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Matrix der Freiheit
erschienen in Ausgabe 159  PDF-Version (267.7 KB)
Gandalf Lipinski reflektiert Freiheit und Gemeinschaft vor dem Hintergrund von 6000 Jahren Patriarchat. Teil 7: Wie wir wirklich, wirklich leben wollen.

„Der menschliche Geist hat nach der Idee zu forschen, die in jedem Faktum verborgen liegt, nach dem Gedanken, dessen bloße Form es ist. … Denn was heißt ­historisch ­denken? Eine Sache in ihren inneren Zusammenhängen zu sehen; eine Sache aus ihrem eigenen Geist heraus begreifen und darstellen.“ Der große Kulturhistoriker und Geschichtsphilosoph Egon Friedell, dem wir diese Sätze verdanken, sagt in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ sinngemäß, dass wir Ereignisse, die erst vor weniger als hundert Jahren stattfanden, eigentlich kaum historisch begreifen könnten, da sie uns seelisch noch viel zu nahe seien. Diesem Gedanken folgend, soll der vorliegende letzte Teil der Matrix-Serie zwar noch das 20. Jahrhundert reflektieren, dies aber im vollen Bewusstsein seiner aktuellen Gegenwärtigkeit und sogar in Bezug auf seine immanenten Hinweise auf unsere mögliche Zukunft.


Der Nationalsozialismus hatte die Freiheits- und Gemeinschaftsimpulse der Lebens­reformbewegung gleichermaßen terrorisiert und zerschlagen wie auch durch die Übernahme und Pervertierung einiger ihrer Grundelemente diese ­dauerhaft desavouiert. Die daraus resultierenden Denkverbote in Richtung Gemeinschaft, Spiritualität und Politik (vor allem im Zusammenhang gedacht!) wirken bis heute.
So steht die Welt nach dem zweiten Weltkrieg denn auch folgerichtig in einem neuen Antagonismus, der keine Differenzierungen und „dritten Wege“ zwischen den großen Machtblöcken mehr duldet. Die USA und die Sowjetunion bauen ihre jeweiligen Imperien wirtschaftlich, militärpolitisch und ideologisch dermaßen aus, dass auf freiheitsliebende Querdenker auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs harte Zeiten zukommen. Und solange das „realsozialistische“ Imperium der Sowjetunion mit dem parlamentarisch-kapitalistischen Reich der USA konkurriert, werden dem Raubtier­kapitalismus politische Zügel angelegt: Um den Massen eine positive Alternative zu Planwirtschaft und Parteiherrschaft zu bieten, muss das Kapital im Westen die Arbeiter in höherem Maß als früher am neuen Wohlstand teilhaben lassen. So werden in der „sozia­len Marktwirtschaft“ – neben den individuellen Freiheiten im Rahmen des parlamentarischen Systems und der sozialen Gerechtigkeit – vor allem der reale Lohnzuwachs und die individuellen Konsummöglichkeiten vorangetrieben. Ende der Sechziger Jahre ist die Masse der arbeitenden Menschen im Westen satt, relativ zufrieden und vor allem politisch ruhig. Dass der relative Wohlstand auch der unteren Schichten in der ersten Welt zunehmend auf Kosten der Dritten Welt und der Natur basiert, wird dabei von den Aller­wenigsten wahrgenommen.

Die 68er
Der Vietnamkrieg und in gewisser Weise auch der „Prager Frühling“ sind die äußeren, politischen Anlässe des erneuten Erstarkens der Freiheitskräfte im Herzen Europas. Doch der SDS (der Sozialistische Deutsche Studentenbund) mit seinen dezidiert politischen Parolen ist zwar intellektueller Motor, keineswegs jedoch Alleinverursacher jener Bewegung, die bald die APO (Außerparlamentarische Opposition) genannt werden sollte. Scheinbar unpolitische Phänomene wie das Auftauchen der Beatles und Rolling Stones, der langen Haare und der kurzen Röcke prägten das Lebensgefühl der APO-Generation entscheidend mit. Der Wunsch nach sexueller Freiheit, das Aufbegehren gegen fast alle alten Zöpfe der patriarchalen Zivilisation waren starke Motoren der Bewegung. Die Studenten und Schüler wehrten sich gegen überkommene Bevormundungen, die Frauen brachen aus den ihnen zugedachten Rollen und gesellschaftlichen Bereichen aus. Wohngemeinschaften entstanden, zum gepflegten Bier kam der gepflegte Joint, und als die Beatles nach Indien fuhren, geriet das Mutterland der Spiritualität auch wieder in den Blick der westlichen Intelligenz.
Als die verunsicherte patriarchale Kultur immer stärker mit dem Einsatz staatlicher Gewalt ­reagierte, eskalierte die Konfrontation und politisierte sich. Teile der Linken glaubten gar, die Chance zur sozialistischen Revolution sei gekommen. Sie verließen die Universitäten, bildeten zahlreiche, kaum voneinander zu unterscheidende kommunistische Parteien, schnitten die langen Haare ab und verteilten Zeitungen und revolutionäre Propaganda schon vor Beginn der Frühschicht an den Werkstoren.
Wie wir heute wissen, war der Versuch, die Arbeiter zu mobilisieren, in den meisten Fällen ein Fehlschlag. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, versuchten wir hier, allen Aspekten und Impulsen der APO und ihres schließlichen Niedergangs gerecht zu werden. An dieser Stelle sei nur stark vereinfacht gesagt: Die APO scheiterte nicht nur aufgrund ihrer gesamtgesellschaftlichen Fehleinschätzungen, sondern auch an ihren inneren Widersprüchen. Die neu und gestärkt aus ihr hervorgehende Frauenbewegung zum Beispiel und die Bedürfnisse der neu entstehenden Kaderparteien waren genauso schwer vereinbar wie spontane Aktion und revolutionäre Disziplin oder wie radikal anarchistische, hedonistische und kleinbürgerliche Lebensentwürfe.

Die Alternativbewegung
Doch trotz ihres Scheiterns als revolutionäre Kraft bleibt die 68er-Bewegung als Fortsetzung der alten Lebensreformbewegung wie auch als Vorgänger der heute sich erst politisch findenden Kulturkreativen von enormer Bedeutung. Allein die Vielfalt der sich aus ihr entwickelnden Alternativbewegung spiegelt ihren inneren Reichtum wider. Denn neben denen, die nun den „langen Marsch durch die Institutionen“ antraten (und oft Jahrzehnte später feststellen mussten, dass auch die Institutionen sie und ihre Authentizität durchwandert hatten) und jenen wenigen, die verzweifelt in die RAF oder ähnliche Zusammenhänge abtauchten, gab es die Vielen, die, wenn auch nicht die ganze Bewegung, so doch irgendwelche kleinen Splitter davon hegten und pflegten und in diversen Nischen der Gesellschaft zum Blühen brachten. Von den ersten Ökoläden, Kinderläden, Buchläden, Szeneblättern, freien Theatern, Schulen, Friedens-, dritte Welt- und Umweltinitiativen über die Anti-Atombewegung, die alternativen und komplementären Selbsthilfe-, Gesundheits-, Therapie- und spirituellen Gruppen, Zentren und Netzwerken, bis hin zu den Grünen, der Ökodorf- und Gemeinschaftsbewegung und den erst vor wenigen Jahren sich selbst wahrnehmenden Kulturkreativen – sie alle können in gewisser Weise als Kinder der 68er gesehen werden. Natürlich sind nicht in allen Bereichen das Bewusstsein und die Absichten aus ihrer Entstehungszeit erhalten geblieben. Das lange Verbleiben in den diversen Nischen und Milieus hat viel zur gegenseitigen Entfremdung und allzu oft auch zur kommerziellen Vereinnahmung beigetragen. Dennoch haben auch die Alternativen die Mainstream-Gesellschaft verändert.

Das Ende der Geschichte?
Stärker jedoch als die Alternativen hat der Zusammenbruch des staatssozialistischen Lagers unsere Gesellschaft verändert. Ronald Reagan und Maggie Thatcher waren die ersten, die offen gegensteuerten und das Ende der sozialen Marktwirtschaft politisch vorbereiteten. Als das Ende des alten Ostblocks absehbar war, wurden der kapitalistischen Megamaschine die politischen Zügel wieder abgenommen. Das westliche System hatte keinen gleichwertigen Gegner mehr zu fürchten und konnte unter der Fahne „neoliberal“ sogar vom „Ende der Geschichte“ fantasieren. Es gab keinen Grund mehr, die Renditegelüste des Kapitals zu zügeln oder zu verschleiern. Seitdem reden wir von Globalisierung und müssen feststellen, dass es fast keine Region auf der Erde und fast keine Lebensbereiche mehr gibt, die nicht zunehmend der totalitären Herrschaft des Geldes unterstellt werden.
Und sehr bald bot sich nach dem Ende der Sowjetunion in Form des „internationalen Terrorismus“ ein neuer Gegner an, der auch noch viel besser als der alte geeignet war, eine neue Aufrüstung im Sinn imperialer Weltinnenpolitk zu legitimieren. Kein Land der Erde und kein derzeit existierendes soziales System scheint sich diesen Zwängen entziehen zu können. Freiheit scheint heute auf Kundenfreiheit, ­freien Datenhandel und auf die Freiheit zur exponentiellen Kapitalakkumulation reduziert zu sein. Selbst das „freieste Medium der Welt“, das Internet und die damit zusammenhängende Kommunikationstechnologie wandelt sich derzeit (von kaum jemandem bemerkt) von einer dienenden zur bestimmenden Technologie. Nicht die Technik wird unseren Bedürfnissen, sondern wir denen der Technik angepasst.
Familien, Gemeinden, Regionen, die die vitalen Grundeinheiten nachhaltiger Demokratie bilden, sind zunehmend in Auflösung begriffen oder werden ihrer Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Selbstversorgung beraubt und in immer mehr fremdbestimmte, zentral oder global gesteuerte Versorgungssysteme eingebunden. Kein Fleck auf der Erde scheint gegen diesen Trend gefeit.

Die Gemeinschaftsbewegung
und die Kulturkreativen

„Kein Fleck auf der Erde?“ könnten wir nun mit Asterix fragen und sofort antworten: „Außer einem kleinen Dorf in Gallien“. Und es ist nicht nur eins, und es gibt sie auf der ganzen Welt, diese kleinen Dörfer, Gruppen, Projekte oder Gesellschaften, die die Freiheit und Menschenwürde, die Gemeinwohlorientierung und ein lebensdienlicheres Verhältnis zu unserer Mitwelt sich auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Dabei führt ein ganz zentraler Aspekt zumindest in Deutschland noch immer eine Randexistenz, bleibt noch zum Teil freiwillig in der Nische und spielt im politischen Bewusstsein so gut wie keine Rolle: Nach ’68 als Ökodorf-Bewegung wiedererstanden, wurden die Gemeinschaftsprojekte vom politischen Bewusstsein derer, die die ganze Gesellschaft im Blick haben, kaum beachtet. Viele sahen in ihnen Aussteiger-Projekte und hielten sie deshalb für politisch uninteressant. Sicher hatten viele tatsächlich keinen dezidiert politischen Anspruch, Projekte wie das ZEGG oder die Kommune Niederkaufungen waren eher die Ausnahmen. Und viele Gemeinschaften waren zumindest über lange Zeiträume oder sind noch sehr mit sich selbst beschäftigt. – Na und? Ist es so schlimm, wenn immer mehr Menschen der offiziellen Politik, die sie als unbeeinflussbar, strukturell korrupt und in den Händen karriere- und machtorientierter Partei­politiker erleben, den Rücken zuwenden? Hat nicht das ganze Feld der aus der Alternativbewegung hervorgegangenen Kulturkreativen den inneren Ausstieg aus dem Mainstreamsystem bereits mehr oder weniger ­vollzogen?
Das Bewusstsein der Menschen in den Gemeinschaftsprojekten, ihre innersten Motive und ihre politischen Ansprüche mögen sehr verschieden und zum Teil auch widersprüchlich sein. Dennoch ist in den letzten zehn Jahren ein klarer Trend erkennbar: vom Aussteiger- zum Einsteigerprojekt; von der Insel im patriarchalen Kapitalismus zur Zukunftswerkstatt für die ganze Gesellschaft! Zuerst die eurotopia- und seit Ende 2004 auch die Holon-Seiten in dieser Zeitschrift spiegeln diesen Trend ja sehr differenziert.
Bisher ist diese Entwicklung von den politisch Engagierten noch viel zu wenig wahrgenommen worden. Und das, obwohl die Gemeinschaftsbewegung in ihrer vollen Breite bereits jede Menge Lösungsansätze für fast alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Fragen und Problemfelder entwickelt. Gerade wem der Zustand der Demokratie und ihrer Zukunft am Herzen liegt, der kann eigentlich der Frage nach der Grundeinheit einer nachhaltig demokratischen Gesellschaft nicht länger ausweichen.

Demokratie und Gemeinschaft
Jochen Schilk hat in seiner „Mama Anarchia“-Serie in dieser Zeitschrift die Themen Matriarchatsforschung und Anarchie in einen fruchtbaren Dialog gebracht. Ich halte diesen doppelten historischen Hintergrund für unverzichtbar, wenn wir heute die Themen Gemeinschaft und Demokratie in eine konstruktive Zusammenschau bringen wollen.
Wenn wir nicht länger Patriarchat mit Herrschaft der Männer über die Frauen verwechseln und in der Tiefe als Herrschaft des einen über alle, also als das Prinzip von Herrschaft schlechthin verstehen, können wir auch das Matriarchat in seinem eigentlichen Sinn als egalitäres Gemeinschaftsprinzip mit mutterrechtlichen Verwandtschaftsstrukturen verstehen, also nicht als das verzerrte Spiegelbild eines verengt verstandenen Patriarchats, sondern als das Prinzip von Gemeinschaft schlechthin.
Und wenn wir unter Demokratie nicht unbedingt die Herrschaft des Volkes (über wen?) verstehen wollen, sondern ein Leben in Freiheit, Gemeinschaft, Selbstbestimmung und weitgehender Selbstversorgung, dann ist es ab heute zumindest grob fahrlässig, beim Entwickeln nachhaltig-lebensdienlicher Gesellschaftsstrukturen auf die Basiserkenntnisse und Essentials der Matriarchatsforschung verzichten zu wollen.
Einzeln sind wir nicht lebensfähig. Und eine Demokratie ohne funktionierende Gemeinschaften (oder diesen zumindest in der Willensbildung ähnelnde Zusammenhänge) ist ebenfalls nicht lebensfähig. Also ist mit den Fragen um gelingende Gemeinschaft gleichzeitig die Frage nach der Zukunft der Demokratie auf der politischen Tagesordnung. Zumindest jene, die mit dem Anspruch, spirituelle oder integrale Politik machen zu wollen, antreten, sind hier gefordert.Denn diese politisch Aktiven haben begriffen, dass positive strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft immer und nur im Zusammenhang mit einem Wandel im Bewusstsein möglich sind. Wenn wir aber das Bewusstsein jedes Einzelnen von uns ungeschützt und allein der Bewusstseinsindustrie der Megamaschine ausliefern, gleicht unsere Chance auf selbstbestimmte Veränderungen ungefähr der des viel zitierten Schneeballs in der Sahara. Für konkret erfahrbare Alternativen zu den Lebensbedingungen, die uns die Megamaschine verkaufen will, braucht es Schutzräume, Membranen zwischen Individuum und Megasystemen, überschaubare Lebenszusammenhänge von Orten, Rhythmen und Menschen. Und diese sozialen „Wärmeräume“, in denen Freundschaft, ja oft sogar Liebe, in denen zumindest Kooperation und Solidarität gelebt werden, gibt es ja bereits hier und dort.
Eine Gesellschaft, die alle politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen überprüft, ob sie auch lebensdienlich im Sinn des Gemeinwohls und der Mitwelt sind (und das nicht nur für eine Legislaturperiode, sondern über sieben Generationen!) existiert bereits. Sie ist sich selbst und ihres größeren politischen Zusammenhanges nur noch nicht bewusst. Sie existiert an vielen Orten und meist noch kleinen Gemeinschaften. Sie wächst heran, mitten im alten System. Was immer wir vermuten, wie und ob es mit dem alten System weitergehen oder enden wird, die neue Kraft ist bereits da, sie ist nur noch nicht politisch organisiert. Johannes Heimrath hat es auf dem Kongress für integrale Politik formuliert: Die Zeit des Graswurzelstadiums ist vorbei; das neue Grün sprießt bereits unter den alten, absterbenden Halmen.

Wie wir wirklich leben wollen
Vielleicht klingen die letzten Worte in den Ohren einiger, die auch den Alltag in Gemeinschaften kennen, etwas zu euphorisch. Und vielleicht erscheinen denen, die beim Thema Demokratiereform immer gleich die ganze Gesellschaft im Blick haben, die genannten Lebens- und Erfahrungszusammenhänge als zu marginal, zu anspruchsvoll, oder sie sind ihnen schlicht unbekannt. Für mich bleibt es dabei: die durch Mama Anarchia losgetretene Zusammenschau matriarchaler und anarchistischer Erfahrungen, Prinzipien und Essentials ist zu kostbar, um im Elfenbeinturm unter sich zu verbleiben. Bestehende und entstehende Gemeinschaften sollten darauf Bezug nehmen. Ebenso wie diejenigen, die Wirtschaft und Politik wieder in lebensdienliche Gesamtzusammenhänge einbetten wollen.
Wenn wir die gegenseitige Durchdringung dieser vier Themenfelder zulassen, kommen wir nämlich zu recht brauchbaren Ansatzpunkten, Gemeinschaft und Gesellschaft konstruktiv aufeinander zu beziehen. De facto sind die Gemeinschaften ja bereits heute Zukunftswerkstätten, die an Lösungsansätzen für gesamtgesellschaftliche Problemfelder arbeiten. Auf dem ersten Kongress für integrale Politik Anfang August in St.Arbogast wurden diese Felder so benannt: 1. das psychisch-individuelle, 2. das sozial-kollektive, 3. das ökologisch-weltzentrische. Im Zentrum des sozial-kollektiven Problemfelds wurde die Notwendigkeit von „seelentragenden, selbständigen und vernetzten Lebensgemeinschaften mit der Möglichkeit der Selbstversorgung“ erkannt und formuliert.
Und bei den Debatten um direkte und/oder ge­gliederte Demokratie, Demokratiereform überhaupt und Regionalentwicklung rückt mittlerweile die Frage nach der Grundeinheit einer nachhaltig funktionierenden Demokratie immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses. Wenn wir all das ernst nehmen, ist die Frage, wie wir denn wirklich leben wollen, nicht mehr auf eine private oder beliebige Ebene reduzierbar. Die Fähigkeit, sich dieser Frage in authentischer Tiefe zu stellen, wird dann zu einer Grundqualifikation politisch mündiger Menschen.
Wenn Menschen sich in Gruppen zusammentun und sich den Kardinalfragen „Wie wollen wir wirklich leben?“ oder „Was und wie will ich wirklich, wirklich arbeiten?“ auf eine möglichst authentische Weise stellen, dann kann man das zwar auch einfach als wichtige Schritte zur Gemeinschaftsbildung verstehen. Darüber hinaus stehen wir aber da, wo das geschieht, bereits im Herzen eines neuen und notwendigen politischen Bewusstseins.

Abschied vom Selbstbetrug
Freiheit und Gemeinschaft bilden heute noch im Bewusstsein vieler einen Gegensatz. Wenn wir uns jedoch wirklich auf die obigen Fragen einlassen, wird bald deutlich, dass sie tatsächlich nur im Zusammenhang zu verwirklichen sind. Wem die Hinweise dazu aus der Geschichte sowohl der Matriarchate als auch der wenigen historischen Momente gelungener egalitär-anarchistischer Gesellschaft zu weit weg erscheinen, der möge nur in solche heutigen Gemeinschaften hineinschauen, wo es wirklich gut läuft. Da, wo Geborgensein in überschaubaren sozia­len, lokalen und rhythmischen Strukturen mit echter geistiger Freiheit zusammenkommt, entsteht Heimat. Und es entsteht die Kraft, den destruktiven Tendenzen eines untergehenden Megasystems nicht zu erliegen, eine seelische und Bewusstseinskraft, die sehr schwer allein aufzubauen ist.
Solange ich daran glaube, die Zukunft meines Kindes am besten durch ein gut gefülltes Konto zu sichern, werde ich nicht den Schritt in einen menschlichen Zusammenhang tun, wo den Kindern auf eine andere Weise eine Zukunft gebaut wird. Wer aber hat die Kraft, dem absehbaren Ende einer erdölgestützten Zivilisation tatsächlich ins Auge zu sehen, sich gegen die bürgerlichen Sicherheiten aus unseren Kindertagen und für das engagierte Mitarbeiten beim Aufbau lebensdienlicher Strukturen zu entscheiden?
Die sich im Feld spiritueller und integraler Politik manifestierende Erkenntnis „kein Wandel der Gesellschaft ohne entsprechenden Wandel im Bewusstsein!“ ist sicher richtig, aber auch erst die halbe Miete. Die andere Hälfte besteht in der ehernen Notwendigkeit zur Schaffung von „Wärmeräumen“ (Frederike Dall’Armi), von Erfahrungsfeldern von Gruppen, Situationen, Gemeinschaften, in denen die Frage „Wie wir wirklich leben wollen“ überhaupt erst angstfrei und tief genug gestellt werden kann. Wer die Erfahrung solcher Räume nicht macht, wird in den meisten Fällen trotz aller theoretischen besseren Erkenntnis im Ernstfall an den alten Gewohnheiten festhalten, selbst wenn er sieht, dass das System, in dem er sich bewegt, sich seinem Ende nähert.
Können wir es uns noch länger leisten, solche und andere Erfahrungen aus der systemorientierten Therapie in der politischen Arbeit weiterhin zu ignorieren? Der Kongress in St. Arbogast hat ein hoffnungsvolles Zeichen gesetzt. Die spirituelle und integrale Politik beginnt, die gesellschaftliche und psychosoziale Brisanz des Gemeinschaftsthemas zu entdecken. ♠

  Autoren

Lipinski, Gandalf

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