Herrmann Haring erinnert an die kulturrevolutionären Impulse von 1968.
Viel wurde in diesem vierzigsten Jahr danach schon über 1968 geschrieben. Unser Autor Hermann Haring verfolgt jetzt eine Spur, von der bislang weniger zu lesen war: Wie Impulse jener Zeit hineinwirkten in den Aufbau neuer Lebensformen in den heutigen Gemeinschaften. Seine Erzählung lässt eine Zeit des Aufbruchs – und auch des Scheiterns –
wieder lebendig werden.
Die Chiffre „1968“ steht für eine Verdichtung geschichtlicher Strömungen, und da hinein gehören für mich Ereignisse wie die in vielen Ländern der Welt aufgetretene linksorientierte Studentenbewegung, der Protest gegen den Vietnamkrieg oder die Revolte in Paris genauso wie der „Sommer der Liebe“ im Zeichen von Sergeant Pepper 1967 oder das Woodstock-Festival 1969. Auch die Erkundung des erdnahen Weltraums bis hin zur Mondlandung passierte damals, die der Menschheit optisch zum ersten Mal den ganzen Blick auf ihren Planeten bescherte. Und an den Universitäten der amerikanischen Westküste entdeckten Physiker zunehmend Übereinstimmungen zwischen ihren modernsten Weltbeschreibungen und alten fernöstlichen Weisheitslehren. Es waren überall Zeichen des Neuen zu entdecken.
Ich war 1968 westdeutsche 18 Jahre alt, hatte noch ein Jahr bis zum Abitur und schrieb bei der Schülerzeitung. Die sich gegen den Talarmuff der damaligen Politik- und Universitätskultur auflehnenden Studenten waren eine Orientierung für uns Schüler, egal, was für Halbverständliches sie manchmal auch redeten. Sie standen bei uns vorne in einer aufbrechenden Tendenz, sich den Werten und Leistungen der Weltkriegsgeneration nicht mehr unterzuordnen oder uns ihnen zumindest zu entziehen, denn diese Generation sprach von Freiheit und Frieden, obwohl sie in Vietnam Bomben warf, atomar aufrüstete und die Dritte Welt ausbeutete; sie traktierte uns mit einer verklemmten Sexualmoral und verlangte Disziplin wie bei der Wehrmacht. Diese Generation offerierte nichts als ein schreckliches Modell vom Älterwerden. Sie hatte nichts Besseres gelernt, aber wir wollten nicht auch noch so werden. (Das, was wir an diesen Menschen liebten, habe ich jetzt mal weggelassen, denn wir hatten es damals auch fast vergessen.) So hielten wir zu denen aus unseren Reihen, die es schon wagten, die Haare ganz lang wachsen zu lassen und – von den Erwachsenen mit dem Etikett „Gammler“ versehen – nach Amsterdam und London zu reisen, in die Hochburgen der Gegenkultur. Wie ein Rausch von Freiheit und Kreativität hatten die Beatles, die um 1963 herum die Weltbühne betreten hatten, durch unsere Ohren geblasen. Mit ihnen kam eine Schwemme ständig neuer Stile und Ausdrucksweisen einer sich globalisierenden Musik; mit entsprechenden Impulsen in anderen Kunstsparten und natürlich beflügelt von den immer höher rutschenden Rocksäumen der Frauen, die einen Ausbruch aus der katholischen Moraltheologie signalisierten.
„Wie die Doofen sind wir mit der
Mao-Bibel rumgerannt“
Das stimulierte die Potenz, alles anders machen zu können, auch wenn besonders der musikalische Aufbruch nach einigen Schrecksekunden dankend aufgesogen wurde von den Mehrwert-schaffenden Mechanismen jenes Systems, dass uns eigentlich zuwider war. Da hatte der populäre Politikwissenschaftler Herbert Markuse recht, der in seinem bekannten Werk „Der eindimensionale Mensch“ bemerkte, es gehöre zu den herausragenden Eigenschaften des kapitalistischen Systems, sich alle gegen es gerichteten Impulse einzuverleiben.
Aber für etwas zu sein, war damals auch nicht einfach. Die Idee des Sozialismus und seine Verwandten und Helden bis hin zum Anarchismus und zur kubanischen Revolution standen hoch im Kurs. Das war auch nicht nur dumm, man denke an die Kraft und Ideen von Frauen wie Rosa Luxemburg oder Alexandra Kolontaij. Allerdings war da noch der „reale Sozialismus“, der uns im kalten Krieg mitten durch Deutschland gegenüberstand und uns ständig als Utopiebremse vorgehalten wurde („Geht doch nach drüben!“). Auch von der Schattenseite der von uns bewunderten Kulturrevolution im fernen China hatten wir noch nicht gehört. Wie die Doofen sind wir mit der Mao-Bibel rumgerannt, weil das die Autoritäten ärgerte und darin ein paar Kultsätze standen: „Der Revolutionär schwimmt im Volke wie der Fisch im Wasser“ – die Zeit war antörnend und vieles undurchschaut emotional.
Eine Million feiert den kulturellen Aufbruch
Aber es kursierten damals tatsächlich Klänge einer anderen Daseinsweise. Bei all dem Kitsch und Cash, die aus Woodstock herausgeholt wurden: Es war ein Paradiesesklang, den Joni Mitchell unter dem unmittelbaren Eindruck des Ereignisses in ihren gleichnamigen Song hineinkomponierte. Woodstock war ein emotionelles, ziemlich chaotisches Gemeinschaftserlebnis von archaischem Zuschnitt. Der Sog, miteinander in einer Art Freiraum einen gefühlten kulturellen Aufbruch zu zelebrieren, zog unerwartet eine Million Menschen hinaus aufs Land, von denen etwa die Hälfte durch die Staus hindurch auch ankam. Dort spielte das indianisch-schwarze Halbblut Jimi Hendrix mit einer die imperialistische Symbolik zersetzenden Intonation auf der Gitarre „Star-Spangled Banner“, die US-Nationalhymne. Das war schon auch ein politischer Akt, damals.
Woodstock ereignete sich aus der Jugendkultur der Hippies heraus, die damit auch endgültig zum vermarktungstauglichen Massenphänomen mutierte; ihr Ursprung war aber die Vorstellung einer alternativen Lebensweise, einem repressionsfreien, lustbetonten, auch sexuell verbindungsreicherem Leben. Zahlreiche Versuche, in Kommunen in gesundem Umfeld auf dem Lande zu leben, resultierten daraus; die meisten davon brachen nach einiger Zeit allerdings wieder zusammen.
Populär in der damaligen Sinn- und Orientierungssuche, besonders in den USA, war die spirituelle Prosa von Hermann Hesse, auch wenn sein „Steppenwolf“ born to be wild aufs Motorrad gesetzt wurde; dazu kam viel Fernöstliches in Umlauf wie Yijing und Yoga und die schamanistische Kultur der Indianer: Carlos Castaneda veröffentlichte 1968 in Amerika sein erstes Buch, „Die Lehren des Don Juan“.
Populär in Deutschland waren die schönen Brüste von Uschi Obermeier, die man in den Zeitschriften zu sehen bekam, weil nach einer spannenden medialen Aufklärungswelle die Sitten hierzulande – und in vielen anderen Ländern auch – tatsächlich ein Stück freier wurden. Die Kommune 1, in der Uschi Obermeier lebte, war eine aus der Studentenbewegung entstandene frühexperimentelle Gemeinschaft in Berlin; sie scheiterte nicht zuletzt an den unausgesprochenen und ungelösten Sexualkonflikten.
Ein wichtiger Kristallisationspunkt für neue Ideen wurde in den sechziger Jahren die Burg Waldeck im Hunsrück mit ihren Festivals für politische „Liedermacher“ aus der ganzen Welt. In diesem Umfeld trafen sich auch Leute, die über eine Vision für ein Leben in neuartigen Gemeinschaftsformen nachdachten.
Selbstbestimmt zu werden, stand damals auch auf dem Stundenplan. In der Vorform hieß das für mich: ziviler Ungehorsam. Es war vorher undenkbar gewesen im Nachkriegs-Deutschland, dass die oberen Klassen vieler Gymnasien der Stadt – in diesem Fall war es 1968 in Dortmund – an einem Vormittag beschlossen, um zehn Uhr den Unterricht zu verlassen, um in der City eine politische Demonstration durchzuführen und Straßenkreuzungen zu besetzen. In unserer Klasse war es den meisten egal, wieviele Eintragungen ins Klassenbuch es dafür geben würde oder nachmittägliche Strafaufenthalte im Klassenzimmer, „Nachsitzen“ genannt.
Autoritäten wankten, beziehungsweise Vorstellungen, die wir davon hatten und die uns mit Angst regierten. Aber es war auch schwer auszuhalten, was uns tagtäglich an Bildern und Nachrichten von Kriegsschauplätzen und aus Folterkellern erreichte.
Autoritäten wanken –
doch das System bleibt stabil
Die Phase des Aufbruchs endete in bekannten Mustern. Das Ego ist käuflich, das zeigte sich besonders in der Musikszene. Die Studentenbewegung plagten innere Themen wie Konkurrenz, Perspektivlosigkeit oder blinde Wut. Die Staatsgewalt tat das Ihrige: Benno Ohnesorg war schon 1967 erschossen worden, Demonstrationszüge wurden niedergeknüppelt, begleitet von der unsäglichen Studentenhetze der „Bild“-Zeitung. In den USA erschoss die Nationalgarde auf dem Campus der Universität von Ohio vier Studenten. Im Ostblock marschierten 1968 die sogenannten Bruderländer in die CSSR ein.
Viel Resignation und Flucht ins Private folgten. Zu den Strömungen, die aus dem Komplex der ‘68er-Jahre wieder herauskamen, gehörte auch der Terrorismus der Baader-Meinhof-Jahre; ein Geburtshelfer dieses Phänomens war die Verzweiflung darüber, dass sich die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse doch nur marginal veränderten.
Eine entstehende Multi-Milliarden-Dollar-Industrie saugte die Gegenkultur auf und spült die Hits von damals – auch die, die uns so etwas wie heilig waren – längst bis in jeden Supermarkt.
Dann gab es die Idee eines „langen Marschs durch die Institutionen“, den die Studenten als Strategie propagierten. Dieser brachte letztendlich Leute wie Schröder oder Joschka Fischer nach vorne, und hinter ihnen tun heute noch viele ehemals revolutionäre ‘68er ihre Pflicht im Staatsapparat und seinen übergeordneten Gremien der EU. Auf diesem Marsch ist nicht das gesellschaftliche Leben entstanden, an dem z. B. wir Schüler damals herumträumten. Wir wollten, dass die Gewalt aufhört. Wir haben oft darüber gesprochen. Wir wollten frei sein. Und wir wollten mit den Mädels klarkommen.
Trotz allem: Der Wandel zeigt sich
Dass im Zeitgeist gleichwohl ein Wandel steckte, zeigte die Geste des 1969 gewählten Bundeskanzlers Willy Brandt, der ein Jahr später vor dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos niederkniete, um sich im Namen der Deutschen beim Nachbarn Polen für Greuel, die Deutsche dort begangen hatten, zu entschuldigen. Noch Mitte der Sechziger Jahre wäre so etwas unvorstellbar gewesen. Hier wirkte, entdecke ich heute, eine Kraft von Liebe und Versöhnung, um deren vollständige Integration in ihr Leben es ja inzwischen immer mehr Menschen geht. Und vieles, was in den ‘68er-Jahren aufgeschienen war, tauchte als Grundlage, Arbeits- oder Forschungsthema wieder auf, als in den Siebziger Jahren ein ganzer Schwung sich gemeinschaftlich organisierender experimenteller Projekte entstand:
Farm, Friedrichshof, Findhorn …
So zog 1971 eine Gruppe von Hippies um den Uni-Professor Stephen Gaskin von San Francisco ins ländliche Tennessee und gründeten die „Farm“, eine Kommune, die durch eine wechselvolle Geschichte hindurch bis heute besteht.
Die große spirituelle Kommune Findhorn erhielt 1972 als gemeinnützige „Foundation“ ihre öffentlich-rechtliche Form; die Gründer waren schon 1962 in die Abgeschiedenheit Nordschottlands gezogen, um sich ganz der Fügung Gottes zu stellen.
Ein radikales Gruppenexperiment startete 1972/73 der österreichische Künstler Otto Muehl mit dem „Friedrichshof“, nachdem er zuvor, „im Sog der romantischen 60er-Jahre“, wie er selbst schreibt, sich dem gutgemeinten, aber der inneren Lebenswahrheit der Menschen nicht gewachsenen Leben in einer Wohngemeinschaft ausgesetzt hatte. Der Friedrichshof erregte viel Aufsehen, unter anderem, weil er versuchte, die Sexualität aus ihrer bürgerlichen Regulierung zu befreien. Das gesamte, zeitweise auf mehrere hundert Leute angewachsene und vor allem in seiner künstlerischen Arbeit am Menschen bemerkenswerte Experiment scheiterte, so denke ich, an inneren Widersprüchen, menschlichen Zerwürfnissen und Muehls patriarchaler Führungsrolle. Bekannt ist, dass Muehl später wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde und die Strafe im Gefängnis absaß.
In Italien begann 1975 der Forscher Oberto Airaudi, die spirituelle Gemeinschaft Damanhur aufzubauen, heute eines der größten und vielseitigsten Projekte dieser Art. Ihn führte unter anderem die Vorstellung, dass Menschen unabhängig von äußeren Einflüssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können.
In Poona startete 1974 der Ashram von Bhagwan, später Osho, mit schnell anwachsendem Zulauf vor allem aus Europa; daraus entstand Anfang der Achtziger Jahre in Oregon/USA Rajneeshpuram, das vierjährige Experiment der Sannyasins und von Bhagwan, in einer eigenen, neuen Stadt zusammenzuleben.
Es gab auch Frühstarter, wie das 1941 in Neuseeland von Kriegsdienstverweigerern und Friedensaktivisten gegründete Riverside-Projekt. Und 1968 wurde in Indien – direkt an einem bekannten Hippie-Treck, der quer durch Asien führte – Auroville gegründet, mit Hilfe der UNESCO und im Sinn der spirituellen Philosophie Sri Aurobindos.
Ich selbst schloss mich Anfang der 80er-Jahre dem Forschungsprojekt „Bauhütte“ an. Vier Menschen, unter ihnen Dieter Duhm als lenkende Kraft, hatten es 1978 in Süddeutschland gegründet, um neue Erkenntnisse aus vielen Bereichen von Kunst und Wissenschaft zu einer gewaltfreien menschlichen Daseinsweise zusammenzufügen. Ab 1979 entstand daraus das Liebe und Sexualität als wesentliche gesellschaftlich und individuell wirksame Kräfte einbeziehende Gemeinschaftsexperiment, aus dem wiederum später das ZEGG und Tamera in Portugal hervorgingen. Duhm stand ‘68 dem SDS („Sozialistischer Deutscher Studentenbund“) nahe und war ein wichtiger Kopf der Studentenbewegung. Bereits in seinem 1972 erschienenen Bestseller „Angst im Kapitalismus“ wurde sichtbar, dass eine Idee von der Befreiung des Menschen viel komplexer aufgebaut sein musste, als die Linke damals noch annahm.
Glücklich in Gemeinschaft leben –
ein Sehnsuchts-Grundthema der Sechziger
Es gehört noch viel mehr zu den zukunftsträchtigen Folgeerscheinungen der ‘68er-Jahre. Viele Gründer aus der Gemeinschaftsbewegung kommen aus dem Umfeld der späten Sechziger Jahre, sagt die amerikanische Professorin Karen Litfin. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sie weltweit 17 Ökodörfer und Gemeinschaftsprojekte besucht und schreibt jetzt ein Buch darüber („Facets of the Gem – Communities around the Globe“). So kommt es zu einer Vertiefung und Realisierung von damals aufgeblitzten Themen – wie dem Grundthema, als glückliches Individuum in einer wirklichen Gemeinschaft zu leben.
Schöne Folklore hat es seinerzeit zu dieser Menschheitssehnsucht gegeben: 1967 verfassten die Beatles für eine der frühen global ausgestrahlten TV-Großproduktionen „All you need is love“. Der Text war durchaus spirituell gemeint, denn sie hatten genug Drogen genommen und indischen Weisheitslehrern gelauscht, um sich andere Daseinsmöglichkeiten vorstellen zu können, wenn auch erst mal nur in einer Vision von der Größe eines gelben Unterseebootes. ♠
Der Autor Hermann Haring, geboren 1950, war in den späten Siebziger Jahren Chefredakteur der Rock-Illustrierten „Musik Express“. Er lebt heute im ZEGG bei Berlin.
Was war Kommune damals?
In dieser Zitatsammlung aus der Gründerzeit der ersten deutschen 68er-Kommunen wird vor allem der alles beherrschende politische Anspruch deutlich, den man damals mit der Idee vom Leben in Kommunen verband. Selbstbefreiung war verpönt beziehungsweise galt als unmöglich.
Mit Mao für die freie Liebe – Rotgardisten sprengten Diskussion an der FU ... Ihre Komplexe wollen sie, wenn möglich in einer Berliner Kommune abreagieren. Alle ihre Mitglieder sollen die Universität verlassen, in die Fabriken gehen und Geld verdienen. Davon wollen sie dann ein Haus kaufen, um dort die ‚Kommune‘ mit freier Liebe und Parteischulung zu verwirklichen. Ausbilden wollen sie dort ‚Provos‘, die dann in die Gesellschaft geschickt werden, um Störaktionen zu inszenieren. So soll das Schwungrad der Revolution in Bewegung gesetzt werden.“
(„Der Abend“ über die erste Kommune-Aktion am 26. November 1966 in der FU Berlin)
„Sind alle bisher gescheiterten Gruppenexperimente aufgearbeitet, müssen wir konstatieren, dass das Scheitern weniger im Fehlen einer gemeinsamen Praxis begründet war – jeder kehrte nach den Aktionen in das Treibhaus seiner bürgerlichen Individualexistenz zurück – als vielmehr in dem mangelhaften Versuch, die verschiedenen individuellen Geschichten in einer gemeinsam zu beginnenden Geschichte aufzuheben … Die Kommune ist nur dann fähig, systemsprengende Praxis nach außen zu initiieren, wenn innerhalb der Kommune effektiv die Individuen sich verändert haben, und diese können sich nur verändern, wenn sie jene Praxis machen. Praxis nach außen ohne experimentelle Vorwegnahme dessen, was Menschsein in einer emanzipierten Gesellschaft beinhalten könnte, wird zum Aktivismus als Normerfüllung. Die vielbeschworene neue Qualität der Kommune ohne gemeinsame Praxis wird sich als solipsistischer Akt, Psychochose und elitärer Zirkel entpuppen.“
(Dieter Kunzelmann: „Notizen zur Gründung revolutionärer Kommunen in den Metropolen“, November 1966)
„Ich denke, dass die Kommune als Form der losen und politischen Zusammenarbeit und des direkten Zusammenlebens von freien Individuen die adäquate Antwort unserer Tage sein könnte, nämlich von Individuen, die in der Lage sind, die Gesamtheit der anstehenden Probleme theoretisch zu begreifen und damit praktisch neue Antworten zu finden, dass sie in der Kommune eine neue Form des Zusammenlebens finden könnten, die im alten, etablierten Gleichgewicht die Keimzelle des Neuen abgeben könnte. Diese Form des Zusammenlebens ist eine Form koordinierter wissenschaftlicher und menschlicher Zusammenarbeit, wobei die wissenschaftliche Arbeit im Mittelpunkt steht, begriffen als revolutionäre Wissenschaft …“
(Rudi Dutschke im Radiointerview vom 31.Dezember 1966)
„Unser Ziel ist das Setzen der Kommune. Setzen der Kommune ist die Voraussetzung von Praxis. Anarchistische Praxis ist die Zerstörung von Theorie. Wir haben uns vorgenommen, keine Tendenzanalyse mehr zu machen. Das bedeutet, dass Praxis augenblicklich möglich ist. Die vergangenen anarchistischen Bewegungen sind daran gescheitert, dass die Zeit noch nicht erfüllt war. Historisch gibt es jetzt erstmals eine Möglichkeit für uns.“
(Bernd Rabehl,1966)
„Eike Hemmer: Ausgangspunkt ist für mich die Feststellung, dass meine individuellen Probleme gesellschaftlich begründet sind. Und die Erkenntnis, dass diese Misere individuell nicht verbessert werden kann. Daraus ergibt sich die notwendige Konsequenz, dass meine eigene Veränderung nur im Kampf für eine Veränderung der Gesellschaft erfolgen kann … Was leistet das Zusammenleben für den Einzelnen in Bezug auf seine Fähigkeit, die Gesellschaft zu verändern, revolutionär zu werden? Nur darin hat das Zusammenleben seine Berechtigung …
Eberhard Schultz: Vor der projektierten gemeinsamen Arbeit kann man sich sehr gut drücken, indem man an SDS-Projekten mitarbeitet. Eikes starke Worte (‚Revolution‘) sind nur Kompensation für unsere Unfähigkeit, einen Weg der Zusammenarbeit zu finden … Notwendig ist der Versuch, die Zusammenarbeit aus den individuellen Bedürfnissen zu entwickeln. Ist die Gruppe mehr als die Möglichkeit, den Einzelnen besser zur politischen Arbeit zu befähigen?“
(Gruppenprotokoll Kommune 2, September 67.)
„IHR KINDERLEIN KOMMET. Raus aus Euren Löchern, Ihr verpennten APO-Schleimkacker! Wie Ihr wisst, hat man uns aus dem Germanischen Seminar geschmissen. Die Germanisten wollen keinen Beat hören, ihre Bücher behalten, Wandsprüche erfüllen sie mit Unmut etc. Kurzerhand haben wir jetzt eine Fabrik in Moabit gemietet, Stephanstraße 60, Hinterhaus. Und Ihr meint sicher, dass es nächste Woche losgeht mit Subkultur und Underground in Berlin. Ja Pustekuchen! Erst müsst Ihr noch die ganze Arbeit machen: Wände sind einzureißen, Zement zu mischen, Installationen installieren und allsowas. Geliebtes K1-Ausbeutungspotential … Ihr könnt da alles machen – aber wehe, es nistet sich einer ein, der dort eine Diplomarbeit schreiben will! Alle Macht den Ratten! Was lange währt, wird endlich Scheiße, wenn Ihr nicht allealle kommt und mitmacht. Mit innigen Grüßen, Eure verfetteten Apo-Opas & Omas von der K1, die es schon immer gut mit Euch gemeint haben.“
(Aufruf der Kommune 1, Juli 1968 )
„Wir dürfen annehmen, dass in der Kommune ein Teil der verdrängten Triebregungen aus der Verdrängung befreit wurde. Wie das vor sich geht, können wir nicht genau sagen. Denkbar erscheint, dass die Anschauung eines Menschen, zu dem man durch das Zusammenleben enge Beziehungen hat und der aus bestimmten Handlungen (etwa Tanzen) Lust gewinnt, einen auf Dauer dazu bringt, sich selbst diese Lust zu verschaffen. In der Gruppe fanden wechselseitige Identifikationen der Individuen untereinander statt; als deren Folge lässt sich sagen, dass ein Teil des individuellen Über-Ich auf ein Gruppen-Über-Ich übertragen wurde, das zumindest für die Männer bei uns weniger strenge Züge trug als ihr je individuelles Über-Ich. Für Jan zum Beispiel [Red: Jan Raspe, später RAF] äußerte sich diese Übertragung darin, dass er sich nach einiger Zeit in der Kommune erlauben konnte, ohne Schuldgefühle länger im Bett zu liegen und zu faulenzen. Gegenüber dem wahnsinnigen Druck, unter dem er sich vorher zu Leistungen gezwungen hatte, bzw. den Schuldgefühlen, die durch die Nichterfüllung des Leistungsanspruches auftraten, muß diese relative Befreiung von einem drückenden Über-Ich erst mal als positiv bewertet werden. Wir können diesen Vorgang der teilweisen Aufhebung der Verdrängung auch an der Haltung zum Schmutz verfolgen. Die größere Gleichgültigkeit gegenüber Dreck, der allen Besuchern von Kommunen auffällt, ist wesentlich eine Lockerung der überstrengen Reinlichkeitsdressur, der die Kinder typischerweise in unserer Gesellschaft unterworfen werden … Das Bewusstsein von der Notwendigkeit der Umwälzung dieser Verhältnisse kann nicht automatisch durch die Ausbreitung neuer Lebensformen entstehen, sondern nur, wenn die Wohnkollektive mit politischen Kollektiven in der Produktionssphäre und in den Institutionen organisatorisch verbunden werden. Wenn das nicht geschieht, dienen neue Lebensformen wie die Großfamilie nur der Entschärfung eines gesellschaftlichen Teilwiderspruchs und führen letzten Endes nicht zu einer Demokratisierung, sondern nur zu einem etwas besseren Funktionieren des kapitalistischen Herrschaftssystems. Wir sind uns bewusst, dass das Versenken in die eigene Psyche und in die sublimen Verästelungen des individuellen Charakters in einer Ausbeuter-Gesellschaft einen Luxus darstellt. Aber nur das Privileg, zwei Jahre lang nicht arbeiten zu müssen, hat uns instand gesetzt, neue Formen des Zusammenlebens und der Erziehung auszuprobieren.“
(Kommune 2, Versuch der Revolutionierung des bürgerlichen Individuums, Oberbaumpresse Berlin, 1969 )
„Auf lange Sicht können die Wohngruppen, wenn sie an Zahl beträchtlich zunehmen, zu einer grundlegenden Änderung unserer Gesellschaftsordnung führen, weil die Gewöhnung zahlreicher Menschen an herrschaftsfreie Kommunikation, an Kooperation und an Reflexion auch im öffentlichen Leben antiautoritäre Prozesse in Gang setzt, die sich letztendlich demokratisierend auswirken müssen.“
(Helmut Kentler in der Zeitschrift Pardon, Mai 1969)
„Gescheitert sind nur die Kommunen, die in ihren programmatischen Vorstellungen einer Verwechslung zum Opfer fielen. Ich meine die Kommunen, die unter politischen Ansprüchen gegründet wurden und dann dem Irrtum aufsaßen, die Kommunegründung selbst sei schon politisch … Das ist eine Verwechslung von Ursache und Wirkung. Wohngemeinschaften oder kommuneähnliches Zusammenleben sind die Voraussetzung für politische Arbeit. Sie sind nicht die politische Arbeit selbst. Andernfalls werden Kommunen zu einer weiteren Form der Trauminselhoffnung inmitten der kapitalistischen Ausbeutergesellschaft. Ob eine Kommune gescheitert ist oder nicht, bestimmt sich also nicht aus der Art des Zusammenlebens, sondern daraus, ob die Kommunemitglieder zur politischen Arbeit fähig sind. So gesehen, kann man tatsächlich vom Scheitern einer Unzahl von Kommunen sprechen, und zwar gerade dort, wo alles so sauber und reibungslos klappt. Wer glaubt, schon im Anderssein liege der Schlüssel des Fortschritts, verkörpert nichts als den dynamischen, weltoffenen, modernen jungen Menschen, Typ: Junge Europäer. Ihre Parole: Schöner Wohnen.“
(Günther Amendt, Sexfront, März Verlag 1970)
„Ich habe die Erfahrung der Ursachenebene machen können. Und die ist nun einmal, wenn du es sehr ernst nimmst, tief in dir selbst.“
(Rainer Langhans über das Scheitern der „äußeren“ Kommune, siehe oben.) ♠
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