Artikel
Kulturkreatives Spektrum (108)
Andere Welten (55)
Freie Gesundheitsberufe (22)
eurotopia (166)
Matriarchale Perspektiven (35)
Holon (77)
Editorial (30)
Briefe aus Amerika (6)
Anders Lernen (47)


Ausgabe 166 (12)
Ausgabe 165 (12)
Ausgabe 164 (12)
Ausgabe 163 (13)
Ausgabe 162 (13)
Ausgabe 161 (15)
Ausgabe 160 (12)
Ausgabe 159 (11)
Ausgabe 158 (13)
Ausgabe 157 (11)
Ausgabe 156 (15)
Ausgabe 155 (13)
Ausgabe 154 (12)
Ausgabe 153 (16)
Ausgabe 152 (12)
Ausgabe 151 (13)
Ausgabe 150 (14)
Ausgabe 149 (14)
Ausgabe 148 (16)
Ausgabe 147 (13)
Ausgabe 146 (13)
Ausgabe 145 (13)
Ausgabe 144 (11)
Ausgabe 143 (13)
Ausgabe 142 (12)
Ausgabe 141 (13)
Ausgabe 140 (15)
Ausgabe 139 (14)
Ausgabe 138 (12)
Ausgabe 137 (11)
Ausgabe 136 (14)
Ausgabe 135 (12)
Ausgabe 134 (8)
Ausgabe 133 (6)
Ausgabe 132 (9)
Ausgabe 131 (9)
Ausgabe 130 (10)
Ausgabe 129 (8)
Ausgabe 128 (9)
Ausgabe 127 (8)
Ausgabe 126 (6)
Ausgabe 125 (8)
Ausgabe 124 (9)
Ausgabe 123 (6)
Ausgabe 122 (7)
Ausgabe 121 (7)
Ausgabe 120 (3)
Ausgabe 119 (5)
Ausgabe 118 (1)
Ausgabe 115 (1)
Ausgabe 114 (11)

Zuletzt besucht
Artikel: Buchbesprechung

Artikel: Lebens-Geschichten

Artikel: Buchbesprechung

Artikel: Von der Sonne bewegt

Artikel: Buchbesprechung


Über uns
Impressum
Strukturen gewaltfrei ändern
erschienen in Ausgabe 160  PDF-Version (148.47 KB)
Anke Caspar-Jürgens über Marshall B. Rosenbergs Ansätze zu einem sinnvollen Verständnis von Bildung.

Die Gewaltfreie Kommunikation von ­Marshall B. Rosenberg macht in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft Schule. Was, wenn man ihre Methoden in der Auseinandersetzung mit dem deutschen Schulsystem anwendete? Anke Caspar-Jürgens zeigt die strukturkritische Seite dieser Methode auf.


Es dauerte lange, bis mich die „Gewaltfreie Kommunikation“ neugierig gemacht hatte. So vieles klang für mich widersprüchlich: Wie sollte gewaltfrei kommuniziert werden können in auf Gewalt beruhen­den Systemen wie der Schule oder dem Gefängnis? Und was sollte das: Ein Marshall, der seine Botschaft mit Handpuppen vermittelt und in Seminaren selbst würdigen Herren zumutet, ihr kahles Haupt mit Wolfs- oder Giraffenohren zu zieren?
Nun ist „Marshall“ ein Vorname, und Giraffen symbolisieren für Marshall B. Rosenberg, von Profession klinischer Psychologe, die Sprache des Herzens. Sie haben keine natürlichen Feinde. Wölfe dagegen stehen für eine entfremdete Kommunikation. Er nennt sie „Giraffen, die noch unter Sprachproblemen leiden“. In der Gewaltfreien Kommunikation geht es darum, eine einfühlsame Verbindung zu uns selbst und anderen aufzunehmen. Bei Auseinandersetzungen und Gewalt geht es immer auch um den Wunsch nach Wertschätzung und Respekt. Die Lösung liegt im Erkennen von Bedürfnissen – der eigenen wie der anderer. So wurde ich schließlich doch neugierig.
Die Gewaltfreie Kommunikation ist mehr als nur eine erfolgreiche Gesprächsstrategie. Sie ist eine Lebenshaltung, in der die Menschen erfahren können, wie sie sich ihr Bedürfnis nach Respekt und Wertschätzung erfüllen können, so dass Situationen entstehen, in denen alle Beteiligten gewinnen. Rosenberg zeigt, dass es ­möglich ist, jenseits eigener Aggression die Bedürfnisse des Anderen sehen zu können – ohne dabei das, was man selbst braucht, aus den Augen zu verlieren.
Marshall B. Rosenberg ist der Meinung, dass uns die Sprache, die wir gelernt haben, von unserer menschlichen Natur entfremdet. Gewaltfreie Kommunikation (GFK) soll nun helfen, dieses „natürliche Einfühlungsvermögen“ wieder zu entfalten. Rosenberg glaubt daran, dass wir Menschen nichts mehr genießen, als zum Wohlergehen anderer Menschen beizutragen.
Als international bekannter Konfliktmediator und Gründer des internationalen Centers for Nonviolent Communication in den USA reist Marshall B. Rosenberg seit dreißig Jahren in die Krisengebiete in Afrika, Osteuropa und im Mittleren Osten und gibt seine Methode an Ausbilder, Schüler, Studenten, Eltern, Manager, medizinische und psychologische Fachleute, an Militärs, Friedensaktivisten, Anwälte, Gefangene, Polizisten und Geistliche weiter.
Ich sehe die große Verbreitung der Methode der Gewaltfreien Kommunikation in den letzten Jahren in Zusammenhang mit der Suche nach neuen Werten in unserer Gesellschaft, der allmählichen Abkehr vom vorherrschenden materialistisch-naturwissenschaftlichen Weltbild und der Ellenbogen-Mentalität. Die GFK, geprägt von einfühlsamer Grundhaltung, macht viele dieser „neuen Werte“ konkret erfahrbar. Sie spricht von dem hohen Wert, vom Herzen aus geben zu können, sie achtet darauf, Urteile durch Werte zu begründen, statt sich auf eine Moral zu berufen wie „Das tut man doch nicht!“. Es geht darum, die eigenen Gefühle wahrnehmen und ausdrücken und für diese Gefühle auch Verantwortung übernehmen zu können. Menschen, die sich mit GFK auseinandersetzen, scheint es an einer beschützenden Anwendung von Macht zu liegen, statt Macht durch Bestrafungen durchsetzen zu wollen. Mit diesen Werten sehe ich die GFK im Trend der kulturkreativen Bewegung, die unübersehbar an Kraft gewinnt.

Menschlich bleiben in dominanten Strukturen?
Eine Frage von Marshall B. Rosenberg interessierte mich in Bezug auf die Thematik „Schule“ besonders: „Wie können wir menschlich leben in einer dominanten Struktur, die es schwierig macht, menschlich zu bleiben?“ In einem langen Gespräch, das Gabriele Seils mit Rosenberg führte, dokumentiert in dem Buch „Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation“, wird anhand zahlreicher Beispiele deutlich, wie diese Frage auf drei unterschiedlichen Ebenen lösbar werden.
Die erste Ebene bezieht sich auf ein Leben innerhalb dieser gewalttätigen Struktur, ohne an ihr etwas ändern zu wollen. Dazu als Beispiel eine von Gabriele Seils Fragen aus dem Buch: „Wie würden Sie Eltern ermutigen, deren Kind auf eine reguläre Schule geht und denen daran gelegen ist, dass ihr Kind zu einem gewaltfreien Menschen heranwächst?“
Rosenberg: „Mein ältester Sohn ist sechs Jahre lang auf eine Life-serving-School (Giraffenschule) gegangen und ist dann, um auf die weiterführende Schule zu gehen, in eine ganz normale staatliche Schule gekommen. Er kam von seinem ersten Schultag nach Hause, und ich sagte: ‚Hey, Rick, wie ist die neue Schule?‘. Er sagte: ‚Naja, ganz okay, aber da gibt’s ein paar Lehrer, oh Mann.‘ ‚Was war denn los?‘ ‚Ich war noch nicht mal durch die Tür durch, da kommt ein Lehrer angerannt und sagt: Na sieh mal an: ein Mädchen‘.“
Gabriele Seils: „Wieso hat er das gesagt?“
Rosenberg: „Weil mein Sohn damals lange Haare hatte. Er hatte also schulterlanges Haar, und? Willkommen in der Wolfswelt. Die Autoritäten der Wolfswelt wissen immer ganz genau, wie sich alles gehört. Und wie ein Junge auszusehen hat. Und wie nicht. Und was macht man mit einem, der anders ist? Man bringt ihn dazu, sich selber abzulehnen. Also habe ich meinen Sohn gefragt: ‚Wie hast du darauf reagiert?‘ Er sagte: ‚Ich habe mich daran erinnert, was du gesagt hast: Pass auf, wenn du in einer Wolfs-Institution bist. Wenn du dich ihrer Macht auslieferst, dann hast du nur zwei Möglichkeiten: dich ihren Regeln zu unterwerfen oder gegen sie zu rebellieren. Gib ihnen nie die Macht, indem du dich unterwirfst oder rebellierst. Rebellion heißt, dass man ihre Macht anerkennt.‘
Ich sagte zu meinem Sohn: ‚Das freut mich wirklich, dass du dich in so einer Situation daran erinnern konntest. Wie bist du mit dem Spruch umgegangen?‘ ‚Papa, ich habe einfach meine Giraffenohren aufgesetzt und habe versucht zu hören, was in ihm vorging.‘ Ich sagte: ‚Wirklich? Das wusstest du auch noch? Und? Was hast du gehört?‘ ‚Naja, das war doch ziemlich offensichtlich: Er war genervt und wollte, dass ich mir meine Haare schneide.‘ ‚Ja, wunderbar. Und wie hast du dich gefühlt?‘ ‚Ich hatte Mitgefühl mit dem Mann. Er hatte eine Glatze und hatte offensichtlich Probleme mit Haaren.‘
Sehen Sie, dadurch, dass er wusste, wie er mit Giraffenohren durch diese Situation gehen konnte, hat der Lehrer es nicht geschafft, ihn kleinzumachen. Und er hat sich im gleichen Moment nicht über den Lehrer lustig gemacht, er hat sich nicht überlegt, was mit diesem Menschen nicht stimmt. Er hat versucht zu sehen, was im Herzen dieses Menschen vorgeht, er hat die Menschlichkeit des Lehrers durchscheinen sehen können.“
So beschreibt Marshall B. Rosenberg Wege, wie Menschen ihre Integrität behalten können, unabhängig davon, in welchen Strukturen sie sich bewegen. Auf einem auf DVD dokumentierten Seminar aus dem Jahr 2002 in München führt er dazu aus: „Sieh nie jemanden als Chef oder als Angestellten an oder als Eltern oder als Kind. Diese Schubladen entmenschlichen die ­Menschen. Sie machen es sehr schwer, auf eine menschliche Art miteinander umzugehen. Sieh einfach nur ein menschliches Wesen, das dir gerade gegenüber steht. … Es ist für diesen Menschen genauso unmenschlich, wenn er als eine Autorität angesehen wird, was ihn in ein Ding verwandelt. Institutionen oder Nachbarn können so Monster aus uns machen.“

Veränderungen herbeiführen
Rosenberg bleibt aber nicht an diesem Punkt ­stehen. Als zweite Ebene der Handlungsmöglichkeit im Umgang mit „Wolfs-Institutionen“ beschreibt er, Veränderungen von der Peripherie her einzuführen. Die dritte Ebene wären radikale Änderungen in Strukturen. Auf dem Münchener Seminar erklärte er den Unterschied zwischen der zweiten und der dritten Ebene anhand seiner Arbeit mit einer Lehrergruppe in den USA. Diesen Lehrern missfiel eine Regel der Verwaltung, die den Verzehr von Sonnenblumenkernen verbot. Der Hausmeister hatte sich beschwert, dass die Schüler etliche Kerne fallenließen, so dass sie sich in den Fußbodenspalten sammelten. In der Folge kam es zum Erlass dieser Regel, die von den Lehrern aber nicht mitgetragen wurde. Diese Lehrer wollten nicht Gefängniswärter spielen, sondern den Kindern etwas beibringen. Sie vierhielten sich dann so, wie es alle Menschen in entsprechenden Strukturen tun: Sie bringen sehr wenig Energie auf, dafür zu sorgen, dass die ungeliebte Regel eingehalten wird. Also erließ der Direktor eine neue Regel: Jetzt drohte den Lehrern eine Strafe, wenn sie die Schüler nicht bestraften.
Marshall B. Rosenberg berichtete von seinem Dialog mit der Lehrergruppe: „Ich fragte ‚Was ist euer Ziel? Den Direktor dahin zu bringen, dass er diese Regel wieder ändert?‘ Ja, das wollten sie. Ich wendete daraufhin ein: ‚Oh, ich sehe, ihr wollt ein leichtes Ziel erreichen. Wenn sich diese Regel verändert, bleibt die Strafstruktur aber erhalten. Ist denn diese Regel das Einzige, was euch nicht gefällt?‘ ‚Nein, da gibt es ganz viele Dinge!‘ war die Antwort. ‚Warum wollt ihr dann nicht eine radikale Veränderung in der Struktur? Also dahingehend, dass Lehrer nicht mehr übergangen werden, wenn Regeln aufgestellt werden?‘ Die Lehrer reagierten verunsichert, denn sie waren in Schulen erzogen worden, in öffentlichen Schulen, in dominanten Gesellschaftsstrukturen. Und in solchen Schulen gibt es drei Regeln:
1. Die Schulen sind so gestaltet, dass die Schüler lernen, den Autoritäten zu gehorchen. Das ist sehr wichtig, denn die Schulen werden vom ökonomischen Sektor kontrolliert, und die Wirtschaft möchte gerne, dass Tausende Menschen so erzogen werden, dass sie nachher tun, was ihnen aufgetragen wird. Und nicht hinterfragen, ob das, was sie tun, überhaupt dem Leben dient.
2. Die Schulen bringen den Schülern bei, für das Ziel einer Belohnung zu arbeiten und nicht zu hinterfragen, welches der Wert der Arbeit an sich sei. Nach dem Motto: ‚Macht euch keine Gedanken darüber, ob das, was ihr tut, dem Leben dient. Macht euch keine Gedanken dar­über, ob eure Firma die Umwelt zerstört oder Menschen ausbeutet. Lernt für das Lächeln des Bosses zu arbeiten, dafür steigt ihr auf, bekommt ihr mehr Geld.‘ Und das fängt in der Schule an: Lasst sie für gute Noten arbeiten.
3. Das dritte Ziel von Schule zeigt sich daran, dass das bestehende Kastensystem der Gesellschaft auch hier gilt. Schule soll aber dennoch den Eindruck erwecken, als funktioniere sie auf demokratische Weise. Denn inzwischen haben die Menschen ein wenig Ahnung davon, was Demokratie eigentlich bedeutet, deshalb wird das Schulsystem jetzt so organisiert, dass es scheinbar von unten nach oben durchlässig ist, und man behauptet, jedes Kind, das hart genug arbeitet, könne hier erfolgreich aufsteigen. Aber tatsächlich sind es nach wie vor in der Regel die Kinder der reichen Leute, die gute Schulen besuchen und auch gute Jobs bekommen.
So hat es mich also nicht überrascht, dass die Lehrer, von denen ich gerade sprach, so verängstigt waren angesichts der Vorstellung, sie könnten selbst die Struktur ihrer Schule verändern. Sie blieben dabei, nur die Regel mit den Sonnenblumenkernen verändern zu wollen.
Wir können unser ganzes Leben lang eine Regel nach der anderen in solch einem dominanten Schulsystem verändern. Ich meinte damalso zu den Lehrern: ‚Seid euch bewusst – wenn ihr die Struktur des Systems nicht verändert, werdet ihr die ganze Zeit mit seinen Regeln beschäftigt sein.‘“
Ist die GFK, die Rosenberg anbietet, im Deutschland des Schulzwangs geeignet, einen Strukturwandel des gesamten Schulsystems fort von der autoritären und hin zur demokratischen, und das heißt zu einer mitverantwortlichen Struktur zu bewirken? In meinen Augen ist die GFK ein Ausdruck für den Paradigmenwechsel, der sich mittlerweile auf fast allen Gebieten unserer Kultur vollzieht: vom Machtpoker zur Kooperation. Sie ist eine Möglichkeit, sich von der eigenen Prägung zur Verantwortlichkeit „für die Anderen“ wegzubewegen, hin zur Verantwortlichkeit für sich selbst und die eigene Entscheidungskompetenz. Sie kann so Risikobereitschaft und damit auch Freiheit ermöglichen.
Nach dem Modell der drei Ebenen entscheidet jeder von uns, auf welcher der Ebenen er sein Potenzial der Einfühlung und des Handelns aus dem Herzen heraus einbringen will. ♠

Literatur: Marshall B. Rosenberg: Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation, Herder Verlag, 2004. DVD der Seminare in München 2002: www.auditorium-netzwerk.de

  Autoren


Bundesverband Natülich Lernen! e. V. (BVNL) (Caspar-Jürgens, Anke)

Partner
sge-button
© by Human Touch Medienproduktion GmbH, info@kurskontakte.de