Gemeinschaften und die Kultur des Schenkens.
Mit einem kleinen Fragenkatalog zum Heft-Thema „Schenkökonomie“ ist die eurotopia-Redaktion an verschiedene Gemeinschaften herangetreten: Welche Rolle spielt das Schenken in ihrem Leben ganz persönlich und im Alltag der Gemeinschaft? Hat das Schenken eine ökonomische Bedeutung für das Wirtschaften in der Gemeinschaft? Kann man von einer Kultur des Schenkens sprechen, und worin findet diese ihren Ausdruck? Wo entstehen damit zusammenhängende Probleme und Konflikte?
Drei Menschen aus zwei deutschen Gemeinschaften haben ihre Antworten und weiterführenden Gedanken für uns niedergeschrieben. So gibt zunächst die Psychologin, Schauspielerin und Sängerin Barbara Stützel einige Beispiele für eine gemeinschaftliche Ökonomie des Schenkens, wie sie in der ZEGG-Gemeinschaft (Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung) praktiziert wird, und widmet sich zudem der Frage, wie besondere Bedürfnisse in einer Gemeinschaft berücksichtigt werden können, ohne dass ein Gefühl von Ungerechtigkeit entsteht.
Barbara Stützel:
„Wir wollen gerne großzügig sein!“
„Wie du mir, so ich dir!“ – so lautet das uralte Prinzip, oder: Auge um Auge, Zahn um Zahn; wenn du mir nicht gibst, dann gebe ich dir auch nicht; alles muss gerecht sein, sonst werde ich übervorteilt.
Eine solche Haltung führt in Gemeinschaften in eine Sackgasse. Denn Gerechtigkeit hat viele Gesichter. Wenn wir das gleiche Prinzip für alle anwenden (gleiche Miete, gleicher Beitragssatz), ist es für manche schwerer, diese Gelder aufzubringen, als für andere. In unserer Gemeinschaft zeigte sich das bei den Eltern: Sie müssen mehr Geld erwirtschaften für ihre Kinder, haben aber weniger Zeit dazu. Bei unseren niedrigen Stundenlöhnen ist das ganz schön schwer. Deshalb haben wir den Beitragssatz für Kinder abgeschafft. Auch dies war für viele keine gerechte Sache, es gab Gegenstimmen. Letztlich haben wir den Konsens erreicht, indem die Befürworter freiwillig einen Zusatzbeitrag für die Kinder schenken und nur der fehlende Betrag durch die Gemeinschaftskasse ausgeglichen werden muss.
Gemeinschaft lebt durch Großzügigkeit. Bei uns ist die materielle Fülle (noch) nicht so vorhanden, dass wir allen Wünschen und Bedürfnissen nachkommen könnten. Und der Wunsch nach Gleichbehandlung führt schon mal dazu, dass man keine Präzedenzfälle schaffen möchte. Eine Mitbewohnerin z. B. ist in finanzieller Enge und möchte die Miete erlassen bekommen. Diskussionen hin und her, „wenn das jetzt jede machen würde“. Es gibt keinen Konsens. Irgendwann hat jemand die glorreiche Idee: „die Gemeinschaft“ erlässt dir nicht die Miete, aber „wir Menschen“ als deine Freunde sammeln für dich. Ein Hut geht rum, in kurzer Zeit ist mehr Geld drin, als die ausstehende Miete verlangt.
Oder die Zimmerfrage. Bei uns zahlt jeder einen gleichen Beitrag zum Platz und nicht nach Quadratmetern. Jetzt wünscht sich ein langjähriges Gemeinschaftsmitglied mehr Wohnraum, einen kleinen Bungalow ganz für sich allein. Wieder: es darf kein Präzedenzfall werden, so dass allgemein die Ansprüche steigen. Selbst wenn wir es diesem Menschen ermöglichen, soll das nicht heißen, dass der nächste denselben Anspruch hat. Trotzdem – wir wollen gerne großzügig sein. Wenn jemand bittet, schauen wir im Einzelfall, ob wir geben können. Aber – es gibt kein Recht auf Ungerechtigkeit. Aus Einzelfalllösungen sollen keine neuen Regeln entstehen.
Wenn die Gemeinschaft Geld braucht, veranstalten wir oft interne Fundraisings. Hier werden die verrücktesten Dinge angeboten, die einzelnen Menschen werden unglaublich kreativ: Susanne zum Beispiel bietet Ausritte auf den Pferden an, vierhändige Massagen sind im Angebot oder Eintrittskarten für eine besondere Party, Schweizer Racletteabend, Segelfliegen mit Eckhard, Modeberatung bei Maja … man kann sich seltene Wünsche erfüllen, bezahlt dafür, und das Geld kommt in die Gemeinschafts-Kasse. Jeder kann sich beteiligen mit Angeboten oder Wünschen. Wer mehr Geld hat, wird mehr Angebote kaufen oder, genauer gesagt, der Gemeinschaft schenken.
Dann gibt es noch für die Alltagsgeschenke den Verschenke-Tisch. Was ich nicht mehr brauche, lege ich hin. Jeder kann sich bedienen, und wenn es nach ein paar Tagen niemand will, nehme ich es wieder weg. Hier versorge ich mich häufig mit einer Grundausstattung an Kleidern, Büchern, Cremes etc.
Was brauche ich wirklich? Eine spannende Frage in Gemeinschaft. Und was schenke ich? Schenke ich wirklich, oder habe ich insgeheim den Anspruch auf Rückzahlung? Das ist der Unterschied zwischen Geschäft und Geschenk. Und hier ist die Schnittstelle der Ökonomie mit den sozialen Beziehungen und der Liebe. Nutze ich meine Beziehungen wie ein Austauschgeschäft? Wenn du mir meine Bedürfnisse befriedigst, dann befriedige ich deine. Oder schaffe ich es, auch hier aus der Kleinlichkeit auszusteigen und das Prinzip des Schenkens anzuwenden, dem anderen freien Herzens zu geben, ohne zu erwarten, genau so viel zurück zu bekommen?
Dies aber ist ein eigenes Thema – Stoff für einen weiteren Artikel, vielleicht demnächst.
Steffen Andreae:
„Schenken – das reicht nicht!“
Die beiden folgenden Autoren, Steffen Andreae und Uli Barth, sind Mitglieder der Kommune Niederkaufungen nahe Kassel. Seit 1986 leben hier rund 60 Erwachsene und 20 Kinder zusammen. Das Besondere an der Lebensweise dieser Kommune ist das Praktizieren einer gemeinsamen Ökonomie, das heißt, alle Einkommen und Vermögen fließen in eine gemeinsame Kasse, und jeder und jede kann sich das nehmen, was er oder sie zum Leben braucht. Ist nur so eine wahre Kultur des Schenkens möglich? Der Politikwissenschaftler und Philosoph Steffen Andreae glaubt, dass das Schenken lediglich als „Garnierung“ des unmenschlichen Kapitalismus dient und nicht imstande ist, als Modell für grundlegend andere Verhältnisse zu dienen.
In ihrem Artikel „Markt oder Mütterlichkeit“ [siehe S. 14] erhofft sich Genevieve Vaughan, dass durch die Einbeziehung des Schenkens in das herkömmliche Wirtschaftskonzept dessen Grundfesten gesprengt werden. Da haben wir es wieder! Wir ändern nichts an den Grundfesten, ergänzen das Bestehende mit einem altvertrauten und bekannten System wie dem Schenken und denken dann, es würde sich alles ändern. Dabei erlebe ich doch tagtäglich ganz konkret in einem System der gemeinsamen Ökonomie, wie wir es in der Kommune praktizieren, dass ich – auf jeden Fall mal in meinem Alltag, in meiner Wirklichkeit – die Grundfesten nicht nur erschüttern kann, sondern vieles auf ein neues Fundament zu stellen in der Lage bin. Braucht es in einer gemeinsamen Ökonomie dann noch das Schenken?
Ich sitze gerade an meinem Schreibtisch und schreibe diesen Text. Heute Abend bekomme ich dennoch etwas zu essen. Jemand schenkt mir seine Arbeitszeit, jetzt in diesem Moment. Wer? Ich weiß es nicht. Eine oder einer von 56 anderen. Nach dem Abendessen werde ich noch ein wenig Elektrokabel verlegen, und jemand anders legt sich auf die faule Haut. Dieser Person schenke ich meine Zeit. Allen anderen schenke ich meine Zeit, mein Geld, mein Erbe, mein Erspartes. Und mir wird Raum und Zeit geschenkt.
Dieses System der gemeinsamen Ökonomie hilft mir, aktiv auszusteigen aus der Bewertung anderer über das Medium Geld. Ich versuche, im Blick zu haben, dass wir gemeinsam genügend haben und von dem, was wir haben, sogar noch was verschenken können. Zusammen planen wir unsere Ausgaben, Baumaßnahmen etc. Was ein Einzelner ausgibt, was eine Einzelne verdient, ist zwar transparent, aber es zieht meine Neugier nur selten an. Und wenn es eng wird, dann schnallen wir gemeinsam den Gürtel enger. Ich persönlich habe auch davor keine Angst. Wir kriegen das schon hin, und vermutlich wird sich auch bei uns noch einiges ändern.
Ich habe kein Konto und keine Kreditkarte, und wenn ich in die Kneipe gehe, hab ich was Bares in der Tasche. Und wenn jemand anders aus der Kommune dabei ist, dann zahlen wir gemeinsam. Manchmal treffe ich Menschen aus anderen Gemeinschaften, jeder zahlt dann für sich. Mittlerweile finde ich auch das seltsam.
Die „Finanzkrise“ zeigt erneut und dringlich, dass wir einen fundamentalen Wandel benötigen. Ich weiß nicht, wie er aussieht. So vieles von dem, was noch vor wenigen Tagen sicher schien, scheint zu zerbersten an der Gier und an einem System, das gewillt und in der Lage ist, jedes und alles in Wert zu setzen, zu vermarkten, zu verhökern. Auch das Schenken. Dass Solidarität untereinander geopfert wird, wen wundert das, der Altar ist groß genug.
Passen wir auf, dass wir uns nicht einlullen lassen von einem Gedanken, der sich weich und sanft anfühlt. Wir garnieren die freie Marktwirtschaft mit einer Kultur des Schenkens und schwuppdiwupp: Alles in Butter! Aber Petersilie macht aus einem verkorksten Rührei eben kein veganes Vollwertessen. Nein. Es tut mir leid. So geht es nicht. Das reicht nicht. Das Schenken aus dem Überfluss heraus ist natürlich leicht. Manchmal ist es für den Beschenkten sogar schwerer als für die schenkende Person.
Was wird nun sein, wenn ein Gebilde, das auf gemeinsamer Ökonomie basiert, in den Mangel rutscht? Ich bin gespannt. Werden wir beginnen, doch wieder gegeneinander aufzurechnen? Sicher ist, dass wir nicht sicher sein können, was genau passiert. Aber die Basis, auf der die Kommune Niederkaufungen steht, ist stabiler als manch anderes Konstrukt. Wir werden uns schon gegenseitig an die Nasen fassen, wenn doch wieder gegeneinander gerechnet wird.
Ein durch das System des Schenkens bereichertes individualistisches Finanz- und Wirtschaftskonzept hat im Schuppen der Nöte sicherlich noch einen kleinen Altar, auf dem so manches geopfert werden kann. Wieso kann jemand annehmen, dass der Altruismus nicht zuerst verbrannt wird? Das nicht zu tun, müssen wir erst lernen. Das ist ein langer Weg. Es gibt viele Gemeinschaften und nur wenige mit gemeinsamer Ökonomie. Trotz vieler Diskussionen gelingt es manchen, die Partner und die Partnerinnen zu tauschen, ohne Not und ohne Neid zu empfinden, aber beim gemeinsamen Geld, da hört der Spaß dennoch auf. Machen wir uns nichts vor: Es ist kein leichter Weg. Er ist lohnend. Keine Frage. Er ist eine politische Antwort auf die derzeitigen Entwicklungen.
Aber gut, genug der Kritik. Üben wir uns im Schenken. Ob es nun ein mütterliches Prinzip ist oder nicht, das ist mir egal. Doch machen wir uns nichts vor: Der Kapitalismus schmeckt vielleicht besser, wenn man ihn anders würzt. Aber dadurch ändert er sich nicht. Wir stehen nur dann vor einem Systemwechsel, wenn wir bereit sind, ihn zu vollziehen. Niemand wird ihn uns schenken. Wir müssen ihn machen, müssen Wege beschreiten, müssen Veränderungen zulassen und herbeiführen.
Uli Barth:
„Ergibt das Schenken innerhalb einer gemeinsamen Ökonomie einen Sinn?“
Ist Voraussetzung des Schenkens nicht gerade die getrennte Ökonomie? Ich kenne aber Menschen in der gemeinsamen Ökonomie, die sich nichts leisten, die geizig sind. Könnte ich denen nicht doch eine Freude machen mit einem Geschenk? Oder unterstütze ich damit den Geiz, statt ihn zu überwinden? Wie kann mensch zu einem „echten“ Schenken kommen, ohne den Zwang zu Gegengeschenken? Wieviel Verpflichtung ist mit Schenken verbunden, nicht nur in Bezug auf Gegengeschenke, sondern auch darauf, sich über das Geschenkte zu freuen, obwohl es nicht gefällt – muss ich das hässliche Bild aufhängen, nur weil es mir geschenkt wurde?
Schenken in einer Welt des Überflusses ist nicht nur schwer, oft auch unsinnig. Vielleicht macht es Sinn, in einer materiellen Überfluss-Gesellschaft das Schenken zu entmaterialisieren, z. B. sich Zeit für andere zu nehmen, sie zu unterstützen, gemeinsam etwas Schönes tun. ♠
Barbara Stützel, 42 Jahre, Dipl.-Psychologin, Schauspielerin und Sängerin, lebt seit 2001 in der ZEGG Gemeinschaft. Mit Konzerten, Theateraufführungen, Kulturfestivals und Workshops will sie dazu beitragen, dass individueller Wandel mit gesellschaftlichem einhergeht.
Infos: www.saltovitale.eu, www.zegg.de
Steffen Andrae, 42, Studium der Politikwissenschaft und Philosophie, arbeitet in der Verwaltung der Kommune Niederkaufungen, gelegentlich auf Baustellen und als Busfahrer, Aufbau und Vernetzung sozialer und ökologischer Projekte.
Uli Barth, Gründungsmitglied der Kommune Niederkaufungen, Mitarbeiter des Beratungsteams KOMM-Rat, hält die persönliche Entwicklung für wichtig, will aber mehr politisches Engagement im Sinn einer direkten Einflussnahme auf die Gesellschaft.
www.kommune-niederkaufungen.de
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