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| Evolution statt Erosion |
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Ein Rückblick auf 40 Jahre Zukunft in Auroville.
Eine der ältesten konkreten Utopien ist die interkulturelle Zukunftsstadt des indischen Visionärs und Philosophen Sri Aurobindo: Erst nach seinem Tod von seiner Lebensgefährtin als Weltexperiment ins Leben gerufen, feierte Auroville im Februar dieses Jahres unter Beteiligung vieler Gäste und Besucher den vierzigsten Geburtstag. Der aktuelle Anlass bietet Gelegenheit, zu fragen, was von Aurovilles Vision bisher eingelöst werden konnte. Wolfgang Schmidt-Reinecke ist als langjähriger Vorstand sowohl von „Auroville International“ wie auch von „Auroville Deutschland“ ein intimer Kenner der dortigen Entwicklung.
Revolutionäre Aufbruchsbewegungen und flammende Jugendproteste ließen 1968 zum weltweiten Schicksalsjahr werden. Langfristig überlebt haben jedoch eher evolutionäre Gründungen jener Zeit. Das internationale Auroville-Projekt in Südindien zählt zu den bekanntesten unter ihnen. Am 28. Februar 1968 inmitten verarmter Dörfer auf einem völlig erodierten Plateau ins Leben gerufen, entstand im werdenden Stadtgebiet bis heute eine ebenso vielfältige interkulturelle Gemeinschaft wie ökologische Landschaft.
Die ursprüngliche „Charta“ der geplanten Stadt ist nach wie vor gültig; sie umfasst die folgenden Punkte:
! Auroville gehört niemandem im besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem göttlichen Bewusstsein zu dienen.
! Auroville wird ein Ort ständiger Lernbereitschaft und ständigen Fortschritts sein und auf diese Weise der Schauplatz eines Lebens, das seine Jugend bewahrt.
! Auroville möchte eine Brücke sein zwischen Vergangenheit und Zukunft. Indem es sich alle äußeren wie inneren Entdeckungen zunutze macht, wird es sich mutig zu künftigen Verwirklichungen hin entwickeln.
! Auroville wird ein Platz spiritueller und materieller Forschung sein, damit eine wirkliche menschliche Einheit lebendige Gestalt annehmen kann.
Ein Traum als Anfang
Zugrunde liegen dem Modellprojekt die Vision und Arbeit des indischen Evolutionsphilosophen und Yogis Sri Aurobindo (1872–1950) und seiner spirituellen Gefährtin, der Französin Mirra Alfassa, genannt „Die Mutter“ (1878–1973). Sie war es, die im hohen Alter von 90 Jahren mit moralischer Unterstützung der UNESCO und der indischen Regierung sowie der Anteilnahme von Tausenden von Menschen aus aller Welt Auroville gründete. Ihr Traum von 1954: „Es sollte irgendwo auf der Erde einen Ort geben, der keiner Nation allein gehört, wo alle Menschen, die guten Willens und von aufrichtigem Streben nach Vollkommenheit beseelt sind, frei als Weltbürger leben und einer einzigen Autorität gehorchen würden, der Autorität der höchsten Wahrheit. Ein Ort des Friedens, der Eintracht und der Harmonie, wo alle kämpferischen Instinkte ausschließlich dazu dienen würden, die Ursachen des Leidens und Elends zu beseitigen, Schwächen und Unsicherheiten zu überwinden, über menschliche Begrenzungen und Unfähigkeiten zu triumphieren … Geld wäre an diesem Ort nicht mehr der unumschränkte Herrscher. Der individuelle Wert des Menschen wäre von größerer Bedeutung als materieller Reichtum und soziale Position …” An anderer Stelle sagt sie: „Auroville soll eine universale Stadt sein, in der Männer und Frauen aller Länder in Frieden und Harmonie miteinander leben können, jenseits von Glauben, Politik und Nationalität. Der Zweck Aurovilles ist es, die menschliche Einheit zu verwirklichen”.
Realistisch und umsetzbar ist menschliche Einheit nach Meinung Aurobindos und der „Mutter“ allerdings nur bei einer entsprechenden spirituellen Weiterentwicklung des Einzelnen („Integraler Yoga“). Auroville wird damit zugleich zum Experimentierfeld und zur Geburtsstätte eines übermentalen Bewusstseins und darüber hinaus eines „neuen Menschen”.
Die Machtfrage
Aurovillianer erproben ökologische Energieversorgung, baubiologische Architektur und organischen Anbau, experimentieren mit interkulturellem Wohnen und ganzheitlichen Schul- und Erziehungsmethoden und achten bei all dem darauf, dass keine einzelne Kultur und Nationalität die Vorherrschaft erringt. Die Gründerin warnte vor starren Regeln, und tatsächlich ist das Projekt in vieler Hinsicht auch nach 40 Jahren ein anarchisches Gebilde geblieben.
In der Rahmenstruktur einer gemeinnützigen Stiftung gewährte die indische Regierung 1980 den Aurovillianern in verschiedener Beziehung fast exterritorialen Status. Das gilt etwa für den Prozess des Experimentierens mit Regierungs- und Selbstverwaltungsformen. Als Vision gilt dabei eine Art Primus-inter-Pares-Funktion der „spirituell entwickeltsten“ Aurovillianer. Selbige übereinstimmend zu erkennen und zu benennen stellt sich allerdings in der Praxis bis heute als fast unlösbare Aufgabe dar. Angesichts dieses Machtvakuums werden zentrale Planungen zunehmend von den mit hochrangigen indischen Bürokraten besetzten Leitungsgremien der Auroville-Foundation vorentschieden. Der Gemeinschaft verbleibt dann häufig nur, zu versuchen, in Arbeitsgruppen und mit dem Mittel der Vollversammlung ihre Meinung kollektiv auszudrücken oder Entscheidungen anzupassen. Keine leichte Aufgabe angesichts des buchstäblich weltumspannenden kulturellen und sozialen Hintergrunds der Aurovillianer. Der ehemalige New Yorker Universitätslehrer, die frühere Bewohnerin des vornehmen Pariser 16. Arrondissements, der emigrierte sibirische Ingenieur, der hier wohnende deutsche Ökofreak und der vom Nachbardorf zugezogene indische Kleinbauer – sie alle haben die gleiche Stimme. Entschieden wird weitgehend im Konsensverfahren.
Postreligiöse Spiritualität
Spirituelle Merkmale im herkömmlichen Sinn finden Besucher so gut wie keine; keine gemeinsamen Rituale oder vorgeschriebene Disziplinen, Meditationen oder Gebete. Die Gründerin warnte ausdrücklich vor Religionen bzw. vor einer gemeinsamen religiösen Praxis in Auroville. Allerdings gibt es in der Mitte der entstehenden Stadt eine gewaltige Kugel mit einem leeren, weißen Raum im Inneren. Ein Sonnenstrahl wird kunstvoll in das sonst fensterlose Gebäude geleitet und fällt auf eine riesige Kristallkugel am Boden des Raums. Das Matrimandir, so der Name des von der Mutter entworfenen Bauwerks, kann vom Einzelnen (gleich ob Aurovillianer oder einer der unzähligen Auroville-Besucher aus aller Welt) aufgesucht werden, ohne dass er eine Vorgabe für seine innere Haltung bei dem Aufenthalt erhält. Einzige Bedingung ist, dass er sich in Stille in dem Raum niederlässt.
Das Matrimandir wird als die Seele Aurovilles angesehen. Es spiegelt die besondere Spiritualität Aurovilles wider, die äußerlich fast nicht mehr von einer rein weltzugewandten Haltung zu unterscheiden ist und „nur“ durch die seelische Initiative bzw. Öffnung des Einzelnen manifest wird. Gleichwohl bildet Auroville ein starkes Kraftfeld mit einer spürbaren geistigen Verbundenheit der meisten Bewohner.
Zusammenleben der Kulturen
Heute leben in Auroville etwa 2000 Einwohner aus fast 50 Ländern, ein Drittel von ihnen sind Inder aller Kasten und Bundesstaaten. Größere Bevölkerungsgruppen stellen auch Franzosen und Deutsche. Seit dem letzten Jahrzehnt ist der Anteil osteuropäischer und dabei vor allem russischer Neu-Aurovillianer zunehmend.
Wie bei fast allen Einwanderergemeinschaften besteht auch in Auroville bei Neuankömmlingen zunächst einmal die Neigung, sich an die vertrauten Kulturgenossen zu halten. In den letzten Jahren haben sich jedoch zunehmend Architekten und Planer in Auroville zum Ziel gesetzt, interkulturelle und zugleich ökologische und gemeinschaftsorientierte Wohnmodelle zu schaffen. Zur – nicht ganz ernst gemeinten – Illustration des dortigen Wohngefühls: „Es ist eine der typisch heißen Nächte der Subtropen, und aus der Wohnung auf der anderen Seite des Flurs erschallen fröhliche Stimmen und Gesang. Auf russisch. Die Uhr zeigt vier Uhr morgens, und das kleine Familientreffen nimmt kein Ende. Um sechs Uhr spätestens beginnt dann der Inder Ratman seine morgendlichen Yogaübungen auf dem gemeinsamen Hausdach, und die beiden Jüngsten der neueingezogenen kolumbianischen Familie werden lautstark durch den dreistöckigen Gebäudekomplex toben. Frank hat Deutschland vor zwanzig Jahren verlassen und mittlerweile gelernt, schon sehr früh ins Bett zu gehen …“ (aus: „Eine andere Globalität – Das Projekt Auroville“, Infobrief soziokultureller Zentren, Nr. 2, 2003).
Tatsächlich wird dieses Zusammenleben der Kulturen auf engem Raum meist als wunderbar und bereichernd beschrieben. Oft sind es jedoch weniger die kulturellen Verschiedenheiten, sondern die materiellen Ungleichheiten, die sich aneinander reiben. Auroville kennt zwar kein persönliches Eigentum an Grund und Boden, das sonstige Vermögen aber ist Privatsache. Die Gemeinschaft kann bedürftigen Mitgliedern nur einen bescheidenen Basislebensunterhalt bieten.
Errungenschaften aus 40 Jahren
Der diesjährige Jahrestag der Gründung Aurovilles sah eine Aufzählung des Erreichten. Zu diesem gehören neben vielem anderen:
! Ein von der UNESCO als Referenzprojekt ausgezeichnetes Biotop mit Millionen von Bäumen in einer vor 40 Jahren völlig erodierten Region.
! Über 2000 Hektar Land im Citybereich (noch gibt es allerdings etliche weiße Stellen im Stadtgebiet, und auch ein großer Teil des umgebenden Grüngürtels muss noch erworben werden).
! Etwa 100 Siedlungen mit insgesamt ca. 900 Häusern und Appartementwohnungen.
! Das im Jahr 2008 fertiggestellte Matrimandir, schon jetzt ein „nationales Denkmal” Indiens.
! Eine solarbetriebene Gemeinschaftsküche mit einer Kapazität von 1000 Mahlzeiten pro Tag.
! Über 300 kW durch Solarpanels erzeugte Energie; insgesamt etwa 150 mit Solarenergie versorgte Häuser.
! Eine Fabrik zur Erzeugung von Windgeneratoren, die als die leistungsfähigsten Indiens gelten.
! Mehr als 15 Restaurants und Cafeterias, 40 Gästehäuser, Boutiquen, Theater-, Musik- und Veranstaltungsräume, Kinos, Bibliotheken u. a.
! und verbliebene Probleme …
Eine der größten Herausforderungen Aurovilles bildet sicherlich die Tatsache, dass der Gemeinschaft immer noch nicht das ganze Land zur Verfügung steht, das für die Stadtentwicklung benötigt wird. Immobilienspekulanten kaufen immer wieder wichtige Schlüsselparzellen auf und bieten sie anschließend der Community zu überhöhten Preisen an. Auroville kann dann oft nur mittels Spendenaktionen versuchen, sich rechtzeitig die Mittel für den Landkauf zu beschaffen.
Ein anderes großes Problem teilt Auroville mit vielen Regionen der Dritten Welt: Die zunehmende Verknappung von frischem Wasser durch ausbleibende Monsunregen, verschwenderischen Wasserverbrauch sowohl in Auroville selbst als auch seitens der benachbarten Kleinbauern und nicht zuletzt der zunehmenden Versalzung des Grundwassers.
Ausstrahlung in die Welt
Auroville war lange Jahre über praktisch ausschließlich mit seiner eigenen, durchaus schwierigen Anfangsentwicklung beschäftigt. Inzwischen gehen etwa in Bereichen wie Stadtökologie, Wiederaufforstung und alternative Bauweisen zunehmend Impulse von Auroville in alle Welt aus. Einer weiteren Kernaufgabe der Gemeinschaft – ein städtisches Modell übernationaler Einheit zu bilden – geht Auroville zwar in seiner täglichen Praxis in vielerlei Weise und zum Teil mit beachtlichen Ergebnissen nach. Bisher ist es jedoch noch nicht soweit, dass die Aurovillianer diese Ansätze und Lösungen auch im größeren Umfang reflektieren, dokumentieren und kommunizieren würden. Dies bleibt eine der anstehenden Aufgaben, die jetzt auch zunehmend als solche erkannt wird.
Eines der Viertel der entstehenden Stadt wird durch die „Internationale Zone“ gebildet. Hier sollen die verschiedenen Kulturen der Erde in der Gestalt von „Nationen-Pavillons“ erfahrbar zum Ausdruck gebracht werden. Zugrunde liegt diesem besonderen aurovillianischen Konzept die Einsicht, dass erst die Darstellung und Anerkennung der Besonderheiten nationaler Kultur einen tragfähigen Boden für übernationale Vereinigung schaffen kann (z. B. auch in Europa). Mit der – symbolischen – Herausarbeitung der jeweiligen Potenziale soll der Beitrag und die Rolle jeder Nation für ein friedliches Zusammenspiel der Kulturen erkennbar werden.
In Aurovilles weltweitem Unterstützernetzwerk „Auroville International (AVI)“ nimmt Deutschland eine besonders aktive Rolle ein. Der gemeinnützige Verein „Auroville International Deutschland“ ermöglicht beispielsweise jährlich sechs deutschen Wehrdienstverweigerern einen Ersatzdienst in Auroville als Teil des „Anderen Dienstes im Ausland“. In Kürze wird AVI Deutschland im Rahmen eines neuaufgelegten Regierungsprogramms auch jungen Mädchen ein anerkanntes Einsatzjahr in Auroville bieten können.
Fazit
Auroville ist laut seiner Charta angetreten, um einen Weg in die Zukunft zu erschließen. Geschehen soll dies auf der Basis der Öffnung zu einem postrationalen, integralen Bewusstsein, das uns neue Möglichkeiten erlaubt, besser untereinander wie auch mit der Natur auszukommen. Sinngemäß gilt hier der Spruch, der eigentlich auf die Megastadt New York gemünzt ist: Wenn du es dort schaffst, schaffst du es überall!
Angesichts von Aurovilles schwierigen geografischen und kulturellen Ausgangsbedingungen lässt sich das wohl auch auf die Vision der Zukunftsstadt beziehen. ♠
Wolfgang J. Schmidt-Reinecke ist freier Journalist und Projektentwickler. Er lebt heute in Ashland/Oregon. Seine Internetseite: www.sunwolfcreations.com
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Schmidt-Reinecke, Wolfgang
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