Die Biologin Saviana Parodi und ihr Weg zu Permakultur und Dzogchen.
Mittelitalien im November. Ein Stück Land auf einer kleinen Anhöhe. Zwei Häuser, ein Garten, viele Obstbäume und zwei riesige Eichen als Hüter des Platzes. Außerdem ein Kompostklo, ein Spiel- und Kletterhaus, ein Swimmingpool mit Solardusche und ein noch unfertiges, rundes Strohballenhaus, das von allen nur „Mandala“ genannt wird. Vor einigen Tagen sind wir – mein Partner, meine Tochter und ich – an diesen Ort gekommen. Zu Saviana Parodi und ihrer Tochter Revel. Wir sind „Wwoofer“, Mitglieder der Organisation „wwoof“ (world-wide working opportunities on organic farms), die in vielen Ländern der Welt die Möglichkeit vermittelt, auf Ökobauernhöfen oder in anderen ökologischen Projekten gegen freie Kost und Logis mitzuhelfen. Als Wwoofer wollen wir bei Saviana Parodi einige Zeit mitleben und mitarbeiten.
Heute ist es eher kalt und regnerisch. Ich kalke die Außenwand des Mandalas. Während ich den Pinsel eintauche und die Farbe an die Wand streiche, denke ich über meine Erlebnisse in den letzten Tagen an diesem neuen Ort nach. Ich bin fasziniert vom Mandala, diesem noch im Werden begriffenen Bau. Gehe ich hinein, um meinen Eimer mit neuer Kalkfarbe zu füllen, so blickt mir das dunkelblau lasierte Holz des Dachstuhls entgegen und führt meinen Blick weiter nach oben zu der Lichtöffnung im Zentrum des Dachs. Die zum Teil schon mit Lehm verputzten Innenwände umschließen mich in einem offenen Kreis, sammeln, zentrieren mich. Das Mandala. Und Saviana. Ich beginne, das Mandala wahrzunehmen als Symbol für das, was diese Frau ausmacht.
Saviana lebt mit Unterbrechungen seit zwanzig Jahren auf ihrem eigenen Land, mal mit anderen, mal allein, seit fünf Jahren mit ihrer Tochter Revel. Irgendwann hatte sie ihren Beruf in der Stadt aufgegeben. Sie hat diesen Platz zu einem Ort gemacht, an dem ich mich vom ersten Augenblick an wohl gefühlt habe. Saviana praktiziert und lehrt Permakultur. Sie macht nur das, wofür sie sich begeistert, und damit fängt sie einfach an. So wie mit dem Bau des Mandalas.
Und das steht für Savianas zweiten Fokus: den buddhistischen Weg – den Weg des Dzogchen. Später wird auf dem runden Holzfußboden des Strohballenhauses ein Mandala aufgemalt. Auf solchen Mandalas werden im Dzogchen die Vajra-Tänze getanzt. Das ist eine Form der Meditation in Bewegung, die mich schon bei unserem kurzen Abstecher zum buddhistischen Zentrum Merigar am Monte Amiata in ihren Bann gezogen hatte. Aus Savianas Dzogchenpraxis müssen die Idee, der Anstoß, aber auch die Kraft gekommen sein für die Gestaltung dieses Ortes, und aus ihrer Beschäftigung mit Permakultur das Wissen über die Materialien und Bautechniken.
Am nächsten Tag regnet es, und das Feuer im Küchenofen verbreitet eine wohlige Wärme. Ich bin gerade dabei, die Klettenwurzeln, die ich am Vortag ausgegraben habe, in feine Streifen zu schneiden. Saviana knetet neben mir einen Brotteig. Wir arbeiten schweigend nebeneinander. In den letzten Tagen ist in mir der Wunsch entstanden, mehr darüber zu erfahren, wie Saviana zu dem Menschen geworden ist, der mich jetzt so fasziniert. Ich denke, jetzt wäre eine gute Gelegenheit, sie zu fragen, ob sie bereit sei, mir in einem Interview etwas mehr aus ihrem Leben zu erzählen. Ich zögere einen Augenblick, lege mir die Worte zurecht. Und in dem Moment, in dem ich mich entschieden habe zu sprechen, sagt Saviana schon zu mir: „Di mi“ – „Sag’s mir.“ Ich staune über ihre Präsenz und folge ihrer Einladung, mein Anliegen auszusprechen.
Wichtig ist, sich selbst zu verstehen
Einige Tage später, während einer Autofahrt, frage ich Saviana, welche Ereignisse in ihrem Leben sie einerseits zur Permakultur und zum Leben auf dem Land und andererseits zum Buddhismus geführt haben. Sie ist überrascht, dass ich beides zusammenbringe. Doch nach einigen Minuten des Nachdenkens beginnt sie: „Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Und ich denke, das Wichtigste, was meine Mutter mir mit auf den Weg gab, war Respekt. Respekt für alles. Für das Sein, für die Natur, für Menschen. Sie sagte uns nicht, wir müssten studieren, Geld verdienen, heiraten. Das war nicht wichtig. Wichtig war, sich selbst zu verstehen und sich selbst und andere zu respektieren, die Natur zu respektieren.“
Obwohl Saviana seitdem in verschiedenen Städten gelebt hat, betont sie, dass das Landleben ihrer Kindheit sie immer begleitet habe als ein Beispiel für ein vielfältiges, lebendiges System. Auch im Umgang mit sich selbst – mit ihrer Seele, ihren Gefühlen, Gedanken, ihrem Körper – sei es ihr immer so vorgekommen, als ob sie es mit einem System zu tun habe. Das Biologiestudium eröffnet Saviana die holistische Sicht, dass eine Zelle, ein Körper, eine Gruppe von Menschen, ein Wald alles verschiedene Arten von Ökosystemen sind. Und dass diese den gleichen Prinzipien folgen. Die tiefe Kindheitserfahrung des wechselseitigenAufeinander-Bezogenseins verschiedener Elemente findet sie also – nun in theoretischem Gewand – wieder in der Ökosystemtheorie.
Saviana promoviert in Genetik. In dieser Zeit stößt sie auf das Grundstück, auf dem sie jetzt lebt, und kauft es. Eine Zeit lang pendelt sie nach Rom und schreibt ihre Doktorarbeit mehr oder weniger im Zug. Über diese Zeit sagt sie: „Ich weiß nicht, wie ich dazu kam, Molekularbiologie und Genetik für so viele Jahre zu machen. Ich denke, es hat damit zu tun, dass ich immer, wenn sich für mich eine neue Möglichkeit eröffnet, einfach Ja sage. Ich glaube nicht, dass wir wirklich wählen können im Leben. Ich habe immer gedacht, dass wir entscheiden können, wie wir die Dinge tun, aber nicht, was wir tun.“
Nach der Promotion arbeitet Saviana für einige Jahre in den USA in einem Gentechniklabor. Sie liebt die Forschung, den intensiven Austausch mit anderen Menschen. Sie forscht über Unfruchtbarkeit bei Männern und ist schockiert, dass es keinerlei Interesse gibt, das Problem an der Wurzel zu bearbeiten, sondern dass es nur darum geht, eine Pille zu entwickeln. Daher nimmt sie das Angebot ihres alten Professors an, für Grundlagenforschung zurück nach Italien zu kommen – für ein Fünftel ihres Gehalts in den USA. Doch sie findet an den Forschungsbedingungen in Italien keinen Gefallen mehr. In dieser Situation ergibt sich die Möglichkeit, neben ihrem eigenen Grundstück das viel größere Stück Land ihres damaligen Mannes zu bearbeiten. Sie beschließt, ihren Job in der Forschung aufzugeben. Der Übergang von der intellektuell herausfordernden Forschungsarbeit und dem intensiven Kontakt im Team hin zur Landarbeit und zum weitgehenden Bezogensein auf sich selbst fällt ihr nicht leicht und braucht etwas Zeit.
Sie beginnt, Bäume zu pflanzen. Viele Bäume. Da sie noch nicht viel von Land- und Forstwirtschaft weiß, helfen ihr ihre Intuition und ihre Fähigkeit, zu beobachten. Sie lässt sich leiten von ihrer Vision eines Stückes Land, das „sich selbst regenerieren und für sich sorgen kann, ohne dass man zuviel Arbeit hineinstecken muss.“ Das klingt für mich ganz nach Permakultur, in der es darum geht, natürliche Ökosysteme und die Prinzipien, nach denen diese funktionieren, als Vorbild für menschliche Gestaltungen zu nutzen. Auf den Begriff Permakultur stößt Saviana jedoch erst einige Jahre später während einer Australienreise: „Und sobald ich einige Beispiele für Permakultur gesehen hatte, stellte ich fest, dass es genau das war, was ich auf meinem eigenen Stück Land auch machte. Ich versuche, das Land mit dem größtmöglichen Respekt zu bearbeiten, Respekt für jedes Wesen, für die Natur, für die Fruchtbarkeit – für einfach alles.“ In der Permakulturbewegung erkennt Saviana die Themen wieder, die sie seit ihrer Kindheit beschäftigen. Allen voran die optimale Nutzung von Ressourcen und das Schaffen von Kreisläufen, so dass möglichst kein Abfall entsteht. Ich muss daran denken, wie achtsam Saviana mit dem in ihrer Gegend knappen Gut Wasser umgeht, welche vielfältigen Kreisläufe es durchwandert: vom Badewasser zum Wäschewaschen, dann in die Klospülung, die aber sowieso möglichst vermieden wird, indem man einfach nach draußen geht und aufs Kompostklo für die größeren Geschäfte. Das Küchenabwasser, das in ein kleines Klärbeet fließt und von da in den Garten. Das Regenwasser der Hausdächer, das in einer großen Zisterne gesammelt wird und zum Gießen genutzt werden kann. Um den Boden feucht zu halten, mulcht Saviana ihren Garten mit Pappe und Stroh. Sie erklärt, dass es in der Natur kaum offene Böden gebe und dass die Pappe – besonders wenn sie schon etwas aufgeweicht ist – die untere, schon verrottete, dichte Humusschicht im Wald imitiere, während das Stroh die Funktion der lockeren Laubschicht darüber erfülle.
Ich erlebe Saviana als Lehrende und Lernende des Lebens. Sie empfängt schon seit vielen Jahren „Wwoofer“ und teilt ihren Alltag mit ihnen. Seit einiger Zeit verbringt sie die Wintermonate in Südamerika und arbeitet dort in Projekten mit. Sie empfindet es als wichtig, immer wieder diese beiden Perspektiven einzunehmen – Gäste zu empfangen und selbst Gast an anderen Orten zu sein. In Savianas Augen hat jeder Ort seine „Gewohnheiten“, genau wie ein Tier oder ein Mensch seine Gewohnheiten habe. Und wenn wir an einen neuen Ort kommen, so sei es wichtig, sich diese Gewohnheiten bewusst zu machen und sie zu respektieren.
Ich empfinde es als wohltuend, anregend, manchmal auch herausfordernd, eine Zeitlang mit den Gewohnheiten dieses Orts zu leben. Es gibt kein fließend warmes Wasser. Stattdessen einen Wasserkessel auf dem Holzofen. Wir alle entwickeln eine wahre Meisterschaft darin, mit sehr wenig warmem Wasser viel Geschirr abzuwaschen. Ich beginne, die warme Dusche, ein-, zweimal pro Woche, wenn der Badeofen angeheizt wird, so richtig zu genießen. Es wird für mich zu einem Stück Lebensqualität, das eigene warme Wasser dafür zu bereiten. So etwas entspricht meinem Wunsch, das Woher und Wohin all meiner täglichen Tätigkeiten zu erfahren. Und ich merke, dass es eine Sache ist, abstrakt zu wissen, dass man Brennnesseln und viele andere Wildkräuter essen kann. Eine andere und viel eindrucksvollere ist es, an einem Ort zu sein, an dem oft Brennnesseln gegessen und in allen Variationen zubereitet werden und der abendliche Gang in den Garten zum Brennnesselpflücken eine Selbstverständlichkeit ist.
Spannend finde ich die indirekte Sicht, die Saviana auf das Lehren hat. Es gehe darum, ein geeignetes Umfeld zu schaffen, damit die Personen selbst Dinge entdecken können, die für sie wichtig sind. Eine systemische Sicht: „Wenn es dir gelingt, eine Person an einen Platz zu führen, an dem sie sich wohlfühlt, kann sie sich entspannen. Sie kommt in den Fluss, und alles beginnt von selbst zu laufen.“ So erzählt sie uns auch am ersten Tag, was es alles zu tun gäbe, und lässt uns selbst entscheiden, was wir tun möchten. Saviana bestreitet ihren Lebensunterhalt durch Einnahmen aus ihrem Agriturismo-Angebot und durch ihre Lehrtätigkeit in der Permakultur. Das gibt ihr die Freiheit, die „Wwoofer“ mit Aufgaben betrauen zu können, die sich nicht rechnen müssen.
So wie ich Saviana als Lehrende wahrnehme, so nehme ich sie auch als Lernende wahr. Als eine Person, die sich selbst auf dem Weg sieht, sich verändert und aufgeschlossen für andere Sichtweisen ist. Auch nach unserem Interview sagt sie später, dass sie dabei einiges Neues für sich entdeckt habe. Sie schließt unsere Unterhaltung zum Lehren und Lernen mit den Worten: „Viele Menschen denken, dass wir lernen, wenn wir an einen Ort gehen und uns jemand sagt, was wir tun sollen. Wir lernen jedoch, wenn wir uns einer neuen Möglichkeit bewusst werden, wie wir uns mit uns selbst und der Welt verbinden können.“
Seinem Traum folgen
Bleibt die Frage, wie Saviana zum Dzogchen gekommen ist. „Dank eines Traums,“ antwortet sie. Ihr damaliger Partner praktizierte Dzogchen, sie selbst habe jedoch nie nach einem Meister gesucht. Eines Tages wurde sie krank. Sie hatte für drei Tage sehr hohes Fieber mit Fieberträumen. „Und dann, eines Nachts, hatte ich diesen Traum. Ich war am Strand mit der Frau meines Meisters – desjenigen, der jetzt mein Meister ist, Chögyal Namkhai Norbu. Ich sprach mit ihr. Dann sah ich auf dem Wasser Menschen, die sich, auf dem Rücken liegend, vom Wasser tragen ließen. Ihre Körper waren nicht auf der Wasseroberfläche, sondern gerade ein Stück darunter. Und da war ein Motorboot. Und ich sagte: ‚Pass auf, diese Leute da sind nicht tot, sie sind lebendig. Bitte, sei vorsichtig.‘ Und dann merkte ich, dass ich im Motorboot saß und versuchte, das Boot von den im Wasser schwebenden Menschen wegzulenken. Dann wachte ich auf und fragte meinen Partner: ‚Wo ist dein Meister jetzt?‘ – ‚Er ist in Venezuela.‘ – Darauf ich: ‚Da muss ich hin.‘ Ich wusste nicht, warum.“
Man verliert nie im Leben
Saviana kaufte sich ein Flugticket und flog mit ihrer anderthalbjährigen Tochter nach Venezuela. Sie nahm an einem Retreat teil, und nach ein paar Tagen ging sie zum Strand. Dort sieht sie – wie in ihrem Traum – die Menschen, die sich, auf dem Rücken liegend, vom Wasser tragen lassen. Es ist eine der Übungen, die Namkhai Norbu macht. Er schwimmt mit den anderen ins Meer hinaus. Alle legen sich auf den Rücken, lassen sich vom Wasser tragen und singen ein altes heiliges Lied. „Der Strand, die Situation – alles war genau wie im Traum, obwohl ich davon eigentlich nichts wissen konnte.“
Ich frage Saviana, ob sie denn keine Zweifel gehabt habe, als sie sich nach Venezuela auf den Weg gemacht hat. Sie verneint: „Jedes Mal, wenn sich für mich in meinem Leben eine Möglichkeit eröffnet, nutze ich sie. Ich hatte diesen Traum. Ich wollte dorthin. Das ist alles. Später kann ich es erklären. Aber nicht in dem Moment.“ Und lachend fügt sie hinzu: „Einen Monat in Venezuela zu verbringen, selbst wenn es mit ein paar komischen Leuten ist, die einem seltsamen Meister folgen, warum nicht? Man verliert nie im Leben.“
Es ist wohl dieses Aufgeschlossensein für die Möglichkeiten, die das Leben einem eröffnet, aber auch die Fähigkeit, Altes gehen zu lassen, die mich an Saviana faszinieren. Die Fähigkeit, dem eigenen Instinkt, wie Saviana es nennen würde, zu folgen, der Stimme des Lebens. Wie auch immer sie an unser Ohr dringt.
Saviana beginnt, Dzogchen zu praktizieren. Die Übungen haben ihren Alltag verändert. Sie fühlt sich gelassener, macht sich weniger Sorgen. Während ihrer Beschäftigung mit Dzogchen stellt sie nach und nach fest, dass viele der Übungen mit Respekt zu tun haben. So schließt sie ihre Erzählung mit den Worten: „Also ist im Grund genommen alles eins. Respekt. Es gibt kein anderes Wort in meinem Leben.“
Mittlerweile ist es Frühling. Wir sind zurückgekehrt an diesen Ort, zu Saviana und ihrer Tochter Revel. Wir arbeiten weiter am Lehm-Innenputz des Mandalas. Saviana kommt kurz vorbei. Ihre Freude am Werden des Mandalas ist für uns Wertschätzung unserer Arbeit. Staunend sagt sie zu mir: „Ist sie nicht wunderbar, die Erde?“ Und damit meint sie nicht nur die Lehmerde, die wir gerade ausgegraben haben und mit der wir nun die Wände verputzen. Sie fügt hinzu: „Gerade für uns, die wir aufgewachsen sind mit Beton und Stahl.“
Ich stimme ihr zu und male mir aus, an diesen Ort zurückzukehren und Menschen auf dem Mandala tanzen zu sehen. Auf dem Mandala, das die Erde repräsentiert. Auf dass der respektvolle Tanz auf der Erde die Erde und uns selbst heile. ♠
Judit Bartel studierte in Berlin europäische Ethnologie und Erwachsenenbildung, bevor sie mit ihrer Familie in Italien woofte. Wwoof ist eine vorbildlich schlanke, weltweite Organisation für freiwillige Helfer auf biologisch wirtschaftenden Höfen. www.wwoof.org.
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