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Impressum
Ein „neues Wir“ jenseits des Kollektivismus
erschienen in Ausgabe 157  PDF-Version (148.26 KB)
Kosha Joubert sprach mit Thomas Hübel über kollektive Intelligenz.

In den Ausgaben 154 und 155 von KursKontakte hatten sich die eurotopia-Seiten dem Phänomen der „kollektiven Intelligenz“ gewidmet. Auf einer im Juli in Berlin stattfindenden Community-Conference soll nun erforscht werden, wie Menschen auf intelligente und mitfühlende Art gemeinsam Realität schaffen können. Die Sehnsucht nach echtem Kontakt und Kooperation wächst, die Notwendigkeit von Entscheidungen, die aus einer Verbundenheit mit dem Ganzen entstehen, wird immer offensichtlicher. Ist es uns möglich, uns gemeinsam auszurichten und in den Dienst der Welt zu stellen, ohne unsere Einzigartigkeit und unsere Freiheit als Individuen aufzugeben? Die Angst vor Kollektivismus sitzt gerade uns Deutschen zu recht in den Knochen. Zu diesen Themen befragte die Mitorganisatorin der Konferenz Kosha Anja Joubert den Initiator Thomas Hübl.


Kosha Joubert: Thomas, was ist für dich die Ausrichtung, das Ziel der Konferenz?

Thomas Hübl: Die Community Conference macht sich zum Ziel, eine neue Form des „Wir“ sichtbar zu machen. Was ist der nächste Evolutionsschritt von uns Menschen als zusammenhängendes System? Wie können wir die Intelligenz dieser neuen Stufe des „Wir“ erkennen und in unserem Leben manifestieren? In unseren Gemeinschaften und Nachbarschaften, Firmen, Institutionen, Städten, Gesellschaftsformen? Communities sind experimentelle Stätten, in denen sich Menschen zusammengefunden haben, um eine neue Form des Miteinanders zu finden und zu praktizieren. Füllen wir diese Praxis mit einem hohen Maß an Präsenz und Transparenz, schaffen wir neue Ebenen des Informationsaustauschs?

Das Ziel der Konferenz ist, die Dynamiken der kollektiven Intelligenz in unterschiedlichen Bereichen des Lebens zu beleuchten und Wege aufzuzeigen, sie in die Praxis umzusetzen. Wir sehen, wie universelle Prinzipien menschlichen Zusammenseins wirksam sind. Wir erforschen im Rahmen der Konferenz, wie Transparenz, Präsenz, Mitgefühl sowie erhöhte Synchronisation von Bewusstseinsfeldern das Auftauchen eines „neuen Wir“ fördern.

● Wie funktioniert kollektive Intelligenz?

Kollektive Intelligenz ist eine Emergenz der nächsten Stufe des Bewusstseins, Ausdruck eines neuen Wir, das als höhere Evolutionsstufe neue Fähigkeiten, Information aufzunehmen und zu verknüpfen, manifestiert. Die gesunde Ausformung eines Ichs ist ihre Grundlage. Das Ich wird jedoch durch ein höheres Maß an Präsenz und Transparenz trans­zendiert. Transparenz beinhaltet, dass wir die Menschen, mit denen wir in Kontakt sind, von innen zu sehen lernen. Dann erkennen wir nicht nur die Personen, sondern auch ihre innere Erfahrungswelt. Wir entdecken, dass wir nicht nur Menschen treffen, sondern ganze Welten und Wirklichkeiten. Die inneren Erfahrungsräume und Wirklichkeits­interpretationen anderer Menschen in unserer Wahrnehmung zu integrieren, ist der Anfang einer fundamental ­neuen Entwicklungsstufe. Wir leben dadurch tiefer eingestimmt und präsenter unseren Alltag und schaffen höhere Synchronisationsmuster. Liebe und Mitgefühl sind Werte, die wir neu entdecken.
Beim „neuen Wir“ geht es nicht mehr um ein „Ich-Wir“, sprich die Ansammlung vieler „Ichs“ zu einer Gruppe, sondern um eine völlig neue Perspektive. Diese lässt sich mit den alten Werkzeugen einer Ich-Gesellschaft nicht vorher denken, da sie eine fundamental andere Qualität der Verbundenheit beinhaltet. Wenn die interpersonelle Reibung abnimmt, wächst die Intelligenz und Kreativität, sprich, das Potenzial der Gruppe. Dies bringt uns als Menschheit auch Antworten auf die Fragen, die wir uns in der Ausbildung unserer globalen Verbundenheit stellen. #

● Was sind die Qualitäten des „neuen Wir“?

Ein Ich ist eine geronnene Struktur des Bewusstseins, eine Ansammlung von Konditionierungen. Durch mehr Präsenz entsteht die Möglichkeit für kreativen, leeren Raum. Dieser Raum ermöglicht die Öffnung hin zu einer übergeordneten Informationsebene und somit das Einströmen von neuem Wissen.
Die Grundgesetze der Co-Kreation werden auf dieser Stufe des Bewusstseins erkannt. Die Art und Weise, wie wir alle am Netz des Lebens mitwirken, um eine gemeinsame Erfahrung zu erschaffen, wird uns als Kollektiv bewusster. Um dies nochmals klar zu unterstreichen: Wir sprechen hier von einer fundamental neuen Perspektive, nicht von einer Fortsetzung des Bekannten. Diese neue Emergenz der Evolution bringt neue Fähigkeiten hervor: neues Denken, Gefühle, Motivationen, Werte, Erkenntnisebenen …

● Welche Art von Verbundenheit braucht es, damit kollektive Intelligenz entstehen kann? Siehst du eine Gefahr, dass die notwendige Einheit zu Anpassungsdruck und Unterdrückung von Vielfalt führen könnte?

Oftmals gibt es die Angst, das Individuum würde verschwinden, und es käme bei kollektiver Intelligenz zu einer Gleichmachung. Diese Angst entsteht aus den Pathologien der vorhergehenden Stufen. Wir sollten vermeiden, die Pathologien der vorhergehenden Evolutionsstufen auf die neu auftauchende zu projizieren. Ein gesunder Verlauf schließt die gesunde Ausformung des Ich ein und transzendiert es auf die nächste Stufe von Freiheit. Verstehen wir dies, stellt sich die Frage nach der Gleichmachung nicht mehr.
Wir laufen hier Gefahr, prärationale Inhalte auf transrationale Ebenen des Bewusstseins zu projizieren. Dies kann zu grundlegenden Verwechslungen und zur Stagnation in der individuellen wie auch kollektiven Entwicklung führen. Infantile Tendenzen schaffen Möglichkeiten des Einheitsbreis. Kindliche, unintegrierte Anteile unserer Entwicklung schaffen Verwirrung von Bewusstseinsinhalten und sind somit die Wurzeln einer falsch verstandenen Spiritualität und Entwicklung, die zu Verantwortungsabgabe und spirituellem Narzissmus führt. Wahre Transzendenz fördert das individuelle Potenzial und ruht auf seiner gesunden Ausformung.

● Wie unterscheidet sich die kollektive Intelligenz von totalitären Dynamiken?

Totalitäre Dynamiken können sich nur durch die Unverantwortlichkeit des Individuums ausbilden. Ängste vor Gleichmachung und Missbrauch kommen aus der Machtabgabe an Autoritäten. Bevor kollektive Intelligenz im „neuen Wir“ auftaucht, muss das Ich so stark und gesund ausgebildet sein, dass diese Machtabgabe nicht mehr stattfindet. Dann tauchen diese Ängste auch nicht mehr auf. Wir wollen diesen Punkt hier klar unterstreichen, um jeweilige Verwechslungen zu vermeiden. Die Stufe eines „neuen Wir“ entsteht aus einer starken Individualisierung, die sich in einer fundamental neuen Form von Intelligenz synchronisiert.
Die Anbindung an überbewusste Ebenen des menschlichen Bewusstseins kommt in der Ausprägung eines „neuen Wir“ viel mehr zum Tragen. Die Inspiration der Zukunft fließt verstärkt in die Gegenwart ein. Wir bilden keinen Einheitsbrei durch das unverantwortliche und unverbindliche im-Moment-Sein, sondern erkennen die Gegenwart als einen Raum, der Vergangenheit und Zukunft einbezieht. Dies unterscheidet auch die zeitlose Weisheit von der Flachlandspiritualität. Eine Herausforderung an alle HeldInnen des Bewusstseins, die jenseits von „meine Erleuchtung“ schauen wollen. Die narzisstischen Strukturen des New Age werden somit entlarvt. Wahrhaftiger Dienst wird als eine Entwicklung des Bewusstseins und Mitgefühls gesehen und als essenzieller Bestandteil des Seins erkannt. Wir können uns nicht mehr in den Meditationsraum flüchten und unser spirituelles Gewissen beruhigen, sondern beteiligen uns an der Schöpfung in einer verantwortlichen Weise.

● Wie können Gemeinschaften und Organisationen kollektive Intelligenz in ihren Entscheidungsstrukturen integ­rieren?

Eine höhere Stufe der Transzendenz bringt mit sich, dass das Ich sich in den größeren Kontext eines Wir und darüber hinaus stellen kann. Somit ist nicht „mein“ der höchste Wert, sondern die neue Perspektive des Wir als Intelligenz. Dies bringt mit sich, dass jede und jeder mehr Raum und Öffnung hin zu einer größeren Bandbreite an Informa­tion erlebt. Wenn Gemeinschaft nicht nur um uns herum, sondern auch in uns selbst stattfindet, steigen wir in die nächste Stufe der Entwicklung ein.
Ein hohes Maß an interpersoneller Klarheit hilft, uninteg­rierte Anteile der Beteiligten an einer Entscheidungs­findung zu erkennen und unbewusste Resistenzen von authentischen Meinungen zu unterscheiden. Die meiste Energie einer Gruppe geht in interpersoneller Reibung und Unklarheit verloren. Es werden Lebensmuster unterstützt, die weder für das Individuum noch für das Kollektiv evolutionär förderlich sind. Dies geschieht oftmals unter dem fatalen Deckmantel der gegenseitigen Akzeptanz. Erkennen wir als Gruppenintelligenz diese Dynamiken, schaffen wir ein höheres Maß an Synchronizität und somit auch eine Erleichterung in der Entscheidungsfindung.
Entscheidungen sind auf einer Ebene schon im Raum. Die oberflächliche Polarisierung des Bewusstseins auf Ich-Strukturen vernebelt sie meist nur. Entsteht jedoch kreativer Raum um diese Polarisierungen, wird der Zugang zu einer essenziellen Ebene von Informationen erleichtert.
Jeder gemeinschaftliche Zusammenhang braucht als Grundbestandteil seiner Praxis ein hohes Maß an zwischenmenschlicher Klarheit, einen Platz für Gott, das Eine, die Transzendenz oder Präsenz, dazu ein gesundes materielles Fundament und eine klare Beteiligung an der Gesamtheit des Lebens bzw. für den Dienst an der Welt.
Diese vier Ebenen sind die Grundlage jeder funktionierenden Gemeinschaft oder Institution. Sie können als Indikatoren dienen, um herauszufinden, wo Schwachstellen und Stärken liegen. Wir schaffen Plätze eines neuen Bewusstseins nur dann, wenn wir uns auf radikale Wachheit einlassen. Dies ist ein Weg, den viele Menschen aufgrund der Sucht nach ihrer Normalität nicht gehen wollen. Radikales Wachsein bringt unangenehme Momente und Lebensphasen mit sich, die uns oftmals lieber umkehren lassen und uns die warme Bettdecke auf dem Sofa unseres Lebens bevorzugen lassen. Nur die Heldinnen und Helden des Bewusstseins machen sich auf diese Reise ins Unbekannte.

● Thomas, ich danke dir für das Gespräch. ♠




Weitere Informationen

Die Community-Conference „Kraft der kollektiven Intelligenz“ findet vom 3. bis 6. Juli in der Kalkscheune in Berlin statt. Drei Tage mit Impulsvorträgen und verschiedenen Erfahrungsräumen sollen ermöglichen, die eigene Sicht auf kollektive Intelligenz zu erweitern und zu verfeinern. Als Referenten treten auf:
! Thomas Hübl (Transparenz/Bewusstseinsforschung)
! Auke van Nimwegen (Spiral Dynamics/Integrale Theorie)
! Margrit Kennedy (komplementäre Wirtschaftssysteme), ! Scilla Elworthy (politische Perspektiven/Dienst an der Welt)
! Sabine Lichtenfels (Gemeinschaften/Friedensarbeit) ! Jonathan Dawson (Informationsaustausch zwischen Netzwerken)
! Daniel Dahm (Globales Internet/Chaostheorie/kollektive Intelligenz)
Info und Anmeldung: kosha@community-conference.org, www.community-conference.org


  Autoren

Kosha Joubert, Thomas Hübl

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