Gefährliche Selbst- und Fremdbilderund ihre Wandlung zu kollektiver Intelligenz. Ein Kongressbericht von Dolores Richter.
Persönliche und kollektive Bilder von uns selbst und von „den Anderen“ entscheiden darüber, wie wir anderen Menschen begegnen, welche anderen Personen und Gruppen wir als Freunde und welche wir als Gegner sehen. Ist es jedoch unumgänglich, dass mein Identitätsgefühl mich von anderen abgrenzt und sie unter Umständen zu Feinden macht?
Was ist Identität? Wie bildet sie sich? Wann ist sie gesund, wann und wodurch wird sie gefährlich? Wann identifizieren wir uns mit unserer Persönlichkeit, wann gehen wir darüber hinaus? Wie wirken persönliche und kollektive Identität ineinander? Wann wirkt die kollektive Identität gemeinschaftsbildend, wann löst sie Gegnerschaft und Krieg aus?
Hundert Referenten haben zu diesem Thema an drei Kongress-Tagen ihren neuesten Stand der Forschung beigetragen. Die Organisatoren Brigitta und Albrecht Mahr hatten die Referenten aus den verschiedensten Teilen der Welt und aus unterschiedlichen Fachgebieten sorgfältig ausgesucht: seien es Friedens- und Konfliktforscher wie Vamik Volkan, die Psychologin und Traumaexpertin der afrikanischen Wahrheitskommission, Pumla Gobodo-Madikizela, die Quantenphysiker Amit Goswami und Hans-Peter Dürr, den Ökonomen Otto Scharmer, den Begründer der Citizen’s Wisdom Councils Jim Rough, den spirituellen Lehrer Thomas Hübl oder den philippinischen Lifebank-Begründer Nicanor Perlas – um nur einige zu nennen.
Starre und flexible Identität
Wenn wir stehenbleiben und festhalten an den vertrauten Gewissheiten von „ich bin“, ist unsere Welt voll von Anderen, die uns fremd, unheimlich oder gar bedrohlich erscheinen. Eine solche, in Stillstand gefangene Identität ist die Quelle von Angst, Gegnerschaft und Kriegsbereitschaft. Das Festhalten an einem definierten „Ich bin“ geschieht verstärkt dort, wo sich Identitätsbildung nicht auf gesunde Weise entwickeln konnte; wo es keine stabilen Bindungen, keinen liebenden Halt gab, wie den Verlust der Eltern oder der Heimat in Kriegsgebieten etc.
Wenn die primäre Identität positiv durch die Eltern gefördert wird, wird sie zu einer klaren, steuernden inneren Instanz, die Herausforderungen besteht. Sie kommt nicht auf die Idee, in anderen mehr Weisheit zu vermuten als in sich selbst. Je gesünder die Ich-Bildung verlaufen konnte, desto weniger Ego braucht der Mensch, um seine Persönlichkeit zu behaupten. Je schwächer sie allerdings ist, umso mehr bestimmt die Angst. Die Persönlichkeit wird zu einer abgeschlossenen Identität, die nach äußeren Autoritäten sucht. Sie verbindet sich mit Großgruppenidentitäten, die andere als Feinde benötigen, um sich stark zu fühlen.
Aber was ist Identität, wenn sie nicht etwas Festgefügtes sein soll?
Identität ist etwas Konstantes, das sich ständig wandelt. Das Konstante ist unser Wesen, die Essenz – ein sanfter, wahrer Grundton, der etwas Gleiches behält – wie der Duft einer Blume. Das ist unsere Kernidentität.
Gesunde Identität zeichnet sich aus durch Offenheit und Wandelbarkeit. Der Wandel unserer Identität ist eine Reise, in der sich das Wesen immer wieder neu findet und vollständiger wird – ein Prozess, der nur in Beziehung stattfinden kann. Er entwickelt das soziale Gehirn, das nicht primär auf das Ego fokussiert ist, sondern auf Zuwendung, Wertschätzung, Austausch und Resonanz. In Südafrika gibt es für dieses gemeinschaftsbildende Prinzip unter Menschen das Wort Ubuntu: ich bin durch dich und du durch mich, und wir sind durch die anderen.
Prozess der Entmenschlichung
Gestörte Identitätsbildung führt zu gefährlichen Selbst- und Fremdbildern. Gefährliche Selbst- und Fremdbilder entstehen zum Beispiel dort, wo Menschen sich fast ausschließlich über eine Identität definieren, wie zum Beispiel über die Volks- oder Glaubenszugehörigkeit. In manchen, sehr traditionellen Volksgruppen erhält man solch eine Gruppenidentität per Geburt zugewiesen, in der Regeln, Verbote und Traditionen wie unantastbare Naturgesetze gelten. Auch hier ist die Identitätenvielfalt eingeschränkt.
In offeneren Gesellschaften sind wir vorrangig mit unserer persönlichen Identität unterwegs. Die Großgruppenidentität wird erst durch äußere Einflüsse wie Naturkatastrophen oder Kriege wachgerufen.
Vamik Volkan hat die Psychologie von Großgruppenidentitäten studiert. Er hat beobachtet, dass in dem Fall, wo die eigene Großgruppe angegriffen wird, die persönliche Identität bei der Mehrheit der Mitglieder so stark zurücktritt, fast aufgegeben wird, dass die Großgruppe mehr und mehr wie ein eigener Organismus agiert. Und so, wie wir als Individuen im Stressfall mit Regression und Verhärtung alter Muster reagieren, so kann man das auch bei Großgruppen beobachten: Die gesamte ethnische oder religiöse Gruppe reagiert wie ein Körper, die individuellen Unterschiede treten zurück und werden auf das Feindliche übertragen. Der Feind wird zu einer kollektiven Projektion, Autorität wird verstärkt an die Führung und Ideologie abgegeben, mythische Überzeugungen, religiöser Fundamentalismus bekommen neue Nahrung. Wo Menschen verschiedener Identitäten zusammenlebten, werden sie jetzt zu Feinden; die Trennung der gegnerischen Gruppen wird durch Propaganda künstlich verstärkt, Misstrauen durchsetzt die Gesellschaft. Je mehr die individuelle Identität zugunsten der Großgruppe aufgegeben wird, entsteht ein blindes Vertrauen in die Führung. Alte Traditionen und Symbole werden reaktiviert und mit aggressiven Inhalten vergiftet.
Mit dem individuellen Identitätsverlust beginnt ein gleichzeitiger, schleichender Prozess der eigenen Ent-menschlichung, der verantwortlich dafür ist, dass der Feind nicht mehr als Mensch gesehen wird, entmenschlicht wird. Das wiederum befähigt Menschen dazu, andere wegen ihres Andersseins zu misshandeln und zu töten.
Vamik Volkan sieht heute global eine Zunahme regressiver Tendenzen. Er tritt dafür ein, verfeindete Volksgruppen in Dialoge und Kommunikationsräume zu bringen. So können die Menschen ihre psychischen Realitäten verstehen. Volkan bringt Psychoanalytiker, die mit ethnischen oder religiösen Konflikten vertraut sind, mit Diplomaten, die sich für neue Kommunikationsformen interessieren, zusammen und arbeitet heute vor allem im Dialog westlicher und muslimischer Kulturen. Der Dialog zwischen gegnerischen Parteien ist kein intellektueller sondern ein emotionaler Dialog, sagt Vamik Volkan. Dieser Gedanke geht uns unter die Haut, wenn wir Einblick in die Versöhnungsarbeit von Volksgruppen bekommen, die sich bereits Grausamstes zugefügt haben – und doch zusammenleben müssen.
Unverzeihliches vergeben?
Pumla Gobodo-Madikizela war an der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika beteiligt und beschreibt in vielen markanten Beispielen, wie Prozesse der Versöhnung zustandegekommen sind – seien sie geglückt oder nicht. Ohne diese Gegenüberstellung und Traumaaufarbeitung unterstützen wir Entwicklungen, die dazu führen, dass die Menschen in „Wir“ und „Die“ denken, besetzt von ihrer Großgruppenidentität. „Es ist wie eine Vergiftung, die sich blitzschnell dahin entladen kann, dass sie – ohne mit der Wimper zu zucken – alles töten, was annähernd zu den anderen gehört.“
Um dieser Spirale der Gewalt zu entgehen, hat die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika einen beispielhaft neuen Weg der Aufarbeitung versucht. Was geschieht, wenn die Täter sich der Begegnung mit ihren Opfern oder deren Hinterbliebenen stellen? Der Täter erfährt in der Begegnung: Ich habe einem Menschen, der Vater, Mutter, Brüder und Schwestern hatte, das Leben genommen. Ich habe ihr Leben zerstört. Der Täter ist sehend geworden für die Menschlichkeit des Opfers. Seine Reue ist ein tiefes Bedürfnis, wieder Teil der Menschengemeinschaft sein zu wollen. Wo Reue ist, ist jedoch noch keine Vergebung.
Vergebung ist ein emergenter Prozess. Um Vergebung zu verstehen, brauchen wir einen Einblick in die Natur des Traumas: Das traumatische Ereignis wird im Tiefsten des eigenen Wesens eingeschlossen; das Opfer hat das Gefühl für die eigene Identität verloren, es fühlt sich nicht mehr. Es kann die Geschichte seines Lebens nicht mehr erzählen, hat keine Worte mehr für sich selbst. Das Ereignis und die Gefühlswelt sind getrennt, es muss sich gegen Gefühle wehren. Es gibt kein Verstehen, keine Artikulierung; das Trauma ist im Innersten beerdigt – und beeinflusst doch das ganze Leben. Wenn Opfer und Täter sich begegnen, kommt das Trauma nach vorne, es wird wieder enthüllt. Wenn der Täter wahrhaftig zugibt, was geschehen ist, kommt im Opfer etwas in Gang, was ihm ermöglicht, wieder Zugang zum Unaussprechlichen zu finden.
„Das Unbewusste des anderen aus dem Schatten zu heben, ist ein Akt der Liebe“, sagt Pumla Gobodo – und das geschieht auf beiden Seiten. Seitens des Opfers entsteht der Boden für Vergebung, dass es die unbewusste Motivation des Verbrechens erkennen kann. Wo Reue und Bedauern in den Augen des anderen gesehen, der Schmerz des jeweils anderen gefühlt werden kann, erwacht ein vergebendes Herz. Opfer und Täter erleben einander für diesen Moment als Menschen einer Gattung. Sie haben eine Identität berührt, die jenseits ihrer Rassen- oder Religionszugehörigkeit besteht.
Dabei entstehen Worte wie die einer Frau über den Mörder ihres Mannes: „Ich hoffe, dass er, wenn er unsere Tränen sieht, dass er dann weiß, es sind nicht nur die Tränen, die wir um unsere Männer weinen, sondern auch Trauer um ihn … Ich möchte seine Hand halten und ihm zeigen, dass es eine Zukunft gibt: dass er noch immer die Chance hat, sich zu ändern.“
Gemeinsame Identität finden
Ein weiteres Beispiel in diese Richtung liefert uns Nicanor Perlas. Perlas begann seine politischen Aktivitäten im Kampf gegen die Diktatur unter Marcos auf den Philippinen. Er erhielt vor zwei Jahren den Auftrag, einander bekriegende Parteien von muslimischen und christlichen Soldaten in einen Dialog zu führen. Seine Frage war: Wie kann ich ein Gefühl von gemeinsamer Identität erzeugen, einer Identität, die größer ist als die der Religionszugehörigkeit? Er hatte die Eingebung, die Entstehungsgeschichte des Universums zu erzählen, mit Zahlen und Bildern, die eindrucksvoll die Kostbarkeit dessen spürbar machten, was zur Entstehung des Menschen geführt hat. Er sprach über diese große gemeinsame Reise des Menschen – der heute den anderen umbringt wegen verschiedener Glaubensauffassungen. Am Ende seiner Darstellung stand ein muslimischer Kommandant auf und sagte: „Ich stimme damit überein, was Sie sagen. Genauso steht es im Koran.“ Christen standen auf und sagten: „Ja, genau so steht es auch in der Bibel.“ – Das Eis war gebrochen, und es entstand ein Dialog, wo Tränen flossen und Menschen sich umarmten, die sich bisher mit Gewehren gegenübergestanden hatten.
Heilung, Konfliktlösung und Versöhnung werden möglich, wo die Konfliktpartner eine gemeinsame Identifikationsmöglichkeit finden, die über die ihrer beider Identitäten hinausgeht. Eine gesunde Identität, eine gesunde Ich-Bildung ist Voraussetzung für ein gesundes Wir. Und ein gesundes Wir besteht aus Einzelindividuen, die eine Identitätsvielfalt haben, die ihnen ermöglicht, Andersartigkeit in sich selbst wieder zu erkennen und nicht nur nach außen zu projizieren.
Otto Scharmer ergänzte zum Thema Identität: Jeder von uns hat zwei Identitäten: die gewordene – und die, die werden könnte: der Möglichkeitsraum. Wo sich diese beiden „zuhören“, entsteht etwas Neues: Alte Identitäten können losgelassen werden und sich wandeln in das, was im höchsten Sinn im Werden begriffen ist. Die Qualität der Aufmerksamkeit, die wir in eine Situation einbringen, bedingt die Art und Weise, wie Wirklichkeit entsteht und in die Welt kommt. Und er fügte mahnend hinzu:
„Das Fundament unseres sozialen, ökonomischen, ökologischen und spirituellen Wohlergehens ist gefährdet. Die Komplexität dieser Probleme bedarf einer kollektiven Führungsfähigkeit, die uns die Instrumente an die Hand gibt, bewusster, zielgerichteter und effektiver auf Herausforderungen zu antworten und gemeinsam handlungsfähig zu werden. Handlung und Führung brauchen eine neue Qualität, die sich an einer zukünftigen Möglichkeit orientiert und aus Mustern der Vergangenheit ausbricht.“
Diese Konferenz hat eine brillante Komplexität an Themen und Referenten auf großartige Weise an einen Ort gebracht. Es lohnt sich, in zwei Jahren die Augen aufzuhalten: 2010 wird voraussichtlich der nächste Kongress in Würzburg stattfinden. Brigitta und Albrecht Mahr suchen dafür noch Sponsoren. ♠
Dolores Richter, 49, Mutter, Autorin, Vortragsrednerin, Moderatorin. Sie lebt im ZEGG in Belzig bei Berlin. Seit 25 Jahren ist sie in der Gemeinschaftsbewegung und in der Vernetzung für globale Heilung engagiert. Sie gibt Kommunikationstrainings und Seminare zu Bewusstsein in Liebe und Sexualität sowie Beratung und Supervision von Gemeinschaften und Organisationen auf Deutsch und Englisch. Kontakt: dolores.richter@gmx.net oder www.zegg.de
Homepage des Würzburger Kongresses: www.ichbin-ihrseid.de
|