Über den Boom der Wunsch-Literatur.
Die Wunsch-Esoterik erlebt einen neuen Boom, ausgelöst durch Bücher und Filme wie „The Secret“, „Bestellungen beim Universum“, „Wünschen, aber richtig“, „Wünsch dir was“. Eine bekannte spirituelle Zeitschrift griff kürzlich das Thema auf, indem es die LeserInnen um ihre Meinung bat – was eine Flut an Zusendungen auslöste. Und auch im Netz lassen sich Diskussionsrunden entdecken, die sich dem Thema von amüsant bis hochkritisch nähern. Was hat es mit den immer neuen Wunschbüchern auf sich, warum sind sie so erfolgreich? Welche Meinungen haben spirituell orientierte Leser hierzu? Diesen Fragen ist Uta Freckmann nachgegangen, indem sie versucht, die vielfältigen Meinungen diverser Diskussionsrunden zum Wunsch-Boom zusammenzufassen.
Wahrscheinlich sehen sich die Autoren selbst als Mittelpunkt des Universums an, denn wenn viele verschiedene Menschen das Universum auspressen und formen, gibt es Kuddelmuddel – jedenfalls wenn sich mehrere solcher Menschen ein Universum teilen müssen.“ So lautet eine Meinung zum Thema „Bestellungen beim Universum“ in einem Diskussionsforum unter der Adresse www.die-seelenschule.de. Mit dem Wunsch-Boom offenbart sich für einige Menschen eine gewisse Maßlosigkeit im Denken, die in eigentlichem Widerspruch steht zum Grundgedanken „Herr, Dein Wille geschehe“. So stellte sich mancher Leser die Frage, ob das Universum eine Art Otto-Versand ist, in dem man sich grenzenlos bedienen kann, ohne zu bezahlen. Ein Teilnehmer vergleicht dieses Verhalten gar mit schwarzer Magie, denn Gedankenkräfte einzig und allein dazu zu benutzen, sich ein bequemes Leben und damit Geld und Gut zu manifestieren, kann wohl leicht auf den falschen Pfad führen.
Eine Leserin meint, dass hierbei die Dankbarkeit vergessen wird, die, wenn man sie intensiv praktiziert, automatisch zu innerer Freude und dem Gefühl von Fülle führe. Gerade heute, wo Charakterschwächen wie Geiz und Gier in Werbebotschaften als erstrebenswert hochstilisiert werden, sei es immens wichtig, ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen zu erstreben.
„Es besteht die Gefahr einer Wünsch-dir-was-Gesellschaft, die nur noch auf Nehmen ausgerichtet ist“, meint der Verfasser eines Leserbriefs und vergleicht die Autoren von Wunsch-Büchern mit „esoterischen Drogendealern“. – Gar nicht so weit hergeholt, wenn man bedenkt, dass das alleinige Ausrichten auf die Wunscherfüllung regelrecht paralysieren und in eine Wartestellung führen kann. Ähnlich kann es einem ergehen, wenn man die Zukunft vorhergesagt bekommt und man auf die Erfüllung der Prophezeiungen wartet. Diese Position führt bei manchem in die Abhängigkeit, bis hin zur Lebensuntüchtigkeit.
Wenn einem der eigene Wunsch auf die Füße fällt
„Ich wünsche mir das Ende des Wünschens“, meint ein Leser der Zeitschrift „Connection“ und schreibt weiter: „Ich habe bei mehreren Gelegenheiten Dinge recht intensiv gewünscht und dann … sind sie tatsächlich so gekommen, und ich saß da mit dem Schlamassel.“ Der Desillusionierte führt weiter aus: „Die Folgen der eigenen kindischen Wünsche ertragen zu müssen, ist noch viel härter, als wenn man sich wenigstens einreden kann, das Schicksal wäre aus unerfindlichen Gründen von außen über einen hergefallen.“ Seine Wünsche im Rückblick als Auslöser für unerquickliche Ereignisse zu erkennen, scheint eine abschreckende Wirkung zu haben. Mehrmals wurde erwähnt, dass beim Wünschen immer die innere Haltung bzw. das Motiv eine große Rolle spielt. Wünscht man sich beispielsweise Tugenden und versucht auf diese Weise, den Charakter zu stärken, bekommt man sicherlich den Segen des Universums, denn so entspricht man den höheren Werten. „Beim Blick in den Sternenhimmel wird sehr schnell klar, welchen Platz der Mensch hier auf diesem Planeten einnimmt und dass Größenwahn und Allmachtsanspruch eher fehl am Platze sind.“ Dies bemerkte ein kritischer Leser eines Wunschbuchs, der sich außerdem fragte, ob er denn jetzt alles falsch gemacht habe, denn die meisten Erfolge im Leben waren bei ihm die Folge von Ausdauer, Disziplin und intensiver Arbeit und nicht mal eben locker herbeigewünscht. Gleichzeitig fand er einen Widerspruch in diesem Buch, denn einerseits wurden ständig materielle Güter gewünscht, an anderer Stelle wurde aber darauf hingewiesen, dass Geld und Gut ja bekanntlich allein nicht glücklich machen. Ihm erschien es dann sinnvoller, den buddhistischen Weg der Wunschlosigkeit zu verfolgen. In einem sehr interessanten Beitrag wurde die Ansicht vertreten, dass man erst dadurch, dass man einer höheren Macht die Regie für sein Leben übergibt, wirklich befreit wird. Erst wenn man die Ich-Bedürfnisse loslasse und vollkommen ins Vertrauen ginge, finde man den Zustand der inneren Ruhe und des Friedens. Die Meinung dieses Lesers gipfelt in der Überzeugung, dass man, wenn man authentisch ist und die Dinge tut, die man wirklich tun möchte, in seine Kraft kommt und sich dadurch wie von selbst ein positiver Lebensfluss ergibt.
Alles in allem findet sich also ein bunter Reigen von Meinungen, und es ist zu merken, dass das Wünschen die Gemüter bewegt. Das Aufwühlende an der Sache ist sicherlich nicht zuletzt die Erkenntnis, dass irgendetwas dran ist, dass ein Fünkchen Wahrheit in den Wunscherfüllungsbüchern stecken muss. Die Frage, die sich hier stellt, ist: Wie nutzen wir diese Erkenntniss – zum Guten oder zum Bösen? Manchmal kann man gar nicht so einfach unterscheiden. Hätten wir uns nicht schon alle zugrunde gewünscht, wenn wir könnten, wie wir wollten? Gibt es nicht vielleicht einen eingebauten Schutz, genannt „höherer Wille“, der uns vor unserer eigenen Willkür und materiellen Grenzenlosigkeit bewahrt?
Hilf dir selbst, so hilft dir Gott
Mit der Anwendung der Wünsche-Bücher wird nach meiner eigenen Auffassung sehr leicht der menschliche Hang zur Trägheit gefördert, die Selbstinitiative gelähmt und die Verantwortung für das Leben vergessen. Sinnvoller erscheint es mir, den eigenen Herzenswunsch zu ermitteln und diesem Ziel dann zu folgen, verbunden mit den entsprechenden Taten und stetiger Motivation. Es ist manchmal sehr schwer, zwischen Seelenwillen und Egowillen zu unterscheiden, so dass man mit seinen Wünschen oftmals nicht im Sinn einer höheren Instanz handelt, die nach Erfüllung im Leben strebt. Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen Befriedigung und Erfüllung. Befriedigung beruht auf dem Erreichen von Wünschen und Bedürfnissen und entspringt dem Ego. Erfüllung ergibt sich aus der Umsetzung der inneren Impulse, den intuitiven Eingebungen der Seele. Was will geschehen? Wo zieht es mich hin? Wo liegen meine Talente, was würde ich am liebsten tun in meinem Leben? Aus dem Lauschen nach innen, aus der Kontaktaufnahme zum Hohen Selbst, ergibt sich das Erspüren des Herzenswunsches. Wünscht man sich dann – nicht fordernd, sondern bittend – die Erfüllung dieses Seelenwunsches und ist gleichzeitig aktiv im Handeln für dieses Ziel, wird er sich sicher auch erfüllen, denn dann ist das Ergebnis zum Besten des großen Ganzen.
Durch die Konzentration auf gute Gedanken, gute Worte und gute Taten, auf Ethik und Achtsamkeit im Alltag legt man automatisch den Grundstein für positive Ereignisse, man gestaltet sich seine Zukunft quasi selbst, durch die Kraft seiner Gedanken. Was dann geschehen will, kann in Ruhe abgewartet werden, denn alles geschieht, weil es auf Ursache und Wirkung beruht und eine Lernaufgabe beinhaltet. ♠
Uta Freckmann ist Leiterin der „Seelenschule“, einer spirituell orientierten Lebensberatung, sowie Mitglied des Phoenix-Netzwerks. Das Phoenix-Netzwerk wurde 1994 als kulturkreative, spirituell orientierte Initiative gegründet, die aktiven Pro-Erde-Projekten durch Vernetzung mit Gleichgesinnten widmete. Heute teilt sich das Netzwerk in mehrere Bereiche auf: in das Phoenix-Netzwerk-Zentrum mit integrierter Beratungsstelle, in das Beratungsstellennetzwerk für spirituelle Krisen und mediale Notfälle sowie in das äußere Beraternetzwerk unabhängiger spiritueller Berater.
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