ist für uns an der Zeit, zu teilen.“ Mit diesen Worten traten die Waitaha in Neuseeland, nach Jahrhunderten der Zurückgezogenheit „im Schatten“, vor vierzehn Jahren hervor, um ihr reiches spirituelles Erbe den Menschen der Gegenwart zugänglich zu machen: Die vielen „Körbe der Weisheit“, die stets von Generation zu Generation treulich weitergereicht worden waren, bündelten sie zu einem neuen „Korb“, ihrem heiligen Buch „Song of Waitaha“, das 1994 erstmals in Neuseeland veröffentlicht wurde. (2006 erschien eine autorisierte deutsche Ausgabe; alle Zitate dieses Artikels stammen daraus.)
In zwölf Kapiteln („Songs“) hören wir zunächst von der Schöpfung der Welt („Und in der Leere Tiefen war ein Großer Klang“), vom Mysterium der Geburt („Und das Geschlecht der Menschen begab sich auf dem Weg der Geburt in die Welt des Lichts“), von der Erschaffung der ersten Frau, vom Schiff der Götter und anderen Mythen; dann folgt die Schilderung, wie drei völlig unterschiedliche Völker und Rassen auf der Osterinsel zusammentreffen und sich zu einer neuen Kultur verbinden. Ein Enkel aus diesen drei Völkern ist der große Held Maui, der „bei den Göttern stehen“ will und deshalb Neuseeland entdeckt, denn dort auf der Südinsel liegt nach den Überlieferungen der Waitaha der Geburtsplatz der Götter. Maui wird Kulturgründer, ein Zarathustra oder Hermes des Pazifik, der seinen Völkern die Aufgabe hinterlässt, das Land „zu wärmen“ und zu kultivieren.
Mit den Geschichten der Nachkommen von Maui „vor 70 Generationen“, also etwa im 2., 3. Jahrhundert, beginnt der historische Teil von „Song of Waitaha“. Es wird die allmähliche Besiedlung und Erforschung des Landes beschrieben. Die Mentalität und Spiritualität, die alltägliche Lebenskunst dieser Menschen werden differenziert geschildert, und es wird eine einzigartige Hochkultur des Menschlichen sichtbar: ein matriarchal geprägtes Volk, äußerst tolerant und mit erstaunlichen ökologischen Kenntnissen eine nachhaltige Wirtschaftsweise pflegend – allem voran aber: ein Volk des Friedens, das sich niemals von den kriegerischen Eroberern (den Maori) zu Gegengewalt provozieren ließ und lieber in den Tod ging. Das bedeutete vor einigen hundert Jahren das äußerliche Ende dieser Kultur. Die wenigen Überlebenden gingen in den Untergrund und bewahrten dort ihr reiches Wissen, bis die Ältesten beschlossen, ihr spirituelles Vermächtnis mit der Welt zu teilen und „Song of Waitaha“ veröffentlichten.
„Kinder verschiedener Farben“
„Auf unserem Waka [Schiff] fuhren drei Völker. Die Tohunga [Eingeweihten] hatten sich an drei alte Volksstämme gewandt, um die Familien auszusuchen, die Aotea Roa [Neuseeland] besiedeln sollten. Sie alle führten sich zurück auf alte Stammes-Bäume, die in unterschiedlicher Erde gewurzelt hatten, von verschiedenen Wassern gewässert wurden und, von verschiedenen Jahreszeiten berührt, unterschiedliche Früchte trugen. Ihre Vorfahren hatten unter jeweils anderen Sternen auf andere Meere geblickt. Einige waren unter dem hellen Licht von Rehia [ein Gestirn] geboren, andere unter Rehua, beide getrennt durch die weitesten Wasser der Welt. Sie waren aus den Richtungen der vier Winde gekommen. Einige waren dunkelhäutig, andere weiß, und dennoch trafen sie in Waitangi Ki Roto [Osterinsel] zusammen und lebten miteinander. Sie lernten, mit einer Zunge zu sprechen und Hand in Hand zu arbeiten zum Nutzen aller. Auf alle Zeiten achten und ehren wir die drei verschiedenfarbigen Stränge, die in jenem Land zusammenfanden, um Herz, Seele und Geist der Familie der Völker zu bilden.“
Schon in alten Zeiten also waren die Waitaha keine ethnische Einheit, sondern ein Völkergemisch mit ganz verschiedenen Wurzeln, und sie waren (und sind) ausgesprochen stolz darauf, „Kinder verschiedener Farben“ zu sein: „Seht den Wunderbau des Spinnennetzes, in dem sich viele Fäden verbinden, um sich gegenseitig zu halten auch in den heftigsten Stürmen. Unsere Vorfahren sorgten für jeden. Sie nahmen die Fäden vieler Farben auf und verwoben sie in die Familien der Völker, und so wurden sie gegenseitig gestärkt.“
Während es überall sonst in der Geschichte – und erst recht in der Gegenwart – immer darum ging, das eigene Volk, die eigene Kultur, den eigenen Einflussbereich von den anderen abzugrenzen, „rein“ zu halten vor „Überfremdung“, oder, schlimmer noch, die anderen Länder, Völker, Kulturen zu erobern und zu unterdrücken, zu missionieren oder auszuplündern, hat hier eine Kultur schon vor Jahrtausenden erkannt, dass eine Kooperation, ein Zusammengehen mit den anderen Kulturen jeweils alle Seiten bereichert.
Die weite Fahrt von der Osterinsel über den Pazifik nach Neuseeland (etwa 7000 km) bewältigten die Waitaha mit großen Waka (Katamaran-ähnlichen Doppelrumpfbooten), die 175 Menschen an Bord hatten: sieben mal zwölf Menschen auf dem einen Kanu, sieben mal zwölf auf dem anderen (gleich viele Frauen und Männer, keine Kinder), dazu nicht ein Anführer als Kapitän, sondern deren sieben: drei Schiffsführer jeweils in Doppelbesetzung (für die Tag- und die Nachtschicht – eine „Erfindung“ übrigens von Maui, der mit diesem Schritt, auch nachts zu segeln, die mögliche Reisedistanz mit einem Schlag verdoppelte) sowie ein geheimnisvoller Siebenter, der als einziger ein Messer hatte, mit dem er im Fall des Falles, etwa wenn das Waka auf ein Riff auflief und zu versinken drohte, die Taue kappen konnte, um so den einen Teil des Doppel-Waka freizubekommen – auf Kosten aber des anderen Kanus, das er damit dem Untergang weihte.
Die drei je doppelt vertretenen Anführer trugen verschiedene Verantwortungen und hatten in den „Schulen des Lernens“ in jahrelangen Schulungen und Einweihungen unterschiedliche Fähigkeiten dafür erworben: Die zwei Kaihautu standen im Heck am Steuerruder und bestimmten und hielten den Kurs nach den Sternen; die zwei Ariki saßen vorn in den Bugspitzen und beobachteten mit allen äußeren und sonstigen Sinnen das Bild des Wassers, der Wellen und der Strömungen, in denen sie „lesen“ konnten, um z. B. das Wetter vorauszusagen oder die Annäherung an Land schon im voraus zu sehen, lange bevor es äußerlich etwas zu sehen gab. In der Mitte auf der Brücke, wo der Mast für das Segel stand, hatten die beiden Tohunga ihren Platz, die in wieder einen anderen Korb des Wissens eingeweiht und zuständig waren für die Karakia, die Gebete und Gesänge, mit denen sie die Mannschaft innerlich stärkten und aufrecht hielten, sie vor Panik bewahrten und zu einer Einheit schweißten. Diesen drei mal zwei Anführern stand der geheimnisvolle Siebente sozusagen als vierte Instanz allein gegenüber; er war ebenfalls hoch angesehen, aber wenn er eingreifen musste, brachte er vielen den Tod.
Mutter Erde dienen
Als die 175 Pioniere mit Hilfe der Götter Tangaroa (Gott der Gewässer) und Tawhiri Matea (Gott der Winde) sowie der Wale und Delphine, die ihnen an gefährlichen Stellen aus tödlichen Strudeln heraushalfen, nach dreizehn Nächten und zwölf Tagen segelnd, paddelnd und die besten Strömungen nutzend das „Doppelmeer“ überwunden hatten, gingen sie an der Nordküste der Südinsel Neuseelands an Land. Nach kurzer Zeit schon beschlossen die Ältesten, dass sich die Gruppe teilt in die Waitaha, die zu sesshaften Gärtnern wurden, und die Rapuwai, die als „Wassersucher“ und „Sternenwanderer“ das Land erforschten. Beide verbanden sich friedvoll mit den bereits im Land lebenden Tu Mata Kokiri, dem „Volk des Steins“ – Megalithiker, die Felsstatuen schufen, „ohne den Geist des Steins zu brechen“.
„Die Rapuwai … prüfen unablässig die Horizonte mit dem immer wachen Sinn des Wanderers. Denn sie sind die Wassersucher, die Entdecker, mit einem Geist begabt, der zu den fernen Bergen, Flüssen und Seen ruft. Sie sind die Sternenwanderer, die das Land und die Wasser mit den Himmeln verbinden. Die Waitaha bewegen sich innerhalb der Horizonte, die von den Kohlpalmen an den Grenzen der Gärten gesetzt sind. Sie widmen ihr Leben dem Säen und Pflegen der jungen Pflanzen, damit sie kräftig werden und die Nacktheit von Mutter Erde verhüllen. Und wir vergessen nie, dass die Familien der Tu Mata Kokiri mit uns zogen, um dem Stein zu dienen.“
Hier zeigt sich, dass eine solche „gemischte“ Gesellschaft aus drei einander ergänzenden Kulturen bewusst angestrebt war. Waren auf der Osterinsel zwei völlig verschiedene „Rassen“ aus Ost und West zusammengekommen und ebenfalls auf ein „Volk des Steins“ getroffen (Megalithiker, die dort bereits vor 2000 Jahren lebten und Statuen geschaffen hatten, die vielleicht die Vorgänger der heute so bekannten Figuren der Osterinsel waren), so musste sich jetzt die kleine Gruppe der Neusiedler teilen, damit es wieder drei Völker gab – vielleicht nicht zuletzt auch, um den in vielen alten Kulturen der Menschheit als problematisch empfundenen Übergang von der nomadisierenden zur sesshaften Lebensform auf geniale Weise zu bewältigen, indem die Waitaha die neuen Erfahrungen einer sesshaften Bauernkultur machen und damit neue „Körbe des Wissens“ sammeln konnten, während die Rapuwai ihre alten Fähigkeiten und Kenntnisse (von der Astronomie über die Gewässer- und „Erdkunde“ bis zu magischen geomantischen Aktionen wie „das Land mit den Sternen verbinden“) weiter pflegen und bewahren durften.
Durch solche und ähnliche Darstellungen gewinnen wir aufschlussreiche Einblicke in die Welt der neolithischen Revolution, die Zeit des Übergangs von der Jäger- und Sammlerkultur zu Ackerbau und Viehzucht (in Neuseeland, das keine Säugetiere kannte, vor allem Fisch- und Muschelzucht), wie er überall auf der Welt zu unterschiedlichen Zeiten stattgefunden hat. Da dieser Kulturschritt auch in Europa ähnlich gewesen sein mag, kann uns „Song of Waitaha“ möglicherweise auch ein Stück unserer eigenen Vergangenheit erzählen, von der es ja nach dem gründlichen Wirken der Christianisierung, außer einigen Götter- und Heldensagen, keinerlei Überlieferungen mehr gibt.
Auf der Grundlage dieses Kulturwandels findet die allmähliche Erforschung und (mentale) Eroberung Neuseelands durch die Rapuwai und Waitaha statt. Da der Kulturgründer Maui einst Mutter Erde versprochen hatte, Gärten anzulegen, musste jeder gesunde Waitaha jeden Morgen zwei Flaschenkürbisse Wasser vom Fluss holen: einen für den Garten, einen für die Menschen (Waitaha heißt Wasser-Träger); Gartendienst und Menschendienst waren gleichrangig. Dabei ging es am allerwenigsten nur um ein besseres Leben, um die Sicherung der täglichen Nahrung. Man konnte ganz gut leben vom Fisch- und Vogelfang, und der Anbau der Süßkartoffel (Kumara) gelang nach Überwindung anfänglicher Schwierigkeiten im Tiefland ganz gut. Aber Maui hatte Mutter Erde versprochen, dass die Kumara, das „Friedenskind“, eines Tages auch beim „Geburtsplatz der Götter“ wachsen würde, einem hochgelegenen, schon früh im Winter von Schnee bedecktem Gebirgsbecken am Fuß der Südalpen, was für diese subtropische Pflanze ausgeschlossen schien. Mit unendlichen Mühen und äußerst aufwendigen Methoden schaffte man es dennoch. Solche Anstrengungen waren unter rationalen Aspekten völlig unnötig; sie zeigen, dass es hier nicht ums Sattwerden ging, sondern um eine heilige Verpflichtung Mutter Ede gegenüber – Gartendienst war Gottesdienst. Das war der Kern dieses Kulturimpulses.
Es versteht sich von selbst, dass die Menschen einer solchen Kultur in völligem Einklang mit ihrer Umwelt und ökologisch nachhaltig lebten. Das Bewusstsein, Kind der einen Schöpfung zu sein und alle Pflanzen und Tiere zu Geschwistern zu haben, prägte das tägliche Leben, angefangen etwa von der Anlage eines neuen Gartens, die davon abhängig gemacht wurde, ob die Eidechsen das Gelände freiwillig räumten (sonst zog man weiter), über die sanften Methoden der Fischerei, durch die man die Bestände sicherte, bis zum Fällen eines Baums, den man zuvor um Erlaubnis zu fragen hatte und an dessen Stelle fünfzehn neue Setzlinge zu pflanzen waren.
Lebenswahrheiten
Eine für uns ungewohnte Fähigkeit charakterisiert das Denken und Handeln der Waitaha. Man könnte sie die Fähigkeit zum „Sowohl-als-Auch“ nennen im Gegensatz zu dem bei uns üblichen „Entweder-Oder“. Wir lieben die Eindeutigkeit, etwas hat schwarz oder weiß, gut oder böse, falsch oder richtig zu sein – A ist A und B ist B. Ganz anders in der pazifischen Kultur der Waitaha: hier ist A auch schon mal B, und C heißt dann plötzlich A; Namen und Begriffe können wechseln. Für uns erscheint das dann widersprüchlich und unlogisch. Erst allmählich kann einem aufgehen, dass die von uns so geliebte und erwartete Eindeutigkeit eher eine Einseitigkeit darstellt. Die Beschäftigung mit den Waitaha und letztlich allen indigenen Kulturen kann so zum Übungsweg werden, das uns so vertraute feste Land des Eindeutigen zu verlassen und uns auf die Qualität des lebendigen und stets anpassungsfähigen Elements Wasser einzulassen, das alles aufnimmt und miteinander verbindet.
Ein Beispiel: Bei den großen Meeresfahrten ist der Kaihautu im Heck des Waka der Kapitän. Der Ariki vorn im Bug ist es aber auch. Schon lange, bevor man sich dem Land nähert, wird das Mana des Schiffs (Mana = Kraft, Ausstrahlung, Ansehen; an dieser Stelle könnte man auch sagen: Kompetenzzentrum) in einer heiligen Zeremonie vom Heck des Schiffs in den Bug versetzt. Damit wandert sozusagen die Verantwortung für das Schiff vom Heck zum Bug: vom Kaihautu zum Ariki. Das ist auch notwendig, denn auf hoher See geht es darum, den Kurs, allen Wellen und Stürmen zum Trotz, zu halten. Der Blick des Kaihautu muss in die Ferne gehen. Der Blick des Ariki dagegen ist auf die Nähe gerichtet, und das braucht es, wenn das Waka sich der Brandung nähert und eine Lücke für den Durchbruch und die geeignete Landestelle gefunden und die Untiefen vermieden werden müssen.
Aus einem ganz anderen Lebensbereich: Die Tomo-Zeremonie war eine Art Zwangsverlobung junger Paare zum Zwecke eines gesunden Kindes. Die Ältesten, die ein tiefgehendes genetisches Wissen hatten und die Abstammungslinien aller Familien über zig Generationen kannten, führten aus diesem Wissen heraus die Brautpaare zusammen. Das war überlebenswichtig, wenn kleine Menschengruppen wenig oder noch nicht bevölkerte Inseln oder Landstriche besiedelten; da hatte das Prinzip „Gemeinwohl vor individuellem Wohl“ eine Berechtigung. Aber bei den Waitaha geht es nie „um’s Prinzip“, und so fand auch die strenge Tomo-Regelung eine verblüffende, lebenspraktische Lösung: Sie galt immer nur für das erste Kind; danach konnten die Betroffenen, wenn sie nicht beieinander bleiben wollten, einen anderen Lebenspartner suchen.
Aufschlussreich für das lebensgemäße Handeln der Waitaha ist die Verteilung der Kumara-Ernte. In einer ersten Runde bekamen alle Familien die gleiche Menge an Kartoffeln – Urkommunismus sozusagen oder allgemeines Grundeinkommen. Aber es gab noch eine zweite Runde: Jede Familie bekam zusätzliche Anteile von der Ernte gemäß ihrem individuellen Einsatz in den Gärten – also eine Art Bezahlung für geleistete Arbeit – Kapitalismus. Und es gab noch einen dritten Gang, sozusagen den sozialen Teil der Sozialen Marktwirtschaft: Ein Rest der Ernte wurde zurückgelegt für Notfälle, eine Art Sozialkasse, denn niemand sollte verhungern. Wenn eine Familie darauf zurückgreifen musste, wurde das aber als ein Darlehen betrachtet, das durch zusätzliche Leistungen in der nächsten Saison abzuarbeiten war.
So hat die Friedenskultur der Waitaha, ganz ohne Gewalt- und Machtmechanismen und stets im kooperativen Miteinander, über ein Jahrtausend den pazifischen Raum geprägt. Ihre matriarchale Kultur kannte keine Sklaven. Grundsätzlich wurde niemand ausgegrenzt. Geistig Behinderte („Menschen einfältigen Gemüts, die von den Wassern des Himmels erfüllt waren“) waren geliebt, Homosexuelle geachtet. Fremde wurden stets gern willkommen geheißen, es gab keine Befestigungen der Dörfer. Die Waitaha kannten keine Waffen.
Als „Volk“ sind die Waitaha heute nicht mehr sichtbar („wenige nur sind wir nun“), aber ihre kulturelle Tradition wird noch (und vielleicht wieder vermehrt) in einigen Familien und durch einzelne Menschen und Freunde gelebt und gepflegt. Te Porohau (Peter) Ruka Te Korako ist der letzte traditionell Eingeweihte, der noch das ganze esoterische Wissen der Waitaha in sich trägt und aus diesem reichen Fundus „Song of Waitaha“ schreiben konnte.
„Welcome home“
Als wir – meine Frau und ich – vor einigen Jahren zum ersten Mal Te Porohau Ruka und seine Frau Makere besuchten, um die Erlaubnis für eine deutsche Veröffentlichung von „Song of Waitaha“ zu erbitten, waren nach der traditionell-zeremoniellen Begrüßung die ersten Worte, die Te Porohau an uns richtete: „Welcome home, my brother, my sister!“ Das war etwas überraschend, denn wir fühlten uns keineswegs zu Hause angekommen in dieser ungewohnten Umgebung – bis wir diese Menschen kennenlernten und eine intensive, liebevoll-aufmerksam lauschende Offenheit erlebten, wie sie uns so noch niemals zuvor begegnet war. „Wir haben schon lange auf euch gewartet“, hieß es auch. Inzwischen meine ich, dieses „welcome home“ besser zu verstehen. Die Waitaha haben, wie Te Porohau versicherte, stets von uns gewusst (auch die Indianer erzählten von ihren „weißen Brüdern“, die vor Urzeiten nach Osten gewandert sind und die sie nun zurückerwarten). Nur wir Europäer hielten uns allzu lange im wahrsten Sinn des Wortes für einzigartig, allenfalls Asien lag noch am Rand des Blickfelds. Nachdem nun seit Kolumbus bis heute Eroberer und Ausbeuter die neue Welt (weltweit) plündern und Missionare und sonstige Heilsbringer die armen Wilden endlich mit unserer Zivilisation beglücken zu müssen glauben, scheint erst seit einigen Jahrzehnten die Zeit dafür gekommen, einander auf Augenhöhe begegnen zu können. Möglich wurde dies durch das einzigartige Geschenk, das uns einzelne Vertreter der neuen alten Welt, wie z. B. die Waitaha, machen, indem sie uns einladen, ihre „Körbe der Weisheit“, ihre spirituellen Schätze kennenzulernen, und uns damit – „welcome home“ – auch an unsere eigenen Körbe europäischer Kultur und Spiritualität erinnern. Es wird für die Zukunft viel davon abhängen, ob wir diese Einladung hören und ihr in gebührender Weise folgen können.
In diesem Frühjahr verwirklichte sich ein lang gehegter Traum, und wir konnten dieses „welcome home“ hier, auf der Nordhemisphäre, erwidern. Schon lange hatte Te Porohau Ruka den Wunsch, Deutschland zu besuchen wie auch das Goetheanum in Dornach bei Basel, das Zentrum der anthroposophischen Bewegung, einer spirituellen „Geistes-Wissenschaft“ mit europäischen Wurzeln. Am 26. März 2008 fand im Großen Saal des Goetheanums vor etwa 1000 Waldorflehrern aus über 50 Ländern im Rahmen einer internationalen Lehrertagung die Uraufführung von „Waitaha – ein eurythmisch-sinfonisches Theater-Spektakel“ statt, das von 145 Schülern einer Rudolf Steiner Schule und eines Musikgymnasiums aus Deutschland auf Grundlage der Texte und Geschichten aus „Song of Waitaha“ dargestellt wurde. Diese Aufführung war Anlass für den Besuch von Te Porohau und Makere Ruka und zugleich Höhepunkt ihrer Europareise. In ihrer Heimat weithin verleugnet, missachtet und in ihrer kulturellen Identität nicht anerkannt, erfuhren sie hier Standing Ovations für die Darstellung ihrer Geschichte(n) und Kultur. Aber mehr noch: Sie erlebten, wie Kinder ihre Kultur – für sie absolut authentisch – auf die Bühne brachten – ein ganz besonderes Geschenk, denn für die Waitaha sind Kinder und Enkel die Zukunft schlechthin.
Wie ist es möglich, dass eine auf den ersten Blick eher exotisch anmutende „Steinzeit-Kultur“ vom anderen Ende der Welt von Kindern in Europa mit einer solchen Offenheit und Begeisterung aufgenommen und so authentisch dargestellt werden kann? Ein ähnliches Staunen über die Vertrautheit des Fremden brachten auch schon manche Rezensenten des Buchs zum Ausdruck, so z. B. in „Hagia Chora“: „Seltsam – wer spricht da mit uns vom anderen Ende der Welt, als würde er uns besser kennen als wir selbst? Welch globaler Geist spricht daraus, ohne Groll gegen unsere Zivilisation, die die seinige auf dem Gewissen hat, und appelliert an Frieden?“ Es ist wohl gerade diese Kraft des Friedens und der Menschenliebe (peace, love and compassion), die keine Grenzen kennt in Raum und Zeit – kein Ausgrenzen anderer Völker, Rassen und Kulturen, wie es die Waitaha in ihrer ganzen Geschichte bis zum äußerlichen Untergang als Folge ihrer Friedfertigkeit gelebt haben und unter den wenigen verstreuten Nachfahren heute noch leben. Es ist diese Sprache des Allgemein-Menschlichen, die überall auf der Welt wenn auch nicht immer schon gesprochen, so doch verstanden wird.
Ein weiterer Höhepunkt der Reise war ein Besuch der Externsteine (nach einem Treffen mit den Kindern und Lehrern des Theaterprojekts und vielen weiteren intensiven Begegnungen und Gesprächen, so auch besonders eindrucksvoll mit Johannes Heimrath und Lara Mallien). Makere und Te Porohau hatten eigens ihre traditionellen Federmäntel mitgebracht, um an dieser für sie äußerst ehrwürdigen Stätte ihre Karakia (Gebete) zu sprechen. Te Porohau spürte aber auch, wie die Schatten des Missbrauchs auf diesem Ort lasten, dem sie mit ihrem Besuch Heilung zu bringen hatten. Für sie war es ein „coming home“ von besonderem Gewicht, denn dieser Ort war den Eingeweihten der Waitaha immer bekannt gewesen. – Eine letzte kurze Reise mit unseren Waitaha-Freunden führte zum Bodensee, zum Lehenhof, einer Dorfgemeinschaft der Camphill-Bewegung für sogenannte Behinderte, die hier leben und in den zahlreichen Werkstätten arbeiten.
Ihre Reise ans andere Ende der Welt brachte unseren Freunden, den Waitaha-Repräsentanten Makere und Te Porohau Ruka Te Korako, eine dreifache Begegnung mit Europa: als Vergangenheit (das alte Heiligtum der Externsteine), als Zukunft (die Kinder, die ihre Friedensbotschaft in ihr Leben mitnehmen und in die Welt tragen werden) und als Gegenwart (das Beispiel einer Dorfgemeinschaft, die aus einem heutigen spirituellen Bewusstsein heraus im Hier und Jetzt praktische und fruchtbare Arbeit leistet). Sie haben daraus die Hoffnung mitgenommen, dass eine nächste Generation – ihre und unsere Enkel – im Zusammenwirken von großen, alten Traditionen und neuen kulturell-kreativen Impulsen sinnvoll und wirksam zusammenarbeiten wird – so wie vor 2000 Jahren auf der Osterinsel ganz unterschiedliche Völker aus West und Ost zusammentrafen: „Sie lebten miteinander. Sie lernten, mit einer Zunge zu sprechen und Hand in Hand zu arbeiten zum Nutzen aller.“ ♠
Dieser Text ist eine leicht überarbeitete Fassung des gleichnamigen, in Tattva Viveka Nr. 34, erschienenen Artikels, www.tattva-viveka.de. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
Winfried Altmann, 1942 in Dresden geboren, Philosophie-Studium in München, 38 Jahre Verlagstätigkeit in Deutschland und in der Schweiz. Seit 1996 vom „Song of Waitaha“ begleitet.
Das Buch
„Song of Waitaha – Das Vermächtnis einer Friedenskultur in Neuseeland.“ Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Winfried Altmann. Pforte Verlag, Dornach 2006, ISBN-13: 978-3856361662, 304 S.,58 Euro.
Die gleichlautende englische Originalausgabe wie auch der inzwischen erschienene Folgeband „Whispers of Waitaha“ können bestellt werden über www.songofwaitaha.co.nz.
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