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Kultur des Gebens
erschienen in Ausgabe 160  PDF-Version (166.21 KB)
Lara Mallien portraitiert die Sozialanthropologin Veronika Bennholdt-Thomsen.

In unserem Wohnzimmer diskutieren wir mit Veronika Bennholdt-Thomsen über die verquere Definition von „Arbeit“ in unserer heutigen Gesellschaft. Sie ist mit Leidenschaft bei der Sache: „Wir interpretieren das Wort ‚wertlos‘ ganz im Sinne der beherrschenden wirtschaftlichen Mächte, das ist das Problem“, meint sie und möchte damit auf eine feine Nuance in der Verwendung des Begriffs „wertlose Arbeit“ hinweisen. „Heute halten wir nur Lohnarbeit für wertvoll. Es ist so wichtig, dass wir alte Bilder durch neue ersetzen.“
Sie erzählt, wie ihre feministischen Kolleginnen an der Universität in den 70er-Jahren nichts von der Arbeit in der Küche wissen wollten, ganz anders als eine Freundin aus dem mexikanischen Juchitán, die sich bei ihrem Besuch als erstes für die Mensa interessierte. Schon damals dachte die spätere Professorin, dass es nicht ausreiche, wenn die Frauen nach Gleichberechtigung in den Männer­domänen mit den besser bezahlten Jobs strebten, weil damit das Paradigma, das zwischen wertvoller und „wertloser“ Arbeit unterscheidet, nicht verlassen wird. Nur wenige konnten ihre Perspektive nachvollziehen, denn ihr kritischer Blick begründete sich aus Erfahrungen in einem anderen Kulturkreis.

Eintauchen in eine andere Kultur
Mit 22 Jahren, im Jahr 1966, wünschte sich Veronika Bennholdt-Thomsen nichts sehnlicher, als Deutschland zu verlassen. Dem bürgerlichen Mief, der Enge entfliehen, dem Zugriff ihrer Eltern, die sie von ihrem Studienplatz in Köln nach München geholt hatten, weil der Vater, der bei der Bundeswehr tätig war, wieder einmal versetzt worden war. Als ihr Freund und späterer Ehemann Uwe Bennholdt-Thomsen in Mexiko ein Theaterprojekt realisieren wollte, war sie begeistert: Nichts wie weg!
Veronika saugte Mexiko in sich hinein. Nach einem Jahr sprach sie so perfekt Spanisch, dass man sie für eine Einheimische hielt. „Mexiko war meine zweite Sozialisation“, erzählt sie. „Ich wollte dazugehören zu diesen großzügigen, herzlichen Menschen. Besonders stolz war ich, wenn jemand meinte, ich käme aus dem Nachbardorf und nicht aus Europa.“ Es erschütterte sie, aus dem Wirtschaftswunderland Deutschland kommend, die Spuren der Verwüstungen des Kolonialismus mit eigenen Augen sehen zu können, wenn die Kinder der armen Leute in der kalten Jahreszeit barfuß durch Mexiko City liefen. Sie wollte nicht zu denen gehören, die dieses Land ausgeplündert hatten, sondern den Menschen der indigenen Kulturen Mexikos ihre Hochachtung erweisen und von ihnen lernen. Damit war auch klar, was sie studieren wollte: Sozialanthropologie, um soviel wie möglich über das Land und die Leute zu erfahren.
Während des Studiums verbrachte sie viele Monate in einer ländlichen, halbariden Gegend nordöstlich von Mexiko City. „In diesem Landstrich wachsen nur Kakteen, aus denen die Einheimischen so gut wie alles herstellten, was sie zum Leben brauchten,“ berichtet sie. „Sie bauten aus dem Holz der Kakteen ihre Hütten, webten Sisal, gewannen Getränke, Süßungsmittel und Heilmittel aus dem reichhaltigen Saft der Agaven. Dieses erstaunliche Wissen, die Fähigkeit, von den Ressourcen des eigenen Landes zu leben – der Fachbegriff dafür ist Subsistenzwirtschaft – lernte ich kennen, ebenso wie die damit verbundenen Vorstellungen über das Leben. Später habe ich immer die Meinung vertreten, man müsse in der anthropologischen Forschung länger als nur vier Wochen in der Region, über die man arbeitet, Zeit verbringen, sich mit den Menschen dort anfreunden, sonst kann man nichts von ihnen lernen. In den Dörfern Mexikos konnte man damals, von außen betrachtet, vor allem eine bedrückende Situation und die Spätfolgen des Kolonialismus wahrnehmen. Erst nach vielen Wochen lüftete sich für mich dieser Schleier, und ich merkte, welche Lebensfreude, welche Kraft und welches Wissen dahinter verborgen war.“
In Mexiko hatte Veronika das Gefühl, mit dem Wesentlichen des Lebens in Verbindung zu kommen und etwas wiederzufinden, das sie als Schülerin und Studentin im bürgerlichen Deutschland fast verloren hatte: ihre eigene Lebenskraft, ihre Identität und ihren eigenen Willen. Ihr schien, als könne sie wieder an eine Kraft anknüpfen, die sie aus ihrer frühen Kindheit kannte, in der sie in einem kleinen Ort in Niederbayern ihre Tage am liebsten damit verbracht hatte, auf den umliegenden Höfen zu spielen und in den Küchen der Bäuerinnen zu sitzen. In diesen Küchen hatte sie eine ähnliche Lebensfreude gespürt wie bei ihren mexikanischen Freunden.
Als sie später in Deutschland mitbekam, wie ihre Freundinnen in der Frauenbewegung Selbsterfahrungsgruppen gründeten, wusste sie nicht so recht, was sie da sollte. Sie hatte ihren Selbstfindungsprozess bereits hinter sich. „In Mexiko sind viele meiner Ängste von mir abgefallen, weil ich spürte, dass jede Person hier in ihrer Eigenart so akzeptiert wird, wie sie ist. “
Die Frage nach Lebenssinn und Erfüllung verband sich bei Veronika mit sozialem Engagement. Bald tobte um sie und ihren Mann in Mexiko die 68er-Bewegung. „Sie war dort wesentlich stärker als in Deutschland, sogar stärker als in Frankreich, schließlich wurde sie ja blutig niedergeschlagen. Die Bewegung hatte dort einen anderen Zungenschlag als bei uns, es ging nicht um die Selbstbefreiung der intellektuellen Jugend, sondern vor allem um das soziale Verbundensein mit der einfachen Bevölkerung auf dem Land und in der Stadt. Man machte sich ihre Anliegen zu eigen.“

Den kritischen Blick schärfen
Von der 68er-Bewegung in Deutschland war sie enttäuscht, das Ganze schien ihr eine abgehobene Veranstaltung, in der die Studenten letztlich doch dem Technik- und Wachstumsglauben verfallen blieben und damit das Bestehende weiterhin zementierten. Veronika wollte zu einer radikaleren Kritik am „System“ ansetzen und baute sich zu diesem Zweck als Doktorandin einen geeigneten Werkzeugkasten aus Argumentationslinien zusammen. Das erste Gedankengebäude, an das sie ihre Zangen ansetzte, war die Entwicklungstheorie. Die besagt, dass sich alle Kulturen folgerichtig aus der Subsistenz, der Selbstversorgung, zu einer immer weiteren Arbeitsteilung bis zur Industrialisierung hin entwickeln müssen. Aus dieser Sicht wären ihre mexikanischen Freunde in den Dörfern rückständig und defizitär gewesen. Zunächst glaubte sie, der Marxismus sei das geeignete Instrument, dieser Fortschrittsideologie beizukommen, doch das erwies sich als trügerisch: Auch dort fand sie den westlichen Kulturimperialismus und seine falsche Forschrittsgläubigkeit versteckt, noch dazu die Verherrlichung der abhängigen Lohnarbeit. Mit der These „Lohnarbeit und Kapital sind Zwillinge“ wurde sie zu einer scharfen Kritikerin des Marxismus.
Trotzdem war sie in fast allen linken Diskussionsrunden dabei, sei es bei KPD, DKP oder bei der Liga gegen den Imperialismus. „Ich wollte nicht allein an meinem Schreibtisch sitzen, sondern eine politische Heimat und einen Diskussionsrahmen finden. Aber ich konnte bei keiner dieser Gruppen landen, ich bin immer mit den ‚Mackern‘ auf Kollisionskurs geraten und fragte mich: Was soll das Ganze, wenn wir auch in diesen Gruppen nur wieder die Vorherrschaft der Männer erleben?“
Nach Abschluss ihrer Dissertation, für die sie immer wieder ausgedehnte Feldstudien in Mexiko unternommen hatte, begab sie sich direkt in die Höhle des Löwen – in die Abteilung für Entwicklungs-Soziologie an der Hochschule Bielefeld. „Dort war man entwicklungs-ideologisch ausgerichtet, Subsistenz war ein Schimpfwort.“ Veronika hatte ihre Werkzeuge inzwischen perfekt geschliffen und keine Angst mehr vor den Löwen: „Ich hatte Power hoch zehn und versuchte, meine Kollegin­nen und Kollegen davon zu überzeugen, dass die bürgerliche Modernisierungstheorie, das Stadiendenken des Marxismus ebenso wie der darwinistischen Evolutionstheorie der heutigen Welt nicht gerecht werden. In unserer Welt existiert alles nebeneinander, von subsistenzwirtschaftlich orientierten bäuerlichen Kulturen bis hin zur Computertechnologie, und es ist alles miteinander verwoben. Unsere Überflusskultur begründet sich darin, dass, plakativ gesprochen, die Menschen in sogenannten Entwicklungsländern hungern. Wir führten damals an der Universität ausgedehnte Diskussionen über die Verflechtung von Produktionsweisen, und langsam entwickelte sich eine andere Sichtweise.“

Im Team mit starken Frauen
Veronikas Argumente fanden zögerlich, aber doch Gehör, sie fand auch tatkräftige Mitstreiterinnen, insbesondere in ihrer Bielefelder Kollegin, der Soziologin Claudia von Werlhof, einer engagierten Feministin. „Wir waren ein durchschlagendes Team. Sie war sehr kämpferisch, ich war immer ‚nett‘, aber auch dickköpfig. Wir organisierten eine Reihe von Tagungen, um eine andere Sicht auf die Themen ‚Entwicklung‘ und ‚Subsistenzwirtschaft‘ zu erarbeiten, die nicht nur in Akademialand bekannt wurden, sondern auch bei den Entwicklungshilfeorganisationen.“ An einigen nahm auch die Soziologin Maria Mies teil, die Dritte im Bunde bei der herausfordernden Aufgabe, dem linken wie dem bürgerlichen Establishment Werte nahezubringen, die sie in ihrer langjährigen Arbeit in indigenen Kulturen gefunden hatten: Maria in Indien, Claudia in Südamerika und Veronika in Mexiko. Diese Erfahrungen waren verbindend. „Wir haben uns zwar auch gestritten, aber nie zerstritten, sondern uns gegenseitig geholfen, unseren eigenen feministischen Weg gehen und formulieren zu können. Jede von uns hat in fremden Kulturen jenseits der Ghettos der Entwicklungshilfeorganisationen gelebt – das füllt dein Herz und deinen Kopf mit etwas anderem.“
„Für unsere Ideen wurden wir damals selbst bei den Grünen noch ausgebuht“, erinnert sich Veronika. „Auf einem Kongress der Grünen über Frauen und Ökologie sagte jemand in Marias Workshop zur Subsistenz ganz entsetzt: ‚Aber ich will doch nicht auf meine Banane verzichten!‘. Ich selbst wagte es, auf diesem Kongress das Wort ‚Mütterlichkeit‘ in den Mund zu nehmen – der Saal tobte vor Entrüstung!“
Es war ein steiniger Weg, aber Veronika Bennholdt-Thomsen kann heute sagen, dass sie dafür gesorgt hat, die Subsistenz-Debatte nach Deutschland zu bringen.
Aus dem akademischen Lager blies jedoch unvermindert und immer heftiger werdend Gegenwind. 1983 kündigte sie eine unbefristete Stelle als Senior Lecturer in Den Haag, um wieder nach Bielefeld zu gehen, wo sie eine fünfjährige Zeitprofessur antrat. Danach blieben alle Türen verschlossen. Einige Alpha-Tiere der Wissenschaftsgemeinde legten es auf Rufmord an. Sie bemühte sich über Jahre um eine Stelle, wurde aber an keiner Universität angenommen, obwohl sie nicht selten auf dem ersten Platz der Bewerbungslisten stand.
Erstaunlicherweise überstand Veronika das Mobbing, ohne in eine allzu tiefe Krise zu fallen. Die Willenskraft, die sie in Mexiko wiedergefunden hatte, war ihr treu geblieben. „Das Ganze hatte auch sein Gutes“, sagt sie heute rückblickend, „ich konnte noch unbeschwerter das tun, was ich für richtig, hielt: forschen, Bücher schreiben, Vorträge und Seminare halten.“ So entstand beispielsweise gemeinsam mit Maria Mies das Buch „Eine Kuh für Hillary“ über die politische Dimension der Subsistenzperspektive, eine Studie über die regionale und die Subsistenz-Ökonomie in der ostwestfalener Warburger Börde oder mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein großes Forschungsprojekt über die mexikanische Stadt Juchitán, das in dem eindrucksvollen Buch „Juchitán. Stadt der Frauen“ dokumentiert ist.
Inzwischen unterrichtet Veronika Bennholdt-Thomsen wieder an einer Universität, allerdings nicht in Deutschland, sondern in Österreich, wo sich die alternativen Bauern-Gruppierungen unter anderen auf ihre Theorien zur Subsistenzperspektive berufen. Ihr Fach an der Universität für Bodenkultur in Wien heißt Subsistenzkultur. Veronika betreut Promotionen und ist begeistert von ihren Studierenden. „Diese jungen Leute haben selbst erkannt, dass man den Konsumismus loswerden muss und Ökonomie ganz anders denken kann.“

Eine Ökonomie des Gebens
Sie kann ihnen heute noch besseres Handwerkszeug auf den Weg mitgeben als zu Bielefelder Zeiten. Ein wichtiges neues Werkzeug erreichte sie über die Matriarchats­forscherin Heide Göttner-Abendroth, die ihr das Buch „For-Giving“ der amerikanischen Linguistin Genevieve Vaughan in die Hand drückte (siehe folgender Artikel). Vaughans Analyse der „Gift Economy“ matriarchaler Kulturen, deren Wirtschaft nicht auf dem Tausch-Paradigma „gibst du mir, so ich dir“, sondern auf der Selbstverständlichkeit gegenseitiger, bedingungsloser Unterstützung beruht, half ihr zu einem entscheidenen Schritt: „Ich spürte in Bezug auf die Subsistenzdebatte schon lang in meinem Kopf eine Barriere, die ich nicht durchbrechen konnte. Das lag am Legitimationsdruck. Man hört ja immer: Subsistenz bedeute ‚zurück zur Steinzeit‘, sei alles nur Romantik, völlig unrealistisch. Wir zeigten dagegen, dass das Ganze der Ökonomie ohne die Subsistenzarbeit für das Aufziehen der Kinder, die Pflege bedürftiger Menschen, für Haus und Garten sowie für die Gemeinschaft nicht funktioniert. Das stimmt, dennoch blieb die Argumentation damit im Gestrüpp des Nutzens und der ökonomischen Rationalität hängen, auch wenn wir betonten, wie wichtig die Gegenseitigkeit in allen Austauschprozessen sei. Genevieve Vaughan macht nun deutlich, wie durch und durch problematisch das Kosten-Nutzen-Denken an sich ist, selbst wenn auf Gegenseitigkeit geachtet wird. Und sie zeigt, dass es anders geht: ein Geben ohne Bedingungen, weil die anderen es brauchen; so wie Kinder ohne das bedingungslose mütterliche Geben nicht überleben.“
Derzeit arbeitet Veronika an einem Buch über die „Ökonomie des Gebens“. Sie hat diesen Begriff gewählt, weil die Übersetzung der „Gift Economy“ als „Schenk­ökonomie“ oft zu Missverständnissen führt: Es geht ja nicht darum, sich innerhalb des Kapitalismus auch zu beschenken, sondern um einen radikalen Ausstieg aus dem Tausch-Paradigma. Eines ihrer nächsten Vorhaben für das Jahr 2009 ist eine Konferenz mit Heide Göttner-Abendroth und Genevieve Vaughan in Wien.
Wenn ich Veronika Bennholdt-Thomsen ­sprechen höre, spüre ich ihre Kraft, einen für die heutige Zeit wichtigen Gedanken von seinem Zustand als vages Gefühl über eine mehr und mehr formulierbar werden­de Theorie bis hin zu seiner Manifestation im prakti­schen Tun getreulich zu begleiten. Am Schluss unseres Gesprächs sagt sie einen bedeutsamen Satz über die Ökonomie des Gebens: „Ich gebe, weil ich mich darüber verwirkliche – was wir alle tun, von dem wir aber nicht wissen, dass wir es tun.“ Das macht Mut: Warum sollte es nicht möglich sein, eine ökonomische Kultur zu verwirklichen, die auf diesem Grundsatz beruht? In großen Bereichen des Lebens tun wir es ja andauernd. ♠

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Mallien, Lara

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