Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
soeben erreicht mich die Nachricht vom Tod eines Freundes. Die Zeitung geht in Druck, mein Text steht noch nicht. Ich kann nicht anders, ich muss meine Trauer mit Ihnen teilen.
Er war kein Freund im üblichen Sinn. Keiner, mit dem ich stets zusammensaß, Dinge unternahm, alles besprach. Er lebte weit darüber hinaus. Seine frühen Erinnerungen waren dunkel und warm: Beim Licht einer Kerze stand sein Kinderbett an der Seite der Mutter in der einzigen Stube der Hütte. Er sog die Geschichten ein, die sich die Fiddler am glosenden Torffeuer mit seinem Vater erzählten, schlüpfte in die Melodien, die sie im Sommer auf ihren Fußmärschen aufgelesen hatten – von anderen Barden, Häuslern, Schmieden, Tischlern, Pfannenflickern, Taglöhnern wie sie, vom Kleinen Volk, das sie trafen auf ihren stillen Wegen übers morgenfrühe Moor heim vom Tanz, den sie die Nacht lang mit ihrem Spiel befeuert hatten, aus der Anderswelt, in der sie nicht nur nach dem Genuss von Poitin verkehrten – und die sie nun unter sich weitergaben wie Goldstücke aus einem Beutel, der seinen sicheren Platz direkt über dem Herzen nie verließ; während die Mutter tat, was in den Winternächten getan werden musste. Dann Helles, Jungenstreiche wie Bilder aus alten Büchern, Zirpen dringt aus Wollgras und duftenden Binsen, sonniges Grün der winzigen Äcker, geschützte Bucht zwischen schwarzem Basalt und weißem Quarz. Tagesmärsche über die Bergkuppen zum nächsten Flecken, sonst nichts als Natur, Weite, salziger Wind und das ständige Wissen, begleitet zu sein von denen, die das profane Auge nicht sieht, die drüben sind, von uns getrennt nur durch die vibrierende Saite, vom Seher erreichbar im richtigen Ton, in den korrekten Figuren des Tanzlieds, im Schmerz einer Klageweise über die armen Nachbarn, die vor dem Hunger übers Meer flohen, über jene, die blieben und sich das Land teilten mit seinen Mühen, dem Wenigen, dem Kostbaren und dem Kostbarsten, das die menschliche Kultur kennt: Musik direkt aus der Anderswelt, die dir beim ersten Ton ins Herz fährt und dich nie mehr ins normale Leben entlässt.
Sein Name war James Byrne. Er war 62, der letzte seiner Art. Der letzte unschuldige Meister der uralten Musik bäuerlicher Ahnen, der letzte große Donegal-Fiddler. Wer nach ihm kommt, trägt das Mal der Moderne. Mit seinem zu frühen Tod ist das Alte Europa nur noch eine Schwingung, die zwischen den Binsen im Hochmoor glitzert, geheimnisvoll drüben, im lichten Glen, einsam oben, auf den torfigen Klippen, hoch über dem Meer, wo das Land aufhört, wo das Wandern zum Schweben gerät, wo der Himmel die Erde auflöst, wo eine fremde Musik erklingt, die von nirgendwo kommt und überall ist. Du gütiger Mensch, du Zauberer, du heiterer Weiser am Rand meines Wegs, du warst schon zu Lebzeiten dort, wo du jetzt ganz bist.
Zu wenige haben dich gekannt …
Johannes Heimrath
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