Kim Kopel, die in den USA ohne Schulbesuch aufgewachsen ist, schreibt über ihre Sinnsuche in den Teenagerjahren.
Kinder wie Eltern brauchen positive Beispiele, um die Angst vor neuen Wegen zu überwinden. Deshalb übersetzte die Verlegerin Dagmar Neubronner „Das Teenager-Befreiungs-Handbuch – Glücklich und erfolgreich ohne Schule“ von Grace Llewellyn aus dem Amerikanischen. Wir drucken hier einen Auszug ab: den Bericht der Homeschoolerin Kim Kopel aus ihrer Teenagerzeit.
Vor etwa zwei Jahren wurde ich immer unzufriedener mit dem Leben, das ich führte. Ich war gelangweilt und ruhelos, wollte viel mehr tun, ohne zu wissen, was. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, an der Schwelle zu einer neuen Welt zu stehen, an einem Wendepunkt in meinem Leben. Ich stellte mir viele Fragen über das Ziel meines Lebens und versuchte verzweifelt, mich selbst zu finden.
In dieser Zeit fragte man mich auch immer häufiger, welche Pläne ich für mein Leben hätte, und der Tonfall der Frage war deutlich ernster und intensiver als noch wenige Jahre zuvor. Immerhin war ich schon im Highschool-Alter, wo es „höchste Zeit ist, zu wissen, was ich mit meinem Leben anfangen will“. Zumindest schien es mir, als wolle man mir das sagen. Überflüssig zu erwähnen, dass ich mir ziemlich dumm vorkam, weil ich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich fühlte mich auch nicht mehr wohl dabei, bloß zu sagen „ich weiß es nicht“, wenn man mich fragte, ob ich aufs College gehen wolle. Damit schockierte ich die Leute natürlich, so dass sie sich berufen fühlten, mich zu warnen, dass es ohne College-Abschluss unmöglich sei, „einen guten Job“ zu bekommen (was auch immer das sein mochte), und dass ich ohne Collegebesuch und eine entsprechende Karriere für den Rest meines Lebens weder glücklich, noch von der Gesellschaft akzeptiert werden würde. Ich könne doch nicht ernsthaft etwas anderes als den „traditionellen“ Weg von College und Karriere einschlagen. Das wäre einfach gefährlich und unreif – wie man mir sagte. Das machte mich wütend: Wenn ich schon mein Leben ruinieren wollte, so ging das nur mich etwas an! Außerdem machte es mich wütend, dass man etwas von mir erwartete. Mitunter wuchs dieses Gefühl in mir so mächtig an, dass ich einfach loslaufen und genau das Gegenteil von dem tun wollte, was man von mir „erwartete“.
Gleichzeitig hatte ich aber auch Angst. Was, wenn sie recht hatten? Was, wenn ich tatsächlich ohne Collegeabschluss keinen Job bekäme und nicht imstande wäre, für meinen Lebensunterhalt aufzukommen? Hunderte, nein Tausende nagender Zweifel, Sorgen und das „Was wäre wenn?“ drängten sich in meinem Kopf, bis ich allmählich das Gefühl bekam, dass ich tatsächlich ernsthaft daran denken sollte, aufs College zu gehen. So besuchte ich mehrere Colleges, ließ mir Informationsmaterial zusenden und las es sorgfältig durch – immer unter dem Eindruck, dass ich einen Schuh zu tragen versuchte, der mir nicht passte. Ich verbrachte viel Zeit damit, zu einer Entscheidung zu gelangen, wohin ich gehen wollte, welche Hauptfächer ich wählen sollte und mit welcher Tätigkeit ich für den Rest meines Lebens meinen Unterhalt verdienen wollte.
Das Leben im Voraus verplanen?
Lange Zeit war ich unentschlossen, und zu guter Letzt entschloss ich mich, mich all dem Druck und den Ängsten zu stellen, um herauszufinden, ob sie tatsächlich Gültigkeit hatten. Zunächst prüfte ich die Ansichten, die man mir als Wahrheiten und Fakten präsentiert hatte, wie etwa, dass man sich für eine Sache (als Beruf) entscheiden sollte, um dies dann für den Rest seines Lebens zu tun. Woher kannst oder willst du wissen, was dich in zehn, fünf, oder auch bloß zwei Jahren interessieren wird? Sollte man so etwas überhaupt von dir erwarten? Warum gilt es nicht als normal, aufzuwachsen und dabei seine Prioritäten zu ändern? Was ist falsch daran, in eine andere Richtung weiterzugehen, wenn du aus dem, was du derzeit tust, herausgewachsen bist? Allmählich erkannte ich, dass vieles von dem Druck, aufs College zu gehen, einen „guten Job“ zu bekommen, erfolgreich zu sein und Ähnliches mehr, vorwiegend auf Angst basierte. Niemand erwartete hingegen von mir, aufs College zu gehen, um dort ein lebenswertes Leben zu finden oder um dort als Mensch zu reifen. Man erwartete es bloß, damit ich nicht als sozialer Außenseiter ende oder auf der Straße verhungere. Diese Erkenntnis legte irgendwo in meinem Inneren einen Schalter um. „Das reicht“, sagte ich mir. „Ich werde mein Leben nicht aus Angst ruinieren; welchen Sinn ergibt es, wenn ich mich in meinem Leben aus Angst verleiten lasse, Dinge zu tun, nur damit etwas Bestimmtes nicht eintritt? Wie kann man je glücklich sein, wenn man ständig in Angst lebt? Ich würde lieber verhungern und ausgestoßen werden, bevor ich für immer Angst habe und nie zur Ruhe komme!“ Sobald diese Last von meinen Schultern abgefallen war, entschloss ich mich, all den Mythen und Ängsten auf den Grund zu gehen.
Falsche Ängste und Unsicherheiten
Bei näherer Betrachtung entdeckte ich eine Angst, die größer war als alle anderen zusammen: die Angst, den gesellschaftlichen Anforderungen „nicht zu entsprechen“ und deshalb nicht akzeptiert und in der Folge ausgestoßen zu werden. Man muss aufs College gehen, denn das tut jede respektable Person, die „etwas aus sich machen will“, damit sie einen „guten Job“ bekommt, viel Geld verdient und Prestige erringt. Dadurch wurde mir klar, dass die Schulen darauf abzielen, dir diese Moral einzuimpfen, dass es im Leben nichts Wichtigeres gibt, als akzeptiert zu werden. Ich erkannte auch, dass man den Menschen diese Moral einflößt, um sie kontrollieren zu können. Wenn die Menschen glauben, nur glücklich zu sein, wenn sie gesellschaftlich akzeptiert werden, werden sie alles dafür tun, denn auch sie wollen glücklich sein.
Nach dieser Erleuchtung betrachtete ich all diesen Druck und diese Sorgen als das, was sie in Wirklichkeit waren: falsche Ängste und Unsicherheiten. Es war, als würde ich das Licht einschalten und erkennen, dass ein schreckliches Monster in Wahrheit bloß ein Schatten war. So hatte ich Zeit und Raum, um mich mit der Lösung meines persönlichen Konflikts und meiner Unzufriedenheit mit meinem Leben zu befassen. Ich fragte mich, warum ich meinen Interessen Tag für Tag gefolgt war und mich von ihnen hatte leiten lassen? Warum hatte ich nie einen Plan für mein ganzes Leben ausgearbeitet? Warum hatte ich mich, als ich mich für das Schreiben interessierte, nicht augenblicklich um eine Möglichkeit zur Veröffentlichung, einen Lektor oder einen Kritiker gekümmert? Warum hatte ich mir nicht vorgenommen, erst sechs Monate lang Kurzgeschichten zu schreiben, dann zwei Monate lang mit Essays zu experimentieren, mich dann drei Monate in die Poesie zu vertiefen, mich einen Monat lang in Journalismus zu versuchen, dann meine Kurzgeschichten zu redigieren und sie für die Veröffentlichung vorzubereiten usw.? Warum war ich zufrieden damit, jeden Tag offen zu sein für Ideen zu neuen Artikeln und Geschichten, oder für etwas gänzlich anderes? Wieso hatte ich keine Angst vor der Ungewissheit des Morgen – warum begrüßte ich diese Ungewissheit sogar als aufregende Möglichkeit? War es falsch, so zu leben? Musste ich dieses Leben aufgeben, obwohl es mir so viele Jahre gut getan hatte? Und warum hatte ich das Gefühl, mein Leben ändern zu müssen?
Dem Ruf des Lebens folgen
Nach langem Suchen und endlosen Fragen kam ich zu dem Schluss, dass ich nicht jetzt die eine Sache finden musste, die ich für den Rest meines Lebens tun will. Mit dieser Erkenntnis öffnete sich mir eine völlig neue Welt mit vielen wichtigen Möglichkeiten. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel einen Artikel über einen Kinderchor hier in St. Louis gelesen, der mir gefallen hat, und ich habe immer schon gerne gesungen. Obwohl ich nie Gesangsunterricht genommen oder in einem Chor gesungen hatte, beschloss ich, für diesen Chor vorzusingen. Ich wurde aufgenommen, und jetzt, sechs Monate später, habe ich schon die höchste Stufe im Chor erreicht, absolviere zehn zweistündige Proben pro Monat und plane, mit dem Chor diesen Sommer nach Atlanta zu touren. Der Chor wurde zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens.
Durch meine Mitgliedschaft im Chor hat sich mir erst kürzlich eine weitere Möglichkeit eröffnet. Vor etwa einem Monat begann ich, mich für Gesangsstunden zu interessieren und fragte meinen Chorleiter nach einem Gesangslehrer. Da er etwa zur selben Zeit beschlossen hatte, mir Gesangsunterricht zu erteilen, fragte er mich, ob ich nicht bei ihm Stunden nehmen wolle. Weil er ein großartiger Mensch ist und wir gut miteinander auskommen, sagte ich begeistert zu. Jetzt bekomme ich schon seit einem Monat Unterricht und genieße ihn in vollen Zügen! Wer weiß, welche Möglichkeiten sich mir wiederum durch den Gesangsunterricht eröffnen werden – vielleicht sogar die Chance, solistisch zu singen.
Neben dem Chor und dem Gesangsunterricht ist mir auch das Schreiben sehr wichtig. Ich habe schon immer gern geschrieben – Briefe, Geschichten, mein privates Tagebuch, ein Tagebuch über meine Ausbildung, und in letzter Zeit Artikel über Homeschooling und verwandte Themen. Während ich mich mit dem Druck und den Ängsten rund um College und Beruf auseinandersetzte, verbrachte ich auch viel Zeit mit Schreiben, um meine Gedanken zu ordnen. Wenn ich schreibe, werden mir verschwommene Dinge plötzlich klar, und ich kann das Gesamtbild besser erfassen, anstatt mich in einem Wirrwarr zu verlieren. Selbst wenn ich gar nicht versuche, Ansichten, Ängste oder Philosophien zu beschreiben und zu analysieren, hilft es mir, niederzuschreiben, was ich fühle, auch ohne, dass ich herauszufinden versuche, warum ich so fühle. Es ist, als müsste ich erst die Last von meiner Brust nehmen, um über die Dinge nachdenken zu können.
Ich arbeite ständig an irgendeinem Artikel – einmal an einem, um den man mich gebeten hat, dann wieder an einem, den ich mir selbst ausgedacht habe. Und selbst wenn ich an nichts Bestimmtem arbeite (was selten der Fall ist), schreibe ich in mein Tagebuch oder Briefe an Freunde. Ich schreibe gerne über das Lernen, über Homeschooling, Ausbildungsphilosophien und derartige Dinge – einfach, weil es mir wichtig ist. Derzeit überarbeite ich einen Artikel, den ich vor nicht allzu langer Zeit verfasst habe, und in dem es darum geht, wie ich lesen und schreiben lernte. Sobald ich damit fertig bin, will ich ihn einer oder mehreren Zeitschriften anbieten. In meinem Kopf habe ich noch unzählige Ideen für weitere Artikel, die ich schreiben möchte.
Auch wenn ich immer noch nicht alle Antworten auf meine Fragen gefunden habe und mich nach wie vor bemühe, verschiedene Dinge zu lösen, wird das Bild allmählich klarer. Ich habe erkannt, dass es in Ordnung ist, wenn ich nicht alle Antworten kenne. Ich weiß jetzt, dass ich mich mein ganzes Leben lang weiterentwickeln werde, und dass diese Perioden von Verwirrung und Frustration nur Teil eines lebenslangen Prozesses sind. Statt diese Perioden zu fürchten, sollte ich sie begrüßen, denn jedes Mal, wenn ich sie durchlebe, bedeutet es den Aufstieg in die nächste Stufe meines Lebens.
Rückblick der Buch-Autorin
Nachdem Kim einige Zeit auf sich selbst gestellt gelebt und weitere Abenteuer erlebt hatte (so berichtete sie, dass sie während ihrer Arbeit in einem volkskundlichen Freilichtmuseum sich mit Forschungsprojekten über den Zusammenhang von Hexenprozessen, Aberglauben und Halloweenfesten beschäftigte, dass sie als Führerin in der TBA-Gedenkstätte des berühmten Schriftstellers Thomas Bailey Aldrich sich mit seinen Werken auseinandersetze, dass sie eine Ausbildung zur Massagetherapeutin machte, und dass sie heiratete), schrieb sie: „Ich wusste immer schon, das ich nicht imstande bin, an die Ewigkeit zu denken. Mein selbständiges Leben hat mich darin nur bestärkt. Ich muss mich mit dem befassen, was ich heute tun will, und Mittel und Wege finden, um es zu tun; ich werde wissen, wann ich bereit bin, etwas Neues zu beginnen.“ ♠
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: „Das Teenager Befreiungs Handbuch“ von Grace Llewellyn, Genius Verlag, Bremen 2008, www.genius-verlag.de.
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