„Es war das richtige Leben!“ – Ein persönlicher Erfahrungsbericht
Der Journalist und Musiker Pit Budde hat ‘68 „von unten“ erlebt: mittellos und illegal auf den Straßen Europas, in den ersten Kommunen, immer mit seiner Gitarre in den Händen und auf der Suche nach dem ultimativen Höhenflug, jedoch mit Bauchlandung inklusive. Ein Bericht aus dem Inneren der internationalen Hippie- und Gammlerszene – dem anderen, anarchistischen ‘68.
Erst mal vorneweg: 1968 war für mich ein unglaubliches, verrücktes Jahr, mit Höhen und Tiefen, die ich mir vorher nicht hatte vorstellen können.
Und noch etwas vorneweg: Mir tun die Kids leid, die jetzt im gleichen Alter sind wie ich damals. Ich war sechzehn, und es war eine beschissene Zeit, ich hatte nur Probleme, in der Schule, mit den Eltern, mit der Polizei, mit der ganzen verlogenen, aggressiven, damals sogenannten Schweigenden Mehrheit, die mich anrempelte, mir Prügel androhte, die Polizei auf mich hetzte. Und trotzdem stand mir damals die Welt offen, wie ich es später selten erlebt habe. Alles war möglich; eigentlich war es so schlimm, dass es nur noch besser werden konnte. Und das war großartig.
Ich hatte zum ersten Mal vor Gericht gestanden, Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, war von zwei Schulen geflogen und hatte mit dem bürgerlichen Leben abgeschlossen, wenn ich denn je eins besessen hatte. In der Zeitung stand jede Menge über revoltierende Studenten, doch das war nur halb so spannend wie die neuen Songs von Bob Dylan oder ein paar neue Gitarrenakkorde, die ich mir am Gammler- bzw. Hippie-Treff in Dortmund abgeschaut hatte. Gegen die Phrasen von der „revolutionären Arbeiterklasse“ aus dem Mund von Kindern reicher Eltern war ich ziemlich immun, schließlich war ich selbst ein Spross dieser Klasse und kannte außerhalb der Schule nur Malocher oder Malocherkinder. Ich kannte Kohlenhalden und Kokereien und fand sie nicht so romantisch wie meine späteren studentischen Freunde.
Vieles aus den Monaten vor dem Mai ‘68 verliert sich bei mir allerdings im Dunkel von Hauseingängen, Parkbänken, Industriebrachen und anderen zugigen Orten, an denen wir unbemerkt alles, was sich als Droge eignete, ausprobierten. Mein Gedächtnis hat in dieser Zeit gelitten, und mir fehlen die Erinnerungen an fast ein halbes Jahr.
Doch der Mai begann glorreich. Während irgendwo Studenten und Gewerkschafter den „Kampftag der Arbeiterklasse“ feierten, versammelten sich die Gammler und Hippies in einem schönen Park, um das Leben zu feiern. Und noch etwas mehr. Zum ersten Mal hatten es richtig gute LSD-Trips über die Grenze von Amsterdam ins Ruhrgebiet geschafft!
Die Sonne schien von morgens bis abends, und glücklicherweise passte eine Freundin den ganzen Tag auf mich auf. Während ich durch die Wolken schwamm, mit Bäumen tanzte und was weiß ich für verrückte Dinge tat, hielt sie meine Hand und sorgte dafür, dass ich nicht auf Nimmerwiedersehen davonflog. Vielen Dank dafür an dieser Stelle!
Doch das war nur der Auftakt zu Größerem! Wir, drei Jungs zwei Mädchen, hatten abgeschlossen mit dem trägen, langweiligen Leben in einer Provinzstadt. Wir waren in Amsterdam, in Kopenhagen und Berlin gewesen und wollten jetzt endgültig zum Puls der Zeit.
Wir trafen uns an einem Morgen, statt zur Schule zu gehen, auf einer abgelegenen Wiese und verbrannten in einem schönen Ritual unsere sämtlichen Schulhefte und -bücher. Am nächsten Tag wollten wir uns gemeinsam in die große weite Welt davonmachen. Leider wurde dann nichts daraus, denn genau an diesem Morgen flog ich aus der dritten Schule, mit dem Hinweis, es gäbe keine andere Schule mehr, die mich in Zukunft aufnehmen würde.
Interpol auf den Fersen
Zwei Wochen später waren wir dann doch in Amsterdam, ein Grinsen im Gesicht und Interpol auf den Fersen. Wir wurden von linken Studenten aufgenommen, die uns Löcher in den Bauch fragten, wie denn die Unruhen in Deutschland ablaufen würden. Die Revolte war mit den Amsterdamer Provos längst bis ins Hippie-Paradies vorgedrungen. Wenig später erwischte die Polizei erst die beiden Jungen, dann die beiden Mädchen, steckte alle in den Knast und schob die vier kurz darauf nach Deutschland ab. Ich legte eine falsche Fährte und verschwand nach England.
Die ersten Wochen in der Illegalität hatten mir gutgetan. Ich war vorsichtig und offen gleichzeitig. Beschwatzte die englischen Zöllner, die sich wunderten, einen 16-Jährigen allein auf großer Fahrt vorzufinden, noch dazu ohne Gepäck. Ich hatte gerade mal 20 Mark in der Tasche – ich hatte in den Ferien auf dem Bau gearbeitet – und meinen Pass. In London konnte ich dann für mein letztes Geld im An- und Verkauf eine schlechte Gitarre kaufen und in den U-Bahn-Stationen als „Busker“ mein Geld verdienen. Ich wohnte manchmal in Abbruchhäusern, im Obdachlosenasyl, manchmal bei Au-pair-Mädchen, schließlich in einer Hippiekommune. Das war eine neue Erfahrung! Zwanzig Quadratmeter, die ein belgisches Mädchen gemietet hatte. Es gab ein Bett, das sie mit ihrem jeweiligen Freund teilte, dazu jede Menge Fußboden für zwei Mädchen und die drei Jungens, die gerade nicht ihr Freund waren. Es war ein abenteuerlicher Haufen. Jeder von uns war tagsüber unterwegs. Nachts trafen wir uns dann mit all dem, was wir organisiert hatten. Ich spielte täglich ein paar Stunden Gitarre in den Tube-Stations und verdiente so genug, um Lebensmittel zu kaufen. Den Rest der Zeit machte ich Musik auf dem Trafalger Square oder im St. James Park, um Mädchen kennenzulernen. Wir teilten alles, was wir hatten. Das war leicht, denn eigentlich hatten wir so gut wie nichts. Wir gingen zusammen ins Middle-Earth, sahen die angesagten Beat-Bands, und ich spielte mir selbst anschließend die Finger wund.
Es war eine unglaubliche Szene auf der Straße zu dieser Zeit. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, es war die gesellschaftliche Elite, die sich in allseits akzeptierter Verachtung bürgerlicher Werte aufmachte, sich der Gesellschaft zu verweigern und die Welt zu erneuern. Kam ich in eine neue Stadt, brauchte ich nur zu warten, bis ich jemanden traf, der ähnlich lange Haare oder ähnliche Klamotten trug – schon hatte ich Freunde, was zu essen und einen Schlafplatz.
Die Halblegalität und die Ablehnung der miefigen Gesellschaft vereinte uns. Es war eine friedliche und doch explosive Mischung von Kids, die jeder für sich eine eigene Vision einer anderen Welt in sich trugen. Es gab viele Gemeinsamkeiten – und genau so viel, was uns trennte. In der Schule hatte ich mich strikt geweigert, irgendwelche Literatur zu lesen, jetzt schleppte ich Bücher von Bakunin, Khalil Gibran und Georg Büchner mit mir herum, las Schiller und E.T.A. Hoffmann.
Irgendwann unterhielt ich mich nachts auf der Straße mit Marianne Faithful, sah einen wütenden Mick Jagger auf der anderen Straßenseite. Dann erfuhr ich, dass die Polizei mich in London ausgemacht hatte. Marie wollte gerade zurück nach Frankreich und nahm mich mit. Diesmal beschwatzte sie die Zöllner, und wenige Tage später war ich Teil der internationalen Hippie-Gemeinschaft in Cannes.
Schlechte Nachrichten und Gerüchte kamen aus Spanien. Die faschistische Polizei „Guardia Civil“ machte sich einen Spaß daraus, Hippies einzufangen, in den Knast zu stecken, ihnen eine Glatze zu schneiden, um sie dann über die Grenze nach Frankreich abzuschieben.
Aber auch die warmen Nächte an den Stränden der Cote d’Azur wurden ungemütlich. Zu viele reiche Leute fühlten sich mit uns abgerissenen Figuren in der Nähe nicht wohl. Ich machte mich auf den Weg nach Paris, laut Aussage aller, die dagewesen waren, der derzeitige Mittelpunkt der gesamten lebenden Welt. Dort angekommen, stellte ich mich auf den Boulevard St. Michel, schnappte meine Gitarre und begann, Geld zu verdienen. Schnell fand ich in der aufrührerischen Aufbruchsstimmung Freunde und Freundinnen. Ein paar Schritte neben mir rezitierte ein Franzose alte Revolutionsreden, ein Stück weiter gab es Straßenmaler, mehr Musiker … es war das richtige Leben.
Irgendwann sah ich einen offenen Wagen mit fahnenschwenkenden Rechtsradikalen über den Boulevard brausen. Plötzlich flog ein Molotow-Cocktail auf das Auto, Sekunden später gab es nur noch das brennende Wrack, und die Straßen waren leer.
Paris, Mai 68: Der Strand liegt unterm Pflaster
und das Paradies in einem Klassenzimmer!
Befreundete Studenten nahmen mich mit zu einem besetzten Teil der Uni. Vermummte mit Helm patroullierten mit Knüppeln vor dem Gebäude. Innen gabs eine Sammlung von erbeuteten Polizeihelmen zu bestaunen. Ich bekam den Schlüssel zu einem wunderbaren Raum, der mich an ein „Klassenzimmer“ erinnerte, mit Tischen, Bänken und Wasseranschluss. Ich hatte schon etliche Nächte in Parks, Telefonzellen, unter Brücken und auf Parkbänken verbracht. Das war jetzt das Paradies. Wir feierten Parties und ließen es uns gutgehen.
Eines nachts wurde das Haus geräumt, ich hatte glücklicherweise bei Freunden übernachtet. Alles wurde nun anders. Die Polizei wollte das ganze Gesindel endlich loswerden und die Stadt wieder unter Kontrolle bekommen.
Als ich ein paar Nächte später unter einer Brücke schlief, weckte mich unsanft ein Polizeiknüppel. Alle, die sie erwischten, wurden einkassiert und auf die nächste Wache gebracht. Dort angekommen, mussten wir durch ein Spalier von ziemlich schlecht gelaunten Uniformierten laufen, die gerade wie sie Lust hatten mit dem Knüppel oder der Faust zuschlugen.
Es wurde eine ziemlich blutige Angelegenheit, bei der meine Nickelbrille (ich war so stolz auf die Brille, weil John Lennon eine ähnliche trug) zu Bruch ging und meine Gesichtszüge für die nächsten Tage ruiniert wurden. Dann hieß es warten. Als die nächsten Uniformierten mich abholten, schauten sie mich schon etwas respektvoller an. Mein Französisch war schlecht bis gar nicht vorhanden, aber dennoch begriff ich warum. Sie hatten rausbekommen, dass Interpol hinter mir her war.
In der nächsten Polizeiwache hatten sie erst mal keine Zeit für mich, denn zeitgleich wurde ein Araber auf die Wache geschleppt. Rassismus kannte ich bis dahin eigentlich nur aus den schwachsinnigen Sprüchen, die mit den Worten „Beim Adolf wäre das quak-quak-quak …“ begannen, oder aus Holland, wo ich öfter mal von älteren Leuten als Scheißdeutscher beschimpft worden war. Das hier hatte jedoch eine andere Qualität. Als die Uniformierten mit dem Mann fertig waren, konnte ihm nur noch die Intensivstation helfen. Obwohl ein dreckiger Hippie und Deutscher dazu, war ich in dem Zusammenhang doch noch etwas mehr Mensch als ein Französisch sprechender Araber.
Nächste Station: Knast und eine miese Zelle, die ich mir mit einem professionellen Autodieb teilte. Tage später kam ein Dolmetscher, der mir erzählte, ich sei eine Treppe heruntergefallen und hätte mir dabei meine Verletzungen zugezogen. Schließlich wurde ich abgeschoben und stand in Deutschland unter Polizeiaufsicht.
In der Schule hatte ich immer gehört, ich würde fürs Leben lernen – jetzt hatte ich in wenigen Monaten so viel begriffen und gelernt wie alle Lehrer, vom alten Nazi bis zum Schöngeist, mir in all den Jahren nicht hatten beibringen können.
Das Jahr der Gegensätze
1968 war für mich ein Jahr der totalen Gegensätze. Die schönste und wildeste Zeit meines jungen Lebens, an die sich eine tiefe Depression anschloss. In den darauffolgenden Monaten hat mich nur eins am Leben gehalten: In jeder freien Sekunde hatte ich meine Gitarre in der Hand und spielte, bis mir die Finger bluteten. Dafür bin ich der Gitarre noch heute dankbar.
Das, was viele Nachgeborene mit ‘68 verbinden, hat für mich erst später stattgefunden. Die Studenten waren ‘68 für Ideen und die Dritte Welt auf die Straße gegangen. Viele sind später bei ihrem Marsch durch die Institutionen ins Eigenheim nach und nach handzahm geworden.
Dieser Weg stand meinen Freunden und mir nicht offen. Wer von uns die ersten Jahre überlebt hat, konnte den neuen Parteien und Dogmen und den späteren Karrieren nicht über den Weg trauen. Anfang der Siebziger Jahre waren wir für uns selbst auf der Straße, haben Häuser besetzt, AKWs verhindert, uns an vielen Orten der Republik blutige Köpfe geholt, gesellschaftliche Freiräume geschaffen, neue Lebensformen ausprobiert und damit eine zumindest kleine Kulturrevolution angezettelt, die dieses Land ein für allemal verändert hat. Nicht so sehr wie wir es wollten, aber immerhin!
Die absolute Lebensfeindlichkeit und Verklemmtheit der Fünfziger und Sechziger Jahre können sich die Jugendlichen heute nicht in ihren bösesten Albträumen vorstellen. Trotzdem würde ich ihnen mehr von unserem damaligen rebellischen Selbstbewusstsein wünschen. ♠
Dieser Bericht stellt die überarbeitete und erweitere Fassung eines Artikel dar, der erstmals in der „Graswurzelrevolution“ Nr. 329 erschienen ist. www.graswurzel.net
Kontakt zu Pit Budde und seiner Band „Karibuni“ unter www.myspace.com/pitbudde oder unter pit.budde@gmx.de
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