Zur Evolution eines neuen Denkens in den Wissenschaften.
Die „Freien Gesundheitsberufe“ führen den Diskurs darüber, wieviel Wissenschaft sie brauchen, und welche wissenschaftlichen Methoden entwickelt werden müssten, um lebendige Prozesse zu beschreiben, ebenso wie über die Frage, wie Wissenschaft mit Spiritualität zueinander in Beziehung stehen. Dabei fühlen sie sich verbunden mit der Arbeit des Zentrums für Salutogenese in Bad Gandersheim und dessen Leiter, dem Arzt Theodor Dierk Petzold, der hier über die Problematik der Objektivität in der Medizin nachdenkt.
Endlich hat die Mehrzahl der KlimawissenschaftlerInnen akademisch bestätigt, was viele Menschen schon seit vielen Jahrzehnten vorhergesehen haben: Die bedenkenlose Ausbeutung der natürlichen Ressourcen führt zu einer Umweltzerstörung, die auf die Lebensqualität der Menschen zurückschlägt. Hoffentlich ist es nicht ganz zu spät.
Dazu drängt sich die Frage auf, wie es kommt, dass naturverbundene Menschen und Völker eine solche Situation schon lange wahrgenommen haben, die Wissenschaften sie aber erst feststellen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.
Ähnlich verhält es sich mit den endogenen (selbsterzeugten, nicht-infektiösen) Krankheiten vieler Millionen Menschen in den Industriegesellschaften, den sogenannten Zivilisationskrankheiten, wie Arteriosklerose, Diabetes mellitus Typ II, den Sucht- und vielen Tumorerkrankungen. Seit dem Altertum ist bekannt, dass die heute verbreiteten Lebensgewohnheiten im Hinblick auf Konsum, Giftdisposition und Bewegung derlei Erkrankungen begünstigen. Doch über hundert Jahre wurden „kränkende“ Lebensweisen von den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Kultur propagiert.
Die oben gestellte Frage teilt sich eigentlich in mehrere Fragen. Erstens: Warum haben die Menschen mit einer guten visionären Intuition heute so wenig gesellschaftliche Macht? Und zweitens: Gibt es ein „Neues Denken“, eine Betrachtungsweise, die uns hilft, dieses intuitive Wissen mit den Wissenschaften zu verbinden und die Grundzüge einer neuen Wissenschaftlichkeit vom Lebendigen zu schaffen?
!bEine hierarchische Organisation des Lebendigen
Der Biologe und Begründer der Systemtheorie Ludwig von Bertalanffy (1990) hatte in der Natur eine Hierarchie von Systemen beobachtet (s. a. Riedl [1992]; Petzold [2000/2]). Wie im menschlichen Organismus eine Hierarchie der Systeme – zum Beispiel: Zelle, Organ, Gesamtorganismus – besteht, so kann man diese Hierarchie weiterführen: Ein Individuum ist entstanden und eingebettet in seine Familie, im primären sozialen Kontext und dieser wiederum in einer Kultur. Eine menschliche Kultur ist Teil der Menschheit, und diese lebt in der Biosphäre und im Universum. Ein Individuum kann mit diesen unterschiedlichen System-Dimensionen resonieren (siehe Grafik). Die Grenzen zwischen den Systemen sind nicht scharf; allgemein sind Systeme durchlässig begrenzt. Jedes System (Holon) hat seine eigene charakteristische Verbundenheit und Stimmigkeit (Kohärenz).
Anstatt von Hierarchie spreche ich lieber von „Holarchie“. Dieser Begriff ist, erstens, nicht durch politische Hierarchien vorbelastet und bringt, zweitens, besser zum Ausdruck, dass es sich um übergeordnete Ganzheiten handelt, die Teile einschließen und nicht nur beherrschen. In einer Holarchie gibt es sowohl eine außen–innen-(= top-down) wie auch eine innen-außen- (= bottom-up)Resonanz. Das bedeutet, dass jeder Einzelne seine Familie und Kultur als prägendes Bezugssystem hat, ebenso wie er seinerseits seine Familie bzw. Kultur von innen heraus beeinflusst.
Über die Bedeutung der kulturellen Dimension
Wenn wir in Zukunft nicht weiterhin immer unseren Erkrankungen und denen unserer Lebenswelten hinterherlaufen, sondern sie frühzeitig erkennen und vorbeugen wollen, liegt es nahe, den vorausschauenden Menschen mehr Gehör und Bedeutung und also mehr Macht zu geben.
Wer das einmal versucht hat, weiß, welch riesige Hindernisse da warten. Das hat sicher mehrere Gründe:
1. Das herrschende Denken ist vom Objektivitätsanspruch der Naturwissenschaften so geprägt, dass Subjektivität missachtet wird und somit ein vorausschauendes, visionäres Denken offiziell keinen Platz hat.
2. Eigenes Misstrauen gegenüber der Subjektivität: Wie oft haben wir erlebt, dass das „Gefühl“ einmal stimmte und andere Male nicht zutraf?
3. Die Mühlen der Kultur mahlen langsamer als die individuellen Mühlen.
Für das Haupthindernis in unserer Kultur ist meines Erachtens das Paradigma des Beweisen-Müssens verantwortlich, das nur Beweise anerkennt, die materielle Ursachen in der Vergangenheit aufzeigen. Dieses Paradigma hat den Naturwissenschaften große Erfolge gebracht und ihnen samt der daraus resultierenden Technik zum unvergleichlichen Siegeszug der neuzeitlichen Zivilisation verholfen. Dieser Siegeszug nahm seinen Lauf vor 400 Jahren mit Galileo Galilei, der mit Messungen bewies, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Damit nahm er den Religionen und der subjektiven Wahrnehmung die Glaubwürdigkeit und verhalf den Wissenschaften zu ebendieser.
Hieraus entstand der Glaube, dass es eine beweisbare „objektive“ Wahrheit gäbe, die anders sei als die meist falsche, zumindest stets anzuzweifelnde religiöse bzw. subjektive Erkenntnis.
Messen und beweisen kann man allerdings nur etwas, was schon geschehen ist. Solange ein Kind nicht in den Brunnen gefallen ist, kann man nicht beweisen, dass es hineinfällt. Solange Menschen von zuviel Zucker oder Nikotin usw. nicht massenhaft erkranken, ist dieser Zusammenhang nicht messbar – also darf man nicht glauben, dass es so ist. So ist in diesem Paradigma des Beweisen-Müssens schon vorgegeben, dass wir Gefahren erst dann erkennen können, wenn sie schon großen Schaden angerichtet haben, der dann unter Umständen jedoch irreparabel ist.
Eine kulturelle Parallelwelt
Durch dieses Paradigma des Beweisens ist eine objektiv gemessene Parallelwelt neben der subjektiv erlebten Welt aufgebaut. An diese Parallelwelt glauben heute die meisten Menschen in den Industrienationen. Das bedeutet, dass ihr Verstehen, ihre Denkmuster sich im Rahmen eben dieser Parallelwelt abspielen. Ähnlich haben die Menschen im Mittelalter oder heute in religiös fundamentalistischen Kreisen und Kulturen an übergeordnete religiöse Parallelwelten, an die Bibel oder den Koran oder an anderes geglaubt. Maturana (1987, 1994) und andere Systemtheoretiker sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Leben in der Sprache“ als „operativ geschlossenem System“. Das Verhängnisvolle an vielen dieser kulturellen Parallelwelten ist, dass sie einen absoluten Wahrheitsanspruch erheben, der das individuelle Fühlen, Mitfühlen und Denken unterbindet bzw. beschränkt auf eine „geschlossene“ Gesellschaft. Für die Christen gab es nur (christliche) Menschen und Heiden, für Moslems nur Gläubige und Ungläubige, und für die Naturwissenschaften gibt es eben nur objektive Wahrheiten und subjektive Unwahrheiten. Für die jeweils außerhalb stehenden „Ungläubigen“ gibt es innerhalb der Parallelwelt meist kein Mitgefühl.
Die moderne wissenschaftliche Parallelwelt zeigt nun allerdings Besonderheiten insofern, dass sie, erstens, mit ihrer Technik bis dato unbekannte Möglichkeiten und Zerstörungskräfte entwickelt hat und, zweitens, ihre „objektiven Wahrheiten“ nicht nur das Gefühl und Mitgefühl für Menschen außerhalb der Wissenschaftsgemeinde unterbinden, sondern diese ganz allgemein im öffentlichen, beruflichen Leben missachten.
Im Lauf der medizinischen Ausbildung lernen wir, Menschen als Summe von Messdaten, Laborwerten, Röntgenbefunden und Diagnosen zu sehen anstatt als autonom sich selbst regulierenden, aktiven, fühlenden und denkenden Mitmenschen. Extrem deutlich wird das z. B. an den Disease-Management-Programs.
Der amerikanische Psychiater Lifton hat bei den Persönlichkeiten der Ärzte im Nationalsozialismus, die sich an der Vergasung von Millionen Menschen auch wissenschaftlich beteiligten, eine Spaltung der Persönlichkeit festgestellt, wie er sagt ein „Doppelgängersyndrom“: Die eine Person ist der gute, fürsorgliche Familienvater, die andere ist der „objektive“ und damit emotional und ethisch beziehungslose Mediziner, der nach der objektiven Wirkung der Giftgase schaut und diese untersucht. Lifton schreibt: „Vielleicht der einzig wirkliche Schlüssel für das ärztliche Funktionieren des Auschwitz-Selbst war die Technisierung von allem und jedem. Das Selbst konnte sich aller ethischen Bedenken entledigen, indem es sich auf das rein Technische oder das rein Fachliche konzentrierte … Menschlichkeit bedeutete technisch perfektes Töten.“ (Lifton nach Uexküll 1991, S. 629)
Während des Irakkriegs berichtete ein junger amerikanischer Bomberpilot von seinem Einsatz über Bagdad: „Es war wie in einem guten Baseballspiel, wo man immer genau treffen muss.“ Millionen von Menschen in den USA und in vielen anderen Völkern waren bereit, auf die bewussten Lügen von George W. Bush, wonach der Irak mit Massenvernichtungswaffen den ganzen Westen bedrohe, einen Krieg gegen das irakische Volk zu unterstützen und sogar das eigene Leben aufs Spiel zu setzen.
Für unsere Betrachtung hier möchte ich festhalten, dass es eine kulturelle, sprachlich vermittelte Lebenswelt gibt, die eine eigene Dynamik aufweist, die mit einem individuellen, subjektiven Erleben nur punktuell oder gar nicht übereinstimmt bzw. die individuelle Für-wahr-nehmung maßgeblich beeinflusst.
Objektiv – subjektiv – metativ
Unter „objektiv“ wird allgemein eine Erkenntnis verstanden, die vermeintlich neutral ohne Einfluss eines Subjekts erfolgt. Wir wissen inzwischen, wie sich viele „objektive“ Erkenntnisse im Lauf der Zeit verändert haben, dass „objektiv“ also keineswegs gleichbedeutend mit „wahr“ ist. So wird heute von Erkenntnistheoretikern eine Erkenntnis „objektiv“ genannt, die von einem „allgemeinen Subjekt“ nachprüfbar ist (Müller 1988, S. 218) – es bleibt aber immer noch eine subjektive Erkenntnis, aber eben die eines größeren Subjekts, wie z. B. einer Fakultät, einer Regierung oder Kirche oder einer Kultur. Dieses sei hier als Metasubjekt im Vergleich zum Individuum bezeichnet. Um diesen Sachverhalt eindeutig zum Ausdruck zu bringen, schlage ich vor, die Erkenntnisse, die ein Metasubjekt tätigt, metativ zu nennen (Petzold 2001).
Damit können die alten Missverständnisse und die Diskriminierung des Subjekts vermieden werden, die „objektiv“ mit „wahr“ gleichsetzten und „subjektiv“ mit „unwahr“. Gemeinsam von Wissenschaftlern, Technikern und Machthabern wurde so die heutige objektive Parallelwelt geschaffen, die zu so brutalen Spaltungen im individuellen Subjekt geführt hat, wie wir sie unter anderem im Nationalsozialismus gefunden haben und heute noch bzw. wieder in den Hochzivilisationen durchgehend finden. Mit metativ bezeichne ich eine Wahrheit, die schon mehrere Subjekte erkannt haben, eine Wahrheit, auf die sich mehrere Subjekte geeinigt haben. Mit metativ wird auch der Prozess der evolutionären Erkenntnisgewinnung deutlich: Eine Wahrheit entsteht meines Erachtens nur durch Für-wahr-Nehmen und Kommunikation von Subjekten. Wenn viele Menschen eine Erscheinung für wahr halten und darüber kommunizieren und sich einigen, dann entsteht eine metative Wahrheit. ♠
Theodor Dierk Petzold, Jahrgang 1948, Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren mit Europ. Cert. f. Psychotherapy (ECP). Gemeinschaftsleben und Arztpraxis in Heckenbeck. Seminar- und Gesundheitshaus Alte Mühle, hier Gründung des Zentrums für Salutogenese. Vorsitzender der Akademie für patientenzentrierte Medizin APAM e.V. und Mitherausgeber der Zeitschrift für Salutogenese und anthropologische Medizin DER MENSCH. Sprecher des Deutschen GesundheitsParlaments; Veröffentlichungen, Seminare und Autonomietraining-Ausbildung. Kontakt: www.gesunde-entwicklung.de, www.salutogenese-zentrum.de.
Literatur: Bateson, Gregory (1987): Geist und Natur; Frankfurt/M: Suhrkamp Verlag • Bertalanffy, Ludwig von (1990) Das biologische Weltbild; Wien-Köln: Böhlau Verlag • Bertalanffy, Ludwig von (1984): Systemtheorie – Forschung und Information Bnd. 12; Berlin: Colloquium Verlag • Maturana, H.R., Verden-Zöller, G. (1994): Liebe und Spiel. Die vergessenen Grundlagen des Menschseins. Heidelberg. • Maturana, Humberto u. F. Varela (1987): Der Baum der Erkenntnis; München: Goldmann • Müller, Max u. A. Halder (1988): Philosophisches Wörterbuch; Freiburg: Herder
Petzold, Theodor Dierk (2000/2): Resonanzebenen – Die Evolution der Selbst-Organisation; Heckenbeck: Verlag Gesunde Entwicklung • Petzold, Theodor Dierk (2001): Objektivität, Subjektivität und Arzt-Patienten-Beziehung; in: Erfahrungsheilkunde 2/2001 S .71-81 • Riedl, Rupert (1979) Über die Biologie des Ursache-Denkens – ein evolutionistischer, systemtheoretischer Versuch; Mannheim: Mannheimer Forum 78/79 • Schipperges, Heinrich in Engelhardt (Hrsg.) (1998): Zwei Jahrhunderte Wissenschaft und Forschung in Deutschland Entwicklungen – Perspektiven; Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
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