Gandalf Lipinski reflektiert Freiheit und Gemeinschaft vor dem Hintergrund von 6000 Jahren Patriarchat. Teil 5: Die Megamaschine entsteht neu.
Im Mittelalter waren die Wirtschafts-, Herrschafts- und Finanzstrukturen der patriarchalen Megamaschine weniger effizient ausgebildet als in der Antike. Kleinere Einheiten, dezentrale gesellschaftliche Organisationen, wenig Staat, weniger „Weltwirtschaft“ und streckenweise ein kaum noch funktionierendes zentrales Geldsystem – das war der Hintergrund, vor dem Reste von Gemeinschaft, freier Umgang der Geschlechter miteinander sowie andere Elemente der vorpatriarchalen Kultur noch einmal aufblühen konnten. Mit dem Beginn der Neuzeit kehrte die Effizienz zentralistischer Herrschaft in nie gekannter Perfektion zurück. Was wir heute „Globalisierung“ nennen, nahm seinen Anfang im ausgehenden Mittelalter.
In der letzten Folge war bereits von den mittelalterlichen Städten die Rede. Mit deren Anzahl und Größe veränderten sich auch die Lebensbedingungen in den Dörfern, Klöstern und Burgen. Ein wachsendes Selbstbewusstsein der Stadtbürger, ihre prosperierende Wirtschaftskraft, der politische Einfluss der Gilden und Zünfte – all das führte schließlich zu immer mehr Weitblick über den Tellerrand des Adelsguts mit seinen paar Weilern hinaus.
Die norditalienischen Städte hatten sich im Zusammenhang mit den Kreuzzügen zu bedeutenden Handelsplätzen entwickelt. Im Norden beherrschte die Hanse nicht nur die Nord- und Ostsee. Ihr Städtebund verfügte über eigene Kriegsflotten, diplomatische und Handelsvertretungen außerhalb des Reichs, ja teilweise sogar eigene Rechtsprechung und großes politisches Gewicht im Gefüge des deutschen Reichs. Immer mehr Städte erlangten die „Reichsfreiheit“, waren also nicht mehr einem Landesfürsten, sondern nur noch dem Kaiser direkt untertan. Das Wiedererstarken der Geldwirtschaft brachte schließlich ganze bürgerliche Dynastien wie die Fugger hervor. Die Macht der großen Geldverleiher wuchs mit der politischen Bedeutung ihrer Kunden. Nicht nur der niedere Adel kam in finanzielle Nöte, wenn er versuchte, mit dem Wohlstand der Städte mitzuhalten. Auch Fürsten und Bischöfe konnten bald ohne Banken keine Heere mehr aufstellen und Kriege finanzieren. Könige und sogar der Kaiser waren schließlich abhängig vom neuen „Geldadel“. Hatte die katholische Kirche im Mittelalter noch das Zinsnehmen an sich als Sünde eingestuft, womit die Geldgeschäfte zum Privileg der außerhalb der christlichen Gemeinschaft stehenden Juden wurden (die wiederum im streng organisierten Zunftsystem kaum andere Berufe ausüben durften), so wurde die Aussicht auf lukrative Gewinne im Geldhandel nun stärker als alle moralischen Skrupel.
Die neue Zeit zieht auf
Wird das Mittelalter oft pauschal und verfälscht als „dunkle Epoche“ bezeichnet, so wird die darauf folgende Zeit von Renaissance, Reformation und Aufklärung oft ebenso pauschal und fälschlich als Beginn einer lichteren Zeit angesehen. Doch was geschah zu Beginn der Neuzeit wirklich? Zunächst war der Reichtum des Ostens nach Norditalien gekommen – oder zumindest in die Hände derer, die in den dortigen Handelsstädten das Sagen hatten. Doch nicht nur der materielle Reichtum, auch das geistige und kulturelle Erbe der Antike wurde nun nicht mehr weltvergessen allein in den Schreibstuben einiger Klöster museal gepflegt, sondern es flutete aus der Levante hinein ins Herz Europas. Ein zweiter Strom des antiken Erbes floss über das maurische Spanien nach Europa. Die muslimische Welt hatte die geistigen Schätze des heidnischen Europas oft lebendiger gehalten als das christliche Abendland es getan hatte.
Die Renaissance (wörtlich: die „Wiedergeburt“ der Antike) fand also zuallererst dort statt, wo weltoffene und reiche Bürger und Fürsten im Norden Italiens Geist und Kunst der Antike wiederentdeckten. Die kulturelle Blüte jener Zeit darf allerdings nicht verwechselt werden mit einer Befreiung des Großteils der Menschen aus Abhängigkeit und Unmündigkeit. Im Gegenteil: Die zusammenbrechende Ordnung des Mittelalters (statt Glaubensgewissheit gab es bis zu drei sich gegenseitig bekriegende Päpste, und die relative soziale Stabilität der Dörfer wurde durch den wachsenden Finanzbedarf der Grundherrenschicht destabilisiert) führte zu einer ungekannten Orientierungslosigkeit. Die wiederentdeckte Philosophie führte in ihrer Reflexion der Freiheit für das Individuum zunächst zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen der einfachen Menschen. So befreit Machiavelli in seiner Schrift „Der Fürst“ diesen von allen Banden traditioneller und gemeinschaftlicher Art und setzt ihn als absoluten Herrscher über Land und Volk. Diese Form der „Aufklärung“ sollte später in Frankreich bis zum viel zitierten Satz Ludwigs XIV. führen: „Der Staat, das bin ich!“
Zunächst bedeutet die neue Zeit politisch: die Ablösung des Feudalsystems durch die Entstehung des modernen Territorialstaats und die Aufwertung der Fürsten zu absoluten Herrschern. Die Reformation Luthers, von diesem ja vielleicht lediglich als innerkirchliche Reform beabsichtigt, wird im Zug der Ereignisse einer der wichtigsten Faktoren zur Stärkung der Fürstenmacht. Nicht mehr der ferne Papst oder der Kaiser bestimmen nun allein, was die Menschen zu glauben haben – aber eben auch nicht die einfachen Menschen selbst. Der Hauptkompromiss der zahlreichen Religionskämpfe zu Beginn der Neuzeit, die schließlich im dreißigjährigen Krieg gipfeln, lautet schließlich: Cuius regio, eius religio (sinngemäß: „Wem das Land gehört, der befiehlt, was die Untertanen zu glauben haben“).
Krieg gegen die Reste der Freiheit
Zwei wichtige Großereignisse müssen für das weltgeschichtliche Verständnis der Fundamente der Neuzeit genannt werden: die Bauernkriege und die Hexenverbrennungen. Als der Adel im Zug der sich wandelnden Wirtschaftsverhältnisse mehr Geld brauchte, gab es wenige Alternativen zur naheliegendsten Beschaffungsart: dem Drehen an der Abgabenschraube! Aber der Druck der rapide wachsenden Ausbeutung der bäuerlichen Gemeinschaften fand zeitgleich statt zu Luthers Reformation und der Verbreitung der erstmals auf deutsch und erstmals in gedruckter Form zugänglichen Bibel. So beriefen sich die Bauern auf Luther und auf die Bibel, als sie schließlich nicht mehr konnten und in Notwehr zu den Waffen griffen. Zwar begannen die Bauernkriege fast alle als Aufstand und Aufschrei der ausgepressten Bauern gegen das Fron- und Abgabensystem, sie bekamen aber vielerorts auch religiöse und grundsätzlich sozialutopisch-politische Aspekte. Luther distanzierte sich von den Bauern, und sämtliche Aufstände wurden überall rigoros niedergeschlagen. Damit war die relativ soziale Dorfgemeinschaft des Mittelalters ein für allemal erledigt.
Kalkulierter Hexenwahn
Der zweite große Massenmord zu Beginn der Neuzeit wird erstaunlich oft dem Mittelalter und der katholischen Kirche allein in die Schuhe geschoben, was beides falsch ist. Die Autoren Gunnar Heinsohn und Otto Steiger haben in ihrem Buch „Die Vernichtung der weisen Frauen“ überzeugende Hinweise dafür zusammengetragen, dass der Grund für den massenhaften „Hexen“-Mord nicht in einem „irrationalen“ Glaubensfeldzug der Kirche gegen vermeintlich schwarzmagische Zauberinnen und Zauberer zu suchen ist. Vielmehr ging es hier um ganz handfeste machtpolitische und vor allem wirtschaftliche Überlegungen: Durch die großen Pest-Epidemien war nämlich die Bevölkerung Europas auf etwa die Hälfte geschrumpft, was für die klerikalen und adligen Grundbesitzer einen bedrohlichen Mangel an Arbeitskräften bedeutete. Die Frauen ließen sich jedoch von den Herrschenden nicht einfach zu massiver „Kinderproduktion“ überreden. Denn wie noch heute in vielen indigenen Gesellschaften der Welt, so existierte auch im Europa der frühen Neuzeit ein umfangreiches, uraltes Volkswissen über natürliche Geburtenregelung. Eine Frau, die eine Reihe von Möglichkeiten an pflanzlichen Verhütungsmitteln und sicheren Abtreibungsmethoden zur freien Verfügung hat, wird kaum dazu zu bewegen sein, mehr Kinder zur Welt zu bringen, als ihr gut tut. Aus diesem Grund machten sich die großen Bodenbesitzer (und dazu gehörte nicht zuletzt die Kirche!) daran, jenes Wissen auszumerzen, das ihrem Bedarf an billigen Arbeitskräften entgegenstand. Heinsohn und Steiger belegen in ihrem Buch auf verblüffend deutliche Weise, dass die Dokumente der Hexenverfolgung – die sogenannten Hexenbullen sowie die inquisitorischen Verhörprotokolle – nicht auf irgendwelche abergläubisch-magischen Praktiken zielen, sondern einzig auf Vorwürfe im Zusammenhang mit „Liebeszauber“, Verhütungsmitteln, Abtreibung und Kindsmord! Das Wissen um diese Mittel und Methoden lag in Europa seit matriarchalen Zeiten vor allem bei den kräuterkundigen Schamaninnen, Medizinfrauen und Hebammen. Die erfolgreiche Auslöschung dieser Frauen mitsamt ihrem Wissen bereitete also erst die Voraussetzungen für die arbeitskraftintensive Industrialisierung. Gleichzeitig stellt der Vernichtungsfeldzug gegen die weisen Frauen (der tatsächlich ab einem gewissen Punkt in vielen Gegenden zu einem wahnhaften Selbstläufer wurde, da die Beschuldigung der Hexerei eine bequeme und sichere Methode war, unliebsame Menschen loszuwerden) auch die Geburtsstunde der männlich geprägten westlichen Schulmedizin dar. Und auch in dem katastrophalen Beharren der katholischen Kirche darauf, jede Form der Geburtenregelung zu verteufeln, darf mit gutem Grund ein irrationales Nachspiel der ursprünglich ganz rational kalkulierten Menschenproduktion vermutet werden.
Die Hexenverbrennungen waren noch nicht vorbei, als die Religionskriege mit dem Ende des dreißigjährigen Kriegs in Mitteleuropa ihr vorläufiges Ende fanden. Das „Heilige römische Reich deutscher Nation“ war fast völlig verwüstet und wurde pro forma noch vom Haus Habsburg wie eine Art Pflichterbe „nebenher“ mitverwaltet. Ein wichtiger Profiteur des Jahrzehnte währenden Ringens war Frankreich, welches im Gegensatz zum rapide verfallenden deutschen Reich sich immer mehr als absolutistischer Zentralstaat festigte. Und in Frankreich prallten denn auch die politischen Strukturen des Absolutismus und die wirtschaftlichen Bedürfnisse eines immer mächtiger werdenden Bürgertums am heftigsten aufeinander.
Die große französische Revolution gilt als der „Klassiker“ aller bürgerlichen Revolutionen. Doch um welche und wessen Freiheiten ging es dabei? Im Gegensatz zu den landläufigen Vorurteilen waren es eben nicht die marxistischen Sozialisten, die die staatliche Planwirtschaft erfunden haben, sondern diese war mindestens seit Ludwig XIV. die Basis der Ökonomie im französischen Absolutismus. Diese Planwirtschaft funktionierte jedoch immer schlechter und rieb sich zunehmend mit den expansiven Bedürfnissen von privater Wirtschaft und Kapital. Zwar gab es Ende des 18. Jahrhunderts im Zug der Aufklärung bereits Philosophen und Künstler, ja sogar aufgeklärte absolutistische Herrscher, die sich mit den Menschenrechten, der Freiheit und dem Gemeinwohl für die ganze Menschheit befassten. In der französischen Revolution ging es aber zuallererst um die Freiheit der Wirtschaft und des Kapitals von der staatlichen Bevormundung.
Natürlich war das bei den führenden Bürgerlichen durchaus verbunden mit einer gewissen gesellschaftlichen Liberalisierung und einer Stärkung der Rechte des Individuums gegenüber dem allmächtigen Staat. Als aber die Masse der Bevölkerung, die man schließlich brauchte, um gegen die Ordnungskräfte des alten Regimes sich auch militärisch durchzusetzen, begann, ihre eigenen Interessen zu erkennen, wurde die Lage prekär. Nicht nur die Freiheit des Geistes und der Wirtschaft und die theoretische Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, sondern vor allem die Brüderlichkeit in der Verteilung der materiellen Lebensgrundlagen wurden nun zum Hauptanliegen des vierten Standes, den man zwar zur Revolution brauchte, den es aber aber auch schnell wieder auszuschalten galt.
Die große bürgerliche Revolution der Franzosen fegte zwar ein absolutistisches Regime vom Tisch und lehrte alle herrschenden Fürsten Europas das Fürchten, wechselte zwar die Regierungsform und die Eliten aus, beließ aber ein Großteil des Volks in Abhängigkeit und Unmündigkeit. Gerade das Nicht-Gelingen des Ideals der Brüderlichkeit führte bei fast allen folgenden bürgerlichen Revolutionen zu eher mäßiger Begeisterung angesichts der tatsächlich, aber eben oft nur theoretisch erfochtenen Freiheiten.
Die im liberalen Ideal angelegte Freiheit ist die Freiheit des Bürgers, des Individuums gegenüber dem Staat, des Individuums in der Wirtschaft und im Besitz. Sie bleibt damit eine systemimmanente Privatfreiheit, die das Prinzip der Herrschaft von Menschen über Menschen nicht grundsätzlich in Frage stellt! Fast zeitgleich zur französischen Revolution findet der Unabhängigkeitskrieg der nordamerikanischen Kolonien statt. Zu den höchsten Idealen der Freiheit gehört dort statt der Brüderlichkeit das Recht auf Eigentum. Folgerichtig führt auch der Wertekonflikt innerhalb der Unabhängigkeitsideale im 19. Jahrhundert dort zum Sezessionskrieg: Die Klage eines schwarzen Sklaven und sein Begehren, die Bürgerrechte zugesprochen zu bekommen, scheitern vor dem obersten Gericht, da man sein Anliegen zwar menschlich nur zutiefst nachvollziehen und billigen könne, es aber von der Verfassung geboten sei, sein Ersuchen abzulehnen, denn man dürfe nicht in das Eigentumsrecht seines Besitzers eingreifen. Dieses Rechtsverständnis löste damals den amerikanischen Bürgerkrieg aus. Die USA haben rechtlich nachgebessert, die vermeintliche Unvereinbarkeit von Freiheit und Brüderlichkeit durchzieht aber weiterhin die Geschichte fast aller bürgerlichen und auch der sozialistischen Revolutionen. Je nach Klasseninteresse wird mal der eine und mal der andere Pol betont. Solange Freiheit aber nur auf das Individuum bezogen wird, gibt es keinen Ausweg aus dem Dilemma. Das 19. Jahrhundert schließlich bringt eine Reihe von Lösungsansätzen hervor, welche die alle soziale Kreativität einengende Pseudoalternative zwischen den wirtschaftsliberalen und staatssozialistischen Gesellschaftsbildern überschreiten.
Die Wiederentdeckung der Gemeinschaft
Relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit der Welt hatte sich in der Schweiz bereits seit einigen Jahrhunderten ein fast atavistisch anmutendes Gesellschaftsmodell etabliert: Viele überschaubare Gemeinden bildeten relativ autonome Kantone, und diese einen recht dezentralen Staatenbund (später erst zum Bundesstaat transformiert). Ein heutiger Verein in der Schweiz, der sich für die Freiheit und die Pflege der Demokratie einsetzt, heiß nicht ohne Grund „Verein für Demokratie und Selbstversorgung“. Selbstversorgung ist zwar nicht deckungsgleich mit dem Revolutionsideal Brüderlichkeit, basiert aber auf der Existenz eines Phänomens, ohne das beide nicht funktionsfähig sind: auf funktionierender Gemeinschaft.
Erinnern wir uns an den Anfang dieser Artikelserie: Der Antagonismus Matriarchat-Patriarchat basiert nicht auf einem Gegensatz von Männer- und (vermeintlicher) Frauenherrschaft, sondern auf dem Widerspruch zwischen Gemeinschaft und Herrschaft von Menschen über Menschen überhaupt. Die liberalen Ideale der französischen Revolution, konstitutionelle Monarchie und parlamentarische Demokratie waren zweifellos wichtige Meilensteine zur Überwindung absolutistischer Herrschaft, blieben aber systemimmanent. Das patriarchale Paradigma der Herrschaft wurde nicht grundsätzlich in Frage gestellt, da Freiheit auf Rechte des Individuums gegenüber dem Staat reduziert und die Grundfrage nach der Basiseinheit einer nachhaltig freiheitlichen Gesellschaft – nämlich einer funktionierenden Gemeinschaft – gar nicht gestellt wurde.
Frühsozialisten, Anarchisten, Marxisten
Mit dem Auftauchen sozialistischer Ideen fand zwar eine nicht unerhebliche Paradigmenverschiebung statt, die aber letztlich doch innerhalb des alten Denkens blieb. Gemeinschaft und Gemeinwohl traten zwar wieder in den Fokus politischen Interesses, wurden aber fast überall mit der Gesellschaft im umfassenden Sinn gleichgesetzt: Während in der sozialdemokratischen Variante eine sozialistische Gesellschaft innerhalb der Spielregeln des parlamentarischen Systems angestrebt wurde, ging es der marxistischen Variante um die Übernahme des Staats als Grundvoraussetzung für eine gerechtere Gesellschaft. Beide Wege blieben, obwohl sich gegenseitig bisweilen heftiger bekämpfend als das bürgerlich-wirtschaftsliberale Lager, dem patriarchalen Herrschafts-Paradigma verhaftet. Denn auch diese Bewegungen identifizierten den Zentralstaat mit Gemeinschaft und Gemeinwohl. So schien das menschliche Freiheitsstreben schließlich in einer Alternative zwischen Pest und Cholera gefangen: Soll die Wirtschaft alles dürfen, was Geld bringt, oder muss Vater Staat alles regeln?
Doch bevor Karl Marx und sein „historisch-wissenschaftlicher“ (Staats-)Sozialismus sich durchsetzten, besaß die frühsozialistische Bewegung in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ganz eindeutig staatskritisch-kommunitäre Züge. In ihr wirkten in der Regel Menschen, die nicht mit Patentrezepten herumwedelten, die die gesamte Menschheit zu erlösen verhießen, sondern die anfingen, Gemeinschaften zu bilden, und die anfingen, das Leben und die Welt nach ihren Bedürfnissen neu zu gestalten. Ihre Ansätze blieben vereinzelt, und sie wurden gleichermaßen von der absolutistischen wie von der bürgerlich-liberalen Seite belächelt, diffamiert, bekämpft und mundtot gemacht. Die Zeit war noch nicht reif für die Wiederbelebung egalitärer Gemeinschaften.
Dann aber tauchten die etwas weiter entwickelten Ideen der Anarchisten auf. Denen ging es nicht, wie später den Marxisten und Sozialdemokraten, um die Macht im Staat, sondern um die prinzipielle Überwindung von Staat und Herrschaft. Von allen Befreiungsbewegungen kamen sie wohl in ihren Idealen der Matrix der Freiheit am nächsten, indem sie auf die Kraft und die Würde von selbstbestimmten und sich selbst organisierenden und miteinander vernetzenden Gemeinschaften setzten. Michail Bakunin war der wichtigste Wortführer der Anarchisten in der ersten Sozialistischen Internationale. Und nicht umsonst fand sich seine bedeutendste Anhängerschaft unter den Uhrmachern des Schweizer Jura. Nicht Attentäter mit Dolch, Pistole oder Bombe (die es über kurze Zeit und in geringer Zahl wirklich gab) machten die Radikalität der Anarchisten aus, sondern ihre Konsequenz, mit der sie in Revolution, Bürgerkrieg und anderen sozialen Kämpfen das Prinzip der Freiheit achteten.
Im Gegensatz zu den liberalen und den staatssozialistischen Bewegungen war es den Anarchisten nicht vergönnt, über längere, friedliche Zeit eine Gesellschaft nach ihren Idealen zu gestalten. Während der russischen Revolution und des spanischen Bürgerkriegs gab es sehr wohl einige vielversprechende anarchistische Großexperimente, die jedoch von staatssozialistischen Kräften verraten oder offen bekämpft wurden. Dennoch müssen wir vermuten, dass auch die frühen Anarchisten die Tiefenstrukturen des patriarchalen Herrschaftssystems nicht wirklich durchschauten. Wichtige Elemente herrschaftsfreier Gemeinschaft tauchten in ihren Konzepten durchaus auf: Dezentralität, Selbstversorgung, direkte Demokratie, genossenschaftliche Produktion, Gemeinschaftsbesitz und am wichtigsten: Freiheitswille und ein gesundes Misstrauen in zu große, anonyme Organisationen. Der menschlich-seelisch-soziale Kern einer funktionierenden Sippengesellschaft aber war im 19. Jahrhundert noch weitgehend unbekannt.
Doch damit sind wir bereits in der Moderne angelangt, und darum geht es in der nächsten Folge. ♠
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