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Editorial
erschienen in Ausgabe 158
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
Barack Obama begeistert. Möge ihm sein kulturkreatives Beraterteam helfen, dem Mahlwerk der absoluten Macht wenigstens ein, zwei Jahre einigermaßen anständig zu widerstehen. Er könnte unsere letzte Hoffnung sein. – Soweit mein aktuell geforderter Pflichttext dazu.
Was Obamas wichtigster Wegbereiter tut, wird in Europa weniger wahrgenommen: Am 17. Juli hat Al Gore in der DAR ­Constitution Hall in Washington, im Haus der „Töchter der amerikanischen Revolution“, seine wohl wichtigste Rede gehalten, im Original und auf Deutsch nachzulesen unter: www.sfv.de/artikel/2008/A_Genera.htm. Pflichtlektüre!
Gores Mission: Amerikaner, wir haben in zehn Jahren einen Mann auf den Mond und heil wieder zurück gebracht. Lasst uns in zehn Jahren auch unseren Strom zu 100 Prozent ohne fossile Ressourcen erzeugen!
Der Appell kommt zur richtigen Zeit, vom richtigen Propheten. Er reizt den ­Pioniergeist der Nachfahren des auswanderungs­mutigen Zweigs unserer europäischen Vorfahren: ­Früher Go West! Heute Go Green!
Millionen Amerikaner hungern nach einer starken Person, die sagt, was gegen den drohenden ­Kollaps zu tun ist. Gore sagt es. Was er nicht sagt, ist, wie er sich den kompletten Umbau der Ölwirtschaft auf Solar-, Wind- und Bio­ener­gie vorstellt. Das ist o.k., denn auch die amerikanischen Kulturkreativen wissen inzwischen, dass es die dazu nötigen Technologien heute bereits gibt.
Auch o.k., dass er nichts sagt über die nötige drastische Abkehr vom American Way of Life. Die Stimmung wäre ruiniert. ­Leider spricht Gore aber auch nicht davon, dass sein Zehnjahresprojekt eine globale Ethik, eine globale spirituelle ­Komponente impliziert, ohne die das neue Gebäude so lebensfeindlich geraten wird wie die heutigen Glashäuser des Kapitals. Zwar sagt er, dass die Leute „die Mini-­Schrittchen egoistischer Politiker satt haben und sich nach neuen, völlig anderen und mutigen Lösungen sehnen." Aber er spricht das erlösende Wörtchen „Weisheit“ (noch?) nicht aus, sagt nicht, dass es nicht darum geht, die Technologie auszutauschen, sondern darum, unsere gesamte Einstellung zum Leben auf diesem Planeten zu ändern.
Gar kontraproduktiv ist sein letztes Bild: Der Start der riesigen, den Himmel stürmen­den Mondrakete, den er, lärmgeschüttelt, verfolgte, dient Gore als Metapher für den nötigen Aufbruch – ausgerechnet der maskulinste ­Apparat, der wie kaum etwas anderes die absolute Dominanz des Menschen über die Natur markiert! – Al, Al, doch nicht so!
Wenn unsere Propheten nicht bald zu mütterlichen Bildern finden, wenn wir nicht bald beginnen, zyklisch, spiralisch, atmend zu träumen, zu denken und zu ­handeln, schießen wir uns immer weiter fort von der Anziehung unserer schönen Erde – und kein noch so ökologischer Elektromotor wird uns lebend wieder zurückbringen in ihren Schoß.
Sehr nachdenklich, Ihr
Johannes Heimrath

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Heimrath, Johannes

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