Ita Gabert auf Visionsreise durch Brasilien.
Ita Gabert zieht es vom Ökodorf Sieben Linden nach Brasilien. Dort aufgewachsen, hatte sie schon als Jugendliche Kontakt zum Entwicklungshilfeprojekt Monte Azul in den Armenvierteln von Sao Paulo. Die Vision eines Projekts für Straßenkinder ließ sie nicht mehr los. Nun berichtet sie von ihrem Weg.
Im November 2006 hatte ich in einer Meditation eine so starke Vision, dass ich mir wie im Kino vorkam: Ich laufe im Süden von Minas Gerais (südwestlicher Staat von Brasilien) durch die Berge und will Straßenkinder aufnehmen. Erst kommen zwei Kinder, dann drei, dann fünf, bis wir schließlich eine Gruppe von 100 bis 150 sind. Meine Aufgabe ist es, diese Kinder vor Übergriffen zu schützen. Ich zermartere mir den Kopf, wie ich es anstellen soll, so vielen zu helfen. Da habe ich die Idee eines Friedensmarsches der Kinder. Von den Medien begleitet und der Bevölkerung unterstützt, wandern wir zwei bis drei Monate durch das Land, bis wir einen Mann treffen, der uns ein großes Stück Land schenkt, damit wir dort ein Ökodorf aufbauen können.
Diese Vision hatte für mich so viel Kraft, dass ich von da an das Gefühl hatte, dass ich mir gar nicht aussuchen kann, ob ich so etwas mache, sondern nur noch, ob ich mich gut darauf vorbereite oder nicht. Ein Jahr nach dieser Vision machte ich mich für zwei Monate auf den Weg nach Brasilien. Zuerst wollte ich nach Norden von Minas Gerais zu einer Fazenda mit Straßenjungs, von der ich durch das Fernsehen erfahren hatte. Außerdem wusste ich von einer Gruppe in Rio, die gerade ein Ökodorf im Süden von Minas Gerais aufbauen will.
Die Fazenda der Straßenjungs
In Rio angekommen, nahm ich noch am gleichen Tag einen Bus, um 850 km nördlich in die Nähe von Governador Valadares zu fahren zu der Fazenda von Signor Quinquas und seiner Donna Therezinha. Innerlich war ich darauf vorbereitet, nicht alles so toll vorzufinden, wie ich es im Fernsehen gesehen hatte. Zu meiner Freude stellte ich sehr schnell fest, dass ich von der Realität noch mehr berührt wurde als von dem Film. Diese zwei alten Menschen beeindruckten mich sehr mit ihrer schlichten, tief menschlichen Art. Sr. Quinquas hatte aus seiner ersten Ehe acht Kinder. Als hilfsbedürftige Jungen auftauchten, nahm er diese auch noch auf, denn wo acht Kinder satt werden, werden es nach seiner Meinung auch neun, zehn, elf oder noch mehr. Ohne es jemals vorgehabt zu haben, erweiterte sich die Geschichte, so dass er zeitweilig bis zu 35 Kindern einen Platz auf seinem Hof bot. Im Laufe der letzten 40 bis 50 Jahre sind über 100 Kinder auf seinem Hof aufgewachsen – die genaue Zahl weiß er selber nicht, weil er sie nie gezählt hat. Viele haben in der Umgebung Arbeit gefunden, und viele sind heute Mitarbeiter seines landwirtschaftlichen Betriebs mit über 50 Angestellten.
Sr. Quinquas ist heute mit seinen 84 Jahren ein alter Mann. Er leidet an Parkinson, und trotzdem leitet er noch seinen großen Hof: Er will die Arbeit mit den Kindern auslaufen lassen, weiß aber auch, dass er nicht den Mut haben wird, auch nur ein Kind wegzuschicken, wenn es vor seiner Türe steht.
Sie fragen mich, eher indirekt, ob ich die Arbeit mit den Pferden übernehmen will. Die Vorstellung, die stark abgeholzten 3000 Hektar Land wieder aufzuforsten, die Rinderhaltung sehr stark zu reduzieren und dafür Obst anzubauen und den Straßenkindern auch noch andere Dinge beizubringen, wie künstlerische Tätigkeiten und Reiten, gefällt mir. Denn schon als Kind wollte ich „in die Wüste gehen und Bäume pflanzen“. Doch im nächsten Moment kamen mir Zweifel. Würde ich überhaupt die Fähigkeiten haben, solchen Kindern ein Heim zu bieten? Brauchen die Jungs nicht solch eine starke Autorität wie Sr. Qinquas, ein absoluter Patriarch, bei dessen Strenge aber immer sein großes Herz spürbar bleibt?
Nach mehreren Zwischenstationen lande ich ganz im Süden, in Riogrande do Sul. Dort lebt eine Gruppe von zehn Menschen, die begonnen haben, ein Ökodorf aufzubauen.
Schnapsfässer und Jurten
Als erste Wohnmöglichkeit haben sie sich ein 100 000-Liter-Schnapsfass als Behausung aufgestellt, mit Fenstern und Gründach, urig und gemütlich. Dort haben wir mit den ersten vier Menschen, die da schon fest wohnen, Weihnachten gefeiert. Mein erstes Weihnachten mit einer Hanfpflanze als Christbaum. Schön geschmückt mit Blumen und Kerzen, sah er richtig stimmungsvoll aus. Dann reisten etwa 35 Menschen an, um in einem Workshop zu lernen, wie man ganz schlicht aus Bambus und alter LKW-Plane eine Jurte bauen kann (siehe Foto). Es wurde eine wunderschöne Zeit. In der Silvesternacht stiegen wir auf einen Hügel, um am Rand einer beeindruckend schönen, grün bewachsenen Canyon-Kette das neue Jahr und die Zukunft der Ökodörfer zu begrüßen.
Nun ging es wieder Richtung Norden in den Staat Santa Catarina zu einer Gruppe von Menschen, die eine Vereinigung mit Namen PAHL (Plano de Ação dos Humanos Livres = Aktionsplan der freien Menschen) gründen will. Über PAHL wollen sie die brasilianische Regierung motivieren, die vielen ökologisch und sozial orientierten Organisationen und Initiativen zu unterstützen. In Zusammenarbeit mit einer jungen Gruppe von Kleinlandwirten, die gerade auf Bioanbau umstellen, haben sie immerhin die Idee, die kleine Stadt S. Bonifácio in ein Ökodorf/Ökostädtchen umzuwandeln. Da vor allem die Initiatorin eine sehr umtriebige Frau ist, hat sie durch Kontakte erreicht, dass Menschen von zwei weiteren kleinen Städten sich dieser Idee anschließen und ihre Orte ebenfalls zu Ökostädtchen umgestalten wollen. Diese Orte sollen als Versuchs- und Modellregion dienen, um die Regierung zur Unterstützung ähnlicher Projekte zu bewegen. Immerhin hat die Initiatorin erreicht, dass sie am 11. Februar dieses Jahres ein Gespräch mit Präsident Lula hatte, um ihm die Ideen des PAHL vorzustellen.
Ein paar Stationen später kam ich in das alteingesessene Permakultur-Zentrum IPEC in der Nähe von Brasília. Als erstes fielen mir die organischen Bauformen der Gebäude auf. Ich empfand es als ungemein wohltuend, an geschwungenen Lehmwänden entlang zu gehen, ganz verschiedene Experimentalbauten zu erleben, die hier im Lauf von 25 Jahren entstanden sind. Alle sind sehr liebevoll und ansprechend gestaltet, meist mit Mosaiken aus Fliesen. Aber auch sonst ist das Gelände voll mit Ideen und überraschenden Details. Es gibt diverse Feuchtbiotope, eine Wippe, mit der die Kinder im Spiel Wasser für einen Springbrunnen hochpumpen, eine Höhle, in der das Leben der unterirdischen Tiere nachgestaltet wurde, etc. Innerhalb des IPEC hat sich auch eine Gruppe gebildet, die ein Ökodorf aufbauen will.
Wie geht es weiter mit den Pilzen?
Angefüllt mit diesen und noch mehr Erlebnissen ging es wieder zurück nach Europa, nach Sieben Linden.
Es war ein sehr schönes, herzliches Ankommen in meiner Gemeinschaft, begleitet von warmen, heimatlichen Gefühlen, und doch könnte es gut sein, dass ich für länger oder immer nach Brasilien ziehe. Es gibt da so viel zu tun, und mir reicht es nicht mehr so recht, unser schönes Ökodorf immer noch schöner zu machen. Meine Reise hat mir gezeigt: Überall sind Projekte im Entstehen, sie schießen geradezu wie Pilze aus dem Boden. Wir sollten diese Projekte unterstützen, indem wir unser Wissen und unsere Erfahrung weitergeben. Damit können wir einen Beitrag leisten, dass nicht alle diese Projekte genau wie Pilze wieder verschwinden. Wie schön wäre es, wenn diese Projekte ihre eigenen Fehler machen könnten und nicht unsere wiederholen müssten.
Jetzt ist seit meiner Rückkehr wieder einige Zeit vergangen, und so viel ist hier schon wieder geschehen. Ich habe an zahlreichen Konferenzen, Seminaren und Diskussionsrunden in Sieben Linden teilgenommen. Für mich fühlt es sich an wie eine Vorbereitung auf meine weitergehenden sozialen und ökologischen Aufgaben. Ich bin Menschen begegnet wie der Tiefenökologin Joanna Macy, die mir geholfen hat, ganz anders auf die Welt zu sehen. Statt mich innerlich durch die bedrohliche Weltsituation bremsen zu lassen und meine Kraft durch die Verdrängung angstvoller Gefühle zu verlieren, habe ich mich von ihr anstecken lassen. Ich sehe es als ein ungeheures Privileg an, ausgerechnet jetzt auf der Erde zu leben. In der ganzen Menschheitsgeschichte gab es wohl selten eine so spannende Zeit, noch nie kam es so sehr darauf an, wie wir als Menschheit handeln. Und ich kann meinen Beitrag dazu leisten. Wir wissen nicht, ob es gut ausgeht oder nicht, und auch genau dafür können wir dankbar sein, weil es uns wach macht. Wüssten wir es, so oder so, dann würden wir wohl nur träge abwarten und diese besondere Situation nicht zur eigenen Weiterentwicklung nutzen.
Da meine Tochter zur Zeit partout nicht mit nach Brasilien will, will ich zunächst einmal meinen Freunden von Monte Azul von hier aus helfen. Sie haben sehr gute Ideen, wollen eine Art Berufsschule für Jugendliche in den Slums aufbauen, eine Waldorfschule und vieles andere. Ich kümmere mich um die Übersetzung ihres Buchs, in dem sie ihr Projekt beschreiben und analysieren, um andere zu ähnlichen Projekten zu ermutigen. So kann ich jetzt schon einiges bewirken und mich weiter auf „mein“ Projekt vorbereiten. ♠
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