Gesko von Lüpke: Altes Wissen für eine neue Zeit – Gespräche mit Heilern und Schamanen des 21. Jahrhunderts.
Der Kurskontakte-Autor Geseko von Lüpke legt hier ein wunderbares und wichtiges Buch vor – einen echten Meilenstein für die allgemeine Einordnung des Phänomens Schamanismus und seines schon länger anhaltenden Booms in den Industriegesellschaften. Um die achtzehn hier vorgestellten weisen HeilerInnen und SchamanInnen aus aller Welt zu treffen, musste der Hörfunkjournalist und Buchautor Lüpke (u.a. „Die Alternative“ über die Preisträger des Alternativen Nobelpreises) das Land nicht verlassen. Denn die Notwendigkeiten der Zeit bringen es mit sich, dass die angesehensten indigenen Heiler aus allen Weltgegenden in den Westen kommen, wo die von eigener Kulturgeschichte und authentischem Naturzugang größtenteils abgeschnittenen Menschen auf Inspiration durch exotische Meister hoffen. Wenn man die ersten Interviews des Buches liest, bemerkt man bald eine auffällige Ähnlichkeit in der Biographie der meist äußerst redegewandten Gesprächspartner Lüpkes: Viele von ihnen wurden nach ihrer Entdeckung als geeignete Nachfolger der jeweiligen schamanischen Tradition von ihren Stämmen auf westliche Universitäten geschickt, auf dass sie zu Mittlern zwischen den Kulturen würden und dem Westen das eigene Heilungs-Wissen zugänglich machen. – Ist es nicht erstaunlich, dass so viele verschiedene traditionelle Gesellschaften unabhängig voneinander diese Notwendigkeit schon vor mehreren Jahrzehnten erkannten? Durch den intensiven West-Kontakt etwa der hier interviewten Heiler und Schamanen Angaangaq (Grönland, Kanada; siehe KursKontakte Nr. 151), Don Oscar Miro-Quesada (Peru), Galsan Tschinag (Mongolei), Manitonquat (USA), Malidoma Somé (Westafrika), Hi-ah Park (Korea), Wai Turoa-Morgan (Neuseeland) oder Ailo Gaup (Norwegen) entstand erstmals in der Geschichte überhaupt die Möglichkeit eines gleichberechtigten sprachlich-intellektuellen Austausches zwischen der schamanischen und der wissenschaftlichen Kultur. Anders als in früheren „babylonischen“ Begegnungen zwischen Ethnologen und indigenen Medizin-Magiern (die freilich unter ganz anderen Vorzeichen stattfanden), wissen diese Menschen, wie sie sich ausdrücken müssen, damit wir ihre Botschaft und ihr Weltbild verstehen. Geseko von Lüpke, der mit seinen Erfahrungen als Begleiter von Wildnis-Visionsreisen selbst eine gewisse praktische Affinität zum Thema hat, stellt kluge Fragen und seine Gesprächspartner antworten durchwegs mit ebensolcher Klugheit – eloquent, offen, klar und eindringlich –, so dass an ihren Aussagen und an diesem Buch niemand mehr vorbeikommt.
Der Wert des Erbes des vermutlich ältesten spirituellen Weltbildes der Menschheit für unsere weitere Existenz auf Erden wird vielleicht an der Aussage von Don Oscar Miro-Quesada erkennbar, der zugleich westlich ausgebildeter Psychologe und Träger verschiedener peruanisch-indigener Weisheitstraditionen ist: „Ich glaube, dass ein allmählich wachsendes, globales schamanisches Bewusstsein das einzige Gegenmittel für die kollektive Amnesie ist, welche die menschliche Rasse befallen hat.“ Denn der Schamanismus ist – das haben wir nur eben vergessen – auch der Urgrund der europäischen Kultur: Der amerikanische Schamane Standing Eagle verweist darauf, dass die amerikanischen Ureinwohner ihre spirituellen Traditionen aus Mittelasien und dem früh- und vorgeschichtlichen Europa haben. Archäologische Funde deuten auf schamanische Traditionen in Europa hin, zu Zeiten als die Besiedelung des amerikanischen Kontinents noch nicht einmal begonnen hatte.
In fast allen seinen Publikationen geht es Geseko von Lüpke um die besonderen Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten, die der große Wandel, in dem die Menschheit heute schon begriffen ist, mit sich bringt. Diese Motivation wird auch in den Rahmenkapiteln dieses Buchs deutlich, wo der Autor sehr anschaulich beschreibt, warum die Integration des schamanischen Weltbildes einer lebendigen, beseelten Welt so wichtig für den unverzichtbaren Bewusstseinswandel in Ökologie, Spiritualität & Politik ist – „Altes Wissen für eine neue Zeit“, wie es der Buchtitel andeutet. Schamanische Spiritualität steht für eine Wiederverheiligung der natürlichen Welt, sie anerkennt die Würde alles Lebendigen und will der Entfaltung der Potenziale jedes Individuums dienen.
Besonderes Augenmerk legt der Autor in seiner Agenda auf die Rückverbindung der Europäer mit dem schamanischen Erbe ihrer eigenen Kulturgeschichte. Welch ein Glück, dass Geseko von Lüpke den Mut hatte, Heide Göttner-Abendroth in die Reihe seiner GesprächspartnerInnen aufzunehmen und so den übrigen Interviews einen ganz besonders fundierten Hintergrund zu geben. Denn wer wäre besser geeignet, von den uralten naturreligiös-schamanischen Wurzeln Europas zu künden, die noch viel älter sind als die keltische und germanische Vergangenheit, als eben die Begründerin der Matriarchatsforschung! Ja, auch die Botschaft dieser Disziplin ist eine heilsame, und Göttner-Abendroth weiß überzeugend von der Herkunft des Schamanismus in der uralten matriarchalen Spiritualität zu erzählen, die bis in die Jungsteinzeit hinein globale Verbreitung kannte. Trotz dieser archaischen Herkunft ist, wie Lüpke erklärt, die Wiederbesinnung auf den immer noch quicklebendigen Schamanismus und seine Integration in die rational-analytische Kultur des Westens nicht gleichzusetzen mit einem geistigen Zurückfallen in die Steinzeit!
Sie glauben, dass Sie über Schamanismus, über Matriarchate und über indigenes Bewusstsein schon alles gelesen haben? Dann sollten Sie trotzdem zu diesem Buch greifen. Denn das Interview mit den beiden britischen Baum-Schamanen Dusty Miller XIII. und seinem Sohn, den letzten Vertretern des matriarchalen Volkes der „Elfin“ auf den britischen Inseln, hat es wirklich in sich und ist allein schon die Anschaffung wert.
Geseko von Lüpke, Altes Wissen für eine neue Zeit – Gespr. mit Heilern und Schamanen des 21. Jhdts., Kösel München, 2008, ISBN 978-3-466- 34526-7, 429 Seiten, 22,95 Euro
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