Der Philosoph Leopold Kohr argumentierte gegen den Gigantismus unserer Zeit. Eine Besprechung seines wichtigsten Buchs.
Als der Fürst von Liechtenstein Anfang September voraussehbare diplomatische Gereiztheiten auslöste, indem er kundtat, sein unabhängiger Zwergstaat habe bereits drei deutsche Reiche überdauert und werde notfalls auch ein viertes überleben, da musste ich seiner Vermutung insgesheim zustimmen. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte ich mich wahrscheinlich über das gesunde Selbstbewusstsein des Mannes gewundert, doch las ich während des Höhepunkts des Skandälchens gerade ein sehr erhellendes Buch, das der aus dem Salzburger Land stammende Philosoph und Nationalökonom Leopold Kohr (1909–1994) bereits Anfang der Fünfziger Jahre verfasst hat.
Das Buch heißt „Das Ende der Großen – Zurück zum menschlichen Maß“. Es erfährt augenblicklich nach einer wechselvollen Geschichte in interessierten Kreisen so etwas wie eine kleine Wiederentdeckung; Kohr beschrieb darin in überzeugender Weise seine Beobachtung, dass sämtliche Formen des sozialen Elends – von der Anonymität der Städte bis zum Weltkrieg – nur auf eine einzige Ursache zurückzuführen sind: nämlich dass eine gesellschaftliche Einheit zu groß geworden ist. Seiner Meinung nach sind nur kleine soziale Einheiten langfristig überlebensfähig. Großmächte, Reiche und Imperien kollabieren zwangsläufig nach gewisser Zeit. Die Lösung von Problemen wie Krieg, ökonomische Schwierigkeiten und der Verlust individueller Freiheiten liegt Kohr zufolge nicht in politischen Zusammenschlüssen, in besserer Bildung oder vermehrter Kontrolle, sondern einzig und allein in der Auflösung der großen Mächte.
Regionalismus-Pionier
Wenn man wagt, aus der Vielzahl der heute in Umlauf befindlichen kulturkreativen Gesellschaftsentwürfe so etwas wie eine Quintessenz zu ziehen, dann könnte diese lauten: Als Antwort auf die Missstände, die aus der einseitig wirschaftlich globalisierten Welt erwachsen, setzen wir, die internationale Zivilgesellschaft, auf eine von unten globalisierte Welt selbständiger, autarker Regionen. Die Renaissance der Region steht heute hoch im Kurs. Doch radikaler – oder sagen wir: konsequenter – noch, als heute üblich, trat Leopold Kohr jahrzehntelang für diesen Gedanken ein, sah er doch den Zusammenbruch jeder aus dem Maß geratenen sozialen Groß-Einheit bereits voraus, als alle Welt nach dem Weltkrieg noch fröhlich dem Glauben an endlosen Fortschritt, Vereinigung und Wachstum frönte.
Leopold Kohr hat bereits vor über sechzig Jahren mit verblüffend zeitgemäßen Sätzen nicht nur die fatalen Auswirkungen beschrieben, die eine Massengesellschaft für das Individuum mit sich bringt (und zwar egal, ob diese kommunistisch oder kapitalistisch organisiert ist), er sah auch den fürchterlichen Aufstieg der USA zu einer imperialen Macht voraus und redete mit Vehemenz, Eloquenz und feinsinnigem Humor einer Rückbesinnung auf das System gleich starker Kleinstaaten das Wort, wie wir es aus den erfolgreichen Modellen des Heiligen Römischen Reichs, aus der kantonalen Schweizer Eidgenossenschaft oder den ursprünglichen Vereinigten Staaten von Amerika kennen.
Bei all seiner Philosophie der Vorzüge kleiner Staaten bezeichnete sich Kohr selbst dennoch als Anarchisten. Seine vordergründig „etatistische“ Sichtweise mag da zunächst als Widerspruch erscheinen, lehnen Anarchisten doch bekanntlich jede Form des Staats ab. Seine Analyse zielt jedoch tatsächlich auf jede Form kleinzellig-dezentraler Gesellschaften, wie sie heute beispielsweise von den staatskritischen AnarchistInnen und Matriarchatsbefürwortern favorisiert werden.
Seine Kritik an den übergroßen Einheiten ist heute so aktuell wie eh. „Was Anarchismus predigt“, ist Leopold Kohr zufolge, „dass der Zweck der Schöpfung das Individuum ist, nicht die Gesamtheit.“ Hier sieht er sich auf einer Linie mit Protagoras, Aristoteles, Jesus Christus oder Thomas von Aquin, die alle gelehrt hätten, dass das Maß aller Dinge der Mensch sei und nicht die Menschheit, die Gesellschaft, die Nation oder der Staat. „Da der Mensch klein ist, müssen auch seine Institutionen (Familie, Betrieb, Wirtshaus, Spital, Dorf, Stadt, Gesangsverein) relativ klein bleiben, wenn sie ihn nicht zerquetschen wollen“, schreibt er. Nur in diesen kleinsten Einheiten könne ein Mensch glücklich sein.
Im Jahr 1937 hatte Leopold Kohr als Berichterstatter verschiedener Zeitungen die Ideen der im spanischen Bürgerkrieg kämpfenden AnarchistInnen kennengelernt. Unter diesem Einfluss sowie unter dem Eindruck des tobenden Weltkriegs fordert der vor den Nazis nach Amerika geflohene Kohr bereits 1941 in einem Zeitungsartikel die Auflösung von Großmächten. 1950/51 entstand das im Nachfolgenden zusammengefasste Buch, für das er jedoch sechs Jahre lang vergeblich einen Verleger suchte. Im Vorwort zur ersten deutschsprachigen Ausgabe des Buchs, die erst 1986 veröffentlich wurde, erzählt Leopold Kohr, wie er sich 1956 gegenüber einem ihm unbekannten Kongressteilnehmer „verärgert übertreibend“ darüber beklagte, dass die Verleger ihn ideologisch nicht einordnen könnten, weil seit „einem halben Jahrhundert kein legitimer Anarchist mehr geschrieben“ habe. Darauf der Unbekannte: „Ich bin selbst ein gewaltloser Anarchist, und außerdem bin ich Verleger. Zeigen Sie mir doch mal Ihr Manuskript.“ – Es handelte sich bei dem Mann ausgerechnet um den berühmten Kunstkritiker und Verlagsdirektor Sir Herbert Read, verehrt und verspottet als der von seiner Königin zum Ritter geschlagene „Gentleanarchist“! – Leopold Kohr hatte einen Verleger für sein „Breakdown of the Nations“ gefunden, wie „Das Ende der Großen“ im Original heißt.
Eine allzu einfache Wahrheit?
Nach dem Weltkrieg herrschte in Kohrs US-amerikanischem Exil verständlicherweise eine erhebliche Deutschenfeindlichkeit. Der Österreicher Kohr begann seine Analyse deshalb mit der Frage, ob der Charakter mancher Völker tatsächlich als kriegerischer bzw. friedliebender als der anderer gelten kann. Das Ergebnis seiner auf großem historischem Wissen aufbauenden Untersuchung fällt durchaus verblüffend aus: Nicht nur zeigt er, dass das vermeintlich extrem kriegslüsterne Deutschland im Vergleich zu anderen aktuellen und ehemaligen Großmächten eine ziemlich moderate Angriffskriegsbilanz aufweist, nein, Kohr gelingt es auch, zu demonstrieren, dass jede Nation, jeder Staat fast automatisch dazu neigt, seine Nachbarn mit Krieg zu überziehen, sobald ihr oder sein Führer – und mit ihm die Masse der Bevölkerung – das Gefühl haben, stärker zu sein als das einzuverleibende Nachbarland. Dabei spielt es – wie die Geschichte zur Genüge zeigt – keine Rolle, welche philosophische Ideologie in der betreffenden Nation vorherrscht: Die übelsten Gewaltexzesse wurden von kunstsinnigen und zivilisierten Völkern verübt, die den schönsten christlichen, pazifistischen, sozialistischen und sonstwie humanistischen Idealen nachhingen. Wie an dieser Stelle in der letzten Ausgabe anklang, hat beispielsweise der Gandhi-Gefährte Nehru bald nach seiner Amtseinführung als erster Premierminister des unabhängigen Indiens Kriege gegen Pakistan und Bangladesh geführt; der erste Krieg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1998 von einem frischgebackenen „gewaltfrei“-grünen Außenminister mitgetragen; und in anderen Weltgegenden massakrieren Katholiken und Protestanten einander … Eine schier endlose Zahl historischer Beispiele belegt: Sobald die gefühlte kritische Masse an Größe und Stärke erreicht ist, kann offenbar kein Land und kein Staatsmann der Versuchung eines Beutezugs widerstehen – ein Phänomen, das Kohr mit dem schönen Sprichwort „Gelegenheit macht Diebe“ auf einen Nenner bringt. Nur in einem kräftemäßig ausbalancierten System von Kleinstaaten könne der Gefahr der Bildung von aggressiven Großmächten und damit der Gefahr von ausufernden Kriegen wirksam begegnet werden. Zum ersten – aber nicht zum letzten – Mal im Buch fasst er zusammen: „Die Größe – und nur die Größe – ist das zentrale Problem der menschlichen Existenz.“
Und führe uns nicht in Versuchung!
Wenn die kritische Masse an Macht erreicht ist, werden wir also als Individuen oder Gruppen „fast gegen unsere Natur“ zu brutalen Menschen: „Es könnte heute keine friedlicheren Völker als die Portugiesen, Schweden, Norweger und Dänen geben. Als sich diese Länder jedoch im Besitz von Macht befanden, schlugen sie gegen jeden und alles mit solch einer Wut zu, dass die Welt von Horizont zu Horizont erobert wurde.“ Friedlichkeit hingegen sei keine mentale Einstellung, keine erworbene Qualität, die erlernt werden könne. Sie falle uns vielmehr „als Folge physischer Schwäche automatisch“ zu.
Des öfteren schon haben wir in Andere-Welten-Artikeln die Phänomene Macht und Herrschaft kritisch betrachtet. Leopold Kohr weist nun in seinem Buch den direkten Zusammenhang zwischen übergroßer Machtfülle und sozialem Elend nach. „Wir erkennen“, so fasst er an einer Stelle über die Ursache kriegerischer Aggression zusammen, „dass das gefürchtete Resultat des Verhaltens einer Gesellschaft nicht Konsequenz bösartiger Komplotte oder einer boshaften Grundeinstellung, sondern Konsequenz von Macht ist, die durch exzessive Größe hervorgerufen wird. Wann immer eine Gesellschaft groß genug ist und die kritische Masse an Macht angehäuft hat, wird sie diese auch gebrauchen. [Sie] wird zum Aggressor, unabhängig und sogar im Gegensatz zu ihren früheren Taten und Absichten.“ Konsequent radikal ist der Schluss, den der Anarchist aus seinen Beobachtungen zieht: „Wenn der Besitz von Macht das einzige Element ist, aus dem schlechtes Benehmen resultiert, so kann nur die Abwesenheit von Macht das einzige Element sein, das unsere Tugendhaftigkeit sicherstellt.“ Und er zitiert Henry Simons: „Niemand und keiner Gruppe kann man viel Macht anvertrauen; und es ist einfach dumm, wenn wir uns beschweren, weil sich eine Gruppe der Macht egoistisch bedient. Der Fehler liegt darin, sie ihnen überhaupt gegeben zu haben. Uneingeschränkte Macht kann nicht gebraucht werden, sie muss immer missbraucht werden.“
Dis-Union now!
Nach dem Flächenbrand des Zweiten Weltkriegs fand die Meinung viele Anhänger, wonach weitere Kriege nur durch die Vereinigung von Nationen zu verhindern seien. Kohr widersprach diesem Mainstream-Gedanken vehement, hatte er doch die Lehre aus der Geschichte verstanden, die besagt, dass Vereinigung unweigerlich zu Großmächten führt – und nach weiteren Vereinigungen und erzwungenen Annektionen schlussendlich zu einer imperialen Weltmacht führen muss. Leopold Kohr nannte diesen Effekt „politischen Krebs“.
Erstaunlich gleichgültig schien es Kohr allen anarchistischen Bekenntnissen zum Trotz, welche (Selbst-)Regierungs-Form in einem Kleinstaat ausgeübt wird: Ob Republik, Monarchie, Demokratie, Oligarchie, Anarchie oder Diktatur – solange eine Gesellschaft die natürlichen Beschränkungen hinsichtlich der Größe und Machtfülle nicht sprenge, sei jede dieser Regierungsformen tendenziell demokratisch – eine Behauptung, über die sich wohl trefflich streiten lässt.
Die Länge der Wege, die Nähe des Regierungssitzes, der zeitliche Regierungsaufwand, das Ausmaß der Probleme – alles ist Kohr zufolge in einem Kleinstaat übersichtlich und erlaubt seinen Bewohnern, anders als den Durchschnittsmenschen einer Massengesellschaft, ein Leben als glückliche Individuen mit echten Einflussmöglichkeiten. Zweitrangig sei neben der politischen auch die ökonomische Ausrichtung; sozialistische Planwirtschaft und kapitalistische Marktwirtschaft funktionierten gleichermaßen gut, solange nur der Maßstab übersichtlich ist: „In Kleinstaaten kann nur die Natur einen schwächenden Einfluss haben, und daran kann sich das Genie des Menschen messen. In großen Staaten andererseits ist es nicht die Natur, die zu Depressionen führt, sondern die Unfähigkeit des Menschen, mit monströsen Verhältnissen fertigzuwerden.“ Andererseits schreibt Kohr an anderer Stelle mit Blick auf die erfolgreichen Wirtschaftszonen der US-Bundesstaaten oder der Benelux-Staaten, dass politischer Partikularismus nicht notwendigerweise wirtschaftlicher Partikularismus bedeuten müsse.
Möglich erscheint dem Autor zudem die Bildung einer größeren internationalen Kleinstaaten-Föderation mit einer föderalistischen Regierung, deren Aufgabe es wäre, die Mitgliedstaaten „nicht nur zusammen-, sondern auch auseinanderzuhalten“. Voraussetzung sei jedoch immer, dass dem Bündnis keine einzige Großmacht angehöre, denn die Erfahrungen mit den föderalistischen Experimenten etwa des vor-bismarckschen Deutschlands (mit den konkurrierenden Großmächten Österreich und Preußen), der kurzlebigen indonesischen Staatengemeinschaft von 1949, dem Völkerbund sowie ihrer Nachfolgerin, der UNO, hätten allesamt gezeigt, dass beteiligte Großmächte zu Vormachtbestrebungen und Annektionen kleinerer Bündnispartner tendieren.
Horte der Kultur und Vielfalt
Ein kleiner Staat mache es selbst Tyrannen an der Spitze schwer, ihre Willkür auszuleben, und zwar sowohl nach innen als auch nach außen: In einer übersichtlichen Gesellschaft sei ein unliebsamer Herrscher einfacher im Zaum zu halten oder zu stürzen als in einer großen. Und ein macht- und kriegslüsterner Herrscher habe mit den in einem Kleinstaat zur Verfügung stehenden Mitteln wenig Möglichkeiten, seine Nachbarn zu unterwerfen. Deshalb bedauert Kohr es, dass Hitlers Münchner Putschversuch von 1923 scheiterte: „Mit einem Hitler als Bayern-Diktator wären die Nachbarn Württemberg und Österreich fertiggeworden“, gibt er sich überzeugt. Da also militärische Abenteuer mit einem Kleinstaaten-Heer wenig aussichtsreich erschienen, hätten die Fürsten in der Vergangenheit ihr Geld lieber in den kulturellen und architektonischen Wettbewerb mit anderen kleinen Fürstentümern und Königreichen gesteckt, wie man noch immer an den regional so eigenen geschichtlichen Zeugnissen etwa aus der Kleinstaatenwelt des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Mitteleuropas ablesen kann – zum Beispiel an des Autors Heimat Salzburg.
Da das Leben in einem übersichtlichen Land allen Bewohnern die „ganze Vielfalt menschlicher Erfahrung“ erlebbar machen könne, ist es laut Kohr nicht erstaunlich, dass sämtliche „unübertroffenen“ Literaten in Staaten von idealer Größe lebten: angefangen von den klassischen Schreibern der griechischen Stadtstaaten über die Engländer Shakespeare, Marlowe, Jonson (die in Zeiten lebten, als ihr Heimatland noch alles andere als ein Weltreich war) oder die Iren Shaw, Joyce, Yeats und Wilde, bis hin zu all den „Dichtern und Denkern“, derer sich die inzwischen lange untereinander vereinigten Länder Deutschland und Italien noch immer rühmen.
„Die Herrlichkeit der Kleinen“
In der Buchpassage, die meine eigene romantische Ader am meisten angesprochen hat, schwärmt der Autor von der kulturellen Vielfalt, die sich durch die Kleingliedrigkeit eines Systems von Mini-Staaten ergibt. Während man heute – und offenbar auch schon zur Entstehungszeit des Buchs – ans andere Ende der Welt fliegen muss, um einen Flecken zu finden, an dem die globale Einheits-Kultur noch nicht angekommen ist, konnte man dem Autor zufolge während früherer Jahrhunderte auf einer 50-Kilometer-Reise über zwei oder drei europäische Landesgrenzen hinweg vollkommen verschiedene Welten durchwandern: „Am Wege lagen rauchende Schmieden und stattliche Gasthöfe, Weinberge und Zinnbergwerke. Jede fremde Stadt war eine neue Welt mit anderen Gewohnheiten, Architekturen, Gesetzen und Fürsten. Schon das Gespräch mit Zöllnern brachte mehr Informationen als die Lektüre Dutzender moderner Reiseführer, deren Hauptanliegen übrigens ist, die Reisenden durch die Überreste der Vergangenheit zu führen.“ – Kohr erscheint hier als hoffnungsloser Nostalgiker; an anderer Stelle legt er eine gehörige Portion Fortschrittskritik an den Tag, wenn er etwa hinterfragt, ob sich in den modernen Gesellschaften tatsächlich stets der Lebensstandard verbessert hat, wie das die allgemeine Wahrnehmung glauben möchte. Ein Fortschrittsfeind? Nein: Nicht Modernist und auch nicht Traditionalist, sprach sich der frühe Vertreter kulturkreativen Denkens ganz einfach für eine dem Leben angepasste Entwicklung aus.
Ein (fast) sympathischer Krieg
Die vielzitierte Kleinstaatenwelt des „Heiligen Römischen Reiches“ (das immerhin fast eintausend Jahre lang existierte und von dem einer kluger Mensch einmal gesagt hat, dass es weder heilig noch römisch noch ein Reich gewesen sei) war jedoch laut Kohr ebensowenig eine perfekte Gesellschaft, wie es heute das Kleinzellen-Musterbeispiel Schweiz ist. „Weder Krieg noch Kriminalität verschwinden in einer Gesellschaft kleiner Staaten“, so Kohr, „sie werden bloß auf tragbare Größen reduziert.“ Dies gilt auch für Kriege, die es, wie man weiß, während Mittelalter und Renaissance relativ häufig gegeben hat. Doch seien diese im Verhältnis zu heutigen Kampfhandlungen ungleich harmloser gewesen: „Das Problem des Krieges in modernen Zeiten ist nicht seine Häufigkeit, sondern seine Dimension, seine vernichtende Riesigkeit“, argumentiert Kohr. Auch in einem System von Kleinstaaten würden „natürlich immer Kriege gekämpft werden“ (was am Matriarchat interessierte LeserInnen gerne bezweifeln mögen), doch seien diese Auseinandersetzungen – Historiker sprechen von „Operettenkriegen“ – in der Regel lokal begrenzt und von kurzer Dauer. Statt der heute bekannten unteilbaren, totalen Kriege seien für Kleinstaatenwelten teilbare, lokale Kriege kennzeichnend. Kohr gibt hierzu ein schönes, fast schon sympathisches Beispiel: „Der Herzog von Tirol erklärte dem Markgrafen von Bayern den Krieg, weil jemandes Pferd gestohlen worden war. Der Krieg dauerte zwei Wochen. Es gab einen Toten und sechs Verwundete. Ein Dorf wurde eingenommen, dabei der Wein getrunken, der im Keller des Gasthofes lagerte. Dann wurde Frieden geschlossen und die Summe von hundert Talern als Entschädigung gezahlt. Die geografisch nahe liegenden Länder, die Erzbischofresidenz von Salzburg und das Fürstentum Liechtenstein erfuhren von den Vorgängen ein paar Wochen später, und der Rest Europas hörte davon überhaupt nichts.“
Seine Erwähnung der damals sehr zahlreichen Feiertage sowie der weitverbreitet von den Fürsten mittelalterlicher Kleinstaaten ausgerichteten öffentlichen Festgelage erinnern an die Berichte der Matriarchatsforscherin Veronika Bennholdt-Thomsen, die die ausschweifenden „Ausgleichsökonomie“-Feste in der heute noch weitgehend matriarchal organisierten mexikanischen Stadt Huchitan untersucht hat (Kurskontakte Nr. 130).
Ja, es wäre interessant zu wissen, wie Leopold Kohr sein Buch geschrieben hätte, wäre er mit der indigen-matriarchalen Perspektive vertraut gewesen. Wie hätte er es erklärt, dass diese besonders kleinzelligen Gesellschaften zugleich so besonders friedfertig waren (und sind)? Im Buch finden sich nur wenige Bezüge zu traditionellen Stammesgesellschaften, etwa die folgende generelle Bemerkung: „Im Vergleich zu den barbarischen Unternehmungen der Zivilisierten verlieren die Grausamkeiten der Barbaren fast ihre ganze Bedeutung. Was Krieg betrifft, so sind sie fast die einzigen, die sich dieser primitiven Form gesellschaftlicher Betätigung enthalten: Die Rückständigen sind die Fortschrittlichsten.“
Doch auch, wenn man bei der Suche nach lebensdienlichen Gesellschaftsmodellen nicht über weitere Staatenbildung nachdenken möchte, bietet „Das Ende der Großen“ wunderbare Argumentationshilfen für die Idee kleiner, selbständiger sozialer Grundeinheiten!
Klein sein oder nicht sein
Die Geschichte zeigt, dass große Reiche mitsamt den zugehörigen „großartigen“ Zivilisationen immer relativ bald nach ihrem Aufstieg wieder untergehen. Dass auch die derzeitige Industriezivilisation von dieser Regel nicht ausgenommen sein wird, pfeifen mittlerweile die Spatzen von den Dächern: So finden sich momentan in Deutschlands größter Tageszeitung, der „Süddeutschen“, vermehrt Beiträge, die sich mit der Möglichkeit eines baldigen Rückfalls in vorindustrielle Zeiten beschäftigen. Kurz nach Beginn der jüngsten amerikanischen Finanzkrise erschien hier etwa ein allgemein gehaltener Artikel („Kollaps aus dem Nichts“), der den Finger in die Wunden der zunehmend komplexeren modernen Gesellschaft legt. Zitiert wird neben anderen der Krisenexperte Thomas Homer-Dixon von der Universität Toronto: „In einer übereffizienten Welt können auch Krisen sehr effizient sein.“ Die Mindestforderung des Experten besteht darin, dass Lebensmittel und Energie dezentral produziert werden sollten …
Leopold Kohr hat nun behauptet, dass der Zwang zu immer weiterem Wirtschaftswachstum, der uns heute in den Abgrund zu reißen droht, in übersichtlichen Gesellschaften nicht bestehen würde, weil hier der Maßstab eben der Mensch sei und nicht so etwas Abstraktes wie das Bruttosozialprodukt. Seine Alternative ist klar: die Auflösung der großen Mächte in die gleichstarken, „natürlichen“ Regionen, wie sie auch in Europa aus früheren Zeiten bekannt sind (siehe Karte). Die in Großmächte eingemeindeten ethnischen Minderheiten fühlen sich ohnehin nicht wohl, wie die mit schöner Regelmäßigkeit aufflackernden Separationsbemühungen vieler Provinzen zeigen. Ja, die Rückkehr in ein Kleinstaatensystem wäre durchaus machbar, gibt Kohr sich generell zuversichtlich – und zeigt zugleich wenig Hoffnung, dass die Großmächte ihrer Auflösung freiwillig zustimmen würden. Mit dem bereits erwähnten, ihm eigenen Humor schrieb Kohr deshalb das kürzeste Kapitel der Buch-Geschichte. „Wird es geschehen?“ lautet dessen Überschrift; der Kapiteltext besteht aus einem einzigen Wort: „Nein.“ Für realistischer hielt der Autor da noch den Sieg einer der beiden Blöcke des Kalten Kriegs mit der Folge eines einzigen Weltimperiums. Dieses Weltreich jedoch – Divide et impera! – sei wie alle gigantomanischen Reiche nur regierbar durch Aufteilung in übersichtliche Provinzen, Departements, Counties, Gaue oder Bezirke, so dass am Ende des politischen Krebses – dem Kollaps des Imperiums – notwendigerweise doch wieder ein Kleinzellensystem stehen würde.
Nur Gott ist groß
In der Kleinheit erkennt Leopold Kohr nicht zuletzt das Prinzip in Gottes Schöpfung: „Was immer wir auch untersuchen, das Universum oder das Atom, wir erkennen, dass die Schöpfung sich eher in vielfältiger Kleinheit ausgedrückt hat als in vereinfachender, riesiger Masse. Alles ist klein, begrenzt, nicht zusammenhängend, nicht vereint. Nur relativ kleine Körper – jedoch nicht die Kleinsten – besitzen Stabilität. Unterhalb einer gewissen Größe geht alles ineinander über, verbindet sich oder häuft sich an. Oberhalb einer gewissen Größe aber kollabiert oder explodiert alles.“ An anderer Stelle heißt es: „Mag in der Welt der Physik die Heilung durch Zerstörung eine adäquate Lösung darstellen, so ist sie bei weitem nicht zufriedenstellend, wenn es um soziale und persönliche Probleme geht. Hier müssen wir daher nach einer Lösung durch Teilung suchen, und, statt passiv zuzusehen, wie die Dinge aus der Hand geraten, ihre Größe auf Proportionen reduzieren, die dem Menschen angemessen sind. Denn im kleinen Rahmen wird alles flexibel, gesund, funktionsfähig und sympathisch, sogar, wenn uns ein Baby wild beißt.“
Wir leben in einem Mikrokosmos, nicht in einem Makrokosmos, hielt Kohr all jenen entgegen, die nur das Große anbeten und das Kleine als rückschrittlich erachten. Genau umgekehrt sei es!
Ab Mitte der Fünfziger Jahre bis 1973 hatte Leopold Kohr Professuren an der Universität von New Jersey sowie der Staatsuniversität von Puerto Rico inne. Richtigen Auftrieb erhielten seine Gedanken aber erst, als sein Zögling E.F. Schumacher in den Siebziger Jahren die Philosophie von den Vorzügen des Kleinen mit dem Slogan „Small is beautiful!“ weltweit bekannt machte. Die Krönung seines unermüdlichen Einsatzes für die Sache des menschlichen Maßes stellt jedoch sicherlich die Verleihung des Alternativen Nobelpreises dar, den er 1983 zugesprochen bekam. In der Laudatio sagte der Preisstifter Jakob von Uexküll: „Leopold Kohr ist der Wegweiser aus dem Irrweg des globalisierten Größenwahns. Er hat als erster gewarnt, dass eine Gesellschaft ohne menschliches Maß unmenschlich ist.“
Weitere Informationen
Leopold Kohr: Das Ende der Großen, Otto Müller Verlag Salzburg/Wien 2002, ISBN 3-7013-1055-6, 343 Seiten, 22 Euro.
Weitere Titel des Autors: „Weniger Staat: Gegen die Übergriffe der Obrigkeit“; „Die überentwickelten Nationen“;
„Die Lehre vom rechten Maß“; „Entwicklung ohne Hilfe – Die überschaubare Gesellschaft“; „Probleme der Stadt“.
Leopold Kohr im Internet: www.leopold-kohr-akademie.at, www.tauriska.at/kohr/kohr.htm
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