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Die unvollendete Revolution
erschienen in Ausgabe 159  PDF-Version (121.5 KB)
„Liebe, Sex und Zärtlichkeit“? – Eine kleine (Miss-)Erfolgsanalyse des sexuellen Aufbruchs von 1968.

Von 1969 bis 1884 war Martin Goldstein der erste „Dr. Sommer“ der BRAVO. Er beriet mit seinem Team unzählige Jugendliche in sexuellen und intimen ­Fragen und war so ein prominenter Wegbereiter der sexuellen Revolution. Mittlerweile über 80 Jahre alt, begleitet er als „alter Weiser“ die Entwicklung des Ökodorfs Sieben Linden. Hier äußert er sich zu unserer Frage, was aus den radikalen Ansätzen von damals geworden ist.

Was die sexuelle Revolution von 1968 eigentlich gebracht hat? Ich finde, es war eine not-wendige Rebellion. Aus der Not eine Tugend machen – das war nötig! Die Not bestand in der bleiernen Verdrängung und dem Verschweigen des sexuellen Lebens und der Lust, vor allem vor der Jugend. Ausgenommen davon war natürlich die Warnung vor den „Gefahren von Sex“. Es herrschte sozusagen ein Sumpfwald aus Schweigen, Drohen und Warnen. Dagegen richteten die ‘68er dann die Abkehr vom Zwang zum Verzicht mit einer unbekümmerten Urform: „Koituslust pur“ – und das in aller Offenheit.
Genauso musste es kommen: Ein befreiender Rundumschlag, einem „Roden“ vergleichbar, so krass, so unverschämt, so impulsiv und so aggressiv. Was dem Roden dieser Rebellion hätte folgen können – ja hätte folgen sollen – sind folgende Punkte:
– Ein Säen: Sexualität als Beziehungsform bzw. -Element von Mensch zu Mensch, der Ich-Du-Beziehung sowie der Gemeinsinnigkeit. Das bedeutet authentisches und gleichwürdiges Erzählen und Zuhören in unterschiedlichen Altersgruppen, etwa in Schulen, Universitäten, Parteien. Am meisten geschah dieses Säen noch in der evangelischen Jugendarbeit.
– Ein Wachsenlassen: Das Zulassen eines ganzheitlichen sinnlich-erotischen Zusammentreffens von Menschen, englisch: sensuality: Haut und Hände als die größten Geschlechtsorgane, Fühlen, Stimme, Duften, Hören und jeglicher Sinnenkontakt: die Ekstase mehr als Höhepunkt als der Orgasmus. Es geschah jedoch weder ein Wachsen noch ein Wachsenlassen.
– Die Ernte: Erstens, anstelle von sexueller Aufklärung eine sexuelle Einweihung. Jugendliche wollen keine „Sexual-Kunde“ (so der Titel eines Sexual-Atlanten von Käthe Strobel, 1969) sie wollen gehört, verstanden und begleitet werden bis sie, zweitens, als sexuelle Erwachsene „freigesprochen“, das heißt anerkannt werden, mit 15 oder 16 oder wann auch immer …
Die „Alten Weisen“ mit ihren Ritualen, die liebevollen „sexuellen Vorbilder“ fehlen in unserer Gesellschaft jedoch zumeist. Stattdessen gibt es Angebote sexueller Lustanregung von Agenturen, TV- und Internet-Pornografie, sämtlich beziehungslose Beispiele, so dass Jugendliche, davon beeindruckt, jetzt zwar nicht mehr unter dem Zwang zum Verzicht, dafür aber unter dem Zwang zum Gebrauch sexueller „Ware“ stehen.
Der bürgerlichen Gesellschaft ist es nicht gelungen, Beziehungsgefüge und -gefühle zwischen Menschen attraktiv zu beleben. Sexualität wird z. B. in der Schule (einer undemokratischen Einrichtung!) tabuisiert oder ins Privatleben abgeschoben. Im schulischen Lernraum wird nicht von persönlich Erlebtem ausgegangen, weder von dem der Jugendlichen noch dem der Erwachsenen; es bleibt in begrenztem und begrenzendem theoretischen Wissen = Kunde stecken. Ziel der Bildung ist aber nicht Wissen, sondern Handeln!

Bequemlichkeit und Ignoranz in der Politik
Man überlässt es der Zeitschrift BRAVO, in der das Dr.-Sommer-Team zugunsten der Jugendlichen – aber bezahlt vom Kommerz – gute Arbeit macht und immer noch leichter für sie erreichbar ist als das gesamte Erziehungssystem.
Als Heiner Geißler Innenminister wurde, ließ er als ­erste Amtshandlung das gesamte Jugend-Aufklärungsmaterial der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ über Nacht einstampfen. Und 2006 wurde schließlich das einzige deutsche sexualwissenschaftliche Forschungs- und Fortbildungs-Institut in Frankfurt geschlossen und Prof. Volkmar Siegusch entlassen. Damit war die sogenannte sexuelle Revolution staatlicherseits beendet.
Prof. Siegusch hat gesagt: „Probleme des Sexuallebens gehören nicht in Medizin (Psychiatrie) und nicht vor die Justiz (Strafgesetze) und nicht in Religion (Kirche über Sünde), sondern in eine spezielle Sparte der Sozialwissenschaft, nämlich der Soziologie, also der Beziehungskunde und Beziehungsfähigkeiten.“

Ein Thema von ungebrochener Aktualität
Ein deutlich verirrtes, medienträchtiges Beispiel kennen wir aus dem Jahr 2007: Der Fall Marco W., 17, inhaftiert in der Türkei, mit Charlotte, 13, sowie ihrer Mutter auf der Gegenseite. Anstelle einer polizeilichen Anzeige (wegen „sexuellen Missbrauchs“) wäre es wichtig gewesen, alle an dieser Nacht Beteiligten plus Mutter um einen Tisch zu versammeln und über „Teenagerliebe“ zu sprechen: „Was ist passiert? Wie finde ich das? Was hattest du im Sinn? Wie konnte das geschehen? Sollen und wollen oder dürfen wir so weiter machen? Wie findet ihr das?“
Gebraucht werden Menschen, welche sich für das Erleben von Teenagern interessieren und dieses ohne Angst und ohne Richtlinien für gleichwürdig halten: „Nun sprich du, ich höre! Sprecht! Ich sage euch, was ich meine! Hört zu! Was wollen wir gemeinsam anerkennen und was nicht?“ Gesucht werden Erwachsene, die aufgrund von Respekt vor innerer Entwicklung und in Gemeinsinnigkeit zu partizipatorischer Begleitung fähig sind, welche Erlebtes oder Gefühltes verkraften und in Entwicklungsschritte verwandeln können. Das geht nur in außerschulischem und außerfamiliärem Umfeld. Es braucht dafür gemeinschaftliche Freiräume; einer isolierten Kleinfamilie geht das nicht anzulasten. (Positives Beispiel: „Die Liebesschule“, www.mannepotsdam.de.)
Fehlt es an Gemeinsinnigkeit, bleibt es bei „Maßnahmen zur Rettung von Maßnahmen“ (Hartmut von Hentig) wie etwa „Aufklärung“ stecken, anstatt an die Wurzel des ursprünglichen Auftrags zu gehen: Anbieten, Verstehen, Begleiten, Ermutigen, Einweihen, Beraten.

Bieten Gemeinschaften besondere Lösungen?
Eine Vision wären neu entstehende Gemeinschaften oder Stämme (mit individuellen Paten als Ergänzung). Hier könnten die Erwachsenen aufgrund eines moralischen Konsenses entsprechende rituelle Einführungen in eigenes und gegenseitiges Körpererleben, Gefühlserleben und sexuelles Erleben vorleben und darauf ansprechbar sein. Im Mittelpunkt muss das Fördern stehen, statt das Fordern.
Was also bleibt vom positiven, noch zu verwirklichenden ‘68er-Erbe? Es bleibt, Beziehungsprobleme als Rohstoff für Entwicklung sowohl von Selbstbewusstsein als auch von Gemeinsinnigkeit zu nutzen!
Das wäre die sinnliche Grundlage für eine Entwicklung kommunikativer, echt-demokratischer Basis-Strukturen.


  Autoren

Goldstein, Martin

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